Die Krankheit

von
 
 

Karl-Heinz Thier

 

© 1997 by Karl-Heinz Thier, Zimmerpforte 8, 20099 Hamburg

Einführung

Das Zusammenleben der Menschen funktioniert immer weniger. So läßt sich die Geschichte der Individuen und der Gesellschaft in der abendländischen Kultur kurz zusammenfassen. Also empfiehlt sich denen, die hier leben (und nicht sterben) wollen, abzuhauen oder sich das genau anzusehen, damit sie nicht mit hineingezogen werden. Sie werden dann entdecken: es gibt nicht nur ein Leben vor dem Tod, es gibt auch ein Leben außerhalb des Kapitalismus.

Biologisch gesehen ist der Mensch eine Frühgeburt. Die Menschen waren sich dieses Defekts von Anfang an bewußt; sie wußten, daß sie schwächer sind als andere Tiere, und wollten sich deshalb nicht über sie stellen.

Als der Lebensraum scheinbar zu eng wurde, gerieten einige in Panik und entwickelten Ängste. Sie kompensierten diese durch die Einbildung, sie stünden über der Natur, mußten allerdings täglich erfahren, daß dem nicht so ist. Durch diese zwei Identitäten in ihrer Brust wurden sie krank. Sie führten Krieg gegen die, die noch gesund waren und nicht über der Natur stehen wollten. Sie führten Krieg gegen andere Völker, sie führten Krieg gegen sich selbst; aber sie waren sich dessen nicht bewußt, weil sie krank waren. Dieser Krieg spielt sich bis heute in fast jeder abendländischen Gesellschaft und fast jedem Abendländer und fast jeder Abendländerin ab, ohne daß sie es merken. Zuerst war es ein Krieg gegen Frauen, dann gegen ArbeitnehmerInnen und schließlich gegen die Natur.

Eine weitere Verkrampfung entstand durch die klimatischen Unterschiede gegenüber Zentralafrika, woher die Menschen stammen. Nördlich davon brauchten die Menschen Kleidung, weil es kälter war, und mußten die Menschen sich mehr um ihre Nahrung mühen. So wurde es zur Sensation, jemand nackt zu sehen, und die Mühe um die Nahrung wurde eine Notwendigkeit. Auf diese Weise wurde in der abendländischen Kultur dem Sexuellen und der Arbeit übertrieben viel Bedeutung beigemessen.

Die Bewegung gegen die Krankheit kommt erst langsam voran, weil sie sich ihrer selbst noch nicht bewußt ist, d.h., in ihr machen noch Menschen mit, die selbst krank sind, und in ihr gelten noch Ziele, die der Krankheit entstammen, wie z.B.: Menschsein heißt arbeiten, lieben, konsumieren, reich werden, größer, schneller, weiter. Aber die Bewegung gegen die Krankheit kommt voran. Die abendländische Menschheit wurde darüber aufgeklärt, daß es keinen Gott gibt, daß sie nicht die Krone der Schöpfung ist, daß, wenn sie sich gefesselt fühlt, sie sich diese Fesseln selbst angelegt hat. Sie wurde darüber aufgeklärt, daß alle Menschen gleich sind, auch wenn sie verschieden sind. Mit der Idee, Mitmenschen als Subjekte zu behandeln, wurde ihr ein Instrumentarium an die Hand gegeben, die Logik des Kapitalismus zu brechen.

Ein Rückschlag ergab sich allerdings dadurch, daß sich zunächst fast nur gebrochene Menschen wehrten. Kranke können jedoch nicht Kranke heilen. Erst allmählich gewinnen die Gesunden und Geheilten in der Bewegung die Oberhand. Eine relative Gleichheit in den gesellschaftlichen Operationen, eine relative Freiheit in der gesellschaftlichen Kommunikation, eine relative materielle Grundsicherung im Denken und Handeln sind erreicht. Aber bis zu einer Demokratie ist es noch ein weiter Weg.

In grauer Vorzeit, als noch jeder Mensch das gleiche Recht auf Leben hatte, kam in bestimmten Regionen eine Angst über manche Menschen: Der Lebensraum könnte nicht reichen, die Lebensmittel könnten nicht reichen. Sie fühlten sich bedrängt von anderen Menschen.

Ob die Angst begründet war oder nicht, spielt für die Konsequenzen keine Rolle: Sie fühlten sich verunsichert und sahen in jedem, der anders lebte als sie, einen Feind. Sie versuchten, ihre Situation durch eine Fiktion, eine Ideologie zu erklären: Es gebe Über- und Untermenschen. Die Erde gehöre nicht allen Menschen. - Die Menschen segregierten sich, stabilisierten sich durch die Herrschaft des einen über den andern. Die Herrschenden sicherten sich mit zwei Prinzipien: 1. Die Beherrschten verarschen. 2. Die Gesetze, die für die Beherrschten gelten, gelten noch lange nicht für die Herrschenden. - Von dieser Ideologie und von diesen Prinzipien lebt der Kapitalismus.

Die verunsicherten Menschen stabilisierten sich aber auch durch die Erforschung der Ursachen ihrer Unsicherheit, also durch Aufklärung, und durch die Erforschung der Wege, wie man/frau aus begrenztem Lebensraum mehr Lebensmittel herausholen kann, also durch Naturwissenschaft. Solche Menschen verstanden sich als die Progressiven im Gegensatz zu den Repressiven. Darüber darf aber nicht vergessen werden, daß die Verunsicherten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, sagen wir: bis zur Entdeckung Amerikas, nur einen kleinen Teil der Menschheit ausmachten.

Bis heute ist die Angst immer größer geworden, die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit immer größer geworden. Die Forschungen der Progressiven konnten also wohl das Problem nicht lösen. Gleichwohl machten sie zwei wichtige Entdeckungen: 1. Technologie und Logistik ist vorhanden, um alle Menschen zu ernähren. 2. Die Angst ist also unbegründet; wir müssen Fiktionen abbauen. - Zuvörderst die Fiktion, Menschen seien nicht gleichberechtigt. Verstehen wir unsere Mitmenschen als PartnerInnen und nicht hierarchisch verschieden, haben wir Vertrauen zu unseren Mitmenschen, dann müssen wir nicht mehr alles selbst machen wollen aus Angst, wir könnten von unseren Mitmenschen abhängig werden. Dann könnten wir die Russen Stahl produzieren lassen, die Japaner Computer und die Araber PVC, weil die es billiger machen können, und im Teilen dieser Naturalien den Handel ausschließen. Der globale Handel, von dem der Kapitalismus u.a. lebt, wird dadurch weitgehend ausgeschlossen. Gewinnt also das Vertrauen der Menschen untereinander wieder die Oberhand, ist der Kapitalismus am Ende. Vertrauen kann man/frau aber nicht anordnen. Fehlendes Grundvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und in das Wohlwollen der Mitmenschen, existentielle Unsicherheit ist eine Krankheit, die als solche erkannt werden muß und dann geheilt werden kann. Die Erneuerung kann also nicht von verunsicherten, entwurzelten Menschen ausgehen, seien sie nun repressiv oder progressiv. Die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit kann nur von Menschen gebannt werden, die noch nicht verunsichert sind. Deren Anteil ist zugegebenermaßen immer kleiner geworden. Aber hinzugerechnet werden müssen auch die, die sich erfolgreich therapiert haben. Die Lösung des Problems ist außerdem nicht eine Frage der Qunatität, sondern der Qualität, weil, einmal die Schuppen von den Augen genommen, die Gesundung sich so rasend ausbreitet, wie sich vorher die Epidemie ausgebreitet hat. Diese Gesundung nennen wir, im Gegensatz zur Krankheit (Kapitalismus), Sozialismus. Wir brechen also mit der Tradition, die Progressiven als Vertreter der sozialistischen Bewegung zu sehen. Denn die förderlichen Ideen kamen von Menschen, soweit sie gesund waren, wurden dann allerdings von ihnen und von anderen, soweit sie krank waren, verabsolutiert und verfälscht. Die sozialistische Betrachtungsweise ist offen, gelassen, differenzierend, von einem akuten Bedürfnis eines Subjekts unabhängig, weil es das existentielle Urvertrauen nicht verloren und damit die Antworten auf seine Fragen unterbewußt schon in sich trägt. Gesund ist, wer in sich spürt Identität, Würde, soziales Lebewesen, Demokratie.

Die so verschieden aussehen und leben, sind auf so engem Raum zusammengepfercht. Das ist aber kein Grund zur Aufregung. Die Erregung hat sie Instrumente schaffen lassen, mit denen sie sich auf engem Raum ernähren können: Industriegesellschaft und Demokratie.

Beides ist noch nicht zur Anwendung gekommen, weil sie sich noch nicht beruhigt haben. Noch lassen sie nicht die Roboter das wenige machen, was sie brauchen; noch sehen sie im Andersartigen den Feind und nicht den Freund, der ihre Fähigkeiten ergänzt. Erst wenn sie nicht mehr sein wollen als Lebewesen, kehrt die nötige Ruhe ein.

Das Existenzminimum hat sich nominal erhöht; aber nach wie vor gilt Ricardos ehernes Lohngesetz. Z.B. hat sich der Anteil der Armen (25 %) in Großbritannien seit seiner imperialen Blütezeit nicht verändert. Schlimmer noch: Wo eine unnötig große Reservearmee von Arbeitskräften da ist (im Zentrum und in der Peripherie), grenzt man einen Teil aus (Joschka Fischer: Es reicht nicht für alle), d.h., man überläßt sie Drogen oder läßt sie gleich sterben.

Das Existenzminimum ist heute nominal höher, weil die Arbeitskräfte größere Entfernungen zu ihrem Arbeitsplatz überwinden müssen, die Wirtschaft ohne die Nachfrage nach immer höherwertigen Gütern (Videorecorder, Spülmaschine, Auto ...) zusammenbrechen würde und die verlangte höhere Qualifikation und Flexibilität der Arbeitskraft teurer ist.

Die Konsequenzen des Existenzminimums als Regelfall sind geblieben: keine Muße, keine Zeit, über sich selbst nachzudenken, keine Zeit, ProletarierIn zu werden. Muße wird den abhängig Beschäftigten im Kapitalismus nicht geschenkt; sie müssen sie sich schon selbst nehmen. Und zwar individuell, weil Nachdenken immer nur eine individuelle Leistung sein kann, um sich anschließend in freier Assoziation freier Individuen zu vereinigen. Abhängig Beschäftigte nehmen sich die Muße, indem jedeR für sich die Antwort auf die Frage konkretisiert: Was brauche ich wirklich? Wasser und Brot, ein Dach über dem Kopf und Menschen meines Vertrauens um mich herum.

Brot und Wasser braucht der Mensch, ein Dach über dem Kopf und Freunde um sich. Was nützt ihm aber ein Haus, wenn er von Feinden umgeben ist oder sich einbildet, von Feinden umgeben zu sein? Was nützen ihm Wasser und Brot, wenn sie vergiftet sind oder er sich einbildet, daß sie vergiftet sind? Er wird sich dann eine Festung bauen: seine Sicherheit erfühlend (Kunst), erforschend (Wissenschaft), erhandelnd (Kapitalismus). Das sind aber alles nur Luftschlösser, Einbildungen, wenn sie als Ziele und nicht als (Muße verschaffende) Mittel zum Ziel verwendet werden, zurückzukehren zu dem, was ist: Der Mensch ist ein Tier. Er braucht nicht mehr als Brot und Wasser, ein Dach über dem Kopf und Freunde um sich. Aber das braucht er. Sonst wird er krank und bildet sich ein, nichts zu essen und zu trinken zu haben und ungeschützt Feinden ausgeliefert zu sein.

Die meisten Menschen in dieser Gesellschaft sind krank. Welche Gesellschaft ist gemeint? Diese, sagen wir abendländische, Gesellschaft reicht so weit, wie eingeborene Kulturen durch die abendländische Kultur überlagert werden. Beispiele: Wo heute in Afrika Schwarze mit den Perücken britischer Richter Recht sprechen. Wo heute im Gegensatz zu früher in Afrika jährlich 1 Million Menschen infolge von Rauchen an Krebs sterben. Weitere Symptome und Ursachen dieser Krankheit, genannt abendländische Kultur, sind in den folgenden Kapiteln dargelegt.

Damit soll nicht gesagt werden, daß die abendländische Kultur von Anfang an eine Krankheit ist. In der Entwicklung über das grundsätzlich widernatürliche, d.h. sich selbst zerstörende, Patriarchat des Alten Testaments ("Auge um Auge, Zahn um Zahn") hinaus ist sie ein wichtiger Schritt zusr Selbsterhaltung einer Gesellschaft: "Tragt eure Konflikte rational aus. Alle Menschen haben ein Recht auf Leben." Aber der Schritt reichte nicht aus. Es fehlte die Erkenntnis: "Ihr braucht nicht so viel. Alle Menschen sind gleich."

Die Krankheit besteht darin, daß die herrschenden Menschen nicht anerkennen können, daß sie Tiere sind. Nicht lassen können von Raum und Zeit und Eigentum.

Ein gesundes Lebewesen fühlt sich nicht besser oder schlechter als der Stein neben ihm, erhebt sich nicht über ihn oder unterwirft sich ihm nicht. Ein gesundes Lebewesen kann sich zufrieden geben mit dem, was es im Augenblick fühlt; es hängt weder der Vergangenheit nach, noch hat es Hoffnungen auf die oder Ängste vor der Zukunft. Es kann voll ausatmen.

Der Mensch ist ein soziales Lebewesen. Wird die Gesellschaft, in der er lebt, atomisiert, reagiert er gereizt, von außen bestimmbar, fremdbestimmt, drogensüchtig. Er holt sich die Kollektivität wieder künstlich zurück durch Konsum (und Produktion) und künstliche oder erzwungene Gemeinschaften. Es gibt aber noch einen anderen Weg zurück zum sozialen Lebewesen: den Sozialismus: freiwillig, nüchtern, eigenständige Erkenntnis.

Die vier Perspektiven

Furchtbar sind die Erkenntnisse, die noch auf die Menschen in der abendländischen Kultur warten.

Furchtbar wird ihre Geschichte sein, wenn sie sich den Erkenntnissen verschließen.

Gar nicht so furchtbar sind diese Erkenntnisse für den Rest der Menschheit: Das war uns unterbewußt immer schon klar.

Klar waren diese Erkenntnisse für die Hasen auf dem Feld schon immer: Jetzt kommen die Menschen auch endlich drauf.

Ab ...

AbendländerInnen, die anderen Kulturen haben auch insofern etwas zu sagen, als die Menschen nicht die Krone der Schöpfung sind. Aber es geht nicht darum, andere Kulturen nachzuahmen, sondern den Widerspruch zwischen euch und ihnen dialektisch aufzuheben. Aber nicht durch die Verkündung einer neuen Weisheit, sondern durch öffentliche Diskussion des Widerspruchs. Dazu soll dieses Buch einen Anstoß geben.
 
 

Der kranke Mensch
Diagnose: Kapitalismus

Das Gefälle

Aus dem Gleichgewicht

Zu berichten ist von einem sozialen Lebewesen, das permanent entgegen seinen sinnlichen Bedürfnissen handelt: sich nicht hinlegt, wenn es müde ist, sich wecken läßt, wenn es noch nicht ausgeschlafen hat, sich vertreiben läßt von Haus und Hof, denaturiertes Futter frißt, seine Exkremente zurückhält, seinen sexuellen Drang unterdrückt, sich vereinzeln läßt ...

Das macht krank. Solche kranken Wesen rotten sich zu einer Gesellschaft zusammen, die durch Arbeit charakterisiert ist. Arbeit ist ihrer Natur nach Gewalt - gegen Körper und Seele. Arbeit heißt Magengeschwüre und Unfälle, Streitereien und Schlägerein, Nervenzusammenbrüche und Mobbing. Arbeit heißt vor allem (oder unter allem) tägliche Demütigung. Den Tag zu überleben ist schon Triumph genug für die große Zahl der körperlich und seelisch Verletzten.

Sie sind so krank, daß sie diese Charakterisierung abstreiten und ein Recht auf Arbeit als höchste Erfüllung ihres Lebens fordern.

Zu berichten ist von Menschen im abendländischen Kulturkreis.

Wenn wir davon ausgehen, daß der Mensch, biologisch gesehen, eine Frühgeburt ist, dann muß er auch nach der tatsächlichen Geburt noch ausgetragen werden. d.h., er braucht Nestwärme. Wird er zu früh hinausgeworfen oder zu spät losgelassen, wird er (psychisch) gestört. Solche psychischen Störungen oder Neurosen oder Untertanenmentalität bestimmt, wenn zu früh, seinen Individual- bzw., wenn zu spät, seinen Sozialcharakter. Der (psychisch) gesunde Mensch liegt auf dem schmalen Grat dazwischen. Er erfuhr, sagen wir, die ersten drei Jahre Nestwärme und durfte danach alle seine Fähigkeiten inmitten seiner Mitmenschen testen und entwickeln. Hat er die erste Phase nicht durchlaufen, kann er auch die zweite nicht durchlaufen. Diese Balance und diese Abfolge drohen aus dem Gleichgewicht zu geraten, wo eine Gebärende nicht mehr voll und ganz über sich bestimmen kann: in einer Männergesellschaft.

Die zu spät Losgelassenen wollen dazugehören, dürfen aber nicht. Weil sie in ihrer Adoleszenz etwas gegen die sexuelle und moralische Repression ihrer Klasse rebellierten. Beispiele dafür sind Norman Mailer und die ganze 68er-Bewegung. Sie sehen sich gerne als die Verfolgten und Geschundenen, als Märtyrer eines kapitalistischen Systems. Gewalt fasziniert sie.

Die zu früh Losgelassenen wollen nicht dazugehören, sie ertragen es aber auch nicht, wenn jemand anders ist als sie selbst. Beispiele dafür sind Ulrike Meinhof und die ganze anarchistische Bewegung. Sie sehen sich als Rächer der Enterbten. Sie wenden Gewalt gegen das kapitalistische System an, ohne das neue in sich zu spüren, ohne das neue schon aufgebaut zu haben.

In bestimmten Perioden bezeichnen sich beide Typen als SozialistInnen. Sie sind es aber nicht, weil sie Sozialismus nur als Anti-Haltung definieren können. Sie entstammen in der Regel dem Bürgertum, nicht den unterdrückten Gesellschaftsschichten. Ihre Anti-Haltung kommt aus einer individuellen psychischen Störung im Laufe ihrer Sozialisation in das Bürgertum. Nicht als individuell Gesunde spüren sie das Leiden der Menschheit, sondern als individuell Kranke meinen sie, sich mit einer leidenden Klasse zusammentun zu müssen. Sie haben Arbeit nicht als Gewalt gegen zunächst intakte Körper und Seelen erlebt, nicht als tägliche Entwürdigung des Menschseins. Sie haben Menschsein nicht als freie sinnliche Betätigung in einer freien Gemeinschaft ohne Handelsbeziehungen erlebt wie die Wandervogel- und die Arbeitersportbewegung. Einfaches und (von der Beherrschung durch andere) freies Leben war für sie nicht genug. Selbstversorgung und Teilen war für sie nicht selbstverständlich. Sie brauchten sehr viel zu ihrem Glück, Drogen vor allem, Sichaufopfern für andere, Stellvertreterpolitik. Davon lebt der Kapitalismus. So waren die scheinbaren Rebellen also voll in das System integriert. Aber auch sie, die nicht der traditionellen Arbeiterklasse angehören, sind, von ihrem Körper aus gesehen, der alltäglichen Brutalität einer Gesellschaft von Unterdrückern und Unterdrückten ausgesetzt: wecken aus einem Schlaf; nicht entspannen und nicht schlafen können, wie der Körper es verlangt; sich nicht nach Bedarf an einen Artgenossen anschmiegen können; sitzen zu müssen, statt zu gehen; keine Ruhe zu haben nach Bedarf; keine Bewegung zu haben nach Bedarf; nicht viel Wasser zu trinken; keine unbearbeiteten Lebensmittel zu haben; Gewalt von Männern gegen Frauen, von Erwachsenen gegen Kinder; Gewalt durch Drogenkonsum; Hektik und Leistungsdruck; Sorge um Arbeitsplatz und Wohnung; Angst, allein zu sein.

Diese Leiden sollten jedoch nicht zu dem Kurzschluß führen, man/frau sei TrägerIn einer sozialistischen Gesellschaft. Jedenfalls solange man/frau sich nicht definitiv von der kapitalistischen Gesellschaft getrennt, sein/ihr Hauptaugenmerk auf die kapitalistische Gesellschaft richtet und nicht Demokratie in sich spürt und lebt. Und solange man/frau sich wundert, wenn er/sie als SystemgegnerIn bekämpft wird. Und solange man/frau nicht Andersdenkende ertragen kann. Damit ist nicht so sehr ein Ertragen des Kapitalismus gemeint, obwohl auch er nicht durch Erschießen von Personen zu beseitigen ist; vielmehr ist die Intoleranz und die Unfähigkeit zu einem Wettstreit der Ideen unter angeblich Linken ein viel größeres Problem.

Kennzeichnend für solche Geschöpfe, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, ist die Haltung, daß sie nur wissen, wogegen sie sind, daß sie aber keinen ruhenden Pol in sich finden, keinen Drang, aus sich heraus zu leben. Ohne Input von außen, ohne viele Leute um sich herum fühlen sie sich einsam. Da sie andererseits Besitz ergreifen wollen von diesen Menschen, weil sie ohne diese nichts sind, entfernen sich diese von ihnen und machen sie erst recht einsam. So entwickeln sie Techniken zur scheinbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse, nicht aus sich heraus leben und nicht flügge werden zu müssen: Gewalt gegen sich und andere, sich jemand unterwerfen und sich über jemand stellen, menschliche Beziehungen durch Verträge regeln; in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, Nostalgie und Fortschrittsglaube; die Umwelt vom Subjekt trennen, Menschen und Natur als Objekte behandeln; keine eigene Substanz und Identität in eine Gemeinschaft einbringen, Parasit.

In einer natürlichen Gruppe von Lebewesen (in der keiner den andern beherrschen will) werden die Nachkommen nicht zu früh und nicht zu spät losgelassen. Eine gesunde Psyche ist jedem Lebewesen von Natur aus eigen. Aber eine eine Gesellschaft beherrschende Gruppe bringt die Gesellschaft durch eben dieses Beherrschenwollen aus dem Gleichgewicht, zerstört zunächst die Psyche der in ihr aufwachsenden Menschen, bevor diese dazu kommen, Menschen anderer Gesellschaftsgruppen physisch zu zerstören.

Unter Krankheit verstehen wir hier den Zustand eines Individuums oder einer Gruppe, die als selbstlernendes und -regulierendes System sich nicht mehr am Leben erhalten kann, die sich nur durch Unterstützung von außen, durch Ausbeutung anderer am Leben erhalten kann. Einem solchen System ist der Maßstab dafür verlorengegangen, was es zur Erhaltung des eigenen Lebens braucht; es kennt keine Sättigungsgrenze mehr, es kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden, es kann nicht mehr unterscheiden zwischen Fiktion und Realität.

Das hängt auch damit zusammen, daß es seine Gliedmaßen, seine Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle hat. Solche Menschen müssen immer gleich sagen, was ihnen einfällt, ohne Rücksicht darauf, ob der andere sich gerade mit jemand anders unterhält, sich konzentrieren muß oder überhaupt da ist. Auch ohne Rücksicht darauf, ob der andere sich dafür interessiert. Sie können auch den andern nicht zuhören, weil sie zwanghaft mit sich selbst beschäftigt sind und sich nicht vorstellen können, daß jemand ein anderes Weltbild hat.

Was geschieht mit einem Lebewesen, das durch seine Sozialisation in einem kranken System in der Regel nicht:

Es wird psychisch krank. Bei einer psychischen Krankheit handelt es sich um eine Mangelerscheinung. Dazu folgendes Beispiel:

Zwei Menschen pflegen um denselben See zu gehen in verschiedenen Richtungen. Sie schließen daraus, daß sie konträre Vorstellungen haben. In Wirklichkeit gehen sie nach demselben Prinzip: zuerst die parallel laufende verkehrsreiche Straße hinter sich bringen. Nur wohnt der eine am Anfang, der andere am Ende dieser Straße.

Was sagt uns dieses Gleichnis? Wer nicht die Kraft (das Selbstbewußtsein, die Verwurzelung in der Natur) hat, das Andersartige anzuerkennen, und nicht die Muße, genauer (differenzierter) hinzusehen, kann nicht zusammenkommen, auch wenn beide vielleicht nach denselben Prinzipien leben, denselben Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind.

Psychisch kranke Menschen können in der Regel nicht viel vertragen, keine andere Lebensart, keinen anderen Geschmack, keine anderen Gedanken, keine andere Umgebung, keine Fremden. Sie haben eine geringe Toleranzbreite.

Für sich selbst benötigen sie um so mehr Raum. Sie können nicht untätig sein. Sie treten in Aktion, auch wenn ihre Umgebung sie dazu auch gar nicht veranlaßt. Sie haben ihre Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle. Sie können nicht zusammengekauert in der Ecke liegen, bis die Sonne sie stört oder der Hunger sie treibt. Psychisch kranke Menschen sind fast dauernd in Aktion und lassen sich in der Regel nur durch Drogen (Zerstreuung, Entertainment, Nikotin, Geschwindigkeitsrausch, Alkohol, Schlaftabletten ...) ruhigstellen.

Psychisch kranke Menschen haben Mitleid mit anderen, denen es schlechter geht, und wollen ihnen gleich helfen, erwarten dafür aber Anerkennung und Dankbarkeit. Psychisch gesunde Menschen erscheinen nicht gerne mitleidig, weil sie dadurch andere unter sich stellen, helfen aber ohne viel Aufhebens, wo akute Not herrscht. Sie wissen, daß damit das Problem nicht gelöst ist. Sie erwarten weder Dank noch Anerkennung. Dadurch, daß psychisch Kranke so schnell mitleidig tätig werden, überfordern sie sich auch schnell und werden dann ungerecht und brutal gegenüber ihren Mitleidsopfern.

Treffen sie auf einen unausräumbaren Widerstand, suchen sie sich nicht einen anderen Weg, sondern schlagen zu. Sie schlagen auf einen andersartigen Menschen ein, statt sich von ihm zu trennen. Sie schlagen sogar ihr Liebstes, weil sie in ihrer eingebildeten Verlassenheit nicht auch noch das Letzte, den letzten Mitmenschen verlieren möchten. Und verlieren letzten Ende alles, die materielle und psychische Befriedigung.

In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung greifen sie zur Gewalt, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Oder zum Witz. Sie können Fehler und Irrtümer nicht eingestehen. Sie wollen sich nicht eines Besseren belehren lassen.

Psychisch Kranke müssen sich in der Regel immer eines Gruppengefühls versichern. Sie scheuen Konflikte und sehnen sich nach Harmonie. Sie sind "gesellig".

Psychisch Kranke sind also fast immer Menschen wie du und ich. Das bringt uns zum Hauptmerkmal psychisch Kranker: Im Gegensatz zu physisch Kranken leugnen sie in der Regel, krank zu sein. Vor sich und vor anderen verschweigen und unterdrücken sie, was sie bewegt.

Wenn wir in dem Folgenden von kranken Menschen reden, meinen wir in der Regel psychisch kranke Menschen. Wir meinen auch uns selbst. Was eine Bereitschaft erfordert, sich einzulassen und einzubringen, und aufzuhören, wenn diese Bereitschaft nicht mehr da ist, und nicht aus Sensationslust weiterzulesen.

Kranke Strukturen

Jeder denkt an sich, nur ich denk an mich. Jeder holt sich seinen persönlichen Vorteil durch Steuerhinterziehung, Korruption, Betrug, mehr oder weniger geschickt. Am geschicktesten die Profiteure des kapitalistischen Systems. Alles geht mit rechten Dingen zu, wir sind schließlich ein Rechtsstaat. Um meinen Betrieb zu erhalten, um meine Aktionäre zu befriedigen, um den Standort Deutschland für das Kapital interessant zu halten, muß ich leider den gemeinsam erwirtschafteten Mehrwert etwas ungerecht verteilen. Sie wissen ja, ohne Kapital läuft gar nichts. Glücklich, wer überhaupt noch ausgebeutet wird. Bei näherer Betrachtung nehme ich den Leuten, die etwas für mich erwirtschaften, sogar ihre Substanz, ihre Lebensqualität sinkt immer weiter. Durch den Staat, über den Zugriff auf ihre Steuern erscheine ich aber nicht als der einzige Bösewicht. Ich muß ihnen leider ihre Eingeweide nehmen; dafür statte ich sie auch mit Drogen aus. Bis sie zuletzt tanzen wie meine Puppen. Fallen welche um, gibt es ja genügend Nachschub auf der Erde. Es machen ja immer noch genügend mit. Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen dabei; aber ich komme aus diesem Teufelskreis nicht heraus. Ich spende ja auch für die Armen, habe Mitleid mit den Notleidenden, lasse Messen singen und Hofnarren sprechen. 10 % des EU-Haushalts muß ich mir leider kriminell aneignen. Meine Verluste lassen sich über den Staat sozialisieren. Meine Gewinne muß ich leider privatisieren. Die Europäische Union und der Nationalstaat sind schon ihr Geld, das Geld ihrer BürgerInnen, wert. Ich kämpfe für Deutschland und (nicht gar zu sehr) für die europäische Einigung.

Nicht vergessen: Der Staat bin ich. Nicht daß Kranke, RentnerInnen, SozialhilfeempfängerInnen oder gar BürgerInnen sich seiner bemächtigen. Almosen für sie gerne, ich bin ja sozial, aber eingerichtet habe ich den Staat zur Maximierung meines Profits. Dabei soll es bleiben. Notfalls müssen die Sozialausgaben gekürzt werden. Die Schlote sollen ja schließlich rauchen. Oder, modern ausgedrückt, ich bin ja schließlich modern: Auf den Datenautobahnen soll alles flutschen. Ich bin ja auch demokratisch. JedeR ist schließlich für sich selbst verantwortlich, muß privat für seine/ihre Situation einstehen, darf seinen/ihren privaten Ausrutscher ins soziale Abseits nicht der Allgemeinheit anlasten. Die bürgerliche Mitte darf durch die sozialen Randgruppen nicht ausgeblutet werden. Wir wollen es bei Almosen belassen.

Jeder gegen jeden. Leider. Aber wenn wir unser Überleben sichern wollen, müssen wir an einer natürlichen Auslese interessiert sein. Nur die Besten werden siegen. Wettbewerb ist alles. Er garantiert uns unser Überleben. Daß dabei unsere Familien draufgehen, unsere Hausgemeinschaften, unsere Kommunen, unsere Stände, müssen wir leider in Kauf nehmen. Es ist eine Übergangszeit. Die Menschheit wird neue Formen finden.

Die Besten sollen überleben. Das Boot ist voll. Die Burg ist voll. Wir müssen jetzt leider die Brücken, die Strickleitern hochziehen, wenn wir nicht alle untergehen wollen. Nicht mehr AusländerInnen in einen Stadtteil hereinholen (Voscherau). Nicht mehr AusländerInnen in unser Land hereinholen (Duve). Nicht mehr in den inneren Zirkel der EU (Kohl). Nicht mehr in die G 7 (Clinton). Auch SchülerInnen, die außerhalb Hamburgs wohnen, dürfen nicht mehr in Hamburg zur Schule gehen (Voscherau). Wir sehen uns leider dazu gezwungen.

Die Strukturen sind leider so, meinen viele. Breitensport wäre sinnvoller, aber nur Sportvereine mit Leistungssport werden öffentlich gefördert. Wohnungen wären schön, aber mit leerstehenden Büroräumen ist immer noch mehr Profit zu machen als mit belegten Wohnungen. Mindestens jedem und jeder eine Wohnung wäre schön, aber Eigenheime werden stärker öffentlich gefördert als der soziale Wohnungsbau. Wohnen in Gemeinschaft wäre schön, aber die Förder-, Bau- und Pflegerichtlinien sehen nur getrennt Wohnzellen vor, entweder Zelle oder Anstalt ("Heim"). Schön wäre es, keine Ghettos zu haben, aber die Einweisungspraktiken in Sozialwohnungen fördern dies. Schön wären ausführliche Gespräche eines Arztes mit seinem Patienten, um ihn ganzheitlich behandeln zu können, aber unser medizinisches System gibt dies finanziell leider nicht her.

Selbstbestimmung wäre schön, aber schon früh wird der Wille eines Kindes gebrochen. Der Wille von Erwachsenen wird auf dem Weg zu einer Regierung in einem repressiven System mehrfach gebrochen. KeineR kann mehr essen, was er/sie will. Uns werden genmanipulierte, chemisch und mit Strahlen bearbeitete Lebensmittel untergeschoben, ohne daß wir es merken. Erst hinterher erfahren wir in der Regel, in welcher gesundheitsgefährdenden Umgebung wir gelebt haben, wie fremdbestimmt wir gelebt haben.

Leider sind fast alle vereinzelt in dieser Gesellschaft. Aus Angst vor Einsamkeit gehen die einen faule Kompromisse ein, verkaufen ihre Seele, unterwerfen sich. Die anderen wollen aus Angst vor Einsamkeit Menschen beherrschen, verlangen von ihnen, daß sie sich ihnen aufopfern, Substantielles abgeben, ihre Krankheit, die sie sich nicht eingestehen wollen, kompensieren. So machen sich die einen klein und die anderen groß, verschlingen Menschen, Raum, Zeit und Materie. Es entsteht eine Hierarchie unter Menschen. Nicht mehr alle sind gleich. Leider. Schlimmer noch: Über alles, was nicht autoritär daherkommt, fällt man/frau her. Authentisches, Differenziertes, Neues kann man/frau nicht erkennen. Der Untertan kennt nur ein Verhältnis zu einem Mitmenschen mit eigener Meinung: entweder über mir oder unter mir. Menschen gleichberechtigt neben sich kann er nicht ertragen.

Die Vereinzelung in der kapitalistischen Gesellschaft versucht er auch noch durch eine andere Form zu überwinden: Sexbesessenheit. Und seien es auch nur wenige Minuten. Gemeinschaft kann man/frau sich scheinbar kaufen. Auch per Ehevertrag, auch unausgesprochen.

Die meisten entfliehen der Vereinzelung auch durch Rausch. In diesem Land gibt es praktisch ein Recht auf Drogen, also auf Fremdbestimmung, aber nur theoretisch ein Recht auf Selbstbestimmung. Für Kohl äußert sich Freiheit u.a. im Recht auf Rausch, weniger im Recht auf Arbeit und Wohnung. Es gebe keine Gesellschaft ohne Drogen. Der manische Konsum von Dingen, die unser Körper gar nicht braucht, ist eine Form von Rausch, das Bedürfnis, Statussymbole zu zeigen und weite Reisen zu machen, andere für uns tanzen, singen, schreiben und gestalten zu lassen. Die fatalen Strukturen haben sich bis in unseren Alltag durchgefressen, bis in das, was wir für schön halten.

Leider müssen andere Kontinente, in die wir z.B. legal und illegal unseren Giftmüll exportieren, zuerst dran glauben. Leider sterben in Afrika jedes Jahr 1 Million Menschen an Raucherkrebs, weitere Millionen durch die Verbreitung von Babynahrung, Milchpulver, Aids, Ozonloch, AKWs ...

Doch auch Deutschland ist schon ganz schön kaputt, leider, alles hat seinen Preis, das ist der Preis des Fortschritts:

Im Vergleich zu Menschen anderer Kulturen oder zu anderen Lebewesen haben die Menschen im Kapitalismus extrem kurze Ruhephasen. Sie können sich nicht mehr regenerieren; sie sind krank.

Drei Viertel der Europäer leben in Städten. Dort wird die Lebensqualität immer schlechter. Die Verwaltung hat nicht mehr das Geld, die ständig wachsende Zahl der Armen in einem sozialen Netz aufzufangen. Sie hat auch nicht mehr das Geld, veraltete Infrastrukturen zu ersetzen. Das Stadtgefüge wird erschüttert, die Armen werden an den Stadtrand getrieben.

Krankheit heute

Unsere Schulmedizin kann nicht verhindern, daß diese Krankheitssymptome sich weiter ausbreiten. Wir müssen den Begriff der Krankheit weiter fassen. Angeblich Gesunde müssen schon als krank bezeichnet werden. Entsprechend muß der Begriff Therapie schärfer gefaßt werden. Wir müssen uns klar sein: Was nicht therapiert wird, verschlimmert sich exponentiell. Therapiert muß werden; es hilft kein Mitleid und kein Verdrängen. Therapie heißt Selbst-Therapie. Heilen muß ein Körper sich immer selbst, auch eine Seele. Fachleute und Mitmenschen können sie dabei unterstützen; aber die Heilung kann nur von innen kommen. Politik, Kunst, Wissenschaft als Instrumente der Therapie - und als nichts anderes. Von außen kan man einer psychisch vergifteten Umwelt (gestörte Kommunikation, Entsolidarisierung, Entwurzelung, Reizüberflutung, Streß, Hektik ...) nicht beikommen. Die moderne Psychotherapie schafft es bestenfalls, ein Rädchen in dieser Gesellschaft wieder zum Funktionieren zu bringen. Sie kann aber kein Glück, keinen Arbeitsplatz vermitteln. Wenn in diesem Sinne die Gesellschaft krank ist, muß auch die Gesellschaft therapiert werden. Therapie, wenn sie ernst gemeint ist, muß also weiter gefaßt sein.

Wir müssen auch methodisch anders vorgehen, da wir selbst Gegenstand der Untersuchung sind. Im Gegensatz zum idealistischen oder voluntaristischen Vorgehen, geht man in der materialistischen Denkweise nach dem vor, was ist. Fühle ich mich gesund und ohne Ängste, habe ich als soziales Lebewesen das Bedürfnis, meinen Mitmenschen nützlich zu sein. Fühle ich mich nicht gesund und nicht ohne Ängste, mache ich mir was vor, wenn ich meinen Mitmenschen nützlich sein zu müssen glaube; in Wirklichkeit bediene ich mich nur ihrer, um mir meine Krankheit vergessen zu machen und meine Ängste zu unterdrücken. In diesem Fall ist es also besser für mich (und meine Mitmenschen), mich zuerst einmal zu therapieren.

Was im Kopf ist, ist noch lange nicht in den Gliedern. Eine richtige Erkenntnis muß in Fleisch und Blut übergegangen sein. Dazu bedarf es der Bewegungs-, Übungs- und Experimentierfreiheit, viel Zeit und Raum und Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Das ist in einem kapitalistischen System nicht gegeben, so daß sich eine richtige Erkenntnis nicht ohne Widerstand durchsetzen kann. Erst wenn die Gesundheit einzelner Menschen sich darin zeigt, daß sie von diesen Freiheiten und Möglichkeiten Gebrauch machen, sie sich nehmen und damit bewußt in Widerspruch und Widerstand zum kapitalistischen System begeben, stellt sich heraus, ob ihre Erkenntnis richtig ist. Nur eine richtige Erkenntnis kann Fleisch werden.

Fühle ich mich gesund und ohne Ängste, dann weiß ich, was ich will, was mich befriedigt, was der Sinn meines Lebens ist, was Leben überhaupt ist. Ich trete ein für die Erhaltung des Lebens (und meiner Gattung) und unterstütze alle entsprechenden Bewegungen um mich herum, bis diese sich meiner Ansicht nach von der Erhaltung des Lebens entfernen. Dies soll materialistisch oder sozialistisch oder demokratisch vorgehen heißen. In der Geschichte werden diese Begriffe auch von Lebensentwürfen kranker Menschen reklamiert; aber aus deren Vorgehen ist eben bestenfalls nichts herausgekommen oder schlimmstenfalls die Zerstörung der Menschheit. Soll also mitmenschliches Vorgehen noch eine Perspektive haben, ist der Begriff der Krankheit schon in der Methodik unerläßlich.

Krank ist es, eine angeblich menschliche Gesellschaft zu projizieren und die gegenwärtig lebenden Menschen diesem Projekt unterzuordnen. Gesund ist es, wenn mit sich zufriedene Menschen sich zusammentun und mit ihrer überschüssigen Energie und mit dem Einverständnis einer Mehrheit gesunde Strukturen wiederherstellen und Kranken Raum und Zeit und Mittel geben, sich zu therapieren.

Schon Lebensrhythmus und Lebensgefühl können krank sein. Ein Lebewesen hat den Rhythmus von Aktivität und Ruhe und Aktivität und Ruhe. Wird daraus, mangels Identität, Passivität und Unruhe und Passivität und Unruhe, dann geraten das betreffende Nervensystem und das betreffende Denken durcheinander; ein Lebewesen zerstört sich. Fehlt einem Lebewesen zu Beginn Geborgenheit, entwickelt es eine existentielle Angst. Nachholende Geborgenheit als Passivität. Existentielle Angst als Unruhe. Ich liege da, um befriedigt zu werden, aber keineR befriedigt mich; das macht unruhig. Wem das Kuschel-Hormon fehlt, wer nicht das Bedürfnis und die Gelegenheit zum Kuscheln hat, wer keine Menschen seines Vertrauens um sich hat, dem wird die Sättigungsgrenze verwischt. Er ist maßlos, er konsumiert maßlos. So hängen Vereinzelung und Kapitalismus zusammen. Stofftier, Haustier, Mensch als Tier - immer was zum Kuscheln. Wer solche Bedürfnisse hat - und das sind die meisten Menschen in dieser Gesellschaft - , zeigt dadurch seine ewige Einsamkeit, seine Sehnsucht, zum Lebendigen zu gehören, und seinen Mißerfolg, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß der das Lebendige zu seinem Objekt macht. Zwanghaft hortet er Dinge ohne Ende, d.h., er nimmt sie anderen Lebewesen weg, er beutet sie aus; ein Lebewesen zerstört andere.

Ein krankes Lebewesen lebt in Erwartungen und Ressentiments; das lenkt ab vom Augenblick. Es findet keinen Schwerpunkt in sich. Es kann aber auch nicht mit seinen Mitlebewesen erfolgreich kommunizieren. Es ist nicht zufrieden mit dem Augenblick, in dem es lebt. Es kann aber auch nicht ertragen, daß andere anders leben. Nicht für sich leben können und nicht für andere leben können. Wobei dies nicht alternativ zu sehen ist. Ein gesundes Lebewesen sieht darin keinen Widerspruch, für sich und für andere zu leben. Dialektisch: Indem es für sich lebt, ist es für andere da. Rhythmisch: Ruhe und Aktivität.

Kranke (Außersichseiende) fühlen sich durch Gesunde (Insichseiende) angezogen. Die Heilung beginnt, wenn Kranke ertragen, daß Gesunde sich von ihnen entfernen.

Identität

Wird Druck auf einen Stein ausgeübt von allen Seiten, birst er, zersplittert er in tausend kleine Stücke. Ähnlich ist es mit Deutschland in der Mitte Europas. Kein anderer europäischer Staat hat eine grüne Grenze zu so vielen anderen Staaten (9) wie Deutschland. Insgesamt stritten sich das russische, britische und französische Imperium um diese Mitte Europas. Dieser Druck von allen Seiten hatte eine Kleinstaaterei zur Folge. Dieser Druck von allen Seiten erzeugte auch ein Mißtrauen eines jeden gegen jeden. Deutschland ist in Europa der Staat mit dem durchschnittlich kleinsten Haushalt (2,2 Personen). JedeR befindet sich in einer Verteidigungsposition, muß sich gegen Feindbilder wehren, die ihm/ihr von allen Seiten aufgedrängt werden, kommt nicht zur Ruhe, zu seiner/ihrer Identität, ist fremdbestimmt, ist UntertanIn. In Deutschland basiert Demokratie darauf, daß die sozialen Sicherungssysteme funktionieren, und für deren Funktionieren wiederum ist es nach Meinung der Deutschen notwendig, daß die Schornsteine rauchen. In anderen europäischen Staaten bleiben die Menschen DemokratInnen, auch wenn das soziale Netz reißt und die Wirtschaft darniederliegt. Die Deutschen holen ihre Identität aus der Wohlstandsmehrung. Andere EuropäerInnen verlieren nicht ihre Identität, wenn sie nicht im Wohlstand leben.

Wem nicht erlaubt wird, seine Identität zu leben, in sich Ruhe zu finden, mit dem Augenblick zufrieden zu sein, wird krank. Auch der wird krank, der sich nicht zwischen zwei oder mehr Ideologien entscheiden kann, hin- und hergerissen wird, keine eigene Ideologie entwickeln kann. Identität ist für einen Menschen also sehr wichtig. Welch andere Identität soll es geben als die deines Körpers, deiner Sinne, die Befriedigung deiner sinnlichen Bedürfnisse?

Die Sinne werden von Anfang an geprägt. Wessen sinnliche Bedürfnisse als Baby nicht befriedigt worden sind, ist nicht zur Ruhe gekommen und hat keine Bestätigung erfahren. Damit fehlen ihm die grundlegenden Erfahrungen für eine Identität. Diese zunächst einmal psychologische Identität (demokratischer Individualcharakter) wird mit zunehmendem Alter durch eine soziologische Identität (demokratischer Sozialcharakter) ergänzt. Das Individuum testet die Grenzen seiner Fähigkeiten; es kann seine begrenzten Interessen mit den Strukturen seiner Gesellschaft vereinbaren; es hat außerdem die Bestätigung erfahren, seiner Gesellschaft nützlich zu sein.

Seine soziologische Identität findet ein soziales Lebewesen über ein gemeinsames Werk; dem folgt vielleicht noch ein gemeinsames Haus und ein gemeinsamer Schlaf. Umdrehen läßt sich diese Reihenfolge nicht, weil sich das eine aus dem anderen ergibt, aber nicht umgekehrt. In dieser Gesellschaft ist es jedoch üblich geworden, daß sich zuerst ein Paar zusammentut, sich ein Haus baut und sich dann überlegt, ob es etwas hat, für das es sich gemeinsam engagieren, das es zum gemeinsamen Lebensinhalt machen will. So entsteht kein demokratischer, sondern ein autoritärer Sozialcharakter, und die Psyche schafft sich einen Ersatz für die vernachlässigte Reihenfolge: Das gemeinsame Feiern, Essen, Konsumieren hat von Anfang an große Bedeutung in einer solchen Biographie als Ersatz für das gemeinsame Werk. Ebenso der gemeinsame Verein, die gemeinsame Partei, Gewerkschaft, Ideologie als Ersatz für das gemeinsame Haus. Schließlich die Gemeinschaft mit sich selbst, Selbstbefriedigung, Narzißmus, Egoismus als Ersatz für die mißlungene Begegnung mit dem andern. Wo scheinbar noch die Reihenfolge von Werk, Haus, Schlaf eingehalten wird, ist sie meistens insofern auf Sand gebaut, als die Devise der Werk- und Arbeitsbedingungen dieser Gesellschaft "JedeR gegen jedeN in einer fremdbestimmten Aufgabe" heißt, also von Gemeinsamkeit nicht mehr die Rede sein kann, sie allenfalls noch vorgetäuscht wird.

Zusammen etwas tun für den Erhalt der eigenen Gattung, daraus holt sich ein soziales Lebewesen seine soziologische Identität. Das kann schon in einer undemokratischen Umgebung passieren, wenn der betreffende Mensch bescheiden und widerstandsfähig genug ist (psychologische Identität). Weil Kind von glücklichen Eltern, aufgewachsen in einem Schutzraum menschlicher Wärme und freier Bewegung in der Natur.

Diese Phasen und ihre Reihenfolge können nicht umgangen und in späterem Alter nur im Rahmen einer Therapie nachgeholt werden. Wer diese Phasen nicht erfahren hat, wird ewig pränatal und ohne Identität, also krank sein.

Da diese Gesellschaft aber beständig die Tatsache verdrängt, krank zu sein, merkt sie auch nicht, wie pränatal, d.h. barbarisch, und ohne Identität sie und die meisten Menschen in ihr sind. "Angst essen Seele auf": Die Dritte Welt spricht aus, worunter die Erste leidet. Geradezu unvorstellbar ist es für die meisten in der abendländischen Gesellschaft geworden, ihre Identität, aber auch ihre Kollektivität auf etwas anderes zu gründen als auf fremdbestimmte Arbeit, auf den Verkauf ihrer selbst. Eine wahnsinnige Vorstellung, eine kranke Vorstellung.

Der Ordnungsimpuls kommt aus der Sinngebung des eigenen Lebens. Der/die einzelne hat einen Freiraum, sich auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sie sinnlich zu befriedigen; denn es gibt keine anderen Bedürfnisse als sinnliche. Wo Identitätsfindung in diesem Sinne nicht möglich ist, ist das Bedürfnis nach (äußerer und innerer) Ordnung um so größer; aber die so geschaffene Ordnung ist dann auch um so künstlicher (gewaltsamer). Mangels einer authentischen Ordnung/Identität in sich wird der äußeren Umgebung/der Gesellschaft eine Ordnung aufgedrückt (durch OrdnungspolitikerInnen), ebenso der eigenen Seele (durch Unterwerfung unter bzw. Macht über mindestens einen Menschen). Was also als Ordnung daherkommt, in Form von Zivilisation und Kultur von außen vermittelt, aus der Geschichte tradiert wird, ist in Wirklichkeit Gewalt.

Wer keine Identität hat, wer innerlich unruhig ist, muß dies ausgleichen. Entweder wird er selbst unruhig nach außen, aggressiv, empfindlich, unterwerfend, Ordnung um ihrer selbst willen schaffend. Oder er sucht seine innere Unruhe zu dämpfen mit Essen, Konsumieren.

Wer psychisch krank ist, soll zuerst gesund werden und sich dann gesellschaftlich engagieren. Gesund werden, indem man/frau sich gesellschaftlich engagiert (etwa für eine bestimmte alte oder neue Ordnung), funktioniert nicht. Erst die eigene Identität wiederherstellen, dann sich mit anderen zusammentun. Da diese Gesetzmäßigkeit in der abendländischen Gesellschaft größtenteils nicht beachtet wird, sondern die Menschen sich beispielsweise zu Paaren zusammentun, bevor sie sich ihrer eigenen Identität sicher sind, ist dies keine freie Assoziation, keine Assoziation von Menschen ohne Erwartungen aneinander, sondern eine Handelsassoziation: Du gibst mir, was ich für meine Identität brauche; dafür kriegst du von mir, was du zu deiner Identität noch brauchst. Es entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, das letzten Endes die Entstehung einer Identität verhindert oder nur durch Gewalt ermöglicht. Was hierzulande unter Liebe verstanden wird, ist also ein Gewaltverhältnis, deutet auf fehlende Identität. "Liebe" zu mehreren Personen gleichzeitig (das Gefühl der Zusammengehörigkeit, weil man/frau etwas gemeinsam für den Erhalt der Gattung getan hat), "Untreue" (weil Sexualität nichts mit soziologischer Identität, mit dem Gefühl der Zusammengehörigkeit zu tun hat) sind also das Normale unter gesunden sozialen Lebewesen.

Der Jugendliche ist zweigeteilt. Er sucht sich an Menschen und an der Natur zu reiben und schießt dabei oft übers Ziel hinaus, d.h., er holt sich eine blutige Nase. Andererseits hat er sich Autoritäten ausgesucht, an denen er sich gar nicht reibt, sondern denen er bedingungslos folgt. Irgendwann ist jedoch die Adoleszenz zu Ende: Er sucht den Sinn seines Lebens nicht mehr außer sich in einer Autorität, und er kennt die Grenzen seiner Fähigkeiten. Er hat jetzt eine eigene Identität, er hat den Sinn seines Lebens in sich gefunden. Er tut sich mit Gleichgesinnten zusammen. Er streitet sich trotzdem noch mit anderen und ist auch lernfähig; aber Ausgangspunkt ist immer er, seine Erfahrung und sein Sinn des Lebens.

Wenn nun einzelne Menschen, ganze Generationen oder ganze Kulturen nie die Gelegenheit bekommen, sich irgendwo zu reiben und sich für eine Autorität zu begeistern, wie z.B. Helmut Kohl, die 68er oder das Abendland, dann bleiben diese ewig unreif, unselbständig, untertänig, identitätslos. In einer Familie, zwischen zwei Generationen, in einer Kultur, wo die Erfahrung des einzelnen immer mehr vermittelt wird (nur noch selten ein persönliches Gespräch, nur noch selten ein direkter Kontakt zur Natur), gibt es keine Gelegenheit, sich zu reiben und sich zu begeistern, wird man nie selbständig, bleibt man immer eine leicht zu manipulierende Masse. Ellenbogendenken und das Denken, man könne sich kaufen, was das Leben ausmacht, die beiden für den Kapitalismus charakteristischen Haltungen, erlauben nur eine sehr vermittelte Erfahrung. So wurden die leicht zu manipulierende Masse, die ewige Unreife charakteristisch für die abendländische Kultur.

Wer als Baby, Kind und Jugendlicher seine sinnlichen Bedürfnisse in der Regel befriedigen konnte, seine Identität als Lebewesen in der Natur auf diese Weise erfahren hat, ist dann entspannt genug, um vor der Selbsterkenntnis nicht zu erschrecken: Der Mensch ist ein Tier. Gern wird dem entgegengehalten: Ein Tier agiert zwanghaft, instinktiv. Ein Mensch nicht? Manche agieren noch instinktiv, manche teilweise, manche agieren nur noch zwanghaft, manisch, pathologisch. Was immer sie auch tun, sie sind determiniert. Sie sind Tiere. Jedenfalls von einem wissenschaftlichen Weltbild aus betrachtet.

Denen, die nur noch teilweise instinktiv reagieren, bleibt nur die Krücke der Vernunft. Wenn die ihnen nicht die Erkenntnis nahelegt, ein Lebewesen in der Natur zu sein (und sonst nichts), werden sie ebenfalls krank. Ohne (sinnliche) Identität keine Entspannung, ohne Entspannung kein Wissen: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.

Auf diese Art bescheiden und widerständig gegen Menschen und eine Gesellschaft ohne Identität, die z.B. darüber klagen, daß der deutsche/europäische Film vom dominierenden (US)Kapital unterdrückt wird, statt sich langsam, aber bestimmt von dem Bedürfnis nach "Kultur", nach Vermittlung, nach Teilhabe am Kapitalismus, nach der Herrschaft über Menschen zu befreien. Von den "Blüten" des Kapitals profitieren wollen, seine "Schattenseiten" aber nicht akzeptieren wollen, das geht nicht. Der Teufelspakt gilt. Der Bruch ist da. Die Identität ist weg.

Wer sein Handeln nicht nach seinen Bedürfnissen, Instinkten und Fähigkeiten bestimmt, wer nicht innengeleitet ist, wer nicht Herr oder Frau seines Handelns ist, erscheint leicht als lügnerisch, unglaubwürdig. Zunächst einmal klaffen nur Wollen und Können auseinander. Wer jedoch Nestwärme genossen hat und seine Fähigkeiten frei testen konnte, kommt gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu wollen als seinen Bedürfnisse, Instinkte und Fähigkeiten hergeben. Nur jemand mit einer gestörten Identität, der sich seiner selbst durch andere vergewissern muß, kommt in dieses Dilemma. Sehr bald versteht er es auch positiv zu wenden: Man könne Unfähigkeiten dadurch verbergen, mehr Schein als Sein sei gut in einer schnellebigen Zeit, in einer oberflächlichen Gesellschaft, man könne auf diese Weise Pläne verfolgen, die nicht ans Tageslicht kommen sollen. Und schon ist aus dem manipulierbaren Wesen, aus dem Untertan ein Krimineller geworden. Oder ein Kranker.

Der Bruch

Psychische Krankheit äußert sich in widersprüchlichem Verhalten, dessen sich die betreffenden Personen nicht bewußt sind. Z.B. wollen sie anderen vorschreiben, was man trägt, reklamieren aber für sich auf allen Gebieten, sich nicht nach dem Geschmack der Leute zu richten. Oder sie stellen sich schützend vor eine Person, fallen dann aber Dritten gegenüber über sie her.

Ein Bruch geht durch die Welt, die vom Abendland beherrscht wird. Die Menschen in den hochindustrialisierten Ländern sind in der Regel psychisch gestört, haben psychische Nöte, die Menschen in der Dritten Welt haben materielle Nöte (seit das Abendland über sie hergefallen ist). Der Bruch geht aber auch durch jedes Volk, jede Familie, jedes Individuum. Z.B. passen ein dicker Mercedes und die BILD-Zeitung nicht zusammen, ein Schätzchen und eine emanzipierte Frau, ein Untertan und der mündige Bürger, ein Naturwissenschaftler, der religiös ist, ein Psychologe, der esoterisch ist, ein Sozialist, der sich nicht innerlich vom Kapitalismus befreit hat, Gewerkschafter, die eine bürgerlichen Lebensstandard anstreben, Protektionisten, die für freien Welthandel eintreten.

Viele Menschen reden miteinander über ihre Wohnungseinrichtung, ihre Reisen, ihr Auto, in Wirklichkeit interessieren sie sich für die Person des andern. Sie unterhalten sich über das Wetter, ihre Haustiere, in Wirklichkeit wollen sie miteinander bumsen. Der Bruch rührt also aus einer Verklemmung, einer Verklemmung des Bürgertums. In dieser Gesellschaft ist es üblich, den eigenen Körper und die eigenen sinnlichen Bedürfnisse als ein notwendiges Übel zu betrachten. Man pflegt nicht zum eigenen Körper und zu den eigenen sinnlichen Empfindungen zu stehen. Am liebsten wäre man sie los; auf jeden Fall bleiben sie unter der Bettdecke. Oder bei den "aufgeklärten" Bürgerlichen fällt man ins andere Extrem: Man macht einen Kult um den eigenen Körper, man reagiert übertrieben auf eigene sinnliche Empfindungen. Die der Bewältigung des eigenen Lebens adäquate Kommunikation der eigenen Sinne mit dem eigenen Verstand ist jedenfalls unterbrochen. Wir verstehen den Bruch als Krankheitssymptom. Es zeigt sich schon im Alltagsverhalten angeblich gesunder Menschen dieser Gesellschaft. Ein psychisch kranker Mensch hat zwei, drei, vier Gesichter/Verhaltensweisen. Seine Mienen wechseln abrupt, verkrampft, fremdbestimmt. Im Extremfall sind Mimik und Gestik ganz erstarrt. Er ist unfähig, zu lächeln, über sich selbst zu lächeln, entspannt zu lächeln, unfähig zur Entspannung, nur fähig zur Ironie, über andere zu lachen, Schadenfreude zu empfinden.

Viele sind im Berufsleben ganz andere Menschen als im Privatleben. Tragen als Banker eine Perücke und laufen nach Feierabend mit Sandalen und langen Haaren herum. Geben sich als Journalist emanzipiert und zu Hause als Macho. Halten im Beruf viel auf Etikette und stopfen sich zu Hause das Sauerfleisch mit der Hand in den Mund. Stellen als Manager ein idyllisches Familienfoto auf ihren Schreibtisch und huren privat herum.

Viele verhalten sich zu Hause anders als im Urlaub. Zu Hause sind sie spießbürgerlich, und im Urlaub lassen sie die Sau raus. Das Jahr über sind sie engstirnig, und im Urlaub sind sie liberal. Zu Hause sitzen sie vor dem Fernseher, und im Urlaub entdecken sie ihre Liebe zur Natur.

Viele werden beim Bumsen andere Menschen. Sonst ein Kavalier, stürzt er sich auf sie wie auf totes Fleisch. Sonst eine Dame von Welt, wird sie zum Kind, die sich unterwirft. Sonst auf Distanz, will sie plötzlich gequält werden.

Viele Männer verhalten sich zu Frauen anders als zu Geschlechtsgenossen. Behandeln jene als Kinder, Schmuckstücke, Schätzchen, Trophäen, Gebrauchsgegenstände und Menschen zweiter Klasse. Was sich dann fortsetzt gegenüber Menschen anderer Herkunft. Und gegenüber Kindern. Auch bei Frauen kommt dieser Bruch vor.

Viele Intellektuelle halten es für normal, sich unter ihrem Niveau zu amüsieren. Tagsüber am Konferenztisch und nachts im Rotlichtmilieu. Tagsüber die Zeitungen der Welt studierend und abends Comic-Strips verschlingend. Tagsüber Bücher schreibend und abends Fernsehshows konsumierend. Tagsüber Beichten entgegennehmend und nachts sich am Meßdiener vergreifend.

Besonders eindrucksvoll ist oft ein Bruch zwischen Repräsentation und Intellekt. Wenn man BILD im Mercedes sieht. Oder Zoten im Frack gerissen werden. Oder man als Präsident Ungereimtes stammelt. Oder als Kanzler Plattitüden von sich gibt. Nach außen hui, nach innen pfui.

Das führt schließlich zu einer Gesellschaft, in der Betrug, Maskerade, Show zur Regel werden. Dumm und benachteiligt, wer da nicht mitmacht. Die Scheinheiligkeit wird zur Tugend, der Bluff zur Regel, der Ganove zum Durchschnittsbürger.

Eine Kluft zwischen Feiertagsreden und Werktagstaten. Man redet von der einen Welt und schottet sich gegen Flüchtlinge ab. Jeder Arbeitsplatz müsse sich selbst verdienen; dann müßte er aber auch dem gehören, der ihn verdient hat. Was Demokratie genannt wird, ist in Wirklichkeit Hierarchie und Oligarchie. Eine angebliche Marktwirtschaft ist bei näherer Betrachtung Kartellwirschaft, ein angeblicher Rechtsstaat ein Korruptionsstaat. Sonntags wird von internationaler Arbeitsteilung geredet und werktags der internationale Vernichtungswettbewerb praktiziert. An Feiertagen redet man von der Kulturnation, und an Werktagen kämpft jeder gegen jeden. An Sonntagen hält man die Menschenwürde hoch, und die Woche über wird sie mit Füßen getreten. Die von der Freiheit des Individuums reden, vernichten meistens Identitäten. Sie reden vom Sozialstaat und polarisieren die Einkommen.

Ein Individuum wehrt sich instinktiv gegen einen Bruch, gegen eine Nichtbefriedigung seiner elementaren Bedürfnisse (essen, trinken, Schutz und vertraute Menschen) durch Notwehr. Diese führt zu scheinbar paradoxem Verhalten: Kannibalismus, Zuflucht bei anderen Lebewesen, Verharren der einsamen Geschlagenen bei ihrem Peiniger. Das ist der letzte Aufschrei der Identität vor ihrer endgültigen Spaltung.

Früher teilten sich Bischöfe/Fürsten die Menschen einer Region auf. Dann teilten sich die Nationen die Welt auf. Schließlich teilten sich Finanz- und Industriemächte die Welt auf. Das schafft böses Blut. Der Feudalismus lenkte es ab auf den Nationalismus, der Nationalismus auf den Imperialismus, der Imperialismus auf die Weltraumfahrt. Aber es klappt nicht so richtig. Der Widerspruch zwischen Elend und Reichtum wird immer größer. Beide Seite treffen sich aber noch in ihrer Habgier. Bei den Armen resultiert dieses Nichtsabgebenwollen, dieses Klammern an den Futtertrog aus der Zeit der langen materiellen Entbehrung und aus der Befürchtung, daß die Lebensmittel nicht für alle ausreichen könnten. Die Herrschenden klammern sich vorrangig nicht an den Konsum, sondern an die Güter, die sie noch an die Zeit erinnern, als sie einen Gott hatten, als sie Selbstbewußtsein hatten, als sie ihre Kraft noch aus der Natur zogen. Oberflächlich wird die Kluft noch einmal zugekleistert durch die allgemeine Habgier der Gesellschaft. Doch nicht mehr lange läßt sich der grundlegende Widerspruch unter dem Deckel halten.

DER GRUNDWIDERSPRUCH
der abendländischen Gesellschaft:

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung

Der Mensch ist ein Tier.

 

 

Jeder Mensch hat den Marschallstab in seinem Tornister.

Der Mensch ist ein Herdentier. 

 

 

Jeder Mensch wird danach beurteilt, was er zum Beweis der Thesen in dieser Spalte leistet.

Ein Tier lebt in der Regel genügsam.

 

 

wird immer nur weitergereicht, verdrängt, verschoben: Für viele Kinder ist das Familienleben/ die Vereinzelung /der Leistungsdruck oft der reine Streß. Brauchen sie statt dessen nicht eine Schule, in der sie auch Fehler machen können? Für viele Menschen ist die Schule/der Arbeitsplatz oft der reine Streß. Brauchen sie statt dessen nicht Spiele/Muße, wo sie auch Fehler machen können?

Dadurch, daß für den Grundwiderspruch immer noch ein Ventil da ist (Aufopferung, Barmherzigkeit, Samaritertum, Selbstverleugnung, Selbstzerstörung, Zerstörung anderer Menschen, Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage), muß er scheinbar nicht gelöst werden. Jetzt, da er manifest wird in der Form von Verwüstung, Klimakatastrophe, Tschernobyl, Ozonloch, Krebs, Allergien, Hungerkatastrophen usw. wird der Grundwiderspruch den abendländischen Menschen erst langsam bewußt. Der Grundwiderspruch besteht darin, daß der Leistungsdruck, sich als einzelnes Lebewesen am Leben zu erhalten, diese Leistung geradezu verhindert.

Schule heißt auf griechisch Muße. Der Begriff Leistung kommt bei Luther nicht vor. In diesem Sinne halten viele Eltern, Lehrer, Fürsorger, Sozialstaatsvertreter (in der Regel alles Frauen) möglichst lange ihre Hand über ihre Zöglinge und schützen sie unterbewußt vor dem falschen Anspruch dieser Gesellschaft. Aber durch diese karitative Haltung werden Menschen in Unmündigkeit gehalten und manipulierbar durch Menschen, die glauben, sie hätten den Marschallstab im Tornister. Zu jener Gruppe der Manipulierbaren/Verletzlichen kommt die vom Kapitalismus produzierte Gruppe der Manipulierbaren/Untertanen, die zusammen eine solide Basis für die Selbstzerstörung der abendländischen Gesellschaft abgeben - wenn der Grundwiderspruch nicht ins Bewußtsein gehoben wird.

Gewalt und Erduldung

Wir haben es also mit zwei Strömungen zu tun, die durchaus in ein und derselben Person oder Gruppe vorkommen können, auch in ein und demselben Volk, dort aber gesellschaftlich prägend sind, indem es besonders eine Schicht gibt, die die andere quält, beherrscht, Erwartungen an sie stellt, Ansprüche, Leistungsansprüche, scheinbar zum Erhalt des Volkes, in Wirklichkeit für den eigenen Profit, mit der Konsequenz der Zerstörung des Volkes und der Menschheit. Beide Strömungen, Gewalt und Erduldung, sind Symptome derselben Krankheit: einer existentiellen Angst. Der Zufall will es, daß die einen auf dieser Seite, die anderen auf jener Seite geboren werden. Die Krankheit ist manifest geworden in zwei sich gegenseitig sich bedingenden Gesellschaftsschichten/Haltungen.

Solange eine kranke Gesellschaft nicht das Bedürfnis entwickelt, sich zu therapieren (sich auf ihre Kräfte zu besinnen und über den Tellerrand zu schauen), schreitet der Zerfallsprozeß unaufhaltsam voran. Kranke können nicht Kranke heilen. Wenn Kranke sich zusammentun, schaden sie sich und ihrer Umwelt. In den folgenden Kapiteln beschränken wir uns auf die Darstellung der kranken Gesellschaft und unterstellen einmal, daß sie sich nicht krank fühlt, sich demzufolge auch nicht therapieren will. Wie sieht die kranke Gesellschaft aus?

Trifft ein verängstigtes, vereinzeltes soziales Lebewesen auf eine verängstigte Gruppe seiner Art, ist es ihr ausgeliefert; es entsteht eine Hierarchie. Sieht es andere Gemeinschaften als Alternativen oder kann es ein Stück weit seinen Weg allein gehen oder sieht es den eigenen Tod als Alternative, dann entsteht keine Hierarchie. In Hierarchien wird Gewalt ausgeübt. Wer also die Gewalt im Kapitalismus beseitigen will, muß schon bei der Männergesellschaft anfangen. Sich gegenseitig beherrschen zu wollen ist unüblich unter Lebenwesen gleicher Art. Nicht damit zu verwechseln ist die komplementäre Feldzuteilung: er ist z.B. für die Beschaffung von tierischem Eiweiß, sie für die Beschaffung von pflanzlichem Eiweiß zuständig, Arbeitsteilung, freiwillige Übernahme einer Rolle. Einen Artgenossen ohne Not unterjochen oder töten zu wollen, sich einem ohne Not zu unterwerfen oder sich ohne Not umzubringen kann nur pathologisch erklärt werden, durch die entsprechende Einbildung einer Not, einer Aggression.

Die existentielle Angst entsteht aus dem Gefühl, keine Menschen seines Vertrauens mehr um sich zu haben. Wer Menschen seines Vertrauens nicht mehr um sich hat, kann sich nicht entspannen, nimmt nicht die Realität wahr. Er bildet sich ein, der eigene Lebensunterhalt sei nicht gesichert, sei bedroht, die eigenen Lebensmittel müsse man sich (weil man allein sei) im Schweiße seines Angesichts selbst besorgen, und leitet daraus einen Besitzanspruch ab. Der Ordnungsdrang, der Drang, sich um mehr zu kümmern als um die eigenen Angelegenheiten, der Sauberkeitsfimmel/der Forschungsdrang/der Fortschrittsglaube/das Verlangen nach einem Staat bzw. nach einem starken Mann entsteht aus der Angst Vereinzelter, die eigenen Fähigkeiten könnten nicht ausreichen zur Bewältigung des eigenen Lebens. Der Vereinzelte und die ihn beherrschen wollende Gruppe sind also keine Gegensätze, sondern gehen aus derselben Quelle hervor: Die Angst, die Einbildung, nicht genügend Lebensraum und Lebensmittel und solidarische Artgenossen zu haben, bringt Gewalt hervor. Es wird also Krieg geführt.

Zum Krieg gehören (Waffenstillstands)Abmachungen, (Friedens)Verträge, Parlamentäre. Wer ein Gefühl der Zusammengehörigkeit hat, muß nichts aushandeln, schließt keine Verträge. Alles Vorhandene wird selbstverständlich geteilt. Selbstverständlich sorgt man sich um den Nächsten, weil man sich in ihm wiederfindet; wenn es ihm schlecht geht, geht es auch mir schlecht.

Es gibt nicht nur Waffenstillstandsverträge, sondern auch Ehe- und Arbeitsverträge. Das läßt darauf schließen, daß sich dahinter ein Kriegszustand verbirgt. Daß hinter Arbeitsverträgen ein Klassenkampf stattfindet, hat Marx schon entdeckt. Die Monogamie, ob nun vertraglich ausgesprochen oder nicht, ist ebenfalls ein Kriegszustand, weil sie einem gesunden sozialen Lebewesen nicht entspricht. Nicht daß Polygamie das Natürliche wäre, aber grundlegend für ein soziales Lebewesen ist das Leben in einer Gemeinschaft. Dazu muß man viele mögen dürfen. Das Sexuelle ist zweitrangig, es ist nicht konstitutiv für eine Gemeinschaft. Konstitutiv ist, daß man nur gemeinsam etwas bauen, schaffen kann. Das ist selbstverständlich, dazu bedarf es keines Vertrages, keines Handels. Aber wer - z.B. aufgrund der kapitalistischen Logik "Jeder gegen jeden" - riskieren muß, alleine dazustehen, wird versuchen, zumindest eineN (vertraglich) an sich zu binden. Und wundert sich dann, wenn selbst das perfekteste Liebespaar sich sagen muß: "Can you tell me how a perfect love goes wrong? ..." Irgendwas muß mit dem Begriff Liebe nicht in Ordnung sein, wenn er zu Aussagen führt wie: "Wären wir nicht regelmäßig über lange Zeit getrennt, wäre unsere Liebe schon lange in die Brüche gegangen." "I love him but I don't like him." Ehe, paarweises Zusammenleben ist ein Vertrag über den gegenseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge und über einen Ersatzanspruch für legitime Ansprüche gegenüber der eigenen Biographie und der Gesellschaft, die nicht erfüllt worden sind.

Handel beseitigt nicht die Vereinzelung, den Kriegszustand "Jeder gegen jeden". Liebe ist also nur eine Schimäre, eine Einbildung, Opium für das Volk. Natürlich ist die vertragslose Gemeinschaft, die freie Assoziation freier Individuen, die Zusammengehörigkeit, Sex, Erotik. Aber Liebe oder ein Liebespaar wird nur innerhalb des kapitalistischen Zusammenhangs verständlich, wie Religion innerhalb des patriarchalen Zusammenhangs. Also ja zum Bumsen, aber nicht aneinander klammern, sich nicht mit der Ein- oder Zweisiedelei zufriedengeben, nicht mit dem Eigenheim, nicht mit dem Einrichten und Aushandeln in vier Wänden. Aus der Not keine Tugend machen, die Not beseitigen, keinen Handel zwischen Menschen, keine Trutzburg der Einsamkeit. Wenn zwei Menschen sich kennenlernen wollen, ist das also nicht im Urlaub, beim Amüsement, im Bett oder vom Ansehen her möglich, sondern nur wenn sie etwas gemeinsam schaffen oder bauen. Für eine Lebensgemeinschaft sind zwei auch noch aus anderen Gründen zu wenig. Sie können ihre täglichen Probleme jeweils nur mit einem oder einer besprechen, erfahren nicht möglichst viele Aspekte einer Situation, werden eindimensional im Denken, verschließen sich womöglich auch noch diesem oder dieser einen PartnerIn, weil sie deren oder dessen Ansicht schon zu wissen glauben.

Was in dieser Gesellschaft sich unter Ehepartnern und eheähnlichen Partnern abspielt, ist deshalb eine einzige menschliche Katastrophe (genauso wie die Partnerschaft mit der Dritten Welt und die Partnerschaft für den Frieden). Ausgesprochen oder unausgesprochen sind sie durch einen Handel zustande gekommen. Du machst mir Kinder, ich stehe dir im Alter bei. Du beschützt mich vor Einsamkeit, ich beschütze dich vor Einsamkeit. Du sorgst für meinen Lebensunterhalt, ich bin für dich Schmuck. Usw. Der Gekaufte wird dann manchmal tatsächlich abgeführt wie ein Pferd vom Markt und (ein Leben lang) in der Öffentlichkeit an der Hand festgehalten, damit er/es nicht davonläuft. Das gibt es nur in der abendländischen Kultur. In anderen Kulturen ist das Händehalten Zeichen für einen Waffenstillstand zwischen zwei sich bekriegenden Parteien, hier auch. Nur 17 % der Ehen in Deutschland werden nicht irgendwann geschieden. Und es bleibt zu untersuchen, wie viele davon nur aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses zusammenbleiben, wie viele die Hölle sind und wie viele hierarchische Verhältnisse, aber keine Partnerschaften sind. Die Idee des paarweisen Zusammenlebens ist für ein soziales Lebewesen eine Krankheit. Ein soziales Lebewesen verkauft sich nicht. Paarweises Zusammenleben ist Prostitution.

Was im Geschlechterverhältnis als scheinbare Befreiung daherkommt (in anderen Kulturen darf man/frau sich nicht den/die PartnerIn aussuchen), ist in Wirklichkeit Handel über eine verdeckte Repression/Gewalt. Das gilt besonders für die Wirtschaftsprozesse im Kapitalismus: Berufsfreiheit, freie Wahl des Arbeitsplatzes, Freizügigkeit. Aber auch für zivile Prozesse: freie Wahl des Wohnorts, der Wohnung, des Arztes; jede Familie darf die Erziehung ihrer Kinder und die Pflege ihrer Behinderten selbst übernehmen. Freiheit:Jeder darf zusehen, wie er in einer durch Gewalt strukturierten Gesellschaft zurechtkommt. Was als Befreiung der Menschen in Europa, den USA, Japan, China begann, endete in der Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen, weil es in einer Gewaltgesellschaft keine menschlichen Beziehungen geben kann.

Wenn etwas zur Ware wird, geht sein Inhalt, hier die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, verloren. Des Händlers einziges Ziel ist es, seinem Mitbewerber durch Dumpingpreise eins auszuwischen. So handeln kann aber nur, wem es nicht um die Sache geht, sondern darum, einen Feind zu besiegen. Eine Krämerseele kann nur eindimensional denken: Freund/Feind, schwarz/weiß, weil sie leer ist, weil sie nur weiß, wogegen sie ist, aber nicht wofür. So hängen Untertanenmentalität, Handel und Gewalt zusammen. Andererseits scheint man/frau sich im Kapitalismus nur mit Schwarz/weiß-Schablonen behaupten zu können. Von Fesseln befreit, bewegt sich alles so schnell. Es scheint keine Zeit und Ruhe zu bleiben, auf die eigenen Sinne zu hören, nach der eigenen Erfahrung zu urteilen. Alles wird beurteilt auf der Basis von Geben und Nehmen. Nur die Behandlung einer Beziehung als Ware scheint eine schnelle Entscheidung zu ermöglichen. Reife Menschen aber erwarten nichts von ihren Mitmenschen; sie nehmen sie, wie sie sind. Einmal zur herrschenden Struktur geworden, produziert der Kapitalismus also unreife, leere, einsame Menschen. So schließt sich der Teufelskreis.

Gewalt braucht Untertanen, Menschen, die nicht in sich sind, sondern außer sich. Die meisten Menschen im Abendland leben außer sich. Z.B. die Deutschen leben, soweit sie Christen sind, in der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Soweit sie nicht Christen sind, sind sie mit ihren Gedanken meistens beim nächsten Essen, beim nächsten Urlaub, beim nächsten Karriereschritt, beim nächsten Statussymbol, beim nächsten Nervenkitzel. Als Vereinsamte leben sie in der Hoffnung auf ein Treffen mit dem nächsten Menschen. Und wenn sie dann ein Ziel erreicht haben, wissen sie nicht, was tun, reden von der nächsten Hoffnung, von dem nächsten Ziel. Was zwischen ihren Hoffnungen liegt, überbrücken sie mürrisch und widerwillig, erdulden es jedoch. Meist liegt fremdbestimmte Arbeit, Gewalt, dazwischen.

Angst ist also ein schlechter Ratgeber. Was man/frau zum Leben braucht, kann man/frau sich nicht kaufen, nicht mit Gewalt holen. Heraus kommen auf diese Weise nicht sinnliche Befriedigung, nicht Gemeinschaft, sondern Tod der Verängstigten, Selbstzerstörung.

Lebewesen leben in der Regel im Augenblick. Nur kranke, verängstigte Lebewesen sind außer sich, leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Erwartungen zu haben ist, wie schon gesagt, ein Zeichen von Unreife. Ein gesunder Mensch nimmt die Menschen und die Dinge, wie sie sind. Er nimmt sie, eignet sie sich an, erkennt sich in ihnen wieder, teilt sie mit anderen. Ein kranker Mensch distanziert sich von den Menschen und den Dingen, die ihn umgeben, er macht sie zu seinen Objekten, er konsumiert sie oder kauft sie.

Andererseits dehnt er sich über sie aus. Er hat ein Geltungsbedürfnis gegenüber seinen Mitmenschen. Er möchte aber auch von ihnen geschützt werden. Sie sollen ihn vor der bösen Welt bewahren, ihn lieber belügen, als ihm die Wahrheit sagen, den schönen Schein wahren. Unfähig, sich selbst eine Gemeinschaft zu suchen oder zu schaffen, sucht ein kranker Mensch Zuflucht in einer künstlichen Gemeinschaft, einer Gemeinschaft von Menschen, die ihn belügt, die Politik, Kunst und Wissenschaft betreiben zum Beweis, daß der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Widersprüche sollen nicht aufgehoben, sondern ausgehalten werden. Ausgesetzt in einer vielstimmigen Welt, verlangt er nach einer künstlichen Harmonie. Die sichert ihm die bürgerliche Gesellschaft - notfalls mit der Gewalt von künstlichen Hierarchien. Der Lösung der eigenen Probleme wird ausgewichen. Sie werden verdrängt durch Fiktionen. Fiktionen stoßen notwendigerweise mit der Realität zusammen. So kann der Glaube an Liebe, Reinheit und Heil zu einer ungeheuren Aggressivität gegenüber der bestehenden Welt führen.

Was das Leben ausmacht, sucht er außer sich: Heimat, Demokratie. Für ihn gilt nicht: Heimat ist da, wo meine Freunde sind; Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle. Er klammert sich an einen Verein, eine Gewerkschaft, eine Partei, einen Nationalstaat. Er glaubt nicht an eine Demokratie, solange man ihm nicht eine auf der Erde zeigt. Er fühlt sie nicht in sich; er hat nicht das Bedürfnis, partnerschaftlich mit seinen Mitmenschen umzugehen. Er kann einen andersartigen Menschen nicht gleichwertig neben sich gelten lassen.

Er spürt keine grundsätzliche Solidarität mit seinen Mitmenschen. Indem er sie nicht primär als Mitmenschen anredet, sondern als Juden, Schwarze, Ausländer, Behinderte, mißt er einer Eigenschaft unter vielen eine zu große Bedeutung bei, verliert aufgrund seines Außersichseins den Bezug zur Realität, kann aber dadurch den ihn bedrückenden Widerspruch weitergeben. "Wie gut, daß es anderen noch schlechter geht als mir." So drückt sich Gewalt, aber auch Mitleid aus; Mitleid ist nur eine andere Form von Gewalt. Wiederum durch eine Flucht aus der Realität dem Widerspruch (Ich soll die Krone der Schöpfung sein, und mir geht es so beschissen) ausweichen?

Ein kranker Mensch ist psychisch nicht belastbar. Er kann sich nicht einem Flugzeugpiloten oder einem Arzt vollkommen anvertrauen, weil er zu Begeinn seines Lebens keine Geborgenheit erfahren hat, immer noch auf sie wartet, auf sie hofft, außer sich ist, nicht im Augenblick leben, den Tod nicht akzeptieren kann. Er hat keine große Toleranzbreite. Er hält eine für richtig erkannte Position nicht durch, wenn "alle" dagegen sind. Er hat keine starke Identität, schwingt mit und ahmt nach, was gerade um ihn herum stattfindet, richtet sich nach angeblichen Mehrheiten und Autoritäten. Er hat ein übertriebenes Sauberkeitsbedürfnis, seine Augen und seine Nase sind überempfindlich. Er will am liebsten in Watte gewickelt im Sanatorium leben.

Wie dem Drang, die Erde zu beherrschen, eine krankhafte Angst vor Vernichtung von allen Seiten und sinnliche Empfindlichkeit zugrunde liegen, läßt sich am Beispiel der USA deutlich machen. Kein Staat will die USA vernichten, aber sie meinen, die Nummer 1 der Weltwirtschaft sein zu müssen. Da sie angeblich für Demokratie und freien Wettbewerb eintreten, können sie dieses Ziel nicht so direkt und diktatorisch angehen. Sie wollen es auch nicht, weil sie dafür ihre Haut lassen müßten. So nehmen sie die Moral zum Vorwand: Ihre Wettbewerber, EU und Japan, sperren sie aus ihrem Territorium aus, wenn jene Handel treiben mit dem "Reich des Bösen": Kuba, Libyen, Iran. Die Moral lassen sie jedoch fallen, wenn sie ihre Haut zu Markte tragen sollen, wie z.B. in Bosnien-Herzegowina. Sie tragen dort zur Aufrüstung bei gegen den Willen der EU, damit sie selbst abhauen können. Sie sehen nicht, wie sie durch ihre unbegründete Angst vor Vernichtung und durch ihre sinnliche Empfindlichkeit (Mutlosigkeit) ihre Vernichtung tatsächlich heraufbeschwören: EU und Japan werden langfristig nicht durch Moral aus dem angeblichen Wettbewerb zu verdrängen sein. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, in Tschetschenien und in Palästina werden langfristig auch auf die USA überschwappen.

Sekundäre Gewalt, deren sich die herrschende Gewalt bedient, entsteht bei den Ausgebeuteten und Unterdrückten. Vereinsamt, leer und ohne Profil, schaffen sie sich eine künstliche Identität, indem sie andere provozieren, verletzen, kaufen, damit sie durch deren Reaktion erfahren, daß sie überhaupt existieren und nicht alleine sind. Sie verletzen z.B. die Würde des/der anderen, wenn sie ihn/sie anquatschen ohne Rücksicht darauf, ob er/sie sich gerade auf was anderes konzentriert oder mit anderen spricht. Verletzen kann man/frau auch die Würde des/der anderen, wenn man/frau eine Beziehung ohne Erläuterung oder Abschied beendet, sich einfach nicht mehr meldet. Diese schon üblichen Verhaltensweisen zwischen Gleichgestellten oder gegenüber Untergebenen in scheinbar ganz harmlosen Situationen zeigen, wie diese Gesellschaft durch Gewalt geprägt ist. Diese sekundäre Gewalt kann ein Untertan auch gegen sich selbst richten. KeineR scheint sich deshalb an Masochismus und Sadismus in dieser Gesellschaft mehr zu stören; sie sind zu einem Kult geworden. Ohne künstliche Reize (der Gewalt/des Konsums) scheint keineR mehr sich seiner/ihrer Identität sicher zu sein.

So sind also die beiden Klassen beschrieben: die Gewalt ausübt, indem sie menschliche Beziehungen zu Handelsbeziehungen macht, und die Gewalt erduldet, indem sie sich die Befriedigungen ihrer Bedürfnisse verkaufen läßt, statt sie sich zu nehmen. Vielen angeblich Linken nötigt der Kapitalismus Respekt ab für die Art, wie er sich angeblich modernisiert, demokratisiert, den Bedürfnissen der Menschen angepaßt hat. In Wirklichkeit hat er seine Gewalt nur verschleiert mit folgenden Slogans, auf die die meisten Linken, insofern sie Außersichseiende sind, hereinfallen:

Davon lebt aber der Kapitalismus:

Der Kapitalismus lebt von den Außersichseienden.

Der Untertan

Wie die Praxis der herrschenden Klasse aussieht, wie sie funktioniert, ist zur Genüge beschrieben worden, erfahren wir täglich am eigenen Leib. Wie aber funktionieren wir selbst, wir Untertanen?

Der Untertan hat keinen Mut, das zu tun, was er für richtig hält. So bedrückt ihn immer etwas, oder er will von seinen kleinen und großen kriminellen Handlungen, mit denen er sich von einer Bedrückung zu befreien sucht, ablenken. Dazu tut er sich mit anderen ähnlicher Intention zusammen; sie einigen sich auf eineN SchwächereN, dem/der sie Fehler nachweisen und den/die sie so ausgrenzen. Untertanen versuchen, ihre Unterdrückung vergessen zu machen, indem sie andere diskriminieren.

Wie die Gesellschaft, in der er lebt, gespalten ist, ist auch der Untertan selbst gespalten. Ein Riß geht durch seine Seele, er kann sich keine Identität geben. Er kann sich nicht schlüssig werden, wozu er letzten Endes lebt. So wagt er auch nicht, an das letzte Ende zu denken; er hat Angst vor dem Tod. Er verficht die Ideologie, es gebe ein Leben nach dem Tod; insofern sei der Mensch die Krone der Schöpfung.

Mit einer gespaltenen Seele kann man kein Qualität produzieren. Weder die Neurose noch die schlechte Arbeit will man jedoch wahrhaben; man lastet sie anderen an (Mobbing). Wenn man Probleme mit einem Artgenossen hat, holt man einen stärkeren zu Hilfe und zwingt dem anderen den eigenen Willen auf oder nimmt die Position des stärkeren ein. All die kaputten Seelen glucken zusammen, dienern gegenüber angeblich Höheren und treten auf angeblich Niederere. Was auch nur das geringste Zeichen von Schwäche zeigt, wird getreten: Unausgegoren sei es, alles schon mal gesagt. Deshalb können Untertanen nie das Neue erkennen, nie dem scheinbar Schwächeren seine Würde lassen. Sie blicken zu Autoritäten auf und tyrannisieren Menschen. Sie sind aufbrausend und nachgebend zugleich. Sie schmeicheln sich ein und fallen in den Rücken jedwedem, unfähig zur Partnerschaft. Unfähig auch zur Partnerschaft mit sich selbst und mit der Natur. Seine Herkunft, seinen Körper, seine Situation nicht annehmend, nicht mit sich im reinen, ständig motzend. Sich selbst und seinen Artgenossen nicht eingestehend, was einen wirklich bewegt.

Untertanen haben die Verbindung zur Realität verloren. Sie halten sich an das, was sich schickt. Sie haben einen Sauberkeitsfimmel. Sie teilen nur ihren Abfall mit anderen. Essen und Bumsen und Reisen sind ihnen sehr wichtig. Eine Kluft zwischen der intendierten Identität und ihren Realisierungschancen, was letztlich dazu führt, daß ein Untertan diese Realität gewaltsam realisiert, künstlich und wissenschaftlich. Eine Hierarchie wird aufgebaut: "Es gibt Autoritäten (Wissen außer mir)." "Es gibt Exotisches (mir Fremdes)". "Es gibt Kunst, Wissenschaft und Politik (den Menschen gegenüber anderen Lebewesen Hervorhebendes)." Gewaltsam konstruiert, abgehoben von jeder Realität.

Wer mit jemand zusammenleben möchte, sollte ihn vorher kennenlernen. Wer aber krank ist, ist so mit sich beschäftigt und in sich befangen, daß er weder Raum noch Zeit hat, den andern kennenzulernen. So gehen Untertanen Freundschaften ein, in denen der eine an die See und die andere in die Berge will. Sie machen ihren Feind zum Freund. Sie fordern Moral, wo sie selbst kriminell sind. Sie äußern sich über dieselbe Situation gleichzeitig euphorisch und negativ.

Dieses gespaltene Verhalten aus Mangel an Muße, an Reflexion findet sich auch bei Gruppen von Untertanen: "Wir mischen uns nicht ein. Löst eure Probleme selbst." So sagt z.B. Frankreich zu Algerien und mischt sich kräftig ein. "Wir sind Demokraten. Wir können Andersdenkende ertragen." So sagen z.B. die Deutschen und diskriminieren Andersdenkende kräftig bei der Eröffnung des 13. Deutschen Bundestags. So sagen z.B. die Linken: "Wir lehnen den Kapitalismus entschieden ab, leben aber nicht die Alternative." Sie klammern sich an das Bestehende. Wenn etwas schiefgeht, sind die andern schuld. Wenn etwas gelingt, ist es ihr Verdienst. Unfähig zu kollektivem Handeln, Einzelkämpfer. Die Würde des andern nicht anerkennen können, ihm dauernd ins Wort fallen, wie einem etwas einfällt, sich und seine Bewegungen nicht unter Kontrolle haben, reflexartige Äußerungen des Innern.

Die Untertanen leiden natürlich unter dieser Vereinzelung und versuchen sie aufzuheben. Mit einem ungeheuren Harmoniebedürfnis. Sie passen sich reflexartig ihrer Umgebung an und können andere Meinungen nicht ertragen. Brot und Spiele, Konsumartikel und Drogen, Feiern und Ästhetik sollen die Gemeinschaft wiederherstellen.

Oder sie schaffen sich Mitmenschen in ihre Umgebung durch das Helfersyndrom (jemand unter sich haben, dem es noch schlechter geht, der noch schlimmer ist) oder durch das Dienersyndrom (sich aufopfern für Menschen). Dadurch wird eine Hierarchie geschaffen, die Unfähigkeit zur Partnerschaft, die Vereinzelung bleibt bestehen. Kann ein Untertan nicht mehr auf Menschen über sich oder unter sich zurückgreifen, weil er diese Selbsttäuschung erkennt oder weil sie sein parasitäres Verhalten nicht mehr billigen, dann merkt er, daß er in sich keinen Halt hat, und versucht sich durch Wallanlagen, durch Häufung von Gütern, die er allein gar nicht braucht, zu stabilisiern: Investitionsgüter, Statussymbole, Repräsentation, Kultur, Wissenschaft, Politik.

Beide Versuche, die Vereinzelung aufzuheben, der Weg über Drogen und der Weg über Wallanlagen, schaffen Bedürfnisse, von denen der Kapitalismus lebt. Kein Kapitalismus ohne Untertanen. Aber der Kapitalismus produziert auch Untertanen, indem er Menschen zwingt, sich isoliert (als Arbeitskraft) zu sehen und sich entsprechend zu verkaufen. Im Grunde geht es darum, daß ein Mensch seine Kraft nicht mehr aus seiner Natur ziehen kann. Er schafft sich eine künstliche Natur: Manisches Haben, Horten, Vermehren als Antrieb des Kapitalismus und als Ersatz für Religiosität (Verwurzeltsein in der Natur). Denn der Untertan ist nicht nur Kapitalist, sondern auch Atheist.

Ein Untertan kann seine Identität nur über Dritte finden, nur von außen bestimmen; er muß sie finden, er kann sie nicht aus sich heraus entwickeln. Über Mitleid für Schwächere stellt er fest, daß er gebraucht wird, oder über das Jammern über die widrigen Umstände, über den Kapitalismus. Auch der ist ein Untertan, der sich sowohl von den Schwächeren als auch von den widrigen Umständen zurückzieht und froh ist, daß es ihm nicht so geht, bzw. darauf achtet, diese Welt und diese Menschen von sich fernzuhalten (Idylle) und das Leben für sich zu genießen (Hedonismus). Er definiert sich schon aus seinen eigenen sinnlichen Bedürfnissen; aber er verabsolutiert sie. Er ißt, um zu essen, nicht um sich anschließend wieder öffentlich einzumischen. Er schläft gut, um zu schlafen, nicht um sich anschließend wieder öffentlich einzumischen. Kein Untertan ist erst, wer seine sinnlichen Bedürfnisse befriedigt, um sich öffentlich einzumischen, um seinen Mitmenschen nützlich zu sein.

Der deutsche Untertan hat das Dritte Reich ermöglicht, indem er empfand: Es gibt etwas außerhalb von mir, was mir sagt, was ich tun muß (Pflicht). Er empfand nicht: Alles, was ich tue, bestimme ich selbst. Der deutsche Untertan hat das Dritte Reich ermöglicht, indem Einmischung in öffentliche Angelegenheiten nicht selbstverständlich zu seiner Identität gehörte (Idylle): Jeder von uns will doch nur sein Lebensglück. - Unfähig zur Selbstbestimmung, ohne wirkliche Identität, kein soziales Lebewesen.

Zum Untertan gehört die Unterwelt, die Menschen, die mit der Welt, wie sie ist, nicht zufrieden sind und sich heimlich holen, was sie brauchen. Sie erledigen während der Arbeitszeit ihre privaten Geschäfte, klauen vom Unternehmen, was sie gebrauchen können. Verfälschen ihren Familienstand und ihre Einkünfte, um an Sozialwohnungen zu kommen, bedienen sich öffentlicher Gelder, um persönlich zu glänzen. Betrügen das Finanzamt, wozu hauptsächlich die Selbständigen in der Lage sind. Manipulieren ihren medizinischen Zustand so, daß sie verbeamtet werden, und dann wieder so, daß sie vorzeitig pensioniert werden. Umgehen Wirtschaftsgesetze. Agieren wie die Scientologen.

Aus dieser Aufzählung ist zu ersehen, daß diese weithin unbekannte Unterwelt sich in der Mehrzahl aus Angehörigen der mittleren und oberen Einkommensschichten zusammensetzt. Was üblicherweise als Unterwelt bezeichnet wird, setzt sich aus Angehörigen der unteren Einkommensschichten zusammen, die nicht gebildet genug sind, um Gesetze zu dem Zweck zu machen, daß sie (von ihnen) umgangen werden. Bildung hier verstanden als Überlebenstechnik im Kampf "jedeR gegen jedeN".

Dieses verquere Denken der bürgerlichen Untertanen pflanzt sich fort bis zum Präsidenten einer solchen Gesellschaft, der sagt, man wolle nicht auftrumpfen in der Welt, aber wenn sie sich den eigenen Interessen widersetze, müsse man sie notfalls militärisch zur Räson bringen. Eine bürgerliche Gesellschaft, deren Menschen mit ihr nicht zufrieden sind, bringt also in diesen Menschen ihren eigenen Widerpart hervor, der allerdings auch keine Alternative anzubieten hat, sondern nur militärische Lösungen und damit den eigenen Untergang. Unzufrieden sein, dagegen sein reicht also nicht, das ist noch lange nicht links.

Nach den vergeblichen Versuchen einer gespaltenen Seele, sich eine Gemeinschaft zu schaffen, kann sie noch regredieren, sich aus Orientierungslosigkeit in ein/ihr Schneckenhaus zurückziehen, Kind werden, sich entmündigen lassen von einem Anwalt, sich aufgehoben fühlen in einer bestimmten Ideologie, in den Armen einer Frau/eines Mannes oder im Volkslied. Ein gefundenes Fressen für kapitalistische Politiker, die gerne Anwalt sind für das gemeine Volk, das schwache Geschlecht, die armen Kinder, die schwer Behinderten und überhaupt alle. Sicher aufgehoben sein kann ein Mensch aber nur in (den Gesetzen) der Natur.

Die Untertanen äußern in der Regel nicht ihre in diesem Abschnitt genannten Beweggründe, weil sie ihnen nicht bewußt sind oder sie sie nicht zugeben wollen. Deshalb ist auf das Schweigen der Untertanen zu achten: Sie führen was im Schild, die Kranken, worüber sie nicht reden können oder wollen. Sie wollen wieder zurück in den Mutterschoß, als Erwachsene. Sie regredieren, sie werden reaktionär.

Woran sind die Untertanen in der Regel zu erkennen? Sie können nicht zugeben, daß sie einen Fehler gemacht haben. Sie sind beziehungsunfähig, gefühlsarm, arm an Argumenten, aber reich an Spott und Ironie. Sie bereichern sich legal und illegal, sind korrekt gekleidet, gesittet, untergebracht und in Arbeit. Sie verkaufen die Zerstörung der Natur und die materielle und psychische Verelendung als Fortschritt und glauben, kaufen zu können, was das Leben ausmacht. Sie haben Angst, zu kurz zu kommen, frustriert zu werden und zu sterben. Sie projizieren ihre Ängste und ihre Krankheiten in andere. Sie laufen rum mit schlechtem Gewissen und Schuldkomplexen und träumen vom Frieden und von der Natur. Sie treten auf in Rudeln, Nationen, Interessenverbänden und Parteien. Sie berufen sich auf Verantwortung, Bluthundbereitschaft und Opferbereitschaft, die angeblich von ihnen verlangt werden. Sie versuchen, die Parität wiederherzustellen mit Wendungen wie diesen: "In der Wohnung dieses berühmten Mannes liegt der Staub fingerdick." "Der will mich dauernd belehren; das weiß ich doch schon alles."

Der Kriminelle

Wir haben im letzten Abschnitt gesehen, wie die ach so schwachen Untertanen leicht ins Kriminelle abgleiten können. Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter und behaupten, Gewalt kommt von Menschen, die sich schwach fühlen. Wir können die Bipolarität von Herrschern und Beherrschten nicht weiter aufrechterhalten. Beide sind, wie wir gesehen haben, von Gewalt geprägt. Die Herrscher sind die Kehrseiten der Beherrschten, Herrscher sind unterschwellig Beherrschte, zwei Ausdrucksformen desselben Krankheitsphänomens. Gewalt geht in der Regel vom Schwächeren aus. Gewalt ist dem Menschen nicht angeboren, sondern ist Symptom eines Defizits, einer Erkrankung, einer Schwäche, die er fühlt, wenn sich ihm niemand mehr freiwillig unterordnet oder ihn freiwillig beschützt oder wenn er meint, kollektive Tätigkeiten wie das Betreuen von Kindern, das Erhalten eines Hauses, das Verändern einer Gesellschaft allein machen zu müssen. Die Schwäche besteht auch darin, Menschen, die anders sind und anders leben, in solchen Situationen nicht ertragen zu können. Menschen, die auf eigenen Füßen stehen können, fühlen sich in solchen Situationen nicht schwach. Aber auch schwache Menschen toben in solchen Situationen nicht gleich wie ein Berserker, sondern üben ihre Gewalt zunächst heimlich und im kleinen aus, versuchen, Andersartige hintenherum zu diskriminieren. Erst wenn sie dann (unter Kranken) auf wenig Widerstand stoßen und ihre Opfer sich nicht wehren oder nicht abhauen, werden die allein gelassenen Schwachen brutaler, siehe Hitler. Aus Angst zu unterliegen fühlt der Schwächere sich in eine Offensive gedrängt und glaubt, ein unüberlegter Angriff sei die beste Verteidigung. Man muß sich den Faschismus als die politische Variante einer Untertanenhaltung vorstellen: Den eigenen Defekt, die gespaltene Identität, die Krankheit auf Schwächere projizieren, mit Menschen gleicher Störung zusammenglucken und gucken, wer sich nicht wehren kann, wer keine Lobby hat. Kein eigener geistiger Entwurf, die Begründung für das eigene kriminelle Handeln eklektisch zusammenklauen, ein Idol, eine Autorität aufbauen (Hitler wollte wie der Papst sein: unfehlbar), an dem sich der Untertan, das Kind, orientieren kann. Keine Alternative, da nicht selbst denkend. Ausweglos.

Geld ist aggressiv, sagt der Kapitalist. Wir betrachten deshalb auch "erfolgreiches", rücksichtsloses Geschäftsgebaren als Gewalt, als kriminell. Deborah Denno hat diesen Zusammenhang genetisch nachgewiesen. Wie kommt es zu der Geschäftigkeit, dem Aktionismus eines Kapitalisten? Seiner auf äußerlichen Erfolg orientierten Brutalität? Aus welcher Schwäche ist die entstanden?

Die Deutschen waren sich ihrer Schuld am größten Verbrechen gegen die Menschheit durchaus bewußt. Ihre gespaltene Identität lastete so schwer auf ihnen, daß sie sie nicht aufarbeiten konnten, sondern in einen hilflosen Aktionismus verfielen: Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, nur nicht nachdenken, freie Fahrt für freie Bürger, Marktwirtschaft, Kapitalismus. Ähnlich geht es heute den Abendländern, wenn sie ihre Schuld an dem katastrophalen Zustand des Ökosystems Erde erkennen sollen. Sigrun Preuss: Ihre Antwort auf diese Erkenntnis ist eine eher hilflos anmutende, ungeheure technologische Anstrengung. Sie bleiben weiterhin in der Illusion der Machbarkeit verhaftet und glauben ihren Omnipotenzphantasien, die an Natur und Mensch angerichteten Schäden wieder beheben zu können. Das schlechte Gewissen macht geschäftig. Das Unvereinbare vereinbar machen wollen: Den Ausstoß von Kohlendioxid drastisch reduzieren und trotzdem freie Fahrt für freie Bürger auf deutschen Straßen und Autobahnen, auch bei Smog und Ozon, trotzdem keine drastische Erhöhung der Mineralölsteuer. Bei der Vergabe von Entwicklungshilfe den Menschenrechten verbal Priorität einräumen und praktisch lukrative Geschäfte machen mit verbrecherischen Systemen wie China und Iran.

Das Kriminelle dieser Haltung tritt zunächst nicht offen zutage, sondern äußert sich in scheinbar unpolitischen Formulierungen eines Untertanen bis in die Regierungsebene hinein:
"Ich fühle mich wohl in dieser Gesellschaft. Eine Alternative brauchen wir nicht."
"Wir haben hier eine Demokratie und einen Rechtsstaat."
"Wir sind alle krank."
"Mitleid mit den Schwachen."
"Das Schema rechts/links ist überholt."
"Jeder amüsiert sich unter seinem Niveau."
"Was sagen die Meinungsumfragen? Was sagen die Fachleute? Das zählt."
"Definitionen und Bekenntnisse zählen."
"Politik ist ein schmutziges Geschäft. Spielen wir lieber."
"Wir wollen Harmonie mit allen." (Kohl duzt sich mit allen.)
"Wir dürfen uns international nicht isolieren."
"Was erwartet die Welt von uns?"
"Was sagt das Ausland zu unseren Rechtsradikalen?"
Das Kriminelle an diese Aussagen ist das Unterdrücken jeder Alternative zu diesem menschenunwürdigen System. In Wirklichkeit findet hier ein Krieg statt: jedeR gegen jedeN. Hier findet Kapitalismus statt.

Daneben hat diese Gesellschaft zum Verschnaufen ein Lazarett und ein Sanatorium eingerichtet:
"Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein."
"Das Glück zu zweit."
"Ich möchte verwöhnt werden."
"Genießen."
"Seid nett zueinander."
"Mit Ästhetik die Brutalität erträglich machen."
"Man gönnt sich ja sonst nichts."

Wer diese beiden Hälften der Gesellschaft nicht sauber voneinander trennen kann, wird psychisch krank, weil er hin- und hergerissen wird. So kommt es zur für diese Gesellschaft typischen Immunschwäche, zu Krebs, Aids ... Oder wer die Hälften nicht sauber trennen kann, hebt den Riß scheinbar durch Drogen auf. Diese Gesellschaft ist also eingeteilt in Krieg und Lazarett mit einem Unterbau von Menschen, die überhaupt nicht mehr Herr/Frau ihrer Sinne sind.

Nicht zu vergessen sind jedoch jene, die sagen: Das alles ist nicht meine Welt. Gleichwohl sind sie bereit, ihre Welt zu verteidigen. Aber das sind die anderen, die SozialistInnen; über die reden wir später.

Die Sitten der Gesellschaft

Wie funktioniert diese kriminelle, kriegerische und kranke Gesellschaft? Das Bürgertum gibt den Ton an. Einst revolutionär gegenüber dem Feudalismus aufgetreten, kann es, einmal an der Macht, diese Gesellschaft nur noch durch Schein erhalten. Nach der Werbung zu urteilen, die meistens weiß, wo dieser Gesellschaft der Schuh drückt, haben die BürgerInnen dieser Gesellschaft ein dringendes Bedürfnis nach Menschlichkeit, Lebenskultur, Abenteuer, Sinnlichkeit, Freiheit, alles Dinge, die sie zu bieten vorgibt. Die Bürgerlichen werden nicht mehr ihren eigenen Ansprüchen gerecht: minimalen Anstand bewahren, zivil miteinander umgehen, zwischenmenschliche Konflikte nicht mit Gewalt lösen. Nicht weil sie nicht mehr wollen, sondern weil sie nicht mehr können. Dieses Verhalten nennen wir krankhaft: seine eigenen Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle haben. Egal, ob links oder rechts.

Immer wenn wir uns vorgenommen haben, lieb zueinander zu sein, zerstreiten wir uns wieder. Immer wenn wir ganz von vorne anfangen wollen, enden wir wieder im Streit. Immer wenn wir uns berühren, zucken wir zurück Wir haben uns nicht mehr unter Kontrolle. Der Meinung sind auch die, die in dieser Gesellschaft angeblich den Durchblick haben, und empfehlen uns Partnerberatung und Supervision. Das sei alles nicht so schlimm, diese Gesellschaft verfüge über genügend Instrumente, um gestörte Beziehungen wiederherzustellen. Das komme in den besten Familien vor. Jeder könne mit diesen Hilfsmitteln seine persönlichen Fehlreaktionen korrigieren und sein Leben wieder ins Lot bringen:

Kontaktanzeigen
Eheberatung
Single-Clubs
Geselligkeiten
Genuß anderer Kulturen
Konsumartikel
Kunstgenuß
LAT (Living Apart Together)
LAP (Lebensabschnittspartner)
Freundeskreise
Vereine
Kinder
Ehefrauen
Drogen

Immer mehr Menschen machen die Erfahrung, daß diese Hilfsmittel nicht helfen. Sie haben die leise Ahnung, daß der Fehler vielleicht doch nicht bei ihnen, sondern in der Grundstruktur dieser Gesellschaft liegt. Die Grundstruktur einer Gesellschaft spiegelt sich am besten in ihren Sitten. Greifen wir einige heraus. Glaube, Liebe, Hoffnung, Arbeit, Drogen sind charakteristisch für die bürgerliche Gesellschaft.

Glaube ist Opium für das Volk, für den verunsicherten Teil des Volks. Es gibt Gruppen von Lebewesen, die ohne Glauben auskommen, weil sie sich noch auf ihre Sinne verlassen können; mehr brauchen sie nicht zum Leben. Wer meint, sich nicht mehr auf sich selbst verlassen zu können, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, braucht einen Gott. In der abendländischen Gesellschaft nimmt die Zahl der zu, die nicht das Bedürfnis nach einem Gott haben, die ganz gut ohne einen Gott klarkommen.

Liebe, wie wir sie verstehen, kennen andere Kulturen nicht. Dort gibt es weder eine ausschließende Zweierbeziehung, noch steht Sex im Mittelpunkt eines individuellen Lebens. Man bleibt in Gruppen zusammen. Dort interessiert in erster Linie: Wer ernährt wen? Wieviel Land braucht er dazu? Unter diesen Gesichtspunkten werden die Menschen (oft schon vor ihrer Geburt) einander zugeordnet. Sind die Heranwachsenden mit dieser Zuordnung nicht zufrieden, regelt die Gruppe die Unstimmigkeiten oder die Heranwachsenden suchen sich eine andere Gruppe; Beziehungsschwierigkeiten müssen nie zwei allein bewältigen. Der Zwang, zu zweit zu leben, wird als Gewalt empfunden. Auch was wir unter Liebe verstehen, weist auf Gewalt hin. Besonders in Deutschland ist es üblich, daß ein Liebespaar sich an der Hand hält. Das ist in anderen Kulturen ein Zeichen für Waffenstillstand: frühere Feinde gehen Hand in Hand, um zu zeigen, daß der Krieg vorüber ist. Waffenstillstände werden durch Verträge besiegelt, damit man/frau sich wieder unter Kontrolle hat. So gibt es Eheverträge zu dem, was wir unter Liebe verstehen. Solche Verträge zwischen zwei Menschen können auch unausgesprochen existieren. Jedenfalls sind es immer Verträge zwischen zwei ungleichen "Partnern". JedeR stellt bei sich einen Mangel fest, bindet und zwingt den andern oder die andere vertraglich, diesen Mangel auszugleichen. Handel ist nur "zivilisierte" Gewalt. Wir benutzen einander und nennen es Liebe (Tennessee Williams). Ehe ist ein Vertrag über die gegenseitige Nutzung der Geschlechtswerkzeuge (Friedrich Nietzsche).

Liebe als Nachholen versäumter Nestwärme. Psychisch gestörte Kinder konnten erfolgreich therapiert werden, indem sie noch vor der Pubertät mit im elterlichen Bett schliefen. Verliebte Erwachsene reden sich mit Baby an und haben einen Bruch in ihrer Rede- und Verhaltensweise, wenn es um Liebe geht. Wärmende Berührung kann man/frau sich auch über einen Kontaktservice kaufen, der auch Liebesdienst genannt wird. Dadurch kommt es zur Illusion, das Fehlen von Nestwärme sei nicht so schlimm, weil reparabel - über den Kommerz. Das scheinbare Beheben eines existentiellen Defekts mit Mitteln des Markts, auch das ist Liebe.

Liebe als gewaltsame Bändigung sexueller Bedürfnisse. Was wir unter Liebe verstehen, gibt es in unseren Breiten erst seit dem Mittelalter, als (Grund)Besitzansprüche aus einer solchen Verbindung abgeleitet wurden und die frühere Polygamie (Frau und Konkubinen) unter Fürsten zu ökonomischen Schwierigkeiten geführt hätte. Mit dem Minne-Ritual wurden die Adligen spielerisch zur Enthaltsamkeit angehalten. Bis dahin gab es das Wort Liebe nur in der Bibel, die darunter charity, caritas, Teilen versteht. Diese natürliche menschliche Eigenschaft ist in der abendländischen Kultur verlorengegangen. Zurückgeblieben ist die verkrampfte Fiktion von Liebe.

Liebe als gewaltsame Überwindung der Vereinzelung in dieser Gesellschaft. Der Kapitalismus produziert Vereinzelung und lebt von Vereinzelung. Unterbewußt wehrt sich der/die einzelne dagegen durch die Gewalt-/Unterwerfungsmaßnahme Liebe. Zwei klammern sich aneinander. Nur in der abendländischen Kultur gibt es den Engtanz. In anderen Kulturen wird der Mensch nicht als Objekt benutzt, steht die Sexualität nicht zwanghaft im Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens. Das Tamtam, das wir um die Sexualität machen, wirkt auf andere Kulturen so, als ob wir ein Tamtam um das Scheißen machten. Darüber haben wir vergessen, daß es wichtiger ist, Brot, Wasser, ein Dach über dem Kopf und vertraute Menschen um uns zu haben.

Einige erinnern sich wieder daran, weil sie das nicht brauchen, was wir unter Liebe verstehen. Unsere Gesellschaft hat mittlerweile auch Instrumente für ein friedliches Zusammenleben entwickelt, so daß der zwangsweise Frieden in Form von Liebespaaren nicht mehr nötig ist: soziale Sicherung für jedeN, Recht auf Selbstbestimmung, Recht auf öffentliche Diskussion, Gewaltmonopol (bei auf Zeit gewählten und kontrollierten Mitmenschen, die von Amts wegen überall dort eingreifen müssen, wo Konflikte irrational, d.h. militärisch, gelöst werden), Recht auf Menschenwürde, partnerschaftlicher Umgang zwischen Mann und Frau und Kind. Recht auf soziales, physisches und psychisches Wohlbefinden.

Das Leben eines gesunden Lebewesens besteht im wesentlichen aus Sein, nicht aus Konsumieren. Das Verhältnis zwischen gesunden sozialen Lebewesen wird im wesentlichen vom Gefühl der Zusammengehörigkeit bestimmt, nicht vom Sex. GenossIn statt GeliebteR.

Alles, was über das Gefühl der Zusammengehörigkeit, Erotik, Sex hinaus unter Liebe verstanden wird, bezeichnen wir hier als krankhaft. Zusammengehörigkeit im Sinne von Anerkennung der Andersartigkeit des andern und von Sichwiederfinden im andern, also im Sinne von Partnerschaft. Unter Liebe wird hierzulande meistens Hierarchie verstanden, Gewalt; daraus wird auch dann keine Partnerschaft, wenn der andere in die Gewalt einwilligt und aus der Erduldung einen Lustgewinn zieht; Sadismus und Masochismus sind krankhafte Erscheinungen. Zusammengehörigkeit kann man natürlicherweise nicht nur mit einem empfinden. Wird also unter Liebe nur das Gefühl der Zusammengehörigkeit verstanden, muß man bereit sein, sie zu teilen: Solidarität mit Menschen seines Vertrauens. Erotische und sexuelle Gefühle kann man zeitgleich immer nur in bezug auf eine Person haben.

Wer nicht in einer Gemeinschaft lebt, lebt verkehrt. Unter Gemeinschaft verstehen wir hier Menschen, zu denen man Vertrauen hat. Wer zu zweit oder allein lebt, überfordert sich in der Regel, ob mit oder ohne Kinder. Bei den meisten angeblichen Ausnahmen entdeckt man die krankhafte Komplementarität von Über- und Unterordnung. Krankhaft ist auch die Überbetonung des Sex bei Menschen, die allein oder zu zweit leben. Ein Gemeinschaft wird durch Selbstversorgen und Teilen zusammengehalten, durch eine gemeinsame Sorge, nicht durch Sex. Also nicht: Einzeln sich suchen und dann zusammen etwas machen. Sondern: Mit mehreren zusammen etwas machen und dann sich finden, näher zu zweit zusammenrücken, eventuell auch zu dritt und zu viert. Viele werden sagen, das machen wir eh' schon. Der entscheidende Unterschied liegt darin, daß "in einem bestimmtem Alter" man sich nicht aufmacht, um einen "Partner" zu suchen, sondern sich aufmacht, um Menschen seines Vertrauens zu suchen, mit denen man ohne Erwartung, ohne Hintersinn, ganz allein auf eigenen Füßen stehend ein Haus oder ein Dorf baut oder sonst etwas macht und unter denen man eventuell sexuell auch allein bleibt.

Hoffnung kennen manche Kulturen gar nicht. Ihre Sprachen kennen keine Zeitformen. Nur mit Mühe kann man gestern und vorgestern, morgen und übermorgen ausdrücken. Vergangenheit und Zukunft gibt es für diese Menschen nicht, auch nicht Nostalgie und Hoffnung. Wir im Abendland bilden uns etwas darauf ein. Wessen sinnliche Fähigkeiten den Widerwärtigkeiten des Lebens gewachsen sind, der muß nicht zwanghaft in Vergangenheit und Zukunft fliehen. Der lebt im Hier und Jetzt und nicht in Regression und Progression. Der mischt sich in die Gegenwart ein, in das augenblickliche öffentliche Leben, ohne dabei an sich und seinen persönlichen Vorteil zu denken. Den Griechen war das Sicheinmischen in eine öffentliche Angelegenheit noch ein natürliches Bedürfnis. Sie nannten einen Menschen, der sich nur mit seinen eigenen Ideen befaßt und nicht mit dem, was um ihn herum vorgeht, einen Idioten. Es gibt aber auch bei uns schon wieder Menschen, denen es reicht, in der Gegenwart zu leben, die ohne Fiktion und ohne Hoffnung auskommen. Wie jedes normale Lebewesen.

Arbeit ist Mühe. Noch im Mittelalter war es eines Menschen nicht würdig zu arbeiten. Es gibt Kulturen, die diesen Begriff nicht kennen. Noch bei Luther kommt der Begriff Leistung nicht vor. War es nicht einmal so, daß Menschen sich nicht um ihren Lebensunterhalt mühen mußten? Die Kokosnüsse fielen allein von den Palmen. Als die Menschen dann nordwärts zogen, war die Vegetation nicht mehr so üppig; aus den Sammlern und Jägern wurden Nomaden. Und als alle Weiden abgegrast waren, mußten sie sich etwas Neues einfallen lassen: Kulturen anpflanzen, Vorrat halten, arbeiten. In der Kategorie von Haben und Nichthaben denken. Es gibt Kulturen, die nicht unseren Begriff Haben kennen. Aus der Not kamen einige Menschen auf die Idee, zu arbeiten und zu haben. Damit isolierten sie sich jedoch von ihren Mitmenschen. In einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft wird der einzelne davon abgehalten, seine eigenen Fähigkeiten und Grenzen, seine Identität zu erkennen. So entstand der Kapitalismus: Namenlos in der Isolation.

Wo die Menschen vom Teilen (der herunterfallenden Kokosnüsse) lebten, hatte der Kapitalismus keine Chance. Die Menschen haben sich mittlerweile Instrumente geschaffen, die ein Teilen auch in unwirtlichen und dichter besiedelten Gebieten erlauben. Sie ermöglichen ausreichend Lebensmittel für jedeN. Die Verteilungskapazitäten sind vorhanden; es muß nur (gerecht) verteilt werden. Die Gerechtigkeit muß ins Offene kommen, darf nicht nur Lippenbekenntnis sein. Für Deutschland heißt das z.B. eine monatliche Grundsicherung von 2500 DM netto monatlich für jedeN. Dann kann jedeR von fremdbestimmter Arbeit lassen, muß keine Angst um seine/ihre Existenz mehr haben, muß sich nicht mehr verkaufen, hat sein/ihr Leben wieder unter Kontrolle. Einige wollen nicht so lange warten und sind darauf gekommen, daß sie sich jetzt schon von Zwangsarbeit befreien und ein sinnvolles, befriedigendes, menschenwürdiges Leben führen können, z.B. die BewohnerInnen von Bauwagenkolonien, die Arbeitslosen in den Vororten von Dublin.

Wer fremdbestimmt arbeitet, lebt verkehrt. Selbstbestimmt arbeitet noch lange nicht, wer eine gleitende Arbeitszeit hat. Dazu gehört, daß man/frau sich hinlegen kann, wenn man müde ist, daß man/frau liegen bleiben kann, wenn man/frau keine Lust hat. Dazwischen Kompromisse schließen zu wollen führt zu Verkrümmungen, Verklemmungen, Krankheiten, wie sie üblich sind in der kapitalistischen Arbeitswelt. Als Mensch kann man/frau sich dort nur in der Rolle des Eulenspiegels oder des Soldaten Schwejk behaupten oder als NichtmitmacherIn. Du hast keine Chance im kapitalistischen Rechtssystem, aber nimm sie wahr. Mitunter erlebst du Überraschungen, weil die Kapitalisten selbst nicht ihr Rechtssystem kennen. Selbstbestimmte Arbeit ist letzten Endes selbstbestimmtes Leben. Zum selbstbestimmten Leben gehört auch, daß du nicht tust, was ein eventueller moralischer Druck deiner Umgebung dir auferlegt, z.B. nicht dich und dein Nest jede Woche putzt, sondern wenn du dich in deinem Dreck nicht mehr wohlfühlst. Sich entfalten ohne schlechtes Gewissen, das ist selbstbestimmtes Leben.

Drogen, darauf hat jedeR ein Recht in dieser Gesellschaft. Keine Gesellschaft komme ohne Drogen aus, ohne Kriminalität, der Mensch sei nun einmal so, verbreitet die herrschende Ideologie - weil sie davon lebt. Es gibt jedoch sehr wohl Kulturen ohne Drogen und Kriminalität. Auch einzelne Menschen in der abendländischen Kultur kommen schon ohne die Drogen Glaube, Liebe, Hoffnung, Arbeit, Erfolg, Konsum, Auto, Alkohol aus. Die Herrschenden allerdings verniedlichen die Wirkung dieser Drogen, sehen das Bedürfnis nach ihnen nicht als Krankheitssymptom, sondern, falls überhaupt negativ, als Kavaliersdelikt. Jedem und jeder ist das Recht verbürgt, für oder gegen eine Droge zu sein. Das ist Praxis. Die Rechte auf Selbstbestimmung und Menschenwürde stehen dagegen vorerst nur auf dem Papier. Bis genügend darauf pochen.

Das Reden über diese krankmachenden Sitten wird erschwert durch die Diskussionskultur in diesem Land. Wenn ein psychisch gesunder Mensch mit einer Position konfrontiert wird, die nicht in sein Weltbild/Selbstverständnis paßt, überprüft er seine Position und die andere. Ein psychisch kranker Mensch dagegen reagiert feindlich oder beleidigt. Oder er verweist den anderen Menschen in eine andere Klasse. "Das tangiert mich nicht. Mit dem muß ich mich nicht auseinandersetzen. Der ist kein von dieser Gesellschaft anerkannter Fachmann auf diesem Gebiet." Nach diesem Muster, Verweigerung der Kommunikation gegenüber Andersdenkenden, verläuft in Deutschland in der Regel die öffentliche und die private Diskussion.

Die herrschenden Sitten sind Auswüchse einer gestörten Identität. Wer keine Identität hat, hat Eigentum: der Tanz um das Eigentum, der Tanz um das Goldene Kalb, der Tanz um das Kapital. Wer mit seinem Leben nichts anzufangen weiß, wer nichts in sich hat, legt Wert auf das Outfit, in zu sein, up to date zu sein, modern zu sein. Wer sein Leben nicht in den Griff kriegt, erwartet die Lösung seiner Probleme von anderen, wartet auf eine Erlösung im "Jenseits" (Glaube), durch eineN PartnerIn (Liebe), in ferner Zukunft (Hoffnung), durch einen Herrn, der seinem Knecht Zwangsarbeit auferlegt (Selbstkasteiung); oder er wartet nicht auf eine Erlösung im "Jenseits", sondern versucht sich gleich dahinzubefördern (Drogen).

Der einzelne kann die Gesellschaft aus den Angeln heben, wenn er sich unter Kontrolle hat, wenn er genügend Selbstbewußtsein, genügend Identität hat, sich nicht an diese Sitten zu halten. Die Zahl derer, die das können, nimmt zu.

Ausgesetzt, nicht ausgetragen in Nestwärme und deshalb von Anfang an auf der falschen Spur sind nur wenige. Aus ihnen werden kontaktunfähige Menschen, für die PolitikerIn sein, WissenschaftlerIn sein, KünstlerIn sein, der/die Größte zu sein oder mit solchen liiert zu sein die Erfüllung ihres Lebens ist; Mensch sein reicht ihnen nicht. PartnerIn sein reicht ihnen nicht, sie konsumieren ihre Mitmenschen als Droge, sie pflegen Kulte, z.B. Liebe.

Früh an der Leine gehalten, behütet, ohne Raum zum Testen der eigenen Fähigkeiten und deshalb von Anfang an auf der falschen Spur sind ebenfalls nur wenige. Sie werden narzißtisch, ebenfalls kontaktunfähig, aber auch unfähig, Konflikte und Kontroversen auszutragen. Sie bauen sich ihre eigene, fiktive Welt, sie werden romantisch; die reale Welt reicht ihnen nicht. PartnerIn sein reicht ihnen nicht, sie konsumieren ihre Mitmenschen als Droge, sie pflegen Kulte, z.B. Liebe.

Doch Kultur, Gesellschaft und Geschichte im Abendland werden von solchen Typen geprägt und beherrscht. Wenn schon krank, dann sollen die Gesunden es auch nicht besser haben, sagen sie sich. Die relativ Gesunden leiden unter diesen Sitten, lindern ihre Schmerzen durch den endlosen Singsang der U-Musik, durch U-Bewegung, durch U-Natur. Nur wenige der großen Zahl der relativ Gesunden finden so viel Raum und Zeit für sich selbst, daß sie ihre Situation künstlerisch, wissenschaftlich, politisch erfassen und zu dem Kaiser sagen können: Der trägt ja gar keine Kleider!

Die herrschenden Sitten sind krankhaft. Wer als psychisch GesundeR es ablehnt, mit psychisch Kranken zuszuleben, wird ausgegrenzt. Wer es ablehnt, fremdbestimmt zu arbeiten, Zwangsarbeit zu leisten, wird ausgegrenzt. Wer laut weint und laut lacht, wird ausgegrenzt. Wer nicht "angenehm" riecht, wer keine "ästhetische" Aura um sich hat, wer nicht lügt, um die schreckliche Wirklichkeit erträglicher zu machen, wird ausgegrenzt. Wer nicht nach Trend konsumiert und sich kleidet, wird ausgegrenzt. Wer den Tod nicht verschieben oder verdrängen will, wird ausgegrenzt. Wer es ablehnt, paarweise zusammenzuleben und in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, wird ausgegrenzt. VertreterInnen anderer Kulturen, z.B. afrikanischer, können über solche Sitten nur lachen, besonders dann, wenn die bürgerliche Kultur Sitten von ihnen übernimmt, wie z.B. freies Tanzen, und dies als große Befreiung empfunden wird. Nicht mehr ganz so augenfällig sind folgende unnatürliche Sitten, weil sie auch kosmetisch vorgetäuscht werden können: Der Mann muß größer sein als die Frau, mit der er zusammenlebt; er muß älter sein als sie. Beide dürfen nicht eine Brille tragen.

In der bürgerlichen Rechtsprechung gilt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Soll Dummheit vor dem Vorwurf schützen, ungerecht oder unmoralisch zu sein? Wenn z.B. ein Angestellter von seinem Vorgesetzten getadelt wird, er würde nicht genügend arbeiten, obwohl der das gar nicht beurteilen kann. Wenn z.B. Kohl den Ossis verspricht, in vier, fünf Jahren würden sie blühende Landschaften haben. Soll der nicht zur Verantwortung gezogen werden, der nicht absichtlich böse handelt, sondern "nur" wie ein Kind die Konsequenzen seines Handelns nicht übersieht? Nach den Sitten dieser Gesellschaft werden Kohl und dumme Vorgesetzte nicht bestraft. Ist Krankheit eine Entschuldigung?

In der abendländischen Gesellschaft leben die Menschen in der Regel nicht selbstverständlich, d.h. aus freiem Willen, in Gruppen zusammen. Die natürlichen Gruppen (Familie, Sippe, Dorf) haben sich aufgelöst. Die Entsolidarisierung der menschlichen Beziehungen in der abendländischen Kultur (jedeR gegen jedeN) läßt sich auch empirisch nachweisen. In den USA bewältigen Menschen Streßsituationen besser in Gegenwart ihrer Haustiere als ihrer PartnerInnen. Da der Mensch als soziales Lebewesen jedoch der Gemeinschaft anderer bedarf, versichert er sich dieser gewaltsam/künstlich/unfreiwillig. Ein Mensch krallt sich einen andern; so kommt es zu einer unnatürlichen Zweierbeziehung. Aufrechterhalten durch fiktive, d.h. durch nichts zu rechtfertigende Prämissen wie Besitzanspruch oder Machtausübung. Letztere äußert sich darin, daß die Zweierbeziehung meistens aus einem Älteren und einer Jüngeren, einem Größeren und einer Kleineren, einem wirtschaftlich Potenten und einer wirtschaftlich weniger Potenten besteht, aus einem Gefälle. Gerade auch bei angeblich Linken wie Ernst Bornemann, Heiner Müller, Rudolf Bahro. Die Machtausübung äußert sich auch in einem "Handelsvertrag", einer Tauschbeziehung zwischen beiden.

Richtig ist, daß man/frau nicht wieder zu den alten Gruppen zurückgehen, sie nicht künstlich aufrechterhalten kann. Ein neuer Zusammenschluß von Menschen muß aber auf freiwilliger Basis geschehen. Menschen dürfen sich nicht aus Minderwertigkeits-/Unvollkommenheitsgefühlen zusammenschließen. Nur wer in sich ruht, mit sich zufrieden ist, nichts von einem anderen erwartet, bereit ist zu teilen (nicht zu handeln), ist geeignet, eine menschliche Gruppe (die für einen Menschen notwendiger und natürlicher ist als eine Zweierbeziehung) zu bilden, die von ihrer Struktur her auf (menschliche) Dauer und Partnerschaft angelegt ist. Freie Assoziation freier Individuen. Solche Gruppen können dann auch etwa ein Fünftel (psychisch) defizienter Menschen verkraften.

Für ein Lebewesen ist es wichtig zu wissen, was richtig und falsch ist. Ein verstörtes/verunsichertes/krankes Lebewesen kann das nicht aus sich heraus, kraft einer Bilanz seiner eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten entscheiden. Deshalb ist ein solcher Mensch froh, wenn er außer sich Menschen/Aktionen/Gruppen entdeckt, die "offensichtlich" das Richtige verfolgen: Marx, Lenin, Antifaschismus, Arbeiterbewegung, Gruppen, die für die Emanzipation von Frauen, Kindern, Behinderten kämpfen, für den Frieden untereinander und den Frieden mit der Natur usw. Eine ähnliche Reihe könnte man auch für die politische Rechte aufmachen, mit derselben Legitimation. Man kann sich aus demselben Antrieb auch in eine Frau verkrallen, in fremdbestimmte Arbeit, in ein politisches System. Man kann sich auch in einen "richtigen" Feind wie Kapitalist, Unternehmer, Barbar verkrallen. Das Verkrallen äußert sich so, daß man sich einerseits seinem Objekt unterwirft und andererseits dieses Objekt (durch "Handelsverträge") an sich zu binden sucht. Dieses Sichverkrallen im "Richtigen" ist krankhaft und bestimmt weitgehend das Verhalten der Menschen in der abendländischen Kultur und besonders im Kapitalismus.

Menschen, die nein sagen können zu jemand, der sich ihnen andient, und denen das Handeln fremd ist, weil sie nur Teilen kennen, verhalten sich nicht so.

Falsch wäre es, aus dieser Sicht der Dinge abzuleiten, antifaschistisches Engagement oder der Kampf um Emanzipation unterdrückter Menschen wäre zweitrangig. Man muß sich nur davon lösen können, wenn es in falsche (totalitäre) Bahnen gerät. Man darf auch nicht verzweifeln, wenn eine solche "richtige" Bewegung/Organisation sich mangels Masse auflöst und einem keine Heimstatt mehr bietet.

Die herrschenden Sitten machen krank: Es sei wichtiger, eine Person zu finden, die sich einem oder einer unterwirft und dafür etwas erhält, als Menschen zu finden, unter denen man/frau von gleich zu gleich lebt. In diesem Sinne seien menschliche Beziehungen Handelsbeziehungen. Würde es beim Sex klappen, würde auch der Rest (des menschlichen Zusammenlebens) klappen. Habe man/frau erst eine gemeinsame Wohnung, würde auch der Rest (des menschlichen Zusammenlebens) klappen. Physische Fremdbestimmung wie Wecken, Schichtarbeit, keine Ruhe nach dem Essen, geschnürte Taille, Akkord könne der Körper gut verkraften. Den eigenen Körper und seinen Mitmenschen behandle man/frau am besten als Maschine/Objekt/Ware. Die Natur behandle man/frau am besten als Objekt/Ware. Vorgesetzten unterwerfe man/frau sich am besten, Untergebene trete man/frau. Man/frau trage jeden Tag andere Kleider. Es sei nicht schlimm, wenn Lebensmittel keinen Nährwert mehr hätten.

Die Menschen dieser Gesellschaft haben in der Regel sich und ihre Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle, so daß sie den Zustand ihres Gegenübers, ihres Mitmenschen nicht berücksichtigen können. Sie finden keine gemeinsame Wellenlänge mit ihm und vereinsamen dadurch. Sie stürmen auf ihn ein, ohne ihn zu fragen, ob es ihm gerade paßt oder nicht. Dieser scheinbar egoistische Drang kann nur gebremst oder umgeleitet werden durch künstliche Reize, z.B. Essenreize, Konsumreize. Oder durch Handel, z.B.: Versorg' ich dich in den besten Jahren, pflegst du mich im Alter. Aber menschliche Beziehungen sind keine Handelsbeziehungen; gesunde Menschen tun alles freiwillig und erwarten keine Gegenleistung. So steht die scheinbare Kommunikation und Geselligkeit dieser Gesellschaft auf tönernen Füßen, sie ist künstlich, nicht natürlich. Sie fußt nicht auf Identitäten, sie geht nicht von Personen aus, sondern stellt ein allgemeines (künstliches) Klima dar: Mode, Sitte, man tut es halt, weil es einem augenblicklich wohltuende Reize oder materiellen Nutzen verschafft, ohne sich darauf zu besinnen, ob man es auch braucht. Ein solches Klima zu manipulieren ist effizienter, als einzelne Menschen zu manipulieren.

Die grundsätzliche Fehlorientierung der abendländischen Gesellschaft heute ist die Suche nach einem/einer PartnerIn, nach Arbeit und nach Besitz. Diese Bestrebung, dieser angebliche Lebenssinn ist der Natur des Menschen zuwider, er sträubt sich innerlich gegen diesen Zwang, den er sich selbst auferlegt. Zusätzlich zu kindlichen Schädigungen werden durch solche Spannungen noch im relativ späten Alter psychische Störungen ausgelöst. In dieser Gesellschaft ist es also ganz normal, psychisch krank zu sein; das nimmt ihr aber nichts von ihrer Gefährlichkeit, von ihrer Menschenunwürdigkeit. Gesunde Menschen suchen nicht einen einzelnen Menschen, sondern eine Gruppe zum Leben. Gesunde Menschen suchen nicht fremdbestimmte Arbeit, sondern richten sich ihr Leben so ein, daß sie sich möglichst wenig abmühen müssen. Gesunde Menschen suchen nicht nach Besitz, mit dem sie dann kaufen können, was sie zum Leben brauchen. Gesunde Menschen finden Salz am Strand, Kokosnüsse auf den Bäumen, Wolle bei den Schafen; sie nehmen sich das, was sie brauchen, ohne zu fragen, ob sie das dürfen. Folglich müssen sie keinen Besitz anhäufen.

Die Sitten werden immer roher, ohne daß die TrägerInnen dieser Gesellschaft es merken. Sie hören z.B. einander nicht mehr zu. Entweder weil sie ganz mit sich beschäftigt sind, weil sie große Schmerzen haben, weil sie leiden unter der Vereinzelung und Kommerzialisierung ihrer Person. Oder weil sie in der Ellenbogengesellschaft nur noch das eigene Überleben im Sinn haben und an dem Gegenüber vorbei formulieren und argumentieren. Je öffentlicher, desto mehr wird der Schein des Aufeinanderzugehens gewahrt. Aber an der Basis ist es mittlerweile üblich, daß Menschen offen aneinander vorbeireden: "Die ersten Schneeglöckchen habe ich heute gesehen." "Schwimmen war ich heute morgen." Deshalb gehen immer mehr Partnerschaften und Gruppen auseinander.

Die Sitten im Straßenverkehr verrohen. Die Wäsche wird jetzt im Wohnzimmer getrocknet. Bei Konzerten gibt es keine Sitzgelegenheit mehr. Keine Zeit mehr für Abschied und Ankunft. Die SpezialistInnen wissen über immer kleinere Ausschnitte menschlichen Wissens Bescheid, verdummen also immer mehr.

Zum Erhalt der Menschheit bewährte Maßstäbe werden über eine Relativierung aufgeweicht. Wenn z.B. eine hochschwangere Frau weiter vierzig Zigaretten am Tag rauchen muß, weil sie sich sonst nicht mehr im Griff hat, sagt der eine oder die andere RaucherIn: Ganz so schlimm ist es mit mir nicht. Und konsumiert weiter seine/ihre Droge. Oder wenn eine Frau aus Verzweiflung ihr neugeborenes Baby in einen Mülleimer wirft, sagen wir: Ganz so schlimm ist es mit mir nicht. Und behandeln unsereN PartnerIn weiter wie ein Objekt. Oder eine Mutter im Life-Style-Look, perfektes Make-up, jugendliches Aussehen, doch innerlich kaputt, ihr zwanzigjähriger Sohn psychisch krank, Rambo-Typ, steht auf Frauen und Hunde. Unser Aussehen ist nicht ganz so perfekt. Aber müssen wir nicht hinter unserem schicken Äußeren auch eine psychische Krankheit vermuten?

Doppelzüngig

Die Verrohung der Sitten deutet auf eine verschärfte Gangart des Kapitalismus. Ökologisches und soziales Denken, Demokratie nur so weit, wie das wirtschaftliche Wachstum und die internationale Wettbewerbsfähigkeit sie zulassen. Das wirtschaftliche Wachstum kommt jedoch in der Regel nicht mehr aus produktiven Investitionen, sondern aus Spekulationen (mit der Kaufkraft der Lohnabhängigen), aus staatlichen Subventionen und aus der Wirtschaftskriminalität, also einem zweiten heimlichen Griff in die Taschen der Steuerzahler. Das darf man natürlich als Herrschender nicht so offen sagen. Also pflegt man die Doppelzüngigkeit: "Wir haben eine Demokratie, unsere Politik ist sozial und ökologisch, wir pflegen die Menschenwürde, der Staat ist nicht in der Hand von Kapitalisten, Bonn ist nicht Weimar, wir sind keine Drogengesellschaft ..., aber wo es der Sicherung unserer Profitrate dient, müssen wir eben davon Abstriche machen." Z.B. Menschenwürde: Rheumakranke könnten sich ihre Invalidenrente selbst verdienen, wenn sie ihre Arbeitszeit individuell einteilen dürften; aber dann sind sie nur noch schlecht zu kontrollieren und zu manipulieren, ist die Profitrate also nicht mehr so sicher. So sind sie in jungen Jahren schon auf Sozialhilfe angewiesen. Oder: Der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, die für ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Sterben eintritt, wurde die Gemeinnützigkeit aberkannt, weil dieses Ziel gegen die guten Sitten verstoße. In Wirklichkeit gaben die Profitinteressen der Pharmaindustrie, die Medizintechnik und die Altenpflegewirtschaft den Ausschlag. Viele Deutsche würden gern früher sterben; aber sie können es nicht.

Wasch mir den Pelz, aber mach' mich nicht naß, sagt die SPD: Wir unterstützen einen fairen Handel mit Kaffee, aber von unserer Droge wollen wir nicht lassen. Mit Almosen für die Dritte Welt kauft man/frau sich frei von der Verantwortung für die terms of trade, die die Dritte Welt benachteiligen. Den eigenen Lebensstandard zu reduzieren oder auf Drogen zu verzichten und mit dem erübrigten Geld den Wechselkurs eines Partnerlandes in der Dritten Welt zu stabilisieren ginge schon zu weit. Als ökologische Politik gibt die SPD die Verkehrsberuhigung in Wohngebieten aus. In Wirklichkeit werden dadurch mehr Parkflächen geschaffen und die Autogesellschaft gefördert. Dasselbe tut die SPD mit ihrer Forderung, die Geschwindigkeit auf Autobahnen nicht zu begrenzen.

Die hochindustrialisierten Länder werfen den Ländern der Dritten Welt vor, nichts gegen Menschenrechtsverletzungen und gegen Korruption zu tun. Dabei sind sie selbst Meister in diesen Disziplinen, verstehen es nur besser zu verbergen. Um von sich abzulenken, projiziert man das eigene Versagen auf andere. Die Korruption hat in Deutschland in den letzten zehn Jahren um das Dreifache zugenommen. Deutschland treibt regen Handel mit Staaten, die Menschenrechte verletzen: Iran, China, Indonesien, Argentinien, Libyen, Nigeria ...

Solche Halbheiten und Projektionen rühren aus Verklemmungen, sind krankhaft. Genauso wie die Sitte, Schwäche und Krankheit und Bedürfnisse und Gefühle nicht zu zeigen, Kindern und Erwachsenen Märchen und Lügen zu erzählen. Unter der Decke tun solche Sittenapostel sich und anderen dann Gewalt an, klemmen die Arschbacken zusammen und holen sich heimlich, was sie zum Leben brauchen. Sie glauben nicht an das Recht zu leben, an das Recht auf Demokratie. Man/frau kann aber auch keine Abstriche machen von Demokratie. Ein freier Mensch geht keine faulen Kompromisse ein.

Fremdbestimmt

Geschäftigkeit, arbeiten, zwanghaft etwas hervorbringen (ohne daß man/frau es zum Leben braucht), mit etwas Staat machen wollen, jemand erziehen wollen, ein Buch schreiben, ein Werk vollbringen wollen, das ist das Bedürfnis eines gestörten Selbstbewußtseins, die Konsequenz eines Minderwertigkeitskomplexes. Man/frau unterwirft sich dadurch einem Streß von außen; demokratisches Verhalten kennt nur selbstbestimmten Streß. Untertanen unterliegen fast den ganzen Tag fremdbestimmtem Streß. So ist es keine Wunder, daß die Deutschen unter der durchschnittlichen europäischen Lebenserwartung liegen. Langsamkeit und Entspannung nicht zu ihrer Alltagskultur gehören, sondern Yoga, Sauna, autogenes Training für sie eher etwas Besonderes sind, aufgesetzt. Aus dem sie einen Kult machen, in den sie sich dann zurückziehen. Raus aus dem öffentlichen Leben, sich in keine öffentliche Angelegenheit mehr einmischen, nur noch an sich denken, als private, heimliche Reaktion auf Fremdbestimmung. So hängen Vergötzung der Kultur und Vergötzung der Arbeit, wie sie bei den Deutschen üblich sind, zusammen. Keine Zeichen von Kultur, sondern von Untertanen. Was als Kultur und Tugend ausgegeben wird, ist in Wirklichkeit gar keine. Sondern die nervöse Reaktion von Vereinzelten.

Ohne zerstörte menschliche Beziehungen, ohne Vereinzelung, ohne Fremdbestimmung kein Kapitalismus. Deshalb die fortschreitende Zerstörung familiärer Netze im Laufe kapitalistischer Jahrzehnte und der Kampf der Gewerkschaften dagegen. Neuerdings vertritt die SPD auch hier die Interessen des Kapitals, wenn sie die soziale Errungenschaft eines Kindes preisgibt: "Samstags gehört mein Papi mir."

Die familiären Netze werden auch noch auf andere Weise zerstört: Arbeitslose oder geltungsbedürftige Männer verschwinden oder verfallen dem Alkohol. Arbeitslose oder geltungsbedürftige Frauen prostituieren sich oder arbeiten unter Tarif. Die Eltern können sich nicht mehr ausreichend um die Neugeborenen und die Alten kümmern. Oder arbeitslose oder geltungsbedürftige Paare leisten sich nur noch ein Kind, das dann verzogen aufwächst.

In diesem Selbstbehauptungskampf der einzelnen ist man/frau in der Regel nicht lange an einem Ort, an einer Arbeitsstelle. Die Fluktuation ist groß, weil nur kurzfristige, quantitative Leistung zählt. Zeit zu eigenen Beobachtungen/Urteilen hat man/frau in der Regel nicht. Man/frau bedient sich vorgefertigter Urteile und Schablonen.

Auf sich allein gestellt, entwurzelt ist es als soziales Lebewesen, wie der Mensch es ist, nicht auszuhalten. Hier helfen nur Drogen: mehr konsumieren, als man/frau bei ruhiger Betrachtung der Lage braucht, mehr Raum, mehr Ressourcen, mehr Lebensmittel, mehr Menschen.

Ja, ohne daß Menschen als Objekte (des Konsums und des Profits) behandelt werden, ohne daß ihnen ihre Subjektivität, ihre Selbstbestimmung genommen wird, funktioniert der Kapitalismus nicht. Das sagen natürlich die Herrschenden nicht. Womit wir wieder bei ihrer Doppelzüngigkeit wären.

Oder die vereinzelten Lebewesen opfern sich für andere auf, die sie dadurch an sich zu binden trachten. Auf diese Weise pflanzen sie die Fremdbestimmung, aus der sie kommen, fort und stabilisieren auch wieder den Kapitalismus. Die Vereinzelung, die Krankheit eines sozialen Lebewesens, perpetuiert sich in dieser Gesellschaft also auf mehrfache Weise.

Die Herrschenden und die Beherrschten sind fremdbestimmt. Die einen opfern sich auf und machen Stellvertreterpolitik statt Demokratie. Die anderen wissen mit ihrem Leben nichts anzufangen und holen sich jemand, der über sie bestimmt: Stellvertreter.

Psychisch gesunde Menschen lassen Fußball, Fernsehen, Film, Fressen, Fernreisen, Ficken, Fakten, fremdbestimmtes Arbeiten, Fleiß, erzwungene Leistung fahren zugunsten von FreundInnen, Familie, Faulheit, frischer Luft, Freikörperkultur, Erzählen, Schöpfen, Natur, Lust. Wenn wir sehen, wie jedoch gerade die deutsche Gesellschaft geprägt ist von der ersten Kategorie, wird deutlich, wie wenige Menschen dieser Gesellschaft den Schwerpunkt ihres Lebens in sich tragen, wie viele eigentlich nicht existieren, manipulierbare Masse sind.

Ausgrenzend

Viele Kapitalisten oder ihre Handlanger sagen, es gehe ihnen um Europa; aber in Wirklichkeit geht es ihnen nur um Deutschland bzw. darum, selbst in die Geschichte einzugehen (z.B. Helmut Kohl). Verklemmt, wie sie sind, merken sie diesen Widerspruch meistens nicht, würden die Vorwürfe einer Ausgrenzung weit von sich weisen.

Sie sagen, es gehe ihnen um die Befriedung der Welt; aber in Wirklichkeit geht es ihnen nur darum, daß die knappen Ressourcen, die angeblich nicht für alle reichen, in ihrer Verfügungsgewalt bleiben (z.B. USA).

Individuell wie gesellschaftlich läuft folgendes ab:

Das ist ein autistisches, ein krankhaftes Verhalten. Es basiert auf dem "hilfreichen" Glauben, bestimmte Gruppen von Menschen könnten nicht miteinander kommunizieren (Kulturen als Monaden schon bei Oswald Spengler, Volksparteien als Mammutsekten bei Reinhard Dettling). Wer sich dissoziiert (sich nach außen, gegenüber seinen Mitmenschen, gegenüber anderen Erfahrungen und Argumenten verschließt), hat nicht mehr die Kraft, auf eigenen Beinen zu stehen, ist psychisch krank. Psychisch krank deshalb, weil die Realität nicht mehr wahrgenommen wird: Die Erde gehört allen. Die Dinge sind zum Gebrauch da. Wer sie nicht zu seinem Leben braucht, hat kein Recht, über sie zu verfügen. Eigentum brauchen nur kranke Menschen. Die Ressourcen reichen für alle, wenn nicht alle krank bzw. drogensüchtig sind. Ein Selbstbewußtsein kann man/frau sich nicht auf Kosten anderer verschaffen, sondern nur durch die Besinnung auf die eigenen Kräfte.

Kriminell werden nur Fremde, Ortsansässige können sich das nicht leisten. Also müßte es das Interesse jeder Gesellschaft, die keinen Krieg, keinen Zerfall will, sein, niemand zum Fremden, zum Ausländer zu machen, niemand zu diskriminieren. Kranke können aber nicht anders. Und Kapitalismus funktioniert nicht ohne Betrug und Kriminalität, nicht ohne Krieg und Zerfall, nicht ohne Diskriminierung, nicht ohne Dissoziation.

Dieser Krankheitsprozeß breitet sich über die Welt aus; noch aber ist die Mehrheit der Menschen nicht davon befallen.

Das Eingeständnis

So notwendig Doppelzüngigkeit, Fremdbestimmung und Ausgrenzung für den Kapitalismus sind, so sehr sind sie auch Krankheitssymptome einer zerfallenden Gesellschaft.

Der Widerspruch zwischen Schein und Sein, die Schizophrenie dieser Gesellschaft kommt zutage, wenn man/frau sie ernst nimmt. Der Mensch sei frei in dieser Gesellschaft; doch die meisten Menschen fühlen sich nicht frei, wenn man/frau sie fragt. Diese Gesellschaft sei nicht lustfeindlich. Daß ein Arbeitgeber auf das Argument, man/frau habe zu etwas keine Lust, unwirsch reagiert, mag noch zu verstehen sein. Doch wenn auch außerhalb der (kapitalistischen) Arbeitswelt dieses Argument nicht viel zählt, ist es schon bedenklich. Lifelong learning sei wesentlich für diese Gesellschaft. Sieht man/frau sich jedoch bei politischen oder wissenschaftlichen Veranstaltungen um, macht sich, sofern nicht ein Examen droht, kaum jemand Notizen. Wie in einem Gottesdienst, will man/frau sich nur bestätigen lassen, wer Freund und Feind ist. Gleichheit: 25 % der Erdbevölkerung verbrauchen 80 % aller fossilen Brennstoffe und 60 % aller Nahrungsmittel.

Das will man/frau nicht wahrhaben. Selbst konkrete Alarmzeichen vor Ort werden verdrängt. Daß Atomkraftwerke die Gesundheit in Europa gefährden, ist kein Grund, sie zu stoppen. Zunehmende Erkrankungen durch Ozonsmog in Deutschland sind kein Grund, das Primat der Autos hierzulande zu stoppen. Zunehmende Cholera-Epidemien in der Welt, sind kein Grund, die fortschreitende Armut in der Welt zu stoppen. Der deutschen Wirtschaft entsteht jährlich ein Schaden von 30 bis 80 Mrd DM durch Alkoholsucht (weit mehr als durch den Genuß von Heroin und Kokain): kein Grund, die einzige Freiheit in dieser Gesellschaft, das Recht auf Rausch, das Recht auf Fremdbestimmung abzuschaffen. Selbst vor der ganz sinnlichen, handgreiflichen Erfahrung, vor "Sachzwängen", denen angeblich in dieser Gesellschaft so viel Bedeutung beigemessen wird, verschließt also die Mehrheit dieser Menschen die Augen: ein klarer Fall von Realitätsverlust, von psychischer Krankheit.

Andererseits weigert man/frau sich, psychisch Kranke in fortgeschrittenem Stadium als grundsätzlich heilbar, als Brüder und Schwestern anzuerkennen. Als psychisch KrankeR will man/frau also nichts mit psychisch Kranken zu tun haben. Aber man/frau reagiert aggressiv auf psychisch Gesunde, die, ganz natürlich, sich von psychisch Kranken distanzieren. Aggressiv auf Menschen, die ohne bürgerliche Kunst, Wissenschaft und Politik meinen glücklich leben zu können, die meinen, die meisten AkademikerInnen hätten Neurosen. Typische Verhaltensweisen von psychisch Kranken.

Gleichwohl kann man/frau sagen, noch ist die Mehrheit der Deutschen der Meinung, das mit der Drogensucht allgemein könne so nicht weitergehen, dagegen müsse etwas getan werden; wir müßten die gesellschaftlichen Bedingungen so verändern, daß es das Drogenproblem nicht mehr gebe.

Ganz so denkt die Mehrheit sicher nicht mehr über Nikotinsucht und Alkoholismus; sie werden in dieser Gesellschaft weitgehend als Kavaliersdelikte verstanden. Andererseits geht sie repressiv gegen Konsumenten "harter" Drogen vor.

Nicht einmal eine Minderheit hält diese Gesellschaft für psychisch krank. Nicht in dem Sinne, daß dagegen dringend etwas getan werden müsse. Vielmehr gilt es als schick, mit seinen "Neuröschen" zu kokettieren. Andererseits will man/frau, wie schon gesagt, fortgeschrittene psychisch Kranke nicht als grundsätzlich heilbar anerkennen.

Diese Gesellschaft leugnet noch, daß die meisten Menschen in ihr psychisch krank sind. Solange sie das tut, findet in ihr ein Krieg statt, vornehmlich am Arbeitsplatz, in der Familie und gegen sich selbst. Die Menschen tun dies nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie gestört sind: Angst vor einer Halluzination, psychisch krank. Sie nehmen Wunden, Wucherungen, Ausformungen an sich wahr, von denen sie sagen: Das gehört nicht zu mir: Diese Speckfalte, dieser hängende Mundwinkel, diese Zuckung, dieser verkrampfte Gang. Aber statt diese Dinge als Auswirkungen des Krieges zu sehen und den Krieg anzunehmen und zu beenden, sagen sie nur: So will ich nicht sein! Auch hier gibt es noch zwei Wege. Einer wäre, zu sich zu kommen, zu seiner Person, seiner Gestalt, seinen Bedürfnissen, sich zu entspannen und dann das eigene Ich wahrzunehmen und zu seinem Körper zu stehen. Doch die meisten Menschen in diesem uneingestandenen Krieg tun dies nicht. "So will ich nicht sein!" heißt für sie: "Ich strebe an, zu werden wie das abstrakte Ideal eines Menschen dieser Gesellschaft. Ich entferne mich von mir." So wirkt eine Droge. Entsprechend ist die Alltagskultur dieser Gesellschaft eine Drogenkultur: Ich stebe nach einem "Partner", weil ich allein nichts bin. Reisen in andere Länder, sei es kulturell oder geographisch. Ich strebe an, über anderen Menschen zu stehen. Ganz zu scheigen von dem Rausch hinter einem Autolenkrad oder den wirklichen Drogen. Partys und Reisen und Autos. Das sind nach Meinung der meisten Menschen in dieser Gesellschaft die Höhepunkte eines menschlichen Lebens. Außer sich sein. Aus sich herausgedrängt sein. Derweil um sie herum Krieg tobt und sie immer mehr Mühe haben, ihre Wunden kosmetisch zu verbergen.

Eine Krankheit verschlimmert sich ständig und breitet sich weiter aus, wenn sie als solche nicht erkannt und behandelt wird. Sozialismus sei hier verstanden als Diagnostizieren und Therapieren einer bisher noch nicht eingestandenen gesellschaftlichen psychischen Krankheit. Nicht von außen, sondern von innen: JedeR muß diesen Erkenntnisprozeß selbst vollziehen und sich selbst von der kapitalistischen Gesellschaft emanzipieren. JedeR muß zu sich selbst kommen. JedeR muß sich von Drogen befreien. KeineR kann ihm/ihr das abnehmen. Wie bei einer somatischen Krankheit.

Es ist ein Unterschied, ob jemand zugibt, daß er psychisch krank ist, oder nicht. Eine psychisch Kranke, die dies nicht zugeben wollte, aber über mangelndes Selbstbewußtsein klagte, redete einen psychisch kranken Fremden, der dies zugab und in Therapie war, mit "mein Schatz" an. Dieser verwehrte sich dagegen, es sei ihm zu intim. Wer zugibt, psychisch krank zu sein, und sich in Therapie begibt, lernt, seine Identität/private Sphäre zu verteidigen und die Andersartigkeit anderer zu respektieren. Wer dies nicht zugibt und sich nicht in Therapie begibt, versucht, auf Kosten anderer zu leben, indem er sie vereinnahmt oder sie zu seinen Objekten macht.

Diese Haltung, psychisch krank zu sein und es nicht zugeben zu wollen, findet sich auch unter "Linken". Sie sind verbal radikal, fühlen sich als Märtyrer, diskriminieren Menschen, die nicht wie sie denken, und sind, wenn es zur Tat kommt, unzuverlässig, unpünktlich, fahrig und unfähig zu disponieren. Sie sind brüchig, neurasthenisch, feige und völlig lebensuntüchtig. Ihnen fehlt der gesunde Menschenverstand. Sie haben kein inneres Maß, keine eigene Identität, kein Selbstbewußtsein, kein Gefühl für die Notwendigkeiten des Lebens. Solche zerfahrenen Literaten hatten bislang das Sagen in der sozialistischen Bewegung; deshalb ist sie vorläufig gescheitert.

Die Entmenschlichung im Abendland

Zuerst wurde die menschliche Kraft durch Maschinen ersetzt. Dann bestimmte das Fließband die Beziehung des Produzenten zu seinem Produkt. Schließlich ermöglichte der Computer Roboter und schnelle Kommunikation. Diese dritte Stufe schließt jede menschliche Regung während des Produzierens aus, während sie vorher noch teilweise zugelassen werden konnte: ein Schwätzchen im Tante-Emma-Laden, ein Klönschnack am Fließband.

In der dritten industriellen Revolution sind die Produzenten in der Regel von ihren Mitmenschen isoliert und haben auch in Produktionspausen keinen unmittelbaren menschlichen Kontakt mehr. Der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt wird härter; wer seinen Mitbewerber als Menschen und nicht als Objekt sieht, gefährdet seinen Arbeitsplatz. Eine stromlinienförmige Anpassung an den Apparat wird verlangt, die Unterordnung unter und die Aushorchung durch eine Systemführerschaft.

Das führt dazu, daß Menschen in dieser Maschinenkultur auch in ihrem Privatleben nicht zur Ruhe kommen, ihre Verhaltensweisen aus dem Berufsleben nicht so leicht ablegen können. Auch nicht die sie Regierenden beim Regieren. Denn sie kommen in der Regel unqualifiziert in diese Position, aus der Mitte der gewöhnlichen Bürger. Beide fühlen sich überfordert. Sie drücken sich vor Entscheidungen und überlassen sich dem Apparat. So kommt es, daß sich beruflich und privat Gewalt durchsetzt: die Lobbys aus Militär und Industrie, die hierarchische Behandlung der nächsten Mitmenschen. Empfänglich für Lobbys und scientologyartige Spiritutalismen sind Regierende wie Regierte, weil sie beide das dumpfe Gefühl haben, irgendwo zu kurz gekommen zu sein. Privat haben die Produzenten in der spätkapitalistischen Gesellschaft noch eine dunkle Ahnung davon, Mensch zu sein, dabei zu kurz gekommen zu sein. Sie wollen sich dafür rächen, indem sie die Macht über ihre nächsten Mitmenschen auzusüben versuchen. Öffentlich haben die Regierenden die dunkle Ahnung, nicht die wirklich Herrschenden zu sein. Sie sehen sich aber nicht an den Fäden der Lobbys hängen, sondern streben nach Macht; sie meinen, bei der Verteilung der Macht auf Erden zu kurz gekommen zu sein (Beispiel 1994: Klaus Kinkel: Wir wollen da mitmachen, ständig, im Sicherheitsrat der UNO).

Machtstreben ist demzufolge ein irregeleitetes Streben, ein krankhaftes Streben. Das aus Ohnmacht kommt und von dem Apparat (der Logik des Kapitals) in seinem Interesse genutzt wird (Kapitalisten streben nicht nach Macht, sie haben sie).

Kapitalisten sind aber auch Menschen, psychisch gestörte Menschen. Wer nicht mit sich selbst im reinen ist, wer sich und seinen Körper nicht akzeptiert, bei dem schlägt Subjektives immer wieder durch in dem, was er als Objektives verkauft. Er kann dies auch erfolgreich verkaufen, wenn er ein Monopol besitzt, ein Gewaltmonopol, wenn er die Macht über die Gehirne hat.

Wer als Regisseur z.B. ratlos ist, kann ein Stück von Brecht, der nicht ratlos war, nur als Parodie auf seinen Rat präsentieren. Wer eine gestörte Identität wie Sigmund Freud hat, erklärt zum Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, der Mensch könne nicht Herr seiner selbst sein. Wer nicht auf eigenen Beinen stehen kann und deshalb anlehnungsbedürftig ist, dem ist eine Autorität, der Staat wichtiger als die Menschen, der verurteilt z.B. Carl von Ossietzky in der Weimarer Republik, auch wenn die Gesetze dagegen sprechen.

So entfernt sich eine Gesellschaft von der Realität, wenn in ihr Menschen Machtpositionen einnehmen, die nichts zu sagen haben, weil sie mit sich selbst nicht im reinen sind. Wenn Kunst, Wissenschaft und Politik von gestörten Menschen, von Menschen, die nichts zu sagen haben, dominiert werden, zerfällt diese Gesellschaft. Kapitalismus als Zerfallsprozeß der abendländischen Gesellschaft.

Deutsche sind mehrheitlich Untertanen. Die Untertanenhaltung ist nicht zu verwechseln mit beispielsweise der Haltung der Franzosen, die nicht wegen jeder kleinen Ungerechtigkeit aufmucken, die manchmal klein beigeben, um sich zu schonen. Mehrheitlich müssen die Deutschen Andersseiende, z.B. SandalenträgerInnen, ThekenesserInnen, diskriminieren, können sie nicht einfach lustig finden, legitim. Auch können sie mehrheitlich nicht über sich selbst lachen, nicht sich selbst auf die Schippe nehmen; in derben Witzen auf Kosten anderer, in Verletzungen anderer sind sie groß; Humor haben sie keinen. Mehrheitlich können sie sich nicht unwichtig finden. Aus einer solchen mehrheitlichen Konstellation ergibt sich notwendigerweise der Faschismus, wenn diese Gesellschaft zerfällt. Der Kapitalismus muß dann erst mal wieder für Disziplin sorgen: der unternehmerische Geist pocht darauf, die Verwertungsbedingungen des Kapitals richtig einzuschätzen, "realistisch": die Verwertungsbedingungen sind nicht gut, wenn sie wie im Faschismus geographisch eingeschränkt werden. Der Kapitalismus ist global. Der Kapitalismus braucht eine formierte, aber keine uniformierte Gesellschaft.

In einer zerfallenden Gesellschaft wissen die Herrschenden nicht mehr weiter, sie sind ratlos geworden. Die Beherrschten haben sich ebenfalls ins Patt manövriert. Sie wählen einen Führer, ob nun Jelzin oder Scharping, und kurze Zeit später sprechen sie ihm ihr Mißtrauen aus. Diese allgemeine Verunsicherung nutzen Menschen für sich aus, die keine Sättigungsgrenze mehr kennen. Begnügten sie sich früher mit Perlen und Messingstangen, müssen es jetzt goldene Betten sein. Begnügten sie sich früher damit, jeder deutschen Familie ein Auto aufzuschwatzen, muß es jetzt jede chinesische Familie sein. Außerdem nutzen Menschen diese Situation aus, die ein Geltungsbedürfnis haben, die Macht über andere Menschen ausüben wollen. Früher genügte eine mit Speeren bewaffnete Schar dazu. Heute werden dem Geltungsbedürftigen vollautomatische Waffensysteme aufgedrängt. In einer Zeit, in der die ordnungspolitischen Instrumente des Kapitalismus nicht mehr funktionieren, kommen die Kranken an der Basis zur Geltung. Der scheinbar drangvollen Enge meinen sie durch Unersättlichkeit und Geltungsbedürfnis begegnen zu müssen. Das gilt global wie historisch. Dabei droht der Kapitalismus seine eigenen Interessensphären/Verwertungsbedingungen zu zerstören. Die Ratlosigkeit der Herrschenden verstärkte sich in Deutschland in immer neuen Schüben, angefangen von Luther über Novalis bis zu Nietzsche. Sie wußten nicht, wie es politisch konkret weitergehen sollte, und flohen in metaphysische/fiktionale Revolutionen.

Verglichen mit anderen Kulturen, fällt die abendländische Gesellschaft vor allem durch ihre Zweisamkeit ("Monogamie") auf. Was sonst in der Natur nur in der Brunftzeit vorkommt, scheint hier perpetuiert. Ein andere Sichtweise geht von der Vereinsamung sozialer Lebewesen aus (infolge scheinbar drangvoller Enge und daraus resultierender panischer Rücksichtslosigkeit), die sich an wenigstens eineN aus derselben Art wie an einen Strohhalm zu klammern scheinen. Diese zwei, sich einander nicht ausschließenden Erklärungen für Zweisamkeit beruhen auf einer tiefer liegenden Haltung. Denn die beiden sind in Wirklichkeit natürlich nicht dauernd sexuell hypererregt oder aneinandergeklammert. Was unter Mythen wie "Liebe" und "Treue" gepflegt wird, ist eine Krankheit, eine hinter der äußeren Entwicklung des Menschen zurückgebliebene Haltung: Er/sie möchte noch Baby sein, hat diese Phase innerlich noch nicht überwunden. In Wirklichkeit ist abendländisches Verhalten sehr unerotisch und unsolidarisch, unerwachsen, unmenschlich. Baby-like: sich einer Autorität unterwerfend, sich an eine Autorität klammernd, einen geschützten Raum suchend, den Mund aufsperrend, nach Nahrung schreiend, rücksichtslos, Wärme, menschliche Berührung suchend. In anderen Kulturen tun sich Menschen nicht aus diesen Gründen zusammen, sondern um ihre Ernährung zu sichern und sich vor Feinden zu schützen. Dazu bedarf es bei sozialen Lebewesen immer mehr als zwei.

Die meisten abendländischen Menschen sind sich ihres Unterschieds zu anderen Kulturen als einem Negativum gar nicht mehr bewußt. Sie bilden sich auf ihre Entmenschlichung, auf ihre objektiv brutalen Sitten sogar noch etwas ein. Sozialer Wohnungsbau wird nicht als Einzelhaft in Wohnsilos empfunden. Ihn für Stunden in Ruhe zu lassen, wenn einer von einer Reise zurückkehrt, gilt gar als unhöflich. Dem andern auf derselben Ebene oder darunter wird keine eigene Sphäre zugebilligt, wenn man ihn jederzeit anhaut oder gar noch im Reden unterbricht, weil man mit seinen Gedanken nicht an sich halten kann. Vielerorts im Abendland gibt es statt Kommunikation nur noch Anschreien. Auch in Aktionen nicht an sich halten zu können gilt nicht als Manko. Dieses System lebt geradezu von der Habgier und dem Größer/Schneller/Höher/Weiter. Die Einschränkung der persönlichen Mobilität durch Zwangsarbeit und Umweltvergiftung wird nicht als störend empfunden. Fast niemand beklagt sich, wenn er sich nicht bei jedem schönen Wetter in der Natur bewegen kann oder wenn er nicht mehr in einem Fluß schwimmen kann.

Wer beruflich zur See fährt, sieht seine Familie, Menschen seines Vertrauens, Freunde oft monatelang nicht. Dann trifft man/frau sich eventuell in einem Hafen für nur einen Tag. An diesem Tag will man/frau keine Konflikte, alles soll schön sein. Keine Zeit für die Anerkennung des Andersartigen, keine Wertschätzung des Individuellen, keine differenzierte Betrachtungsweise, Probleme werden verdrängt, alles (Leben) geht unter im Genuß einer (Harmonie vortäuschenden) Droge. Das ist keine menschliche Beziehung. Das wird aber als normal menschlich empfunden.

Ähnliche Auswirkungen haben der 16Stunden-Tag auf die Familie, die Sechs-Tage-Woche, die Mobilisierung der ArbeitnehmerInnen (lange Anfahrtzeiten zur Arbeitsstelle, Wochenendpendler, Umzüge), die Flexibilisierung der Arbeitszeit (abends oder am Wochenende kriegt man nur noch selten seine Freunde zusammen). Diese Gesellschaft wurde also allmählich unmenschlich dadurch, daß die Menschen als Objekte behandelt wurden. In ihrer Notsituation waren sie dessen meistens nicht gewahr, weil sie es als einen Fortschritt betrachteten, vom Land, wo sie verhungerten, in die Stadt ziehen zu können, wo sie nach dem Verkauf ihrer Arbeitskraft für zehn Stunden oder mehr wenigstens Brot bekamen. Sie betrachteten es als Fortschritt, statt einer Mietswohnung wieder ein eigenes Heim zu bekommen, wenn sie größeren Streß und größere Gesundheitsgefahren akzeptierten. Sie betrachteten es als Fortschritt, durch den Besitz von ein, zwei Autos wieder eine größere Mobilität zu erlangen, wenn sie sich bereit erklärten, ihre menschlichen Bande und Wurzeln immer mal wieder durch Pendeln oder Umzüge sprengen zu lassen.

Im Vergleich zu außerkapitalistischen Lebewesen ist die Verweildauer eines Menschen im Kampf "JedeR gegen jedeN" sehr gering. Wenn er überhaupt als soziales Lebewesen tätig werden will, d.h. Kontakt aufnehmen will mit anderen ArtgenossInnen, dann muß er seine Person auf den sinnlichen Eindruck eines Augenblicks reduzieren. Er muß sich visuell prsäsentieren; daher die Vorherrschaft visueller Medien in der kapitalistischen Gesellschaft. Aber einen Menschen auf einen visuellen Eindruck zu reduzieren ist ein Widerspruch in sich, denn ein Lebewesen ist keine Gegenstand, sondern ein Prozeß.

Noch auf eine andere Weise zwingt der Kapitalismus die Menschen, sich zu Objekten zu machen. Sie erhalten sich nicht durch Teilen und Selbstversorgen am Leben, sondern durch Handel; sie müssen ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten in verkaufbare Portionen stückeln und machen dadurch aus sich ein Backsteingebäude.

Selbstverständliches, wie das tägliche Brot, ein eigenes Heim, Bewegungsfreiheit nehmen sie sich nicht wie jedes andere Lebewesen, sondern lassen es sich verkaufen, verkaufen sich dafür, wie die Inder zu Gandhis Zeiten sich das Salz, das vor ihrer Haustür lag, nicht nahmen, sondern verkaufen ließen. Mit der Folge, daß ihre menschlichen Beziehungen zerstört wurden.

Bei den meisten abendländischen Menschen funktionieren die Sinne nicht mehr instinktiv. Anspannen und Entspannen wechseln nicht mehr instinktiv. Diese Menschen haben statt dessen Jogging, Konditionstraining usw. und Yoga, Esoterik usw. Andere Lebewesen stehen auf, wenn sie ausgeschlafen sind; diese frühstücken im Bett. Andere werden aktiv, wenn sie sich gesättigt und geruht haben; für diese ist Essen Selbstzweck. Andere wenden sich ihren ArtenossInnen zu, wenn ihre eigenen Interessen erfüllt sind; diese belassen es bei ihrer "Selbstverwirklichung". Andere mischen sich in öffentliche Angelegenheiten ein, wenn die eigene Identität bestätigt ist; diese verharren in ihrer Idylle. Die instinktive Umpolung der Antriebskraft funktioniert in dieser Gesellschaft meistens nicht mehr. Dadurch, daß das einzelne Lebewesen sich immer erst wieder bewußt anstoßen muß, entsteht eine gespaltene Persönlichkeit; Kopf und Bauch gehen nicht mehr zusammen. Der einzelne steht nicht mehr hinter dem, was er sagt. Eine Implosion/Explosion dieser Individuen und dieser Gesellschaft ist vorprogrammiert. Sie wenden sich irgendwann gegen ihre eigenen Entscheidungen, privat und politisch.

Das erzeugt Angst, vor sich selbst und anderen. Die abendländische Gesellschaft lebt in Angst. Vor Schwächeren müssen ihre Menschen keine Angst haben; also wird in dieser Gesellschaft das Mitleid für Schwächere zu einer Tugend hochstilisiert. Andere sozialen Lebewesen unterstützen ihre Schwächeren und füttern sie mit durch, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Gegenüber gleich Starken und Stärkeren ziehen Menschen in Angst den Schwanz ein. Andere soziale Lebewesen versuchen, ihr Terrain abzustecken. Abendländische Menschen ziehen in der Regel den Schwanz ein und wenden Gewalt gegen Schwächere an: sie haben ihre Feindbilder und wenden sich gegen "Unkultur". In einer Gesellschaft, die in Angst lebt, können die Schwachen also gleichzeitig Mitleid und Gewalt ausgesetzt sein. Das ungeheure Verdrängungs- und Unterdrückungspotential in einer solchen Gesellschaft kann auch der Sublimierung, der Schaffung von "Kultur" dienen. Andere soziale Lebewesen können auch ohne Goethe und Schiller leben. Wer keine Angst hat, braucht keine Hochkultur.

Eine Gesellschaft in Angst ist eine hohle Gesellschaft; sie kann sich nicht auf ihre Substanz, auf ihre eigenen Kräfte besinnen. Auf der einen Seite sind ihre Leithammel ratlos und stilisieren dies eventuell gar zur Tugend hoch, auf der anderen Seite setzen sie auf technologischen Fortschritt: SPD im Internet, Oktoberfest auf CD-ROM. Nebensächliches wird zum Profil, im Menschlichen und Instinktiven ist man/frau sich unsicher. Er/sie/die Haut kann nicht atmen in diesem Plastikzeug von Kleidung, Wohnung, Fabrik und Büro. Er/sie wird verletzt. Seine/ihre sozialen Bezüge werden gekappt.

Am eigenen Schopf wieder raus

Ein erster Schritt ist das Eingeständnis der sich widerstreitenden Ängste und Interessen in einer kranken Gesellschaft:

Ein zweiter Schritt ist eine andere Betrachtungsweise. Z.B. Machtstreben nicht als menschliche Eigenart, sondern als Ausdruck eines mißlungenen Versuchs von Selbstheilung. Generell das, worauf wir so stolz sind in unserer Zivilisation und Kultur, als Ausdruck eines ungeheuren Schmerzes zu sehen.

Wie groß muß der Schmerz sein, wenn jemand um die Wiederherstellung seiner Identität willen

Identität ist genauso wichtig wie Wasser und Brot, ein Dach über dem Kopf und Menschen des eigenen Vertrauens. Wer auf der Suche nach seiner Identität ist, hat ein gestörte Selbstbewußtsein, ist krank und wählt notgedrungen die falschen Mittel für seine Heilung, zerstört sich und seine Umgebung. Menschen anderer Kulturen suchen nicht ihre Identität, weil sie sie unterbewußt haben, weil sie gesund sind. Eine natürliche Identität äußert sich so: Du sitzt in einem Bus oder in einem Flugzeug. Jeden Augenblick kann dein Leben zu Ende sein; aber du sitzt entspannt und ruhig, weil deine fünf Sinne dir im Augenblick signalisieren, daß alles in Ordnung ist, und dein Leben dir nicht mehr sein soll als für den Augenblick.

Wie groß muß der Schmerz sein, wenn jemand zur Überwindung seiner Vereinzelung

Auch hier versucht der oder die Kranke, sich zu heilen, und zerstört sich und seine menschliche Umgebung dabei. Ein soziales Umfeld erlangt er oder sie nur, wenn er oder sie die Andersartigkeit des oder der andern anerkennt; aber das kann nur einE GesundeR.

Die Situation für eineN KrankeN scheint ausweglos. Aber in der Praxis hat der oder die Kranke Phasen, in denen er oder sie sich gesund fühlt, erhellende Lichtblicke. Wenn er oder sie die nutzt, um die Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, die ihn oder sie bestimmen, kann er oder sie (mit Hilfe anderer) sich heilen.

Die einen: "Quäle deinen Körper, bevor er dich quält" (Motto einer Rudergesellschaft). In diesem Motto spiegelt sich das ganze Elend des (herrschenden) Abendlands: Nicht leben können ohne Zeitperspektive. Seine Bedürfnisse nicht in der Gegenwart befriedigen können. Außer sich sein. Angst, auch in der Zeitperspektive keine Befriedigung zu finden. Deshalb Leistung, um die Befriedigung in der Zeitperspektive zu erzwingen. Leistung im Wettbewerb (jedeR gegen jedeN) führt zur Vereinzelung, die wieder Ursache neuer Ängste ist. Aus dem Wettbewerb entsteht das Bedürfnis nach Macht, das Bedürfnis über anderen zu stehen.

Die anderen: "Das Leben ist mir eine Qual." Hierin spiegelt sich das ganze Elend des (unterdrückten) Abendlands. Ein Teil der anderen will von der Qual erlöst werden, ein anderer Teil der anderen will sich selbst erlösen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen (SozialistInnen).

      1. Die einen: die Herrschenden
      2. a) Die anderen: die Leidenden, die sich beruhigen mit Drogen und klammern an andere

b) Die anderen: die Handelnden, wenn der Schmerz vorüber ist

Kunst wird dementsprechend dreimal verschieden konsumiert:

      1. zur Repräsentation (Virtuosität wird bewundert)
      2. a) als Droge

b) als vorübergehendes Palliativum

Diese letzte Gruppe, Menschen, die handeln, wenn der Schmerz vorüber ist, haben die größte Chance, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen zu können. Aber auch die anderen, die "insane" sind, tragen ein gewisses Maß an "sanity" mit sich herum; sonst würden sie nicht leben.

Freud hat gesagt, Liebe sei das probateste Mittel, das Schamgefühl zu überwinden. Das Schamgefühl kann man auch mit Alkohol überwinden. Ein Sexualverbrecher überwindet es mit der Lust an der Gewalt. Liebe überwindet ein hierarchisches Verhältnis, ein Verhältnis von Gewalt und Unterwerfung, vertraglich: Befriedigst du mich, befriedige ich dich - sexuell. Meistens bleibt der Vertrag jedoch nicht auf das Sexuelle beschränkt, sondern verbindet verschiedene Ebenen untereinander, z.B.: Du gibst mir die Bestätigung meiner selbst, ich gebe dir Sex. Du machst mir den Haushalt, ich gebe dir Sex. Du verschaffst mir finanzielle Sicherheit, ich gebe dir Sex. Du verschaffst mir Glamour, ich gebe dir Sex. Ein Vertrag muß nicht schriftlich fixiert werden, er kann auch unausgesprochen bleiben. Er hat die Überwindung von Hemmungen zum Ziel. Ein gesundes Lebewesen hat kein Schamgefühl.

Wer sich schämt, meint kein Recht zu haben, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er fühlt sich allein, ohne Partner, der ihn darin erst bestätigt. Er meint, sich die Geselligkeit eines sozialen Lebewesens erst erkaufen zu müssen.

Der spinnt, der ist krank, der bewegt sich in einer fiktionalen Welt. Genauso wie der, der sein Schamgefühl mit Drogen oder mit Gewalt überwindet (Unterwerfung ist nur negative Gewalt). Wer also Gewalt unter Menschen abschaffen will, muß auch Drogen und Kommerz unter Menschen abschaffen, indem er den Menschen, die solche krankhaften Bedürfnisse haben, Therapiemöglichkeiten anbietet: Orte und Zeiten, wo sie zur Ruhe kommen, sich besinnen können, ihre sinnlichen Bedürfnisse selbst befriedigen können, keine Hemmungen haben, ihre sinnlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Und auf diese Weise wieder zur Realität zurückfinden, ihre Fiktion (Kultur) nicht als Wirklichkeit ausgeben. Das müssen die weniger Kranken den Kränkeren anbieten.
 

Der Kapitalismus

Ein einzelner könnte noch zugeben, daß er krank ist, eine Gesellschaft, daß sie auf dem falschen Weg ist; aber wenn daraus ein Statussymbol, eine Ideologie, geworden ist (Marktwirtschaft, Kapitalismus), ist das schon schwieriger. Dazu muß dargelegt werden:

      1. Die Krankheit dieser Gesellschaft ist das, was den Kapitalismus ausmacht.
      2. Der Kapitalismus ist eine Ideologie. Seine Ansprüche - Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Menschenwürde - kann er nicht erfüllen.

Äußerlich betrachtet, ist der Kapitalismus am Ende. Selbst in einem einzigen Verwaltungsgebiet (Staat) kann er nicht mehr gleiche Lebensbedingungen garantieren. Er kann nicht mehr garantieren, daß die Unterdrückten nicht mit Gewalt reagieren. Arbeit und soziale Sicherheit, seine selbstgesteckten Ziele, kann er nicht mehr garantieren.

Wo schlechte Laune ist, wird gute Laune verbreitet und werden die Ursachen der schlechten Laune beseitigt. Wo nur noch das erste geschieht und dies aus Profitgründen, haben wir Kapitalismus. Die natürliche Reaktion eines gesunden sozialen Lebewesens ist es, ohne Erwartung einer Gegenleistung für harmonische Interaktionen in seiner Gruppe zu sorgen. Dazu geht es den Ursachen von Störungen nach. In der Krankheit des Kapitalismus dagegen wird nicht nach Ursachen der schlechten Laune geforscht, gibt es keine Aufklärung und wird scheinbare Harmonie an die Bedürftigen nur ausgegeben, wenn diese dafür einen Teil von sich abgeben, verkaufen, ihre eigene Situation also in Wirklichkeit noch verschlimmern. Wer die scheinbare Harmonie ausgibt, ist genauso krank wie die Empfänger, weil er (im Kampf eines jeden gegen jeden, im "marktwirtschaftlichen" Wettbewerb) ganz einsam und somit kein soziales Lebewesen mehr ist. Das Normale der menschlichen Gattung und aller Lebewesen ist es, guter Laune zu sein. Menschen der abendländischen Kultur nehmen dies bei afrikanischen Völkern als etwas Außergewöhnliches wahr, weil die schlechte Laune im Abendland die Regel zu sein scheint.

Ein gesundes soziales Lebewesen kennt sich in seiner eigenen Umwelt so aus, daß es sich und seine Gattung am Leben erhalten kann. Auf die Idee, seine eigene Umwelt zu seinem Eigentum zu erklären kommt es nur, wenn ihm keine Zeit gelassen wird, sich in seiner eigenen Umwelt umzusehen, sie zu erkunden und das Gesehene unter dem eigenen Interesse einzuordnen, sich und seine Gattung am Leben zu erhalten. Wenn ihm keine Zeit gelassen wird, das Gesehene einzuordnen, kommt es auf die Idee, an eine von Menschen herstellbare, hoheitliche Ordnung (law and order, Staat, Harmonie) zu glauben. Eigentum, Staat entsprechen aber keiner naturwissenschaftlichen Realität, sind Fiktionen, Ideen, Phantasmagorien eines in Panik versetzten Lebewesens. Andererseits sind Eigentum, Tempo, Harmonie Schlüsselbegriffe des Kapitalismus. Er braucht verhaltensgestörte Menschen. Er verbreitet gute Laune mit den leeren Versprechungen auf Eigentum, Staat, (schnellen) Reichtum in einer Situation des Unwohlseins, deren Ursachen nicht weiter nachgegangen wird.

Oder von einer anderen Seite her betrachtet: Ist die Identität erst einmal zerstört durch Erziehung (Spaltung des Selbst in zwei Ideologien) oder durch Kapitalismus (Verkauf eines Teils des Selbst), dann bleibt eine "leere" Identität, ein "sinnloses" Dasein, ein "langweiliges" Leben zurück. Dieses versucht das kranke Lebewesen nun anzureichern durch den Kauf, den Konsum von "Leben", von Extravaganzen, von nicht Lebensnotwendigem und durch Wettkampf und Wettbewerb um nicht lebensnotwendige Ziele. Mit dieser Haltung ist es prädestiniert als Objekt des Kapitalismus.

Dabei gilt es zu differenzieren. Nicht gemeint sind damit die in der Adoleszenz vorherrschenden Neugierde und Kräftemessen. Denn es geht hier um Erwachsene, um reife Lebewesen. Nicht gemeint ist damit das Verhalten in einer Gesellschaft, die dem einzelnen seine notwendigen Lebensmittel nicht frei überläßt. Gemeint ist damit jedoch ein Verhalten von Personen, die sich diesem Zwang fügen und ihn für rechtens halten, die sich noch die Luft, die sie atmen, verkaufen lassen und es für legitim halten, daß diese Luft von anderen gesundheitsgefährdend verschmutzt wird. Personen, denen teilweise noch frei erhältliche Grundnahrungsmittel nicht ausreichen, sondern für die sogar Grundnahrungsmittel einen gewissen Pfiff haben müssen und die sich dafür zu verkaufen bereit sind. Die das Kaufen und den Wettkampf nicht als Spiel betrachten, sondern sich damit identifizieren. Die das Kaufen und den Wettkampf als Recht erachten und sich nicht ihr Recht nehmen. Die das erstere als Bereicherung ihres Lebens, als ihr Leben schlechthin verstehen. Von solchen Personen lebt der Kapitalismus.

Fehlende individuelle Orientierung führt zu einer geliehenen, künstlichen Orientierung, zu einer angeblich außerhalb des Individuums existierenden Ordnung. Das gibt es aber nicht, sofern damit mehr gemeint ist als die naturwissenschaftlichen Gesetze. Fehlende individuelle Identität führt zu einer angeblichen Lust an Kaufen und Wettkampf. Das gibt es aber nicht, sofern damit mehr gemeint ist als die Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse.

Das kapitalistische System funktioniert nur mit Druck, dem Gegenteil von freiem Wettbewerb und Frieden. Wenn ein US-Konzern nicht gleich einen Telekommunikationsauftrag aus Saudi-Arabien erhält, ruft Bill Clinton den höchsten Scheich an, und die Sache läuft. Der gibt den Druck nach unten weiter. So entstehen Unterdrückte.

Unterdrückte Menschen reizt es, Macht über andere auszuüben. Unterdrückte nehmen ihre Rechte im Verborgenen wahr. Im Dunkeln ist gut munkeln. Da kann man sich auch schon mal dafür rächen, daß einem im Freien Unrecht geschieht: Man wagt einen Schritt in die Illegalität und noch einen und noch einen. So entstehen Kriminelle. Dabei erfahren sie auch den Reiz der Macht über andere Menschen und planen Verbrechen großen Stils. Krimineller wird man in kleinen Schritten und zunächst planlos. Wird man dabei erwischt, reagiert man empört, aggressiv, wehleidig und/oder ausgrenzend. Jedenfalls übertrieben. Davon lebt eine Sensationspresse. So schaukeln sich Presse und Kriminalität im Kapitalismus gegenseitig hoch. Auch Wissenschaftler, Politiker und Künstler entstehen aus dem Verborgenen unterdrückter Menschen und etablieren sich planvoll, messen ihren Handlungen eine übertriebene Bedeutung bei, sobald sie einen Genuß empfinden an der Macht über andere Menschen. Andere Wissenschaftler, Politiker, Künstler, die daran keinen Genuß empfinden, die was zu sagen haben, sehen in ihrem Beruf nicht ihren Lebenssinn, sie sind in erster Linie Mensch.

Keiner wird als Krimineller, Wissenschaftler, Politiker, Künstler geboren. Zuerst muß seine individuelle Entwicklung unterdrückt werden, bevor es ihm Spaß macht, aus Gegendruck einen Beruf zu machen.

Durch Harmonie und Reize, Druck und Gegendruck werden Menschen zu Objekten des Profits gemacht. Sie werden vereinzelt, damit sie Werkzeuge und Lebensmittel nicht mehr gemeinsam nutzen und so mehr Werkzeuge und Lebensmittel konsumieren müssen. Ihnen wird eingeredet, sie müßten ihre Arbeitskraft verkaufen, wenn sie nicht verhungern wollten. Ihnen wird eingeredet, sie müßten Dinge konsumieren, die sie gar nicht brauchen. Der Kapitalismus lebt von Scheinprodukten und künstlichen Produkten. Produkten aus Kunststoffen. Produkten, die während ihrer Existenz (z.B. durch Formaldehyd) oder ihrer Zersetzung (z.B. durch Dioxin) die Umwelt vergiften. Doch die Menschen in einer solchen Gesellschaft merken das nicht mehr bzw. nehmen keinen Anstoß daran, weil sie in einer solchen Produktionsgesellschaft selbst nur durch Drogen (Scheinantrieb zum Leben) überleben können. Findet das Kapital keine profitablen Anlagemöglichkeiten mehr, flüchtet es am Ende in Scheinanlagen (Wertpapiere) und führt sich selbst ad absurdum. Aber noch merken die Subjekte den Betrug nicht. Noch folgen sie dem kapitalistischen Modell:

Wettbewerb, solange er Profit bringt, aber wir Größten im Wettbewerb werden uns doch durch Wettbewerb nicht gegenseitig kaputtmachen, wir werden doch unser System (der Hierarchie und des Gefälles) nicht kaputtmachen, wir werden uns doch nicht selbst kaputtmachen. Denn selbst auf der untersten Stufe floriert das Geschäft noch: Die Bettler leben von dem schlechten Gewissen und dem Gottseidank (daß es uns nicht so schlecht geht) der andern; daraus lassen sich noch schöne Bettlerkartelle machen.

Aber die Hierarchie muß gewahrt bleiben, z.B. USA, Europa, Rußland ... Die untersten fallen dabei leider über die Kante in den Abgrund; das soll möglichst unbemerkt und ohne Aufsehehn geschehen:

Krankmachende Arbeitsbedingungen: Nichtbeachtung der ProduzentInnen bei der Produktion, z.B. Nichtanerkennung von Berufskrankheiten durch Berufsgenossenschaften, Insektizide bei der Nelkenproduktion.

Krankmachende Lebensbedingungen: Nichtbeachtung der Menschen bei der Vermarktung, z.B. Zunahme von Kohlendioxid in der Luft.

Krankmachende Produkte: Nichtbeachtung der KonsumentInnen bei der Produktion, z.B. Speiseölskandal in Spanien.

Wir werden uns doch nicht gegenseitig kaputtmachen, wir sitzen doch alle in einem Boot, sagen auch die Ausbeuter zu den Ausgebeuteten, von einer Hierarchiestufe hinab zur nächsten. Die ideale Gesellschaft gibt es nicht, aber wir haben hier die beste aller Welten/Demokratien; jeder ist doch frei, zwischen verschiedenen Drogen zu wählen, jeder ist frei, sich zu verkaufen oder zu verhungern. Solange die Mehrheit einer Gesellschaft an diese Ideologie glaubt, die die Menschenverachtung und die Demokratiefeindlichkeit dieses Systems verschleiern soll, werden die Menschen, die über die Kante fallen, nicht bemerkt, funktioniert das kapitalistische System. Dazu tragen auch Gewerkschaften und angeblich sozialistische Parteien wie die SPD und die PDS bei, wenn sie sagen, das hier sei eine Demokratie und eine Vision von einer Alternative zu diesem System hätten sie auch nicht.

Die gibt es aber bei Menschen, die von Anfang an nein zu diesem System sagen oder sich im Laufe ihres Lebens davon emanzipiert/therapiert haben. Unglaubwürdig sind jedoch die, die in diesem System aufgewachsen sind und sagen, sie seien frei davon. Zu dem System gehören auch Menschen aus angeblich sozialistischen Ländern, denn die den Kapitalismus sichernde Ideologie war dort nur teilweise abgeschafft. Man glaubte weiter an die Notwendigkeit von (Staats)Eigentum, Staat, Hierarchie, Handel, Militär, Suprematie des Menschen. Wir müssen uns ganz von der Ideologie des Kapitalismus befreien. Ganz oder gar nicht.

Halb tun es auch die, die versuchen, auf Umwegen (ersatzweise, künstlich, mit Gewalt) wieder zu ihrer Bestimmung zu finden. Diese Ersatzwege lassen sich hauptsächlich in drei Kategorien einteilen:

      1. Helfersyndrom: Man hilft jemand, um diesen dadurch an sich zu binden.
      2. Idylle: Man schottet sich ab gegen irritierende Einflüsse der Realität. Man will Harmonie um jeden Preis ("Seid umschlungen, Millionen!"). Man fällt sich gegenseitig um den Hals. Man macht sich was vor. Man macht sich Illusionen. Man lebt von Drogen. Man lebt nur noch dadurch, daß man konsumiert: Waren, Menschen, die ganze Erde.
      3. Hilfesyndrom: Man unterwirft sich jemand, um diesen dadurch an sich zu binden.

Alle drei Wege kann man mit verschiedener Intensität gehen. Als männlicher Helfer nimmt man ein schwaches jüngeres Geschlecht an seine Seite. Als gesellschaftlicher Helfer schart man Menschen um sich, um daraus ein soziales Kunstwerk zu schaffen. Als Helfer der Menschheit zwingt man die Menschen zu ihrem Glück. In der Idylle mit einer kleinen Familie, dem eigenen Heim, dem eigenen Auto und dem eigenen Garten läßt man sich's gut gehen. Oder man vereint sich mit Menschen im Kunstgenuß. Oder man engagiert sich für eine Gesellschaft, die Luxus für alle verspricht auf Kosten Dritter und diese mit Gewalt draußen hält. Als hilfeheischende Frau wird man ohnmächtig, bis Menschen sich um einen scharen. Oder man drapiert sich heraus, fällt auf, stößt an, bis die Menschen auf einen aufmerksam werden. Oder man gibt die Bestimmung über sein Leben ab an seine Repräsentanten, seine Lobby, die da oben, den Sozialstaat, die Mafia. Man ist in Wissenschaft, Kunst und Politik tätig, weil man dort auf Menschen trifft. Ohne eine solche Betätigung kann man nicht mehr leben. Man ist in dieser Richtung nicht um der Sache willen tätig, sondern aus Eitelkeit, aus Einsamkeit.

Auf die Idee solcher halben Auswege aus dem Kapitalismus kann nur jemand kommen, der vereinzelt ist. Es gibt jedoch keinen Ersatz für Gemeinschaft. Für kurze Zeit können Ersatzwege über eine akute Not hinweghelfen wie ein Schluck Kaffee oder ein Schluck Cognac. Wer sich aber mit dem Ersatz zufriedengibt oder wer nicht mehr die Kraft hat, sich wieder auf den richtigen Weg zu begeben, wer sich nicht mehr selbst helfen kann oder will, wird sich selbst zerstören und seine Umwelt. Außerdem ist er das Schmiermittel für den Kapitalismus. Ohne eine Vereinzelung der Menschen würde der Kapitalismus nicht funktionieren. So braucht jeder eine Waschmaschine, wo sonst zwanzig eine brauchen. So braucht jeder seine Droge, seinen alltäglichen Luxus, sein Mobbingopfer, wo andere sich in ihrer selbstbestimmten Arbeit genug sind und all dies nicht brauchen. So braucht jeder jedes Jahr neue Kleider, wo andere ein Leben lang mit einer Lederjacke auskommen. So muß jeder jedes Jahr in Urlaub fliegen oder fahren, wo andere in ihrer Heimat zu Hause sind. So muß jeder sich versichern, wo andere ein Vermögen haben. So braucht jeder Fleisch, wo andere von Pflanzen leben. So braucht jeder Rüstung, wo andere sich nicht gegen Neider schützen müssen. Ohne zunehmenden massenhaften Konsum funktioniert der Kapitalismus nicht. Die halben Auswege aus dem Kapitalismus führen also wieder stracks zurück in den Kapitalismus und verfestigen ihn sogar noch.

Fühlen die Menschen sich wohl in einer Gemeinschaft, dann werden sie faul und verzehren täglich nur noch das Nötig und das Gleiche. Und dies Wenige bekommen sie aus dem Überfluß der Erde. Konsum ist unwichtig geworden. Wenn wir davon ausgehen, daß ein Mensch zu trinken und zu essen braucht, ein Dach über dem Kopf und Menschen, die ihm nicht in den Rücken fallen, dann stellen wir fest, daß ein Mensch im Kapitalismus von den ersteren Dingen gegen Geld mehr als genug verzehrt als Ersatz dafür, daß er das letztere nicht hat. Er läßt sich das Bedürfnis nach Menschen seines Vertrauens abkaufen: Ist es im ICE nachts durch Deutschland nicht auch heimelig? Reicht dir eine Tonbandmaschine als ständiger Begleiter nicht aus? Ist ein Konzert mit Roberto Blanco nicht auch schön? Er kauft das, was die Natur ihm kostenlos bietet: Luft, Brot und Wasser, Salz, ein Dach über dem Kopf.

Ein gesundes soziales Lebewesen gibt sich nur in akuten Notfällen mit einem Ersatz zufrieden. Dann zieht es sich zurück, besinnt sich auf seine Kräfte, zählt die Häupter seiner Lieben und arrangiert sich neu. In einer Nische regeneriert es sich neu und tritt wieder unter seinesgleichen, wenn es überschüssige Energie verspürt. Diese läßt es seinesgleichen zugute kommen, ohne etwas dafür zu erwarten. Ein soziales Lebewesen respektiert die Andersartigkeit seiner Mitwesen und lebt aus der Vielfalt seiner Gattung. Es hat nicht das Bedürfnis, sich über andere oder unter andere zu stellen oder sich dauernd um den Hals zu fallen. Es läßt sich nicht durch Geschenke binden oder durch den Reiz, über andere herrschen zu dürfen. Es liebt auch nicht die Droge, die Ausblendung der Realität, die Verschlossenheit gegenüber Fremden. Es ist primär Lebewesen und sekundär Wissenschaftler, Künstler oder Politiker und gibt diese Rolle auf, sobald das Notwendige getan ist.

Noch sind die gesunden sozialen Lebewesen im Abendland nicht in der Mehrheit. Für die Berechenbarkeit der Masse von Konsumenten ist dies gut; aber wenn für die Spitzen und Stützen der kapitalistischen Gesellschaft nicht diktatorisch psychische und physische Gesundheit verlangt werden, wird das eherne kapitalistische Prinzip der betriebswirtschaftlichen Rationalität durchbrochen und der Kapitalismus aufgelöst. Bei Strafe des eigenen Untergangs kann er nicht zugeben, daß er eine Krankheit ist. Er geht an seinem Widerspruch zugrunde, daß seine Spitzen und Stützen mehrheitlich psychisch und physisch gesund, also noch Menschen sein müssen, er diese aber aus einer Masse immer kränker werdender Menschen rekrutieren muß, die er zu seinem Funktionieren braucht.

Unter Krankheit verstehen wir hier den Zustand eines Individuums oder einer Gruppe, die als selbstlernendes und sich selbst regulierendes System sich nicht mehr am Leben erhalten kann, die sich nur durch Unterstützung von außen, durch Ausbeutung anderer am Leben erhalten kann. Einem solchen System ist der Maßstab dafür verlorengegangen, was es zum Erhalt des eigenen Lebens braucht; es kennt keine Sättigungsgrenze mehr, es kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden, es kann nicht mehr unterscheiden zwischen Fiktion und Realität.

Es kommt ihm in erster Linie darauf an, (fremdbestimmt) zu arbeiten und zu überleben (nicht zu sterben), zu zweit oder allein. Was man zum Leben braucht, könne und dürfe man sich nicht nehmen, sondern man müsse dafür einen Teil von sich hergeben/sich verkaufen; was man zum Leben braucht, sei nur durch Handel zu bekommen. Einem sozialen Lebewesen, das der Mensch aber nach wie vor ist, kommt es in erster Linie darauf an, zu leben und kollektiv zu leben. Diese Realität leugnet das Bewußtsein des abendländischen Menschen in der Regel. Deshalb nimmt er in der Regel sinnliche Bedürfnisse und ihre Befriedigung nicht mehr wahr, ist nicht mehr damit zufrieden, kann nicht mehr teilen mit seinen Artgenossen und nicht mehr gemeinsam mit ihnen handeln.

Wie sieht der Kapitalismus heute aus? Lebensnotwendige Güter werden von Monopolen und Kartellen produziert; die dort Herrschenden können also die Menschen im Kapitalismus erpressen. Hauptsächlich lebt der heutige Kapitalismus aber vom Produzieren und Vermarkten von Gütern, die man/frau eigentlich nicht braucht: Drogen (für die Verletzten und Geschändeten), Statussymbole (für die Untertanen, Menschen mit gestörtem Selbstbewußtsein). Das geht nicht ohne Verdummung der Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft. Dazu haben die Kapitalisten die authentischen Kommunikationskanäle weitgehend zerstört (Die Menschen sprechen in der Regel nicht mehr miteinander. Besonders nicht wenn ihnen das Herz voll. Besonders nicht wie ihnen der Schnabel gewachsen ist) und die Menschen in von Kapitalisten (zum Zweck der Vermarktung nicht benötigter Güter) geschaffene Kommunikationskanäle gezwungen: Medien, Mode. Hauptzweck der Medien im Kapitalismus ist die Werbung, nicht das Informationsbedürfnis der Bevölkerung zu befriedigen. Trotzdem oder gerade deshalb gibt sich Werbung oft als Information aus. Diese Information stellt sich jedoch bei näherer Betrachtung als leer heraus, weil sie nur aus der Übermittlung von Reizen besteht: Sensationen, Sex and Crime. Der/die einzelne erhält auf diese Weise keine Informationen, die ihn/sie beruhigen, ihn/sie zu sich selbst kommen läßt, ihm/ihr wieder neuen Lebensmut geben und damit von der Fremdbestimmung durch den Kapitalismus unabhängig machen.

Wie sieht diese Fremdbestimmung, diese innere und äußere Kolonisierung im einzelnen aus? Dem/der einzelnen wird das (kostenlose) Recht auf das genommen, was er/sie zum Leben braucht: Grund und Boden (Natur), Lebensmittel, seine/ihre fünf Sinne. Völker werden versklavt und gezwungen, von einer Monokultur zu leben. Die, die man als ProduzentInnen und KonsumentInnen (ProfitbeschafferInnen) noch braucht, werden abhängig gehalten durch die Lieferung von Zerstreuung, Ideologie (Orientierungshilfe, wenn sie auch in die Irre führt), Make-up (z.B. im Kosmetiksalon "Soulcare"), Service, Kunst, Wissenschaft, Politik (wenn sie auch in die Irre führen). Diese Scheinwelt fußt auf leeren Begriffen und falschen Dogmen wie "Nation", "Kulturnation", "Wirtschaftsstandort". In dieser Scheinwelt hat man/frau sich unterbewußt damit abgefunden, daß die kapitalistische Gesellschaft eine Drogengesellschaft, eine korrupte Geselllschaft, eine kranke Gesellschaft, eine Zwangsarbeitsgesellschaft ist. Zum Zweck des höchstmöglichen Profits vagabundiert das Kapital um die ganze Erde, ökonomisch, aber auch kulturell (wenn z.B. afrikanisches Trommeln für Therapiezwecke im Abendland eingesetzt wird). Das Kapital bewegt sich frei über die nationalen Grenzen hinweg, redet aber den Menschen ein, es komme auf die nationalen Grenzen an, der Standort Deutschland müsse verteidigt werden. Das Kapital bereichert sich an den Menschen im nationalen Rahmen, daneben im tariflich-korporatistischen Rahmen und schließlich im betrieblichen Rahmen. Das Kapital vermittelt den Menschen ein Hochgefühl und ein Gefühl von Freiheit, während sie in Wirklichkeit ausgebeutet, versklavt und erniedrigt werden. Das Kapital privatisiert seine Gewinne und sozialisiert seine Verluste. Der Kapitalismus heute ist also eine bislang wohlorganisierte Irrenanstalt. Das egoistische Vorgehen von Interessengruppen (Lobbyisten) bei der Gesetzgebung und in der Verwaltung führt zu aufgeblähten, unübersichtlichen Gesetzen und Verwaltungen, die dadurch immer mehr Schlupflöcher und Korruptionsmöglichkeiten bieten. Eine alle Gesetze und Verwaltungen zusammenschauende Politik, eine klare Linie gibt es in einer kapitalistischen Regierung nicht. Sie ist immer nur Spielball und Ergebnis unkoordinierter Lobbyistentätigkeit. An der Spitze eines kapitalistischen Staates herrscht Anarchie. Denn er ist ein Abfallprodukt der unkoordinierten Profitmacherei vor Ort. Die Notwendigkeit von Technikfolgen- und Gesetzesfolgenabschätzung deutet darauf hin.

Die Erschließung neuer Profitquellen wird immer schwieriger, so daß die Kapitalisten (wie in den letzten beiden Weltkriegen) Werte zerstören "müssen", um mit dem Wiederaufbau neue Profitquellen zu schaffen, z.B. im Gebiet des Persischen Golfs, in der ehemaligen Sowjetunion, Südostasien. Oder sie schüren neue Ängste, damit die profitable Rüstungsindustrie eine Festung ausbauen "muß". Oder "der Staat" soll Gelder für die Reparatur gefährlicher Atomkraftwerke, den Neubau sicherer Atomkraftwerke und die Beseitigung des Ozonlochs zur Verfügung stellen. Oder Kapitalisten zerstören gewerkschaftliche Macht. Notfalls bombardieren die USA Europa.

Der Kapitalismus zerstört Dinge/Einheiten/Organismen vor ihrem natürlichen Ende/Zerfall. Er versucht, der Natur einen anderen Rhythmus aufzuzwingen. Z.B. zerstört er Häuser (durch Bomben oder Abrißbirnen), bevor sie baufällig sind. Z.B. macht er Menschen kaputt. Sie, die vom Kapitalismus befallene Gesellschaft, reagiert darauf, indem sie eingeht/krank wird. Die Natur stößt sie ab, langfristig.

Mittelfristig: Der Kapitalismus produziert UntertanInnen, doch zu seinem Erhalt, zur Steigerung der Profitrate, braucht er UnternehmerInnen: Menschen mit einer Identität, Kreativität, Wagemut, Innovation. Er ist eine Krankheit und hält sich durch Gesunde am Leben. Entweder frißt er alle Gesunden vollends auf, oder die Gesunden sagen: Wir machen nicht mehr mit! Wir lassen uns nicht auffressen! Das haben Menschen in den Revolutionen 1917 bis 1918 auch schon gesagt, wurden aber von den Kranken in den eigenen Reihen (Stalin Noske ...) aufgefressen (umgebracht).

Die Überflüssigen

Die Scheinwelt des Kapitalismus existiert nur so lange wie mehr oder weniger labile Gruppen von Menschen von heute, die sich soziologisch und psychologisch genau benennen lassen: die Überflüssigen und die Leidenden. Fallen die Überflüssigen durch ihre Blutlachen allzu sehr auf, werden die Herrschenden diskreditiert (das Kapital lebt von Kredit). Entdecken die Leidenden, daß sie von ihren Führern verführt worden sind, entwickeln sie ein Bedürfnis nach Demokratie (Demokratie ist der Feind des Kapitals). Die Leidenden könnten die Demokratie entdecken, wenn sie über ihren Zaun schauen. Der Kapitalismus versucht mit allen Mitteln, Information und Kommunikation zu unterbinden. Information darüber, daß man/frau auch anders leben kann als in der abendländischen Kultur. Daß man/frau durchaus menschenwürdig leben kann, machen uns die da draußen vor. Wenden wir uns zunächst mal den Überflüssigen zu.

Die Erste Welt kann zunehmend auf Menschen in der Dritten Welt verzichten, weil sie entweder die wenigen dort zur Produktion benötigten Arbeitskräfte selbst einfliegt oder mit RenegatInnen bestreitet. 40 % der Arbeitskräfte auf der Erde werden nur benötigt, um den Bedarf der Menschen auf der Erde zu produzieren. Die Überflüssigen nehmen es hin, daß ihnen das Existenzminimum gekürzt wird. Sie lassen sich durch Drogen kaputtmachen und durch Fernsehen ruhigstellen. Die Dritte Welt ist also auch mitten in der Ersten Welt.

Die Überflüssigen merken gar nicht mehr, daß für ein scheinbar gutes Leben Luft, Meere, Gewässer, Böden und Wälder vergiftet und sie vernichtet werden durch die unbegrenzte Produktion von Rüstung, Autos, Zigaretten, Drogen und andere Dinge, die Menschen nicht brauchen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Aber es geht ihnen nicht mehr um Menschenwürde, nur noch um ein "gutes" Leben. Sie haben ihre Seele verkauft.

Sie merken auch nicht mehr, daß sie keine Demokratie haben. Es gibt keine Gewaltenteilung, wie zuletzt an den Reaktionen auf das Kruzifix-Urteil öffentlich geworden ist. Das Parlament ist der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen; es beschließt nach einer Wahl anders als vorher gesagt. Die Medien sind der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen, zumindest die privaten; bei den öffentlichen regiert der Proporz der Herrschenden. Die Wirtschaft ist der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen. Das Volk ist zur Selbstbestimmung unfähig; z.B. sind 50 % aller US-AmerikanerInnen AnalphabetInnen. Das Volk wird auch nicht zur Selbstbestimmung erzogen; z.B. sind eine halbe Million Kinder in Deutschland obdachlos.

Die Leidenden

Was der Kapitalismus statt Menschenwürde an "Gutem" bietet: Sex, Konsum, Arbeit. In Wirklichkeit unterdrückt er sexuelle Bedürfnisse (zur besseren Ausbeutung der Arbeitskräfte) und stilisiert sie dadurch zu einer besonderen Rarität und einem hervorragenden Lebenssinn hoch, der in Phasen, in denen die Arbeitskräfte nicht gebraucht werden, besonders zelebriert wird: Sex. Was natürlich mit dem ursprünglichen Bedürfnis und seiner Befriedigung nichts mehr zu tun hat. In Wirklichkeit unterdrückt der Kapitalismus auch die Befriedigung anderer sinnlicher Bedürfnisse (zur besseren Ausbeutung der Arbeitskräfte) und stilisiert sie dadurch zu einer besonderen Rarität und einem hervorragenden Lebenssinn hoch, der in Phasen, in denen die Arbeitskräfte nicht gebraucht werden, besonders zelebriert wird: am Feierabend. Im kulturellen Überbau wird (Zwangs)Arbeit als Erfüllung des Lebens dargestellt. Was natürlich mit den ursprünglichen sinnlichen Bedürfnissen nach Ernährung, Nestbau und Nestwärme und ihrer Befriedigung nichts mehr zu tun hat. Arbeit im Kapitalismus ist Gewalt gegen Körper und Seele, sie ist tägliche Demütigung.

Wer im Kapitalismus nicht zu den Überflüssigen gehören will, wer sich einreden läßt, seine natürlichen Bedürfnisse nicht selbst befriedigen zu können, ist auf andere angewiesen, ist darauf angewiesen, andere an sich zu binden - durch Handel, durch gemeinsames Zelebrieren abendländischer Werte: Sex, Konsum, Arbeit. Der Frust der Einsamkeit im Abendland wird verdrängt durch Handel, durch Action, durch Aktivitäten, durch Musik/Kunst, durch symbolisches Handeln/Politik, durch Gedankengebäude/Wissenschaft über Sex, Konsum und Arbeit. So ist all das, worauf das Abendland so stolz ist (das große Produktangebot, Kunst, Politik, Wissenschaft), Symptom dafür, daß die abendländischen Menschen ihre ursprünglichen sinnlichen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Der Handel, das Zelebrieren, Kultur schlechthin, das Binden von Menschen an sich selbst sind nicht Zeichen einer höheren Entwicklung der Menschen, sondern Zeichen einer Krankheit. Die abendländischen Menschen leiden unter ihrer Abhängigkeit voneinander, kommen aber nicht auf die Idee, sich davon zu befreien. Sie meinen, das Problem dadurch lösen zu können, daß sie die Natur beherrschen und ewig leben. Das sind jedoch Gewalt- und Allmachtphantasien. Nachdem sie die Perversionen von Sex, Konsum und Arbeit genossen haben, stehen sie da und fragen: War das alles? War das das Leben? Das kann es doch nicht gewesen sein? Recht haben sie, aber wer sich von Anfang an seine sinnlichen Bedürfnisse unterdrücken und verdrängen läßt, wer sich brechen läßt, spürt kein Leben mehr in sich. Er ist dauernd beschäftigt, aber wenn er innehält, spürt er nur Leere in sich. Er leidet.

In der Jugend muß er mitmachen, bei Schule, Sportverein, Rauchen, Reisen, Geld Anschaffen, Frau Anschaffen, Auto Anschaffen, Musik Anschaffen, Nike, Bennetton, Wrangler ... In der Mitte seines Lebens muß er joggen, fernsehen, heiraten, erziehen, abnehmen, bausparen, reisen, anschaffen, mitreden, arbeiten ... Im Alter muß er die Füße pflegen, Bandscheiben pflegen, sich kümmern um Unterleib, Prostata, Magen, Augen, Medikamente einnehmen gegen Bluthochdruck, Zucker, Blähungen, Schlafstörungen usw., vorsorgen gegen Krebs, Einsamkeit, Osteoporose und Kreislaufstörungen, vorsorgen für Tod, Erben und Bestattung. Er hat den ganzen Tag zu tun, von früh bis spät. Solang ihm das Geld bringt, macht er es gern. er fühlt sich high:

Bald der guldin im kasten klingelt,
Die seel sich auff gen hymel schwinget.

(Hans Sachs)

Den Verlust eines sozialen Umfeldes, einer Gemeinschaft versucht er vergeblich zu kompensieren durch die Mitgliedschaft in einer Kirche, einem Verein, einer Gewerkschaft, einer Partei. Zu spät vielleicht kommt ihm die Frage: Wo bleibe ich? Das bloße Da-Sein ist ihm nichts wert, die Aktivitäten erweisen sich als hohl, er leidet.

Der Vereinzelung, dem Leiden eines sozialen Lebewesens, wäre jedoch meistens auch anders zu begegnen gewesen als durch Handel: sich in Trauer zurückziehen, zur Ruhe kommen, den Nächsten oder die Nächste als meinen Bruder oder meine Schwester erkennen, gemeinsam trauern, mein letztes Brot, meinen letzten Mantel mit ihm oder ihr teilen, also keinen Handel treiben mit dem, was existentiell notwendig ist für einen Menschen. In unsere Zeit übersetzt: eine soziale Grundsicherung von 2500 DM netto monatlich für jedeN, freie Assoziation freier Individuen, freie Therapie unfreier Menschen, kostenlose Begegnungsmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen, Drogenfreigabe bzw. -substitution für Drogenabhängige. Möglich in einem reichen Land wie dem unseren. Wobei immer noch viel übrig bleibt für unsere Brüder und Schwestern in der Dritten Welt. Und wir deshalb keine Angst haben müßten, von ihnen überrannt zu werden. Sozialismus. Keine Angst nach innen und nach außen. Die Ursachen unserer Krankheit beseitigt.

Dem hemmungslosen Eigeninteresse von Kapitalisten kommt man nicht moralisch bei, wie die Frühsozialisten und Roosevelt glaubten, weil es sich hier um eine zwingende Logik handelt, sobald man aus den menschlichen Beziehungen Warenbeziehungen macht, wie Marx entdeckte. Das Bedürfnis, aus menschlichen Beziehungen Handelsbeziehungen zu machen, ist aber auch ein krankhaftes Bedürfnis. Deshalb reicht eine Änderung des Wirtschaftssystems nicht aus, sondern die Menschen, die ein solches krankhaftes Bedürfnis haben, müssen geheilt werden - von Menschen, die außerhalb dieser krankhaften Kultur leben.

Die draußen

Als der Augsburger Finanzier Jakob Fugger der Ältere gefragt wurde, wann er so viel Geld haben würde, daß er kein Verlangen nach Geld mehr verspürte, antwortete er: Ich glaube nicht, daß dies jemals der Fall sein wird. Lever, der Gründer des Weltkonzerns Unilever, berichtete 1912 aus dem Kongo: "Tatsache ist, daß der Eingeborene wenig Bedürdnisse hat: Ein wenig Salz und etwas zum Anziehen sind unerläßlich. Danach Perlen, Messingstangen und andere Luxusgegenstände. Chief Womba in Leverville kann als Beispiel dienen. Vor zwölf Monaten waren er und sein Volk arm und wenige, und sie waren erpicht darauf, Früchte zu bringen. Nach höchstens zwölf Monaten Fruchtverkauf ist er reich und faul, hat zehn Frauen, und sein Depot ist ungefähr viermal so groß wie vorher, aber er sammelt wenig oder gar keine Früchte ... Der Palmbaum ist in diesen Gegenden das Bankkonto des Eingeborenen, und er denkt nicht mehr daran, zur Bank zu gehen, um Früchte, um Geld zu holen, wenn seine Wünsche und sein Ehrgeiz befriedigt sind, wie es ein zivilisierter Mann tun würde."

Auch hier unter uns gibt es immer mehr Menschen, die so (natürlich) wenige Bedürfnisse haben, daß sie von Sozialhilfe leben können und ihre Ichs, ihre Selbstbestimmung nicht gegen irgendwelche Verlockungen zu verkaufen bereit sind. Sie werden jedoch diskriminiert, bestraft, ausgestoßen, wie auch Chief Womba von Kapitalisten eigentlich nicht als Mensch anerkannt wird. Sehr früh im Leben eines jeden Menschen im Abendland stellt sich also die Frage: Will er nur auf die (begrenzten) Bedürfnisse seines Körpers hören und dadurch zum Außenseiter werden, oder will er die (Grenzen der) Bedürfnisse seines Körpers verdrängen und dazugehören? Vielleicht wird er entdecken, daß diese Frage theoretisch ist, weil er in Gemeinschaft mit anderen Außenseitern in der abendländischen Kultur und mit anderen Kulturen auf der Erde nicht mehr einsam ist.

Ist es denn so erstrebenswert, zu den abendländischen Menschen zu gehören? Ihre "Zivilisation" sieht so aus, daß Kinder, Erwachsene und Gruppen sich nicht schlagen dürfen, wenn sie Konflikte untereinander haben, Völker aber durchaus ihre Konflikte untereinander militärisch lösen dürfen. Sieht man hinter die privaten Vorhänge, gibt es auch dort viel Gewalt gegen Kinder, Erwachsene und Gruppen. Sieht man in die (Zwangs)Arbeitswelt, beschreibt Studs Terkel, amerikanischer Pulitzer-Preisträger, sie so: "Arbeit ist ihrer Natur nach Gewalt - gegen Körper und Seele. Arbeit heißt Magengeschwüre und Unfälle, Geschrei und Ellenbogen, Nervenzusammenbrüche und Treten. Arbeit heißt vor allem (oder unter allem) tägliche Demütigung. Den Tag zu überleben ist schon Triumph genug für die große Zahl der körperlich und seelisch Verletzten unter uns." Die abendländische "Zivilisation" hat dem einzelnen Menschen seine Würde genommen. Andere Kulturen lassen sich auch unter Androhung nicht nur der Einsamkeit, sondern des Todes nicht ihre Würde nehmen: die Balinesen 1906, nur über Speere und Kris verfügend, gegen schwerbewaffnete abendländische Einbrecher: würdevoll Hand an sich legend.

So unmenschlich der Umgang der Menschen im Abendland miteinander in der Regel ist, so verlogen ist die Fassade dieser "Zivilisation" nach draußen. Doch die draußen fallen nicht (mehr) darauf herein.

Die Erkenntnis

Wie kann man den abendländischen Menschen ihre Würde wieder zurückgeben? Nicht. Sie müssen sie sich schon selbst wieder verschaffen. Sie müssen sich selbst therapieren. Wenn sie sehr artig sind, hilft ihnen die Dritte Welt vielleicht dabei, ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl wiederherzustellen durch die Erkenntnis: Wir sind krank (im Vergleich zum Rest der Menschheit).

Doch die meisten im Abendland haben noch nicht das Gefühl, menschenunwürdig zu leben, krank zu sein. Jemand menschenunwürdig behandeln heißt ihn nicht gleichwertig behandeln. Angeblich Normale behandeln angeblich Behinderte hierzulande nicht gleichwertig, die Männer nicht die Frauen, die Erwachsenen nicht die Kinder, die Weißen nicht die Schwarzen, die Habgierigen nicht die Habenichtse, die Arbeiter nicht die Arbeitslosen, die US-Amerikaner nicht die Russen. Die einen wollen den andern nichts abgeben von ihrem Überfluß, den sie wirklich nicht brauchen. Dieses zwanghafte Habenwollen legt den Schluß nahe, daß die einen gar nicht so normal sind, wie sie sich geben, daß sie in Wirklichkeit die Behinderten, die Kranken sind. Aber die angeblich Behinderten haben kein Einsehen mit den angeblich Normalen. Sie sehen nicht ein, daß sie die Kranken spielen sollen, während die anderen krank sind. Vielleicht hätten die angeblich Behinderten ein Einsehen, wenn die angeblich Normalen sagten: Wir sind krank (im Vergleich zu euch, sofern ihr nicht werden wollt wie wir).

Doch Worte sagen nicht viel. Wie gehen die Menschen miteinander um? Wenn ich existentiell entspannt bin, glücklich und zufrieden bin, gesund bin, gehe ich grundsätzlich anders mit Menschen um, als wenn ich mich in meiner Haut nicht wohl fühle. Wenn ich mit mir zufrieden bin, überschüssige Energie habe, keine Erwartungen habe, keinen Dank erwarte, keine Selbstbestätigung, führe ich ein Unternehmen grundsätzlich anders, als wenn ich damit ein Geltungsbedürfnis befriedigen will. Es entstehen zwei grundsätzlich verschiedene Umgangsformen in Politik und Wirtschaft je nachdem, ob ich ausgeschlafen, ausgeruht, befriedigt meinen Mitmenschen gegenübertrete oder ob ich davon ausgehe, daß sie meine persönlichen Bedürfnisse befriedigen müssen.

Zum Sichwohlfühlen, Mitsichzufriedensein gehören beim Menschen die Sicherung eines bescheidenen Lebensunterhalts und die Gemeinschaft vertrauter und verläßlicher Menschen. Diese minimalen menschlichen Bedürfnisse werden in der kapitalistischen Gesellschaft, in der angeblich jeder den Marschallstab im Tornister trägt und somit jeder gegen jeden kämpft, nicht befriedigt. In der Regel muß jeder um seine Wohnung und seinen Lebensunterhalt/Arbeitsplatz kämpfen, von der Einsamkeit ganz zu schweigen. Eine Umgangsform, die die Mitmenschen nicht in Beschlag nimmt, die die Mitmenschen nicht ausbeutet, wird also sehr selten sein. Fast alle handeln zwanghaft unmenschlich, obwohl nur die entgegengesetzte Umgangsform kapitalistisch erfolgreiche Politik und Unternehmensführung bewirken. An diesem Widerspruch geht der Kapitalismus letzten Endes zugrunde.

Noch leiden die meisten jedoch darunter, daß sie persönlich und beruflich gefordert werden, bevor sie ausgeschlafen und befriedigt sind, und deshalb ihre Mitmenschen zu Objekten machen (müssen), sie nicht mehr gleichwertig behandeln (können). Sie sehen sich in einer Zwangslage. Sie meinen, von keinem lassen zu können: Identitätsverlust und Objektwelt, Selbstverleugnung und Menschenbeherrschung. Sie meinen, den großen Spagat auszuhalten, indem sie "notgedrungen" auf eine legere Umgangsform, auf partnerschaftlichen Umgang, auf die friedliche Lösung von Konflikten, auf Mitbestimmung, auf Demokratie verzichten, aber doch ein bißchen Frieden, ein bißchen Nächstenliebe, ein bißchen Demokratie praktizieren. Ein bißchen Demokratie gibt es jedoch nicht, wie es auch nicht ein bißchen Schwangerschaft gibt. Entweder habe ich das Bedürfnis nach partnerschaftlichem Umgang mit meinen Mitmenschen (dann kann ich es nicht zeitweise abschalten), oder ich habe es nicht. Wem aber dies nicht klar ist, wer meint, zwei unvereinbare Haltungen zusammenzwingen zu können, wird psychisch krank.

Manche meinen, diese unvereinbaren Haltungen - den Mitmenschen gleichzeit als Subjekt und Objekt zu behandeln - ließen sich über einen Handel vereinbaren: "Du sicherst mir vertraglich etwas zu, dafür sichere ich dir vertraglich etwas zu; dann habe ich dich in deiner Würde doch nicht verletzt." Doch. Das Miteinanderleben von Menschen ist keine Handelsbeziehung. Nur wer es für selbstverständlich hält, sein Brot und seinen Mantel mit seinem Nächsten zu teilen, ohne etwas dafür zu bekommen, kann als soziales Lebewesen leben. Wer versucht, das Soziale mit dem Handel zu verbinden, wird psychisch krank.

Also nur wer seine legere Umgangsform, mit der er auf die Welt kommt, beibehält dank Nestwärme und freiem Testen der eigenen Fähigkeiten, wem es natürlich ist, zuerst an sich zu denken, auf seinen Körper zu hören und sich dann in öffentliche Dinge einzumischen, ohne dafür etwas zu erwarten, wer von Anfang an keine Lust am Kapitalismus hat, wird Demokratie praktizieren und in Würde leben können. Ob jemand psychisch krank wird, entscheidet sich meistens in den ersten Jahren seines Lebens. Aufklärung über die äußeren Verhältnisse hat offensichtlich bislang noch nicht ausgereicht, um die unmenschliche Gesellschaft im Abendland zu erkennen. Aufklärung über die biographischen Verhältnisse tut not. Selbstaufklärung: Wo stehe ich?

Wenn die meisten hierzulande erkennen, daß sie krank sind, erkennen sie auch, daß hier kein Frieden ist, keine Demokratie, kein zivilisiertes Umgehen miteinander, daß wir hier würdelos leben, weit unter dem Niveau der Menschen, denen wir praktisch das Menschsein absprechen. Eine harte Erkenntnis.

Erkennen ist nicht eine Frage der geistigen Anstrengung, sondern des Zulassens, des Wahrnehmens der Gesetzmäßigkeiten in der Natur, in sich selbst. Psychisch kranke Menschen nehmen das Papier wahr, nicht die Wirklichkeit. Wenn z.B. auf einem Papier steht: Demokratie, dann glauben sie, hier herrsche Demokratie. Wenn sie mit dem Kopf darauf stoßen, daß dem nicht so ist, resignieren viele. Viele machen die Vision (Demokratie) wieder kaputt, indem sie das Nichtexistierende mit Gewalt verteidigen wollen: Schutzhaft, kein individueller Schuldnachweis bei Verhaftung ... Wenige fangen damit an, die Vision (Demokratie), die sie in sich tragen, die ihre Haltung ist, die aber noch nicht allgemein zu verwirklichen, schon mal in ihrem persönlichen Umfeld zu verwirklichen.

Psychisch kranke Menschen (Menschen mit geliehener Identität) reagieren in Krisensituationen mit einer Flucht ins Religiöse, in Drogen, ins Irrationale oder mit dem Bauen eines Schutzwalls von Besitztümern oder mit dem Definieren eines Sündenbocks, eines Feindbilds. Psychisch kranke Menschen wollen nicht zulassen, was ist, und finden deshalb keinen Weg aus einer Krise. Psychisch gesunde Menschen (Menschen mit eigener Identität) lassen dagegen zu, was ist, und finden einen Weg aus der Krise. Sie besinnen sich auf sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten, oder sie versuchen zu verstehen, was um sie herum vorgeht, oder sie sind einverstanden mit dem eigenen Ende.

Tiere kennen durchaus den Tod (ihrer Nächsten, ihrer Art) und erleben ihn negativ, aber vor allem unabänderlich. Genauso wie sie die Geburt positiv erleben, eine Trennung von ihren Jungen jedoch unabänderlich, geradezu natürlich. Sie bilden sich auf ihre Jungen nichts ein wie manche Menschen; sie schleppen sie wie eine natürliche Last mit sich, genauso wie sie ältere und schwächliche Erwachsene im Verband mitschleppen. Wie den Abschied der Jungen nehmen sie auch den Tod der Älteren als unabänderlich hin, Schmerzen sind da, aber sie gehen vorüber, die Natur hat alles gut gerichtet. Sie akzeptieren den Gang der Natur.

Die meisten Menschen in der abendländischen Kultur akzeptieren den Tod nicht. Sie lassen sich einreden, ein Mensch habe mehrere Leben oder ein ewiges Leben. Wüßten die Menschen, daß sie nur ein Leben haben, hätten sie einen ungeheuren Erkenntnisdrang. Denn es macht keinen Spaß, sein einziges Leben lang mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Einigen wird dann doch noch gegen Ende ihres Lebens bewußt, daß sie nur ein Leben haben. Das führt zu Panikreaktionen, zur Erkenntnis reicht es nicht mehr.

Die meisten Menschen in der abendländischen Kultur wollen andere Menschen an sich binden oder sich mit anderen Menschen als ihren Produkten, als Produkten ihrer Erziehung brüsten. Trennt sich ein Mensch von ihnen, will ihr Schmerz nicht mehr enden; sie können sich an keinen anderen Menschen mehr gewöhnen, sie vereinsamen, sie sterben.

Es gibt Menschen, die können nicht ertragen, daß jemand anders ist als sie. Sie wollen sich gar nicht informieren, sie wollen nicht verstehen, warum der/die andere so ist. Sie stürzen sich auf Gerüchte und Vorurteile, mit denen der/die andere zum komischen Kauz, zum Außenseiter gemacht werden kann, diskriminiert werden kann. Solche zwanghaft einer Aufklärung sich versperrenden Menschen sind krank. Die von ihnen geprägte Gesellschaft ist krank. Die dort herrschenden Sitten und Gebräuche, Kultur und Recht sind Ausdruck einer menschlichen Krankheit.

So entsteht der Kampf "jedeR gegen jedeN". So entsteht Wettkampf um seiner selbst willen, Krieg, Kapitalismus, Holocaust, Ende. Wer dies verhindern will, muß die Menschen heilen oder sie zumindest von einflußreichen Posten fernhalten.

Es ist so, als ob tausend ungehemmte Lokalwichtigmacher in Europa frei würden: endlich, endlich dürfen wir auch! Man hat den Eindruck, als gäbe es Warenhäuser für kleine neue Staaten: alle haben sich wunderschöne Fahnen angeschafft, Militäruniformen, Titel, Briefmarken, eine uralte Literatur, prima Geschichtsunfälle, Gedenktage und - selbstverständlich einen bösen Feind.

Außerdem gibt es viele Menschen in Europa, die ihre Autorität, der sie bislang gefolgt sind, verloren haben, sei dies ihre Gewerkschaft, ihre Partei, ihre Bürgerinitiative, ihre Familie, ihre Arbeit. Sie können nicht auf eigenen Füßen stehen, sie suchen den Schutz einer Herde, einer Horde, einer Sekte, eines kleinen neuen Staates.

Das trifft sich gut. Die psychologische Situation vieler Menschen in Europa und die politische Situation in Europa passen zusammen. Einige Lokalwichtigmacher schwingen sich an die Spitze der kleinen Staaten, und alle sind's zufrieden.

Das Dumme ist nur, daß wir dies alles schon einmal hatten: 1925. Und am Ende kein Frieden war.

Wird ein Volk so auf engen Raum begrenzt und durcheinandergewirbelt, daß es von der individuellen Selbstversorgung zur kollektiven industriellen Versorgung übergehen muß, zur Erhöhung der Produktivität, zur Ausbeutung von Mensch und Natur, zum Kapitalismus, dann hat der/die einzelne tendenziell weder Raum noch Zeit, sich seiner/ihrer widerstreitenden Gefühle, die es in jedem Lebewesen gibt, bewußt zu werden und Widersprüche, die es überall in der Natur gibt, aufzuheben. Verdrängungen, Projektionen, Verschiebungen, Sublimierungen sind die Folge. Kapitalismus und psychisch kaputte Menschen ergeben sich also notwendig aus der geopolitischen Situation einer Gruppe von Menschen. Ihre Not gebiert mit der kollektiven industriellen Versorgung aber auch gleichzeitig ihre Linderung, wenn sie sich nicht in den vermeintlichen Zwang einer ständigen Erhöhung der Produktivität hineinreißen läßt, wenn psychisch kranke Menschen nicht die Oberhand gewinnen, sondern einige übriggebliebene Gesunde gehört werden: Es ist genug. Unsere Bevölkerung hat jetzt genügend Instrumente, um unsere Bedürfnisse auch auf kleinem Raum zu befriedigen.

Dadurch, daß man/frau kaputten/gestörten/kranken Menschen mehr Zwischenraum/Wohnraum ermöglicht, hat man/frau sie aber noch nicht geheilt. Das Problem ist nur verschoben, aber nicht gelöst. Der Wohnraum steht nicht unbegrenzt zur Verfügung. Seine Ausdehnung zugunsten Kranker kollidiert mit drei anderen Ansprüchen dieser Gesellschaft: sparsame Ressourcenverwendung, offen gegenüber Nachbarn/Ausländern, Mitleid mit den/Almosen für die Benachteiligten dieser Welt/für die sogenannte Dritte Welt. Diese Ansprüche bleiben auf der Strecke, wenn die Mehrheit, nämlich die Kranken, die Richtung angibt.

Wenn man/frau den Geschlechtern ermöglicht, auf Distanz zu gehen, wenn man/frau Lesben und Schwule toleriert, dann ist die Unnatur, die Unmenschlichkeit, die Abgeschlossenheit, der Autismus einer Männergesellschaft noch nicht aufgehoben. Die Unfähigkeit der meisten in dieser Gesellschaft, die Andersartigkeit der andern anzuerkennen, die Unfähigkeit zur Auseinandersetzung, zur Konfliktlösung bleibt innerhalb der Lesben und Schwulen erhalten und zerstört auch diese Gruppen.

Bemitleidet man/frau die Ausgebeuteten dieser Welt und läßt ihnen Almosen zukommen, erkennt man/frau sie nicht als PartnerInnen an, sondern als Abhängige; man/frau schafft Distanz zu ihnen. Aber die Erde ist begrenzt. Sie setzen zum kurzschlüssigen Terror an, wenn das Problem nicht zur beiderseitigen Zufriedenheit gelöst wird.

Die Lebewesen auf der Erde finden genügend Nahrung. Unsachgemäßes Füttern schadet ihnen mehr als gar nicht Füttern und hat viele unbeabsichtigte Folgen. Das natürliche Verhalten der Lebewesen geht verloren, sie werden abhängig. Es kommt zu Massenansammlungen weniger, brutaler Arten. Die Qualität der Umwelt wird erheblich verschlechtert, weil die überschüssige Nahrung und das, was sie sonst noch hinterlassen, die Umwelt verschmutzen und zum Wachsen unerwünschter Bakterien führen. Ursprüngliche Arten und ihre genetische Vielfalt werden verdrängt, weil ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird. Was anderes ist es, wenn ein Lebewesen überschüssige Energie hat, die es an die Seinen abgibt, ohne einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten. Nicht Lebewesen füttern, kein Mitleid, kein Kapitalismus, sondern Solidarität, Hilfe zur Selbsthilfe: Sozialismus als die freie Assoziation freier Individuen.

Das geopolitisch entstandene Problem der Einbildung nicht ausreichenden (Lebens)Raums ist also nicht geopolitisch zu lösen, sondern nur durch Erkenntnis/Therapie. Sollen Kranke Kranke heilen? Nein, aber einige von uns sind mehr oder weniger krank, haben gesunde Phasen, haben sich geheilt, sind gesund. Die sind aufgerufen, sich zusammenzutun, Räume für Dialoge zu schaffen und die Dinge so weit zu klären, wie es in ihren Kräften steht, auf daß sie sich in anderen Gruppierungen noch weitere Klarheit verschaffen. Die Kerne solcher Gruppen müssen aus psychisch gesunden Menschen bestehen. Weil eben Kranke nicht Kranke heilen können.

Die Tat bringt Menschen zusammen, nicht das Wort und nicht das Image. Gemeinsam handeln kann aber nur, wer eine gemeinsame Erfahrung hat. Erfahrungen kann man/frau nur mit den eigenen Sinnen machen, nicht mit dem Intellekt. Die Sinne funktionieren nur bei Lebewesen, die zu Beginn ihres Lebens Nestwärme erfahren haben und alle ihre Fähigkeiten testen durften, bzw. bei Lebewesen, die sich selbst entsprechend therapiert/emanzipiert haben.

Die Krankheit

Fassen wir zusammen. Psychisch krank in unserem Sinne ist,

wenn er unter Zwang arbeiten muß,
wenn er mit Leuten wohnen muß, die nicht mit ihm kommunizieren wollen,
wenn eine Gemeinschaft, in der er lebt, ihm nur alle vier Jahre zuhört,
wenn er in einem Fluß nicht mehr baden kann,
wenn er das Wasser nicht mehr trinken und die Luft nicht mehr atmen kann,
wenn er die Früchte nicht mehr essen kann,
wenn er (Film-, Fernseh-, Hörfunk-, Presse-)Berichte mit einem schnellen Schnitt aufnehmen muß,
wenn er jeden Tag andere Kleider tragen soll,
wenn er nicht selbst das Tempo seines Lebens und die Richtung seines Interesses bestimmen darf.

Auch sprachlich lassen sich die Symptome dieser Krankheit erfassen:

nominal

Aggression

verbal

Geltung

beherrschen

Sucht

sich unterwerfen

Heil

(ver)handeln

Ordnung

horten

"Kultur"

kaufen

Ironie

reinziehen

gehemmt

erschlaffen

autististisch

mäkeln

von sich eingenommen

beschuldigen

unanstößig

klammern

Gewalt

preschen

Macht

 

Erwartung

 

Harmonie

 

Raum und Zeit

 

Führung

 

Mitleid

 

widersprüchlich

 

verklemmt

 

seelenlos

 

unauffällig

 

sowohl ... als auch

 

 

 

Dies alles gilt, sofern es sich um vorherrschende Erscheinungsformen handelt. Da dies aber meistens erst nach einem längeren Zeitraum zu beurteilen ist, hier drei relativ schnell zu ermitteldnde Kriterien, bei deren Zusammentreffen von einer psychischen Krankheit in unserem Sinne gesprochen werden muß:

      1. psychisch auffälliges Verhalten
      2. "Ich brauche eine Therapie." "Ich habe eine Therapie hinter mir."
      3. "Ich übernehme nicht die volle Verantwortung für die Konsequenzen meines Tuns."

Bei einem Zusammentreffen dieser Kriterien leuchtet ein rotes Warnlicht auf: Auf dieses soziale Lebewesen ist kein Verlaß, wie man/frau es sonst von sozialen Lebewesen gewöhnt ist. Es ist nicht mehr Herr/Frau seiner selbst. Es braucht eine Therapie.

Die Krankheit besteht darin, zu meinen, in der abendländischen Gesellschaft gäbe es schon Demokratie. In Deutschland gibt es noch nicht einmal die bürgerliche Demokratie. Der Feudalismus ragt noch weit herein. Das ist u.a. an den Wahlen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg zu sehen und daran, daß es in Deutschland laut Grundgesetz keinen Minderheitenschutz gibt. Die Wirtschaft wird nach dem Modell des aufgeklärten Absolutismus regiert.

Wir haben den Untertanen als einen Menschen kennengelernt, der gegen Widerstände, gegen die Gefahr der Isolierung und des Schmerzes nicht den Mut hat, "ich" zu sagen. Gehemmt und verklemmt versucht er, Entscheidungen auszuweichen, beklagt sich aber bitter, wenn er unter den Konsequenzen seines Ausweichens leiden muß.

Dieses individuelle Reaktionsmuster ist in einer psychisch kranken Gesellschaft auch auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen wiederzufinden bis hin zur Politik des Staates. In Deutschland ist es üblich geworden, daß Politiker, wenn sie nicht den Mut zu einer klaren Entscheidung haben, diese Entscheidung dem Bundesverfassungsgericht überlassen, wie z.B. beim Einsatz deutscher Truppen außerhalb des Nato-Gebiets. Auch mit dem Kruzifix in staatlichen bayerischen Schulen war es so. Die Reaktion der Unterlegenen zeigt, wie leicht Untertanenverhalten in faschistisches Verhalten umspringen kann. Wer in Deutschland (und im Kapitalismus allgemein) Demokratie einführen möchte, muß erst mal die Herrschaft der Untertanen beseitigen, muß diese kranke Gesellschaft therapieren. Der Unterschied zwischen Kapitalisten und Ausgebeuteten liegt also nur in ihrer Position; beide sind krank.

Ein in seiner Identität gestörter, ein psychisch kranker Mensch, ein Untertan ist überrascht, wenn er auf Menschen stößt, die sich ihm nicht unterordnen wollen, die sich nicht zur Heilung seines Defekts bereithalten wollen, die sich ihm nicht verkaufen wollen. Er diskriminiert sie. In der Regel treffen in dieser Gesellschaft jedoch kranke Menschen auf kranke Menschen, so daß es zu einem Deal kommt: Du gibst mir einen Teil von dir, ich gebe dir einen Teil von mir. Menschliche Beziehungen werden zu Handelsbeziehungen. Das Prinzip des Teilens wird abgeschafft, das Prinzip des Handelns wird eingeführt. Die Gesunden können sich dagegen nur wehren, indem sie das Prinzip des Handelns nicht mitmachen und ihm mit dem Prinzip des Trennens begegnen: Sich trennen von denen, die sich nicht eingestehen wollen, daß sie krank sind, die sich nicht therapieren/emanzipieren wollen, die wollen, daß andere dies für sie tun. Sich trennen von Kapitalist und Untertan.

Untertan hier verstanden als unselbständiges und geistig zurückgebliebenes Individuum, quer durch alle Schichten der Gesellschaft. Das krankhafte Verhalten von Individuen prägt die Gesellschaft, und in der Regel merkt dieses keineR mehr. Es ist üblich geworden, nach einer lebenslangen Zwangsarbeit schnell noch leben zu wollen. Wenn der pensionierte und invalidierte Arbeiter schnell noch nach China reisen oder Gustav Gründgens am Ende seines Lebens schnell noch leben muß. Es ist üblich geworden, sich Leute zu kaufen, die einen gegen die aktuelle Unsicherheit versichern. Wenn der pensionierte Arbeiter keine Gewerkschaftsbeiträge mehr bezahlt, sondern in die Kirche eintritt. Es ist üblich geworden, sich künstlich gezüchtete BettgenossInnen gegen die eigenen Einsamkeit zu kaufen. Wenn das delikate Futter für die Katzen und Hunde scheinbar das größte Problem dieser Gesellschaft ist.

Untertanen können nur mitleidig oder beleidigt oder aggressiv reagieren. Sie können nicht partnerschaftlich reagieren, nicht von gleich zu gleich in einen Wettbewerb eintreten. Damit ist auch die Struktur des Kapitalismus beschrieben.

Unter krank verstehen wir hier auch nichts anderes, als die Psychiatrie bislang darunter verstanden hat: Handeln entgegen den sinnlichen Bedürfnissen eines Lebewesens, das sich am Leben erhalten will, auch entgegen dem eigenen Wohlgefühl. Zwanghafte Aktivitäten, seien das nun Arbeiten, Sport, Essen, Horten von Materiellem, Horten von Fetischen oder das Klammern an Boden/Menschen. Schizophrene Aktivitäten, seien das nun Glaube, Liebe, Hoffnung oder der zeitweise Realitätsverlust. Paranoide Aktivitäten, seien das nun der Kampf gegen Windmühlen, der Kampf gegen den Teufel oder der Kampf gegen andersartige Menschen. Depressive Aktivitäten, seien das nun Resignation, Narzißmus oder Idylle. Loslassen oder nicht brauchen, das ist hier die Frage. Wer das Gefühl hat, etwas loslassen zu müssen, an das er sich klammert, sei es nun Boden, Glaube, Feind oder Idylle, ist krank. Wer solche Aktivitäten, die er bisher aus Konvention mitgemacht hat, aufgibt, weil er sie nicht braucht, ist gesund. Nur solche Menschen können Träger einer Alternative zu dieser kranken Gesellschaft sein.

Damit wird entschieden der These entgegengetreten, der technologische Fortschritt bzw. die Vernetzung der Welt würde die Demokratie befördern. Auch nicht die Tendenz, daß Kinder heute mehr mit ihren Eltern verhandeln als sich ihnen unterordnen. Fortschrittsglaube und Verhandeln sind Krankheitssymptome. Technologie und Diplomatie sind höchstens Hilfsmittel für Konfliktsituationen; sie sind aber an sich noch keine Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern nur Werkzeuge, hilfreich in den Händen von Handwerkern, hilfreich (d.h. Demokratie befördernd) in den Händen von gesunden Menschen. Die Armut auf der Welt nimmt zu trotz technischen Fortschritts und vermehrter Diplomatie.
 

 

Der gesunde Mensch
Die Parität

Das gesunde soziale Lebewesen

Ein gesundes soziales Lebewesen teilt alles, was es (gefunden) hat, mit seinen ArtgenossInnen. Es erwartet nichts dafür. Es kommt nicht auf die Idee, zu handeln und zu horten. Oder die Erde zu seinem Eigentum zu erklären. Alle hängen an ihr: Wer soll da mehr Anrechte haben als ein anderer? Entweder teilen wir uns die Erde, oder wir fallen alle ab.

Ein gesundes soziales Lebewesen ist mit allem ausgestattet, was es braucht. Seine Sinne reichen ihm aus. Sein Selbstbewußtsein zieht es aus der Erfahrung, daß es seinen Sinnen trauen kann. Mit der Befriedigung seiner sinnlichen Bedürfnisse ist es zufrieden. Es hebt keines hervor, macht aus keinem einen Kult, auch nicht aus Sex oder Essen. Wer aber, aus welchem Grund auch immer, meint, sich über seine materielle Zusammensetzung hinwegsetzen zu können, und dies als Kultur und Suprematie ausgibt, zerstört sich. Der Mensch besteht zu über 90 % aus Wasser. Immer mehr Menschen in der abendländischen Kultur nehmen zu wenig Wasser zu sich. Der Mensch lebt hauptsächlich von frischen Pflanzen. Immer mehr Menschen in der abendländischen Kultur nehmen zu wenig frische Pflanzen zu sich. Der Mensch lebt hauptsächlich im Augenblick, befriedigt seine augenblicklichen Bedürfnisse und akzeptiert damit auch seinen Tod. Immer mehr Menschen in der abendländischen Kultur leben in der Regel nicht im Augenblick und akzeptieren nicht ihren Tod. Der Mensch, wenn er nicht angegriffen wird, sieht in seinem/seiner Nächsten sich selbst, pflegt also eine grundsätzliche Solidarität innerhalb seiner Gattung. Immer mehr Menschen in der abendländischen Kultur sehen im Nächsten das Fremde, das Bedrohliche.

Sind die sinnlichen Bedürfnisse befriedigt, kommt das gesunde soziale Lebewesen zur Ruhe. Regelmäßig. Immer wieder kommt der Rhythmus seines Lebens auf diese Kadenz zurück. Ein gesundes soziales Lebewesen lebt deshalb ganz im Augenblick und ist jederzeit zum Sterben bereit. Wer aber den Augenblick festhält, ist tot. Leben ist Bewegung. Ganz dem Augenblick zu leben ermöglicht auch eine große Toleranzbreite. Ein gesundes soziales Lebewesen paßt sich zunächst einmal nach Möglichkeit den vorliegenden Bedingungen an, solange sich minimale sinnliche Bedürfnisse noch befriedigen lassen. Funktionierende Sinne zur Befriedigung von Bedürfnissen sind das Rückgrat des Lebens. Sie machen die Würde und die Identität eines gesunden sozialen Lebewesens aus. Es fragt nicht, wo auf der Erde würdiges Leben seiner Art sei, dem es nacheifern könne. Es trägt die Demokratie in sich und muß sie ausleben. Es trägt sie mit sich und kann überall sein Lager aufschlagen.

Bei einem gesunden sozialen Lebewesen funktioniert die Sättigungsmeldung (Ende des Hungers) noch. Es wendet sich seinen ArtgenossInnen zu, wenn es genug gefressen, getrunken und geschlafen hat. Es tollt und bumst herum und streunt mit seiner Herde durch die Gegend, sucht neue Weidegründe und neuen Schutz. Wer immer nur mit sich selbst und mit seinen Ideen beschäftigt ist, den nannten die Griechen einen Idioten. Theorien und Philosophie als Auswurf eines Irrenhauses? Wenn die Praxis eine Theorie erfordert, soll es gut sein, aber dann hat sie auch ihren Zweck erfüllt. Wenn ein Stamm ein gemeinsames Problem hat, seine Instinkte zur Lösung dieses Problems ihn im Stich lassen, entwickelt er eine Sprache, berät die beste Lösung, führt sie aus und läßt die Theorie wieder Theorie sein. Der und die einzelne lebt für die Gemeinschaft und umgekehrt; sonst wird er/sie krank. Das meiste ist Leben, das geringste ist Theorie. Aber der Theorien zur Lösung eines Problems sind in einer Gemeinschaft viele. Meistens gibt es kein "Entweder ... oder ...". Das Leben ist nicht eindimensional. Der Wettstreit um die beste Lösung, wenn es denn mit den Instinkten nicht mehr klappt, ist natürlich. Sie wird gemessen daran, ob ein gegebenes Problem sich praktisch lösen läßt. Nicht daran, ob ein einzelner damit glänzen kann. Denn ein sinnlich befriedigtes Lebewesen hat kein Geltungsbedürfnis, kein Bedürfnis nach Macht über andere oder Unterordnung unter andere. Es hat keine Scheu. Es pflegt den aufrechten Gang, aber nicht den Hochmut und nicht die Unterwerfung.

Ein gesundes soziales Lebewesen erkennt sich in seinem Gegenüber wieder. Es macht aus dem Unglück der andern nicht sein eigenes Glück dieser Art: " Bin ich froh, daß es mir nicht so schlecht geht!" "Bin ich froh, daß ich nicht so dumm bin!" "Bin ich froh, daß ich nicht so kaputt bin!" Es leidet mit seinem Gegenüber und sinnt auf eine gemeinsame Lösung. Es sieht sein Gegenüber nicht als Objekt, das man bestaunen und gebrauchen könnte (als Opfer von Mitleid oder Objekt der Verehrung). Man kann nicht mit sich selbst handeln. Deshalb ist es einem gesunden sozialenLebewesen auch unmöglich, mit seinen ArtgenossInnen zu handeln. Auch Krieg gegen sich selbst zu führen ist unmöglich.

Ein gesundes soziales Lebewesen fällt nicht in panische Angst, wenn es auf ein fremdes Wesen seiner Art trifft. Es verharrt zunächst einmal in Staunen und wartet vertraute Regungen des oder der andern ab, wartet auf ein Zeichen der Friedfertigkeit. Es bleibt auf Distanz und läßt dem oder der andern Raum, sich zu akklimatisieren. Auch gegenüber Lebewesen anderer Art verhält es sich, sofern es von ihnen noch keine Aggression erfahren hat, indifferent.

Ein gesundes soziales Lebewesen kennt kein Mitleid. Besser ausgedrückt: Es macht kein Aufhebens, wenn es einem gestürzten Artgenossen neben sich wieder auf die Beine hilft. Es weiß, daß letzten Endes jedeR sich selbst helfen muß. Jeder Körper muß seine Wunden selbst heilen. Erfolgreiche Therapie kann nur Eigentherapie sein. Die Herde schafft dazu förderliche Bedingungen; aber die heilenden Kräfte müssen aus dem oder der Betroffenen selbst kommen. Mitleid hilft nicht. Psychisch gesunde soziale Lebewesen tun alles aus eigenem Antrieb. so wie sie aufspringen, wenn sie ausgeschlafen haben, machen sie sich ihren ArtgenossInnen nützlich, wenn sie überschüssige Energie haben, und die haben sie täglich. Sie machen sich ihnen nicht nützlich, weil sie Mitleid mit ihnen haben, weil sie ihnen helfen wollen, weil sie sie erlösen wollen; denn das würde voraussetzen, daß sie sich über sie stellen. Psychisch gesunde soziale Lebewesen handeln aus ihrer Identität, aber nicht egoistisch, sie handeln selbstbewußt und partnerschaftlich. Gute KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen (im sozialistischen Sinn) machen "es" für sich; sie hören aber auch auf. Wenn es ihnen ein Bedürfnis ist und nicht, wenn andere es wollen.

Ein gesundes soziales Lebewesen testet reglmäßig die Grenzen seiner Fähigkeiten. Dann merkt es, wieviel Lebensraum es in Wirklichkeit hat, und fällt nicht in panische Angst, keinen Lebensraum mehr zu haben. Es merkt dann auch, wo seine Grenzen liegen und wo es dringend der Fähigkeiten anderer bedarf. Es schließt sich dann leichter mit anderen zusammen - aus freien Stücken, nicht aus panischer Angst.

Ein gesundes soziales Lebewesen lebt weder auf einer Zeitschiene noch auf einer Raumschiene, es lebt im Augenblick und am Standort. Höchstens, sofern es noch lernfähig ist, werden diese etwas ausgedehnt durch die Erinnerung an schmerzliche Fehler und durch die Vertreibung von einem Standort. Ein psychisch gesundes Lebewesen lebt nicht auf einer Zeit- und Raumschiene, sondern gleichsam als eine Zwiebel, aktiv wie passiv. Es lebt aus dem Bauch, d.h., Entscheidungen trifft es nach seinem sinnlichen Wohlbefinden. Hat es ausgeschlafen, springt es auf. Hat es Hunger, sucht es Fressen. Hat es einen sexuellen Drang, sucht es eineN PartnerIn. Ist es müde, sucht es einen Schlafplatz. Dabei kann ein Bedürfnis von einem andern überlagert werden. Schutz vor Feinden hat dabei Priorität. Doch darunter liegt noch das Bedürfnis nach sinnlichem Wohlbefinden, nach Identität, das Bedürfnis, keine Widersprüche in der sinnlichen Befriedigung aufkommen zu lassen, sich nicht zu spalten, sich nicht zu verkaufen, lieber zu sterben, jeden Augenblick. Passiv heißt das, es kann immer etwas danebengehen, die Katze schlägt ihre Haken. Die Bedürfnisse können durch veränderte Situationen plötzlich wechseln. Aus harmlosen Situationen können plötzlich kritische werden. Eben habe ich mich noch darauf konzentriert, mich nicht in die Finger zu schneiden, schon ist es wichtiger, mich infolge eines allgemeinen Unwohlseins auf meinen ganzen Körper zu konzentrieren. Eben habe ich mich noch um mein täglich Brot gesorgt, schon fühle ich meine Lebenskräfte am Ende, mich dem Tod nahe/vertraut, jeden Augenblick. Diese verschiedenen fakultativen Schichten sind in einem psychisch gesunden Lebewesen immer latent präsent.

Ein gesundes soziales Lebewesen handelt in der Reihenfolge biologischer Notwendigkeiten: Selbsterhaltung, Erhaltung der eigenen Gattung. Auch bei Naturkatastrophen. Eine Katastrophe kann jedoch bei einzelnen Lebewesen zur Lähmung führen, so daß sie gar nichts mehr tun, passiv werden, manipulierbar werden, KonsumentInnen werden. Oder zur Paranoia, daß sie nicht mehr das biologisch Notwendige zuerst tun, sondern gegen Windmühlen kämpfen, gegen AusländerInnen, gegen KommunistInnen. Oder zur Schizophrenie, daß ihre Person in verschiedene Rollen zerfällt, sie sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Oder zur Manie, daß sie auch in ein und derselben Rolle ihre Aktivitäten nicht mehr unter Kontrolle haben. Die Katastrophe beim (abendländischen) Menschen war da, als er sich mehr oder weniger einbildete, nicht genügend Raum zu haben, nicht genügend zu leben, zu fressen und zu trinken.

Gesunde soziale Lebewesen balgen sich und tollen herum; sie veranstalten jedoch keine Wettrennen, sie wollen nicht schneller, höher, weiter sein als ein anderer, sie laufen nicht isoliert in ihren Wettkampfbahnen. Sie wollen ihr Leben nicht allein als Single oder Paar bewältigen. Sie wollen ihre Kinder nicht allein aufziehen. Das sind falsch verstandene Formen der Emanzipation im Bürgertum und im Feminismus.

Wenn ein Lebewesen Schmerzen hat, Probleme hat, kann es sich auf zweierlei Art verhalten:

1. Es kann auf seine sinnlichen Empfindungen hören, sich auf seine Kräfte besinnen, sie anwenden, sich therapieren, also seine Probleme rational lösen, nachdenken. 2. Es kann seine Schmerzen lindern, durch Endorphine, durch Drogen, durch Verdrängen seiner Probleme, daduch, daß es die Lösung einem anderen Lebewesen aufdrängt, dadurch, daß es glaubt, die Lösung seiner Probleme kaufen zu können/müssen. Verdrängen durch Konsumieren, dadurch, daß es glaubt, für die Lösung seiner Probleme anderen Lebewesen ein Konstrukt verkaufen zu können/müssen, Verdrängen durch Kunst und Kultur, also seine Probleme irrational lösen.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben immer mehr Menschen, vornehmlich im Kapitalismus das Gefühl verloren, Herr oder Frau über seine oder ihre Sinne zu sein, den Durchblick in ihrer Umgebung zu haben, zu spüren, was das Ganze soll und worauf hinaus. Ein ungutes Gefühl hat sie beschlichen, in grauer Vorzeit diesen Defekt erworben zu haben, verwundet worden zu sein, aber sie wissen nicht wie. So warten sie auf einen Heilsbringer, auf einen Erlöser. Ganze Gesellschaften haben sich nach einer solchen Erwartungshaltung strukturiert und sich ihre scheinbare (Er)Lösung auch gleich geschaffen in Form von Kunst, Wissenschaft und Politik. Sie reden über ihre Wunden und empfinden das als (vorläufige) Heilung; aber indem man über seine Krankheit redet und sich vielleicht verständigt, hat man sie noch nicht geheilt. Wenigstens erfährt das soziale Lebewesen Mensch auf diese Weise wieder seine Kollektivität. Die Verletzung liegt aber tiefer als in der Vereinzelung; sie liegt in der Angst, nicht mit voll funktionsfähigen Organen ausgestattet zu sein und der Lebensraum könne nicht ausreichen.

Doch das ist diesen Lebewesen nicht bewußt, auch nicht die tradierte Erwartungshaltung ihrer Gesellschaft. Sie beziehen in der Regel die Verletzung auf sich selbst und suchen in ihrer persönlichen Biographie nach dem Punkt, an dem sie die Weichen falsch gestellt, sich falsch entschieden haben oder von anderen verletzt worden sind. Erst mit dem Marxismus hat die Erkenntnis sich Bahn gebrochen, es könne sich um eine gesellschaftliche Krankheit handeln, der Mensch besitze alle Fähigkeiten, sich von dieser Krankheit zu heilen, und benötige nicht mehr die Einbildung einer Religion. Erwartung und Führerschaft haben sich aber in die Anfänge der sozialistischen Bewegung übertragen, weil auch dort (noch) die (psychisch) Kranken das Sagen hatten. Wie konnte es anders sein?! In dem Maße, wie die Erkenntnis fortschreitet zu der Einsicht, daß auch Menschen Tiere sind, kann sich die sozialistische Bewegung von der tradierten Krankheit befreien. Diese Einsicht kommt hauptsächlich von nachwachsenden Generationen, wenn die gesellschaftliche Krankheit nicht in Form von Erziehung, Sitten, Institutionen an sie weitergegeben wird. So allergisch nachwachsende Generationen auf solche Zumutungen auch reagieren mögen, fallen sie doch ins andere Extrem. Auch die Verneinung der Religion ist eine Religion und den/die einzelneN fremdbestimmt, immer noch nicht Herr/Frau über seine/ihre Sinne. So erklären sich die anfänglichen Schwierigkeiten der sozialistischen Bewegung. Die sozialistische Bewegung entsteht also nicht automatisch aus der Abwendung von Tradiertem oder aus nachwachsenden Generationen, sondern nur wenn diese sich selbstbestimmt entwickeln durften, von klein auf partnerschaftlich behandelt wurden. Weder patriarchalisch wie vo den Konservativen, noch unterwürfig wie von den Singles, noch unsicher wie von den 68ern. Erziehung, Sitten und Institutionen müssen geändert werden bzw. sich aufheben, z.B. in Form von freien Schulen (die SchülerInnen bestimmen selbst, was sie wann wo bei wem und wie lernen wollen), kollektivem, selbstverwaltetem Wohnen (die Menschen bestimmen selbst, mit wem sie wann wo wie zusammenwohnen wollen), einer Räterepublik (die Menschen bestimmen selbst, wie sie sich organisieren wollen). Auf daß die Menschen begreifen, daß sie Tiere sind, von denen jedes seinen legitimen Platz auf dieser Erde hat und keines das Gefühl hat, mit Gewalt auf seinen Platz verdammt und verdonnert zu sein. Wie andere Tiere auch. Sie haben nicht das Gefühl, einen Defekt zu haben; sie haben das Gefühl, mit allem ausgestattet zu sein, was sie für ihr Leben brauchen, den Durchblick zu haben.

Die meiste Zeit haben jedoch die meisten Lebewesen, auch die Menschen, keine Schmerzen, keine Probleme. Sie verhalten sich in Übereinstimmung mit ihrer Umgebung. Sie halten sich instinktiv) bewußt an die Gesetze, die ihnen von der Natur vorgegeben.

Das einfache Leben

Ein kranker Mensch hält sich am Leben in der Erwartung von gutem Essen, Sex, Reisen, Nervenkitzel, Drogen, Siegen, Menschen unter sich, im Glauben an ein ewiges Leben, an den Menschen als Krone der Schöpfung, an eine Offenbarung in Wort, Bild und Ton, an Menschen über sich. Ein gesunder Mensch dagegen hält sich nicht am Leben, sondern lebt. Er hat keine Erwartungen, sondern nimmt seine Umgebung, wie sie ist. Er hat keinen Glauben, sondern er besinnt sich auf seine eigenen Kräfte. Seine ArtgenossInnen sind ihm PartnerInnen beim gemeinsamen Bau eines Hauses, bei einer gemeinsamen Futtersuche, einer gemeinsamen Tollerei. Daraus ergibt sich vielleicht eine Gruppe, die gemeinsam wohnen möchte, und daraus vielleicht eine, die gemeinsam bumsen möchte, in dieser Reihenfolge, aber nicht umgekehrt. Ein gesunder Mensch hat biologische Höhen und Tiefen, Höhen und Tiefen der Natureinwirkungen um ihn herum, er kennt aber nicht Leistungen, Erfolge, Sensationen, Krieg und Frieden, Liebe und Haß, Glaube und Hoffnung. Die Kuh grast auf der Weide und ist's damit zufrieden.

Natürlich macht es Spaß, zu essen und zu trinken. Sieht schön aus, das Gefieder. Aber warum so viel Aufhebens darum machen? Machen wir doch auch nicht um das Scheißen und das Pinkeln, obwohl das gut tut. Warum so viel Aufhebens um das Bumsen?

Welchen Spaß haben wir am Leben? Welchen Spaß habe ich am Leben? Zu wissen, wo ich am Abend mein Haupt hinlegen kann. Das wohlige Gefühl, mich unter eine Decke zu kuscheln. Menschen meines Vertrauens um mich zu haben. Des Brotes und des Wassers sicher zu sein.

Spaß macht es mir, um die Alster zu gehen. Auf der Alster zu segeln. In Hamburg zu wohnen. Ein wohliges Gefühl läßt uns leben, auf das wir an jedem Tag, zu jeder Stunde zurückfallen können. Furzen, gähnen und rülpsen zu können, wenn es mir ein Bedürfnis ist. Entspannen zu können.

Manche haben das Bedürfnis, regelmäßig in die Oper zu gehen, in ein Theater, in ein Gourmet-Restaurant, eine Verkündigung oder eine Predigt (eine Wochenzeitung) zu hören. Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse bedarf es schon eines größeren Aufwands, einer Zivilisation, einer Kultur, eines Heraustretens aus dem natürlichen Zusammenhang anderer Lebewesen, der Einbildung, man stünde über den Dingen. Wenn es diese Menschen zur Ruhe kommen läßt, sie am Leben erhält, ohne anderen Lebewesen zu schaden, ist nichts dagegen einzuwenden. Der Schein einer solchen Befriedigung wird sie allerdings, sofern sie nicht verkrampft, verklemmt, krank sind, bald auf einfachere, natürliche Bedürfnisse zurückfallen lassen. Gesunde hängen nicht an Marken, Gütern, Menschen, Zeit und Raum; sie hängen nicht an diesen Dingen. Wichtiger sind ihnen Wasser, Brot, ein Dach über dem Kopf und Menschen ihres Vertrauens. So sind sie flexibel genug, um bei Gefahr mit der Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse zufrieden sein zu können.

Je häufiger am Tag er sich auf seine natürlichen Bedürfnisse zurückfallen läßt, desto mehr nähert sich der Mensch wieder seiner Bestimmung, Natur zu sein.

Sich fallen lassen heißt auch loslassen. Loslassen der Reichtümer, die man angehäuft, der Menschen, derer man sich bedient hat, und der Ideen, an denen man gehangen hat. Das Dichten und Trachten, das Planen und Entwerfen einstellen, sich ganz auf seine Sinne verlassen, die einem sagen, welche Bedürfnisse man im Augenblick hat und was demzufolge getan werden muß.

Sich fallen lassen und loslassen machen merkwürdigerweise unser Leben aus. Gegen die Fremdbestimmung durch die vielen Reize von außen kann die Selbstbestimmung nur darin liegen, die Pausen, die Entspannung zu nehmen, sobald sie möglich sind. Nicht das Atmen, nicht das Schlafen, nicht die Freunde zu vergessen. Mit dem zu leben, was die Natur einem bereitgestellt hat: die eigenen Sinne und die eigene Umgebung. Sich ernähren von dem, was die eigene Umgebung einem bietet. Leben dort, wohin es einen verschlagen hat: in der eigenen Umgebung.

Seine Identität leben heißt also: bewußt Natur sein.

Menschen, die sich nicht voll mit dem identifizieren können, was sie tun, Menschen mit einer inneren Leere und Menschen, die ihre Leiden nur mit einer ständigen Droge ertragen können, brauchen regelmäßig einen Kick in ihrem Leben, einen Lebensanreiz, Reize.

Köstlichkeiten zu essen und zu trinken. Jeden Tag neue Kleider. Der Reiz des Sexuellen. Manche brauchen noch den Reiz des Kriminellen oder eine härtere Droge. Deshalb wird so viel Aufhebens gemacht um Dinge, die bei anderen Lebewesen alltäglich und nicht der Rede wert sind: Essen, Trinken, Kleiden, Bumsen.

Gesunde Lebewesen essen, trinken meist täglich dasselbe, kleiden sich gleich, bumsen, wie es ihnen kommt. Scheuen das Wasser und die polierte Fensterbank. Sind von Natur aus sauber. Psychisch gesunde Menschen sehen sich auf gleicher Stufe mit dem Moos und dem Reh und dem Hasen um sich. Alle sind ihre Brüder und Schwestern. Alle sitzen sie in einem Boot: der Erde. Alle verlassen sie sich auf ihre Sinne und auf ihre Nachbarschaft. Sie können ohne Kunst, Wissenschaft und Politik leben. Kranke Menschen finden dies eintönig. Sie wollen nicht leben, sie wollen genießen.

Wer sich durch seinen Körper bestimmen läßt, treibt möglichst wenig Aufwand zur Erreichung eines Ziels. Er arbeitet, wenn er Lust dazu hat. Sein Produkt muß nicht verchromt oder vergoldet sein, wenn es seinen Zweck erfüllt. Im Abendland ist diese Haltung gewöhnlich als faul und bescheiden verschrien. Aber nur aus ihr wirkt ein Mensch innovativ, kreativ, produktiv. Wer die Augen starr und stur auf ein Ziel gerichtet hat, wirkt nur reproduktiv, geht also letzten Endes zugrunde.

Das gesellige Leben

Gesunde soziale Lebewesen leben in einem Verband. Ob darin der oder die einzelne mit einem oder zweien oder dreien intime Beziehungen pflegt und wie lange, ist ihnen überlassen, pendelt sich ein. Sex steht nicht im Vordergrund bei Lebewesen, die ihre sexuellen Bedürfnisse nicht unterdrücken müssen, die ihren Körper nicht voreinander zu verbergen pflegen, die nett zu sich und ihrem Körper sind. Wer nett zu sich selbst ist, ist auch nett zu seinen Mitmenschen.

Andersdenkende/Anderslebende werden als gleichberechtigt akzeptiert. Es gibt kein Oben und Unten. Gesunde soziale Lebewesen verstehen sich als Teil der vielfältigen Natur. JedeR nimmt sich, was er/sie zum Leben braucht, ohne sich dafür verkaufen zu müssen. Seine Gefühle ausdrücken. Seine Gase ablassen. Seinen Streß abbauen. Sinnlich befriedigt in Frieden leben.

Nichts erwarten, weil ich nur Überschüssiges abgebe. Aber das habe ich sehr schnell, weil ich bescheiden lebe. Ich brauche nur Brot und Wasser, ein Dach über dem Kopf und vertraute Menschen um mich. Das läßt viel Raum für andere. Das gibt mir die Möglichkeiten, mich in sie hineinzuversetzen und unbelastet hinzusehen.

JedeR läßt sich und dem/der andern Zeit und Raum, zu sich selbst zu kommen, im Augenblick zu leben, Zeit und Raum marginalisierend, notfalls auch nachzudenken. Ein gesundes soziales Lebewesen denkt andererseits immer an die Gruppe, in der es sich bewegt, hält sie auf dem gleichen Stand der Information und Befindlichkeit, handelt kollektiv. Es will nicht innerhalb seiner Gruppe hervortreten, paßt sich einer Uniformität an, soweit es noch ein gutes Gefühl dabei hat.

Die wissenschaftliche Weltanschauung

Ich brauche nicht viel. Meine Bedürfnisse/Interessen sind schnell befriedigt, so daß ich, vor allem wenn Not am Mann ist, immer sehr schnell von mir absehen kann. Mich einer Sache zuwenden kann. So verhält sich ein gesundes soziales Lebewesen.

Es muß eine Situation unabhängig von den eigenen Interessen erfassen können, wenn es leben will. Die Gesetzmäßigkeiten der Natur akzeptieren. Aus einer Muße heraus, aus einer Sättigung heraus, aus einem einfachen Leben heraus. Die Gesetzmäßigkeiten als Qualitäten der Natur akzeptieren, nicht sich selbst zurechnen. Bei einer solchen nüchternen Betrachtung muß es zugeben: Der Mensch ist ein Tier.

Wie könnte es anders sein?! Nur die neurotische Überhöhung seiner selbst hat dazu geführt, daß der abendländische Mensch Tiere im Vergleich zu sich selbst negativ bewertet, ihnen keine Moral, keine Seele, keine Kultur zubilligt (die in Wirklichkeit ihm fehlt). Wie soll man sich den Menschen als Tier vorstellen, der doch so Unvergleichliches geleistet hat? Andere haben Entsprechendes oder mehr geleistet. Die kleinen Heurschrecken können in Minutenfrist ganze Landstriche kahl fressen. Die kleinen Ameisen können komplexe Gebäude bauen. Bakterien können ganze Völker von Lebewesen ausrotten. Bakterien können Anorganisches in Organisches verwandeln. Zugvögel können über Tausende von Kilometern navigieren. Der Flug zum Mond? Von psychisch Kranken wissen wir, daß sie bei einem "Anfall" unverhältnismäßig große Kräfte entwickeln. Die ganze abendländische "Kultur" ist als Sedativum gegen den ungeheuren Schmerz der Vereinzelung/Verängstigung eines sozialen Lebewesens zu verstehen.

Unter einem gesunden Menschen verstehen wir hier einen bescheidenen und selbstbewußten Menschen, der kollektiv und vernünftig handelt. Vernünftig: Leben aus dem Bauch, Probleme lösen aus dem Kopf (politische Konflikte nicht militärisch lösen). In eintönigem Rhythmus von "Energie laden" (Sonne, Trinken, Essen, Schlafen) und "Energie verbrauchen" (Taten für sich und andere). Den andern sein lassen, wie er ist. Durch die "Ansprache" des andern zum Ich werden.

Egoismus führt zu Altruismus, Faulheit führt zu Aktivität, diese Dialektik und Dialektik in der Natur schlechthin versteht nur, wer sinnliche Erfahrungen gemacht hat und für den sich Erkenntnis darauf beschränkt, wer also materialistisch denkt, d.h. sich auf die Wirkungsgesetze der Natur beschränkt und nicht mehr als ein Tier sein möchte. Dialektik versteht nur, wer prozessual denken kann, wer konsekutiv denken kann, für den Dinge nur in bestimmten, nicht umkehrbaren, notwendigen Abfolgen vorkommen, z.B.: Wer ausgeschlafen hat, springt aus dem Bett. Wer sich sinnlich befriedigt hat, wendet sich seinem Nächsten zu. Wer sich verausgabt hat, legt sich zur Ruhe. Wer als Baby Geborgenheit erfahren hat, kann als Kind seine Kräfte testen. Wer als Kind seine Kräfte testen durfte, möchte als Jugendlicher Verantwortung für alle seine Taten übernehmen. Wer als Jugendlicher volle Verantwortung erfahren hat, kann als Erwachsener auf eigenen Füßen stehen. Wer als Erwachsener auf eigenen Füßen stehen kann, akzeptiert seinen Tod. Wer sich als Kind an Autoritäten reiben konnte, akzeptiert als Erwachsener keine Autoritäten mehr, wird ein Demokrat. Wer ein Demokrat ist, akzeptiert Kinder, d.h. will sie nicht erziehen. Für den Menschen dreht sich das prozessuale, materialistische Denken im Kreis. Es ist globales Denken. Es ist gelebtes Denken. Es ist menschliches Denken. Was sonst?!

Wem sein Körper sagt, was gut für ihn ist, und wer damit zufrieden ist, verbeißt sich als Opposition nicht in seinen Gegner und wird deshalb nicht von ihm vereinnahmt, wie es bisher jeder Opposition gegen die kapitalistische Gesellschaft ergangen ist. Wer aus sich heraus lebt und damit in Gegensatz zu einer toten Gesellschaft tritt, macht eine natürliche Opposition. Er kann dem Gegner heiter und gelassen und klar und scharf gegenübertreten. Er kann den Gegner angreifen, wo dieser es nicht vermutet, weil er den Feind nicht mit des Feindes Waffen schlagen will. Er wird nie resignieren, weil er immer eingriffsfähig und handlungsfähig ist.

Wer sich wohl fühlt in einer Gemeinschaft von ArtgenossInnen und nicht darüber hinaus will, kann verstehen, was ein Volk bewegt, ohne dem Populismus zu verfallen. Er wird sich nicht zu einem Führer aufschwingen wollen, sondern möglichst viele zur Sprache kommen lassen wollen. Er wird den Willen der Mehrheit akzeptieren. Wenn er ihn nicht verkraften kann, wird er sich umbringen oder auswandern. Seine Würde sagt ihm, was zu tun ist. Sein Bauch sagt ihm, was zu tun ist.

Wem also (unterbewußt) Widerstand gegen das kapitalistische System nicht schon immer seine Natur war, wer nur über den Kopf zu sozialistischen Erkenntnissen gekommen ist, wird nicht weit kommen mit seiner Widerstandskraft und seiner Überzeugungskraft. Es sei denn, er hat sich therapiert und zu seinem Körper und zu seinem Volk zurückgefunden.

Die Politik

Wer sich wohl fühlt in einer Gemeinschaft von ArtgenossInnen, drängt sich nicht nach vorne. Wenn das Faß zum Überlaufen kommt, wenn der Wille einer Gemeinschaft zu Worten gerinnt, kann es ihn allerdings treffen, und er tut es dann auch. Es kommt aber nicht auf den Tropfen an, der das Faß zum Überlaufen bringt, sondern auf das Wasser im Faß: Einer sagt nur noch einmal klar, was das Volk schon immer gesagt hat.

Auf dem Marktplatz wird ein klares offenes Wort verhandelt, von allen. Nicht Herrschende oder Herrschenwollende kungeln einen Repräsentanten des Volkes aus und verkaufen ihm den. Weder einen Staat machen wollen noch davonlaufen wollen. Jedenfalls auf dem Marktplatz keinen Handel treiben wollen mit Repräsentanten, mit Menschen.

Das Leben ist kein Handel. Handel dient nur der Qualitätsverbesserung von Produkten in einer Gesellschaft, in der die Konsumenten keinen Zugriff mehr auf die Produzenten haben. Alles außerhalb dieser Funktion muß frei von Handel bleiben, wenn die Menschen nicht zu Handelsobjekten werden sollen.

Der gesunde Mensch ist sich der Demokratie, die von ihm ausgeht, zunächst nicht bewußt. Blauäugig lebt er im Kapitalismus, ohne sich mit ihm zu identifizieren. Seiner Umgebung wird an ihm bewußt: Demokratie, partnerschaftlicher Umgang mit seinen ArtgenossInnen ist eine Lebenseinstellung. Es gibt nicht ein bißchen Demokratie, wie es auch nicht ein bißchen Schwangerschaft gibt. Demokratie kann man auch nicht an den Mann oder an die Frau bringen; Demokratie kann man nicht vermarkten. Demokratie ist keine Frage des Geldes.

In der politischen Diskussion will ein Demokrat also nicht andere auf seine Seite ziehen, handeln oder zwingen, sondern er legt öffentlich seinen Standpunkt dar, damit andere mit einem ähnlichen Standpunkt sich mit ihm zu gemeinsamer Tat zusammentun. Er respektiert andere Standpunkte und wird nicht ungeduldig, wenn andere in seinen Augen verblendet sind. Wird ihr Verhalten für ihn lebensgefährlich, kann er entweder emigrieren oder sich umbringen.

Mit dem Begriff eines gesunden sozialen Lebewesens können manche sich schon im Frühstadium als Untertanen erkennen und sich therapieren/emanzipieren. Andere können als solche erkannt und von prominenten Positionen in der Gesellschaft ferngehalten werden. Z.B. wären nach diesem Kriterium Hans Henning Atrott (ehemaliger DGHS-Präsident) oder Lutz Bertram (ehemaliger ORB-Moderator) nicht auf ihre Posten gekommen.

Aufräumen müssen wir mit einer optisch-psychologischen Täuschung. Wenn jemand Angst vorm Fliegen hat, Angst vorm Zahnarzt oder Krankenhaus, dann liegt das nicht am Flugzeug, Zahnarzt oder Krankenhaus, sondern an seiner inneren Verfassung. Wer nur für den Augenblick lebt, mit der Befriedigung seiner sinnlichen Bedürfnisse zufrieden, jederzeit zum Sterben bereit ist, kann sich vertrauensvoll jedem relativen Risiko aussetzen, der andere nicht. Wer in sich ruht, weil seine elementaren menschlichen Bedürfnisse befriedigt sind, ist dort zu Hause, hat dort seine Heimat, wo immer auch er dieses Erlebnis kontinuierlich hat. Es muß nicht ein bestimmter Ort sein, es müssen nicht bestimmte Menschen sein. Die Heimat ist in ihm; er breitet sie aus, wo er sich niederläßt.

Entsprechend ist auch Demokratie keine äußere Gegebenheit, die irgendwo auf der Welt oder in der Geschichte zu finden oder zu realisieren wäre, sondern jedes Lebewesen trägt sie in sich als Bedürfnis, partnerschaftlich mit seinen ArtgenossInnen umzugehen. Sind die Umstände oder die Zeiten also noch so widrig, in beschränktem Rahmen läßt sich dieses Bedürfnis überall befriedigen. Wo immer die Verhältnisse dem entgegenstehen, wird die Ausdehnung dieses Rahmens je nach Standpunkt als Emanzipation oder Revolution empfunden. Nur neurotische Menschen tragen Demokratie nicht in sich, sondern suchen sie außer sich.

Letzten Endes steht dahinter die Haltung jedes Lebewesens: Jeder muß sich seinen Lebenssinn selbst geben. Jeder muß sich seine Fragen selbst beantworten.
 

 

Die Therapie
Die Emanzipation

Therapie

Lebewesen heilen sich aus eigenen Kräften. Kräfte von außen können diesen Prozeß unterstützen, aber nicht ersetzen. Die eigenen Kräfte können am besten mobilisiert werden, wenn Psyche und Körper sich entspannen und möglichst wenig Energie nach außen abgegeben wird.

Therapieren unterscheidet sich von Kompensieren dadurch, daß es ein selbstbewußt gelenkter Vorgang und keine Flucht ist. Gelenktes Bewußtsein zu dem, was man/frau ist: ein Tier. Von der Wahnvorstellung zur Realität. Von der Angst zur Ruhe. Vom Einfluß fremder Kräfte zum Besinnen auf die eigenen Kräfte.

Die Flucht vor sich selbst und den eigenen Problemen äußert sich in vielfältigen Formen, die gemeinsam als Kultur bezeichnet werden: Religion, Hierarchie, Fortschritt, Urlaub, Kunst, Zerstreuung, Nation. Wer wie ein Mowgli oder ein Kaspar Hauser oder die Naturvölker diese Bedürfnisse nicht hat, wird aus der "menschlichen Gemeinschaft" ausgstoßen und als Primitiver, Barbar oder Banause bezeichnet. Doch diese Kreaturen sind sich des Ausstoßes gar nicht bewußt, sie empfinden die Gemeinschaft "zivilisierter" Staaten als unmenschlich.

Von Anfang an wurden bei den Kulturvölkern auch schon Bedenken geäußert. In ihren Mythen gehen sie der Frage nach, wie Krankheit und Tod zu den Menschen gekommen sein mögen, also ob sie im Vergleich zu anderen Lebewesen nicht benachteiligt, krank sind. Ob der "Fortschritt" und die Vereinsamung ihnen geholfen haben. Oder ob es nicht besser sei, vor der Angst vor einer Benachteiligung nicht davonzulaufen, sondern sich als (krankes) Tier anzunehmen. Als Menschen, die für sich akzeptieren, daß sie ein Teil der Natur sind, nicht mehr und nicht weniger, und in diesem Sinn schon einmal mit Demokratie bei sich anfangen und nicht warten, bis ein Heiland oder Führer ihnen Demokratie bringt. Das ist auch hier in der kapitalistischen Gesellschaft nicht verboten. Und bringt einfach Spaß.

Sowohl Therapieren als auch Kompensieren können als Aussteigen erscheinen. In der abendländischen Kultur, in der die menschliche Krankheit am weitesten fortgeschritten ist, findet ein allgemeines Aussteigen statt. Der K(r)ampf der kranken, zappe(l)nden Menschen geht im Augenblick darum: Was ist Therapieren? Was ist Kompensieren? Gewinnen die (relativ) Gesunden oder die (unheilbar) Kranken die Oberhand? Wir bezeichnen hier das selbstbewußt gelenkte Aussteigen in die Realität als Sozialismus. Dieser Kampf findet nicht auf den Schlachtfeldern statt, sondern in den Seelen der Menschen. Was die Gegenseite auch schon bemerkt hat, indem sie mehr Gewicht auf Medien als auf Kanonen legt.

In einer anderen als der abendländischen Kultur kann der eine stundenlang warten, bis die andere ansprechbar oder zum Sex bereit ist. In unser hektischen und schnellebigen Gesellschaft gibt es das Problem der Ungleichzeitigkeit zwischen den Menschen, sie können nicht warten, machen dadurch ihre Mitmenschen zu Objekten, verfehlen sie dadurch und werden einsam, sie sind aus dem Rhythmus gekommen, sie profitieren nicht mehr vom kollektiven Wissen, jedeR muß alles allein machen, vor allem: seinem/ihrem Leben einen Sinn geben. So kommt es, daß er/sie nichts mehr mit seinem/ihrem Leben anzufangen weiß, notwendigerweise Fehler macht. Eine Therapie für diese verstörten Menschen muß deshalb zum Ziel haben, sie zur Ruhe kommen zu lassen, sie zu sich selbst kommen zu lassen, sie sich ihrer Natur bewußt werden zu lassen.

Die Wege zu diesem Ziel sind so vielfältig und individuell, wie die Menschen sind. Welchen, wie schnell, ob nacheinander oder gleichzeitig, ob allein oder mit anderen, muß jedeR für sich selbst entscheiden. Einige breite Wege lassen sich ausmachen: Selbstbestimmung, Selbstversorgen und Teilen, kollektives und selbstverwaltetes Wohnen, freie Schulen, in denen jedeR selbst bestimmt, was er/sie wann wo bei wem und wie lernen will, Spaß am Leben, Leben aus dem Bauch, Konflikte lösen aus dem Kopf. Auf Spezialisierung möglichst verzichten, seine/ihre Sache wieder selbst in die Hand nehmen.

Denn SpezialistInnen hängen meistens an ihrem Spezialgebiet, es füllt ihr Leben aus. Deshalb kämpfen sie meistens wie die Mamelucken für ihre Sache und verfälschen sie dadurch. Die SpezialistInnen aus Wissenschaft, Politik und Kunst schießen leicht an der Sache vorbei. Z.B. manche AufklärerInnen: "Lourdes ... wer glaubt denn das schon?!" Was sie für die Ausnahme halten, ist in Wirklichkeit eine zunehmende Tendenz unter den Massen. So werden viele AufklärerInnen von einer irrationalen Wende in der Geschichte überrascht. Wenn also SpezialistInnen überhaupt, dann welche sine ira et studio.

Das Alltagsleben in der kapitalistischen Gesellschaft ist ein einziger Streß. Die Hektik des Systems, seine strukturelle Fremdbestimmung, die Unmöglichkeit, spontan innezuhalten, verhindern, daß Informationen der eigenen Sinne unmittelbar gehört und beantwortet werden. So kann keine natürliche Identität entstehen. Auch existentiell ist in der Regel keine Entspannung möglich, da das Leben an das Ende einer Zwangsarbeit/slosigkeit verschoben wird und deshalb alle in Erwartung dieses Endes malochen. Auch das im Kapitalismus übliche paarweise Leben bewirkt Streß. Die Bedingungen für eine Therapie im Kapitalismus sind also denkbar schlecht. Die meisten werden schon in frühen Jahren ("Die Kinder sollen es besser haben") von den therapiefeindlichen Strukturen des Kapitalismus erfaßt. Man müßte also alle Therapiewilligen ausfliegen in Gebiete, wo der Kapitalismus noch nicht herrscht.

Da es solche Gebiete praktisch nicht mehr gibt, müssen Therapiewillige diesen Flug im Geiste vollziehen: sich fragen, ob sie ohne kapitalistische, ohne abendländische Werte leben können, und sich so Entspannung verschaffen: nicht mehr und nicht weniger sein wollen als ein soziales Lebewesen. Die Therapiewilligen werden es machen müssen wie die wenigen Gesunden, die durch die Maschen des Kapitalismus gefallen sind: demokratisch leben, so weit ihr Arm reicht, und im Verein mit anderen diesen demokratischen Bereich immer weiter ausdehnen. In sich gehen, aus sich gehen, bis man/frau sich trifft in diesem Rhythmus mit Gesunden.

Ihr, die ihr nicht von der Krankheit befallen seid, ihr Außenstehenden, ihr AusländerInnen, schaut genau hin: Die Krankheit ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die Kranken sagen nicht, daß sie krank sind. Ihr müßt sie aber wie Kranke behandeln: sie zu sich selbst kommen lassen, ihre verbliebenen Lebenskräfte ermuntern, sie auf die eigenen Füße stellen, keine Mitleid, sondern Partnerschaft.

Die psychisch Kranken zählen in der veröffentlichten Meinung dieser Gesellschaft zu einer Minderheit. Als AngehörigeR einer Minderheit kann man/frau auch ruhig und gelassen sein ("Es ist nicht mehr zu retten." "Wir haben nichts zu verlieren."). Bislang hatten unter denen, die an dieser Gesellschaft litten, die in Panik Geratenen und Verkrampften die Oberhand. Diese waren es auch, die die Rettung bei (angeblich linken) Autoritäten suchten, die nicht auf die Idee kamen, ihre eigene Erfahrung könnte von größerem Gewicht sein. Wir wenden uns hier vornehmlich an die andere Gruppe der Kranken.

Zur Unterscheidung der Kranken und Gesunden in unserem Sinn stellen wir ein neues Instrument zur Verfügung. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß bestimmte Gedanken, bestimmte Ideologien notwendigerweise mit bestimmten psychischen Strukturen verbunden sind:

Gesunde

Kranke

IDENTITÄT

KEINE IDENTITÄT

SELBSTBEWUßTSEIN

KEIN SELBSTBEWUßTSEIN

 

 

Das Leben ist Sinnlichkeit

Das Leben ist Geistigkeit

Anerkennung der Andersartigkeit des andern/der andern (Nation)

keine Anerkennung der Andersartigkeit der anderen Person/Nation

Fähigkeit zur Auseinandersetzung/Trennung

keine Fähigkeit zur Auseinandersetzung/Trennung

keine Drogen

Rauchen/Alkohol

Menschenliebe

Einsamkeit

Sachargumente

Ironie

Ich weiß, was ich mit meinem Leben anfangen will. Ich weiß, was ich mit meiner Gesellschaft anfangen will. Demokratie trage ich in mir.

Wer glaubt, die Probleme dieser Gesellschaft lösen zu können, lügt. Es gibt kein Patentrezept. Wo auf der Erde gibt es schon Sozialismus?

Handel, Kampf, Kultur, Drogen, Autorität, Liebe, Suprematie sind Phantasmagorien. Es kommt nicht auf Quantität an, sondern auf Qualität.

Der Mensch kommt nicht aus ohne Handel, Kampf, Kultur, Drogen, Autorität, Liebe. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Der Mensch will lange leben, viel reisen, vielerlei konsumieren.

Wir dürfen uns die Strategie nicht vom Feind diktieren lassen

Wir müssen den Feind mit seinen Waffen schlagen

Selbstreflexion,Selbstkritik, Lernen gehört zum Leben

unfähig zur Selbstreflexion, Selbstkritik, zum Lernen

Demokratie

Faschismus

Rationalität

Irrationalität

Ich stehe meinen Mann/meine Frau hier an meinem Platz für mich und mit anderen

Ich stehe meinen Mann/meine Frau fern von hier für andere und mich

Ich habe etwas zu sagen

Ich rede, um Applaus zu bekommen

Ich rede von richtig und falsch

Ich rede von Freud und Leid

Es geht mir umd die Sache

Geltungsbedürfnis

Wer eine bestimmte psychische Struktur hat, hat auch bestimmte Gedanken. Die beiden dargestellten Hauptmodelle materialisierten Denkens haben nun aber nicht den Zweck, Menschen entsprechend zu diskriminieren, sondern sie dienen einem besseren Umgang der Gesunden mit den Kranken.

Weiterhin sollen beide miteinander umgehen; aber die Gesunden dürfen sich nicht wundern, wenn die Kranken ihre Versprechen nicht einlösen können. Die Modelle materialisierten Denkens bereiten sie darauf vor. Sie verhindern, daß die Gesunden die Kranken nach ihrer Oberfläche, nach ihrem Aussehen, nach ihren Worten beurteilen. Die Gesunden können weiter mit den Kranken gehen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, bis zu dem Punkt, an dem zwanghaft deren psychische Struktur hervorbricht. Gesunde trennen sich an diesem Punkt von Kranken; Kranke können sich nicht trennen. Die Modelle gelten für Individuen, Gruppen, gesellschaftliche Schichten und Völker.

Die Modelle dienen dazu, psychisch Kranke rechtzeitig zu erkennen und pfleglich mit ihnen umzugehen. Einfühlsam die Argumente und die Taten, aber klar. Die Behandlung muß TherapeutInnen überlassen werden. Keine Behandlung gelingt jedoch nachhaltig, wenn die Umwelt des/der Kranken nicht einbezogen wird. Der/die TherapeutIn muß sich mit dem/der Kranken auf eine Stufe stellen. Vertrauen muß durch langes Zusammenleben geschaffen werden.

Während die individuelle Behandlung den Fachleuten überlassen werden muß, geht es im Folgenden um eine Therapie der kranken Umwelt, um Politik.

Entspannung im Denken

Ein Mensch teilt mit seinem Nächsten, was er hat. Selbstverständlich. Da bedarf es keines Wortes.

Wenn aber sein Nächster heute so und morgen anders reagiert in dem gleichen Fall, wenn sein Nächster kein Zentrum seiner Reaktionen, keine Identität mehr hat, wenn sein Nächster seine Handlungen nicht mehr selbst bestimmt, wenn er fremdbestimmt, wenn er krank ist, dann distanziert sich ein Mensch von ihm, trennt sich gar von ihm, überläßt es jedenfalls den Fachleuten, die Zentren außerhalb der Person zu orten, von denen sie bestimmt wird. Es bedarf vieler Worte und Verständigungsprozesse. Händler werden benötigt. Es bedarf der öffentlichen Diskussion und der individuellen Aufgeschlossenheit. Die Gesellschaft muß sich so organisieren, daß sie die Kranken integrieren, therapieren und sich selbst vor der Auflösung schützen kann.

Dazu muß der Kern von Wohngruppen aus psychisch gesunden Menschen bestehen. Ziel muß ein solcher Konsens sein, daß Worte und Handel nicht mehr zum notwendigen Inventar dieser Gesellschaft gehören. Schon gar nicht darf mit Worten Handel getrieben werden.

Gemeinsame Taten müssen die primäre Motivation dafür sein, daß Menschen sich kennenlernen und zusammenleben. Hierzulande fragen sich die Menschen nicht als erstes: Was können wir miteinander tun? Sondern: Was nützt mir der andere zu meiner Selbstverwirklichung? So geraten hierzulande schon von Anfang an menschliche Beziehungen auf ein falsches Gleis, indem sie zu Handelsbeziehungen werden: ein Geben und Nehmen. Keine zufriedenen Subjekte mit dem Drang zu gemeinsamen Taten, für deren Abgabe man/frau keine Gegenleistung erwartet.

Handeln, aber nicht handeln. Worte nur als Notbehelf. Eine solche Politik zur Gesundung einer kranken Gesellschaft nennen wir Sozialismus. Er erübrigt sich, wenn die Menschen im Abendland wieder eingesehen haben, daß sie Tiere sind und sich entsprechend verhalten. Denn die Menschen im Abendland sind das eigentliche Krebsgeschwür der Gattung Mensch.

Vorerst müssen wir noch sprechen und fragen: Wie kommt es, daß gerade in unserer Gesellschaft die Zahl der Menschen mit psychischen Störungen zunimmt?

Nestwärme im Babyalter und Testen der eigenen Fähigkeiten im Kindesalter fehlen oft. Früher fand sich in der Großfamilie immer jemand, der dem Baby Nestwärme zukommen ließ, auch wenn die Eltern versagten. In einer Großfamilie war es auch nicht üblich, daß jeder sich primär um seine "Selbstverwirklichung" sorgte ohne Rücksicht auf seine Nächsten. Freiheit für das Kind und vielseitige Entwicklungsimpulse fanden sich ebenfalls in der Großfamilie.

Heute gibt es in der Regel keine Großfamilie in diesem Sinne mehr. Wenn beide Elternteile einer fremdbestimmten Arbeit nachgehen - sei es aus ökonomischen Zwängen oder zur "Selbstverwirklichung" - , bleiben zu wenig Raum und Zeit für einen emotionale Zuwendung zum Baby. Auch im Kindesalter wird es dann die Regel, die Kinder vor den Fernseher, zur Oma oder in die Ballettstunde zu "verladen".

Einen Ersatz für die Großfamilie gibt es in der Regel (noch) nicht. So kommt es zu krankhaften psychischen Störungen, Neurosen, Untertanenmentalität, von einer Generation zur andern sich verschlimmernd. Auch die Mechanismen, mit denen die Kranken ihre Krankheit verdrängen wollen - typisch bei psychisch Kranken - , verstärken sich dadurch immer mehr in einer Gesellschaft: Wir wollen die Lüge, den schönen Schein, weil die Realität nicht auszuhalten ist: individuelle und gesellschaftliche Mythologie; Alkoholismus, Nikotinsucht und Autosucht sind Kavaliersdelikte; jeder hat ein Recht auf Fernurlaub; Sado-Masochismus, harte und weiche Drogen sind erlaubt; das Boot ist voll; nach uns die Sintflut.

Die Kritik an solchen Zuständen hört sich ziemlich konservativ an. Der Erfolg der Therapie wird jedoch zu einem großen Teil davon abhängen, ob es gelingt zu verdeutlichen, daß diese Kritik ein genuin linke Kritik ist, eine Kritik am Kapitalismus. Sozialismus als Therapie, sicher mit einem tiefer gehenden Verständnis von Sozialismus und Kapitalismus als bisher.

Ein erster Schritt ist freie Kommunikation. Diese Gesellschaft wird als erstes darüber diskutieren müssen: Jeder hat das Recht auf Rausch? Wollen wir das tatsächlich? Jeder hat ein Recht auf Konsum seiner Droge, auch wenn er dadurch seinen Mitmenschen schadet? Mit Nikotin, Kohlendioxid, Musiklärm, Hundegebell, Kinderarbeit, Leukämie, Allergie, Immunschwäche ...? Wollen wir das wirklich? Wollen wir wirklich eine neurotische Gesellschaft sein? Wollen wir wirklich eine Gesellschaft von Untertanen sein? Um das diskutieren zu können, müssen wir einsehen: Die öffentliche Meinungsbildung ist ein viel zu kostbares Gut, als daß wir sie privatem Profitstreben überlassen dürfen. Keine Medien in private Hände! Die adäquaten Wirtschaftsformen für Medien sind Genossenschaften, Stiftungen, öffentlich-rechtliche Anstalten.

Der zweite Schritt ist die Erkenntnis: Menschliche Beziehungen sind keine Handelsbeziehungen. Nicht: "You'll have me. I'll have you." Sondern: "You are equal to me. I am equal to you." Menschliche Beziehungen sind keine Handelsbeziehungen. Also kein Gesellschaftsvertrag, aber ein Gesellschaftsentwurf. Verträge schließt man nur mit seinen Feinden ab. Wer als Sozialist einen Gesellschaftsvertrag anstrebt, will sich vor dem Klassenkampf drücken, der aber trotzdem stattfindet. Die Frontlinie verläuft aber nicht mehr zwischen Arbeitern und Bürgern, sondern zwischen Habenden und Habenichtsen, zwischen Haben und Sein, zwischen Geld haben und Mensch sein. Wer sich an sein Geld, an sein Vermögen, an sein Eigentum klammert, ist kein Mensch. Wer es mit seinen Nächsten teilt, die er sich frei aussuchen darf, ist ein soziales Lebewesen. Wer sich mehr mit seinen Nächsten als mit sich selbst beschäftigt, ehrenamtlich, ohne Geld, ist ein soziales Lebewesen. Das klingt alles sehr christlich, ist aber nach unserer neuen Definition demokratisch, was dasselbe ist wie sozialistisch. Unter solchen menschlichen Verhältnissen könnte ein Bruttosozialprodukt weitgehend ohne Geld, d.h. ohne Handelsbeziehungen, d.h. ohne Chancen für den Kapitalismus, entstehen, wenn jeder eine monatliche Grundsicherung von 2500 DM netto bekäme, ob er nun "arbeitet" oder nicht. Das würde zum einen den psychischen Druck vom einzelnen nehmen. Zum andern ist falsch, wenn behauptet wird, dann würden alle faulenzen. Im Gegenteil: Jedem gesunden sozialen Lebewesen ist es ein Bedürfnis, für seine Artgenossen da zu sein, wenn es seine elementaren Bedürfnisse auch nur einigermaßen befriedigt hat und wenn es über den Umfang dieses Füreinanderdaseins selbst bestimmen darf. Wem dies nicht ein Bedürfnis ist, der hat - läßt man ihn zu sich kommen - ein Bedürfnis, sich zu therapieren/emanzipieren.

Für diesen Gesellschaftsentwurf ist allerdings eine mentale Änderung nötig. Die Bedürfnisse, ein (großes) Auto zu fahren, ein (Eigen)Heim zu besitzen, (Urlaubs)Reisen zu machen, sich (unter seinem Niveau) zu amüsieren, Vermögen anzuhäufen usw., müssen als Aktivitäten großer Trauer darüber angesehen werden, daß ein soziales Lebewesen vereinzelt worden ist und aus der Vereinzelung ausbrechen will. Wer also einen dicken Mercedes fährt, muß eher bedauert als beneidet werden. Ihm muß geholfen werden. Ihm muß eine Therapie angeboten werden. Diese Betrachtungsweise sei sehr selten zu finden? Sie kommt häufiger vor, als man denkt. Jedenfalls kann man aus der Vereinzelung, wie sie nun einmal für den Kapitalismus konstitutiv ist, nicht ausbrechen durch Handel, Konsum, Verträge, sondern dadurch, daß man zur Ruhe kommt, sich seiner kranken Situation bewußt wird und sich therapiert.

Sehr viel öfter, als man denkt, wollen sich Menschen in dieser Männergesellschaft unterbewußt therapieren. Frauen sind dabei natürlicherweise die treibende Kraft: Sie organisieren Klassentreffen, organisieren sich für freie Schulen (wo die SchülerInnen selbst entscheiden, was sie wann wo bei wem und wie lernen wollen) und für kollektives, selbstverwaltetes Wohnen. Unterbewußt, ohne Analyse, ohne zu wissen, warum und worauf das Ganze hinaus soll. Deshalb Fehler machend. Aber eben eine Kraft und ein Schatz, den es zu heben gilt. Der zum Bewußtsein gebracht werden muß. Wenn er sich nicht (wieder einmal) blind zum Faschismus hin entwickeln soll. Kapitalismus kann nur durch Bewußtwerdung, durch Demokratie kuriert werden. Ganz schnell. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

Der dritte Schritt der Erkenntnis: Frieden mit sich selbst. Nicht gegen den eigenen Bauch handeln. Nichts entgegen den eigenen sinnlichen Bedürfnissen unternehmen. Sich nicht mit Gewalt zu einer Arbeit treiben. Sich nicht mit Gewalt wecken lassen. Die eigenen Gedärme nicht eindrücken. Die eigenen Ausflüsse und Ausbrüche nicht zurückhalten. Sich hinlegen, wenn man müde ist. Sich anschmiegen, wenn man Wärme braucht. Nur essen, wenn man Hunger hat. Trinken, was den Durst stillt. Gehen, wenn's in den Beinen kribbelt. Regungen zulassen. Andere Meinungen zulassen. Frieden mit seinem Volk. Andere Kulturen zulassen. Frieden mit der Welt.

Der vierte Schritt ist die Erkenntnis: Es kommt nicht so sehr darauf an, gegen den Kapitalismus zu sein, ihn zerstören zu wollen, als vielmehr darauf, Spaß daran zu haben, unabhängig vom Kapitalismus zu leben, etwas Neues neben dem Kapitalismus aufzubauen.

Wir haben nichts (Materielles) mehr zu verlieren. Wir können alles loslassen. Das macht uns frei, zu erkennen, daß für die Menschen auf der Erde genug Materielles da ist, und das auch umzusetzen. Aber erst neuerdings erkennen wir, daß wir nichts Gemeinschaftliches mehr zu verlieren haben, weil die Vereinzelung und die Vereinsamung ein Grundprinzip einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Das macht uns frei, uns unser Bild von der Welt selber zu machen und durch den Austausch unserer Geschichten Gemeinsames zu entdecken. Jeder muß auf seinen eigenen Füßen stehen und im Wettstreit der Ideen sich seine Gemeinschaft erst schaffen.

So hängen das Materielle mit der Politik und das Gemeinschaftliche mit der Philosophie zusammen.

Eine Gesellschaft ist lebensfähig, wenn ihre Institutionen nicht ausschließlich sind, sondern Übergänge und Veränderungen zulassen. Wenn z.B. ein Mensch nicht schon durch die Schulform (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) auf eine bestimmte Biographie festgelegt wird, sondern durch die Gesamtschule jederzeit die Möglichkeit hat, seine Karriere aufzustocken oder zurückzustecken. Wenn es z.B. für natürlich gehalten wird, daß Parteien sich spalten, Menschen die Partei wechseln. Wenn z.B. Behinderte nicht für ewig an Werkstätten für Behinderte gebunden sind, sondern über Zweckfirmen den Übergang zum allgemeinen Arbeitsmarkt finden können. Wenn z.B. eine Partnerschaft nicht auf ewig und nur mit einem oder einer angestrebt wird, sondern sie wachsen, sich festigen und sich häuten kann. Wenn z.B. die Sinne nicht durch Ideale und Tugenden betäubt, ihre Meldungen nicht unterdrückt werden, sondern Vorrang haben gegenüber Lebensentwürfen. Wenn also Institutionen und ihre Vertreter nicht Angst vor Veränderung oder Auflösung haben. Weil sie wissen und spüren, daß es nicht um die Institutionen geht, sondern um die Menschen, um sich selbst, und sie bei sich ein gutes Gefühl haben, in ihrem Körper zu Hause sind.

Entspannung im Fühlen

Wenn man sich nicht regelmäßig entspannen kann, wenn man vor Schrecken gelähmt ist, sich nicht mehr regen und erregen kann, ist man tot bei lebendigem Leib. Das gilt in der Regel für den Menschen im Abendland. Ihn von diesem Schrecken zu befreien ist Sozialismus.

Geld regiert die Welt. Angst (Geheimdienste, Militär) regiert die Welt. Auch das Geld ist ein Zeichen von Angst. Man gibt nichts her ohne einen Gegenleistung. Man hat das Teilen verlernt. Man sieht in seinem Gegenüber etwas Fremdes, etwas Außenstehendes. Man erkennt sich in seinem Gegenüber nicht mehr wieder.

Sie haben Angst, die Untertanen. Davor, daß die Bösen (z.B. die Türkei und der Iran in bezug auf Menschenrechte) noch böser werden könnten, wenn man sie hart anfaßt. Daß die Bösen ein Blutbad anrichten könnten, wenn man ihnen Einhalt gebietet. Davor, daß man von den Armen (z.B. Tansania in bezug auf Schokolade und Tschechien in bezug auf Stahl) abhängig werden könnte, wenn man nicht das produziert, was sie billiger produzieren können. Sie haben Angst davor, ihre Mitmenschen als Partner anzuerkennen und zu behandeln, eine internationale Arbeitsteilung und ein System der gegenseitigen Sicherheit einzugehen.

Sicher, einige schieben diese Angst nur vor, um dahinter ihre kapitalistischen Geschäfte in Ruhe tätigen zu können. Andere schüren diese Angst im Volk, um damit ihre kapitalistischen Geschäfte zu rechtfertigen. Aber wenn im Volk immer mehr Menschen ohne ungerechtfertigte Angst heranwachsen und immer mehr ohne eine solche in Regierungspositionen kommen, verliert der Kapitalismus seine Basis.

Warum ist diese Angst nicht gerechtfertigt? Wenn man das Böse isoliert und die Beziehungen zu ihm abbricht, stirbt man nicht. Man steht auch nicht allein und verliert auch keine Freunde, wenn man Feinde isoliert. Man läuft auch nicht Gefahr zu verhungern, wenn man seinen Bruder sein Brot backen läßt.

Verstehen wir uns auf der Erde als Brüder und Schwestern, für die genug zu essen und zu trinken da ist. Verstehen wir uns als Menschen, die zufrieden sind mit "Wasser und Brot" und vertrauten Menschen um sich herum, dafür aber auch kein Geld aufwenden wollen, sondern ihr Recht darauf anmelden. Was zum Leben notwendig ist, materiell und sozial, darf kein Handelsobjekt werden. Was darunter fällt, bestimmt jede Gruppe, jedes Volk für sich. In unserem zeichnet sich z.B. ab, daß viele auf eine Karriere oder ein Eigenheim verzichten zugunsten einer intakten Familie oder eines Gemeinschaftswohnprojekts und daß viele auch ohne Drogen, Fleisch, Autos, Entertainment, Fernreisen, Gourmet-Lokale ... glücklich leben können. JedeR muß das Recht haben zu sagen "Das brauche ich, und das nehme ich mir", ohne sich dafür verkaufen zu müssen. Seine/ihre Bedürfnisse und Gefühle muß jedeR frei äußern können, jedeR muß das Recht haben, "ich" zu sagen. Die Gemeinschaft muß dann darüber entscheiden, ob sie dem nachkommen will oder, z.B. bei Drogen, nur unter der Bedingung, zu einer Therapie bereit zu sein. Wenn auf diese Weise die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse gesichert ist, werden die Menschen ihre Angst vor ihren Mitmenschen verloren haben und sie als Partner anerkennen können.

Die Angst nehmen, der andere Mensch sei eine Bedrohung. Wieder als soziales Lebewesen tätig werden, gemeinsam werken, ein Werk schaffen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung, ohne Handel, ohne Kommerz, ohne Kapitalismus.

Wer in Übereinstimmung mit sich lebt, erkennt die Gesetzmäßigkeiten außer sich. Wer nicht in Übereinstimmung mit sich ist, sieht außer sich nur Chaos. Primäres Ziel einer demokratischen Gesellschaft muß also sein, jedeN in Übereinstimmung mit sich leben zu lassen. Dann entwickelt er/sie auch keine ungerechtfertigten Ängste.

Nach einem Stil leben, der die Umwelt nicht verschmutzt, nach dem man/frau sich natürlich ernährt, der keinen unfreiwilligen Streß auslöst, der einen Menschen psychisch und physisch nicht kaputt macht, der die freie Entwicklung eines/einer jeden als Bedingung für die freie Entwicklung aller sieht. Ein Lebensstil, der jedem und jeder Entspannung erlaubt, wenn er/sie braucht. Entspannungspolitik nach innen.

Wer in Angst befangen ist, hebt ab von der Realität: Rassismus, Nationalismus, Individualismus, Liebe, Idylle (unpolitische Haltung), Suprematie (Der Mensch ist die Krone der Schöpfung), Unsterblichkeit. Diesen Begriffen entspricht keine Realität. Es sind Wahnideen. Deshalb stürzen Menschen, die nach ihnen leben, auch immer wieder ab. Obwohl diesen Begriffen keine Realität entspricht, sind sie doch (perviertierter) Ausdruck von Bedürfnissen, die ernst genommen werden müssen: sinnliche Identität, sinnlicher Austausch mit der aktuellen Umgebung, Zufriedenheit mit der Befriedigung aktueller sinnlicher Bedürfnisse. Kurz: Der Mensch hat das Bedürfnis, ein Tier zu sein. Und das soll ihm niemand verwehren.

Wahnideen entstehen, wenn man Tiere zusammenpfercht, sie Platzangst bekommen und der Mensch des Menschen Feind wird. Jeder gegen jeden. Vereinzelung. Nun hat aber die Menschheit Instrumente und Techniken entwickelt, die die Angst und die Vereinzelung unbegründet machen. Jene anzuwenden, rational mit der Lösung der eigenen Probleme umzugehen, das ist Sozialismus. Die Wahnideen dürfen nicht unterdrückt werden wie in Jugoslawien, sondern sie müssen aufgelöst werden, sich als unnötig erweisen.

Bürgerliche, vom Menschsein Entfremdete und Entwurzelte empfinden eine innere Leere, die es sie auszufüllen drängt. Womit? Mit Liebe (Konsum von Menschen), Kommerz (Konsum von Waren), Drogen (Konsum von Illusionen), Krieg (Konsum von Völkern), Ästhetik (Konsum von Schein), Sensationen (Konsum von Reizen). Doch all dies befriedigt sie nicht. Wäre es nicht besser, man würde sie gleich zur Ruhe kommen, zu sich selbst finden, sich auf die Reste ihrer menschlichen Ressourcen besinnen lassen? Das bietet der Sozialismus an.

Wer von Sprüchen lebt, von von außen an ihn herangetragenen Formen, von ästhetischem Genuß, von "Kultur", von der Vorstellung, der Mensch sei die Krone der Schöpfung, der lebt nicht aus seiner Überzeugung, lebt nicht aus sich heraus, lebt auf Kosten seiner Mitmenschen und seiner Umwelt, ist krank. Das Bürgertum hat sich in unseren Breitengraden gedanklich von der Religiosität, von der selbst verschuldeten Unmündigkeit befreit, emanzipiert, therapiert. Da es aber nicht die Vorstellung aufgeben konnte, der Mensch allgemein und insbesondere die bürgerliche Kultur seien die Krone der Schöpfung, da es sich existentiell nicht genug sein konnte, sich nicht psychologisch von der Religiosität befreien konnte, suchte jedes Individuum den Schutz seiner Seele durch Anhäufung von Gütern, durch einen materiellen Wall um sich. Nach Calvin war die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des einzelnen der Gradmesser für die psychologische Sicherheit der einzelnen Seele. Das stimmt aber nicht, diese Einschätzung ist krankhaft. Der so aus dem Bürgertum entstandene Kapitalismus ist eine Krankheit. Die vom Bürgertum begonnene Therapie von Menschen in unseren Breitengraden ist noch nicht abgeschlossen. Sie findet ihre Fortsetzung im Sozialismus.

Wer von Nostalgie lebt, von antiken Einrichungen, von Zeiten, in denen scheinbar die individuelle Seele noch geschützt war und ihre Ruhe hatte, lebt nicht aus einer Überzeugung, lebt nicht aus sich heraus, sondern auf Kosten seiner und seiner Mitmenschen Vergangenheit und Zukunft. Er interpretiert die Geschichte falsch, geblendet durch eine Ideologie, die seine Seele scheinbar braucht. Er lebt von Lügen, er ist krank. Der Kapitalismus lebt aus der Verklärung und Falschdarstellung der Geschichte. Der Sozialismus ist Aufklärung über die wirklichen Gesetzmäßigkeiten in der Natur. Nur wessen Seele aus sich heraus zur Ruhe kommen kann, wer von sich absehen kann, kann die wirklichen Gesetzmäßigkeiten der Natur erkennen.

Wer haßt, muß sehr geliebt haben. Liebe wie Haß sind gleichermaßen Krankheiten/Wahnvorstellungen/Fiktionen. Philosemitismus ist die Kehrseite von Antisemitismus. Antifaschismus ist die Kehrseite von Faschismus. Untertan bleibt Untertan. Den Faschismus beseitigt man nicht erfolgreich, indem man dagegen ist (das sowieso), sondern indem man daneben die einzelnen Individuen leben läßt und den Kapitalismus (das Sterben) an der Seite liegen läßt. Eine falsche Therapie ist es, einfach den krankhaften Reaktionen mit umgekehrten Vorzeichen zu begegnen. Eine erfolgreiche Therapie bringt die verkümmerten Sinne und Lebenskräfte neben der Krankheit wieder zum Leben und weitet jene aus. Wer das Leben nicht (mehr) in sich spürt, ist also ungeeignet zum Aufbau des Sozialismus. Kranke müssen die Gelegenheit bekommen, sich zu therapieren, bevor sie sich (wieder) gesellschaftlich engagieren. Kranke können nicht den Kern einer lebenden Gemeinschaft bilden. Kranke können keine Alternative zum kapitalistischen System aufbauen. Erst wenn die Mehrheit einer Gesellschaft sich von der Untertanenmentalität emanzipiert hat, erst wenn die Mehrheit einer Gesellschaft DemokratInnen geworden sind, ist die Zeit reif für Sozialismus.

Subjekt werden

Als Kinder bauten sie sich Fallschirme aus Seidenpapier vom Bäcker und ließen sie fliegen. Weil sie als Erwachsene scheinbar keine Ruhe und Zeit zum Fallschirmbauen haben und sie sich scheinbar mit Bescheidenheit in dieser Gesellschaft nicht über Wasser halten können, kaufen sie sich einen Fallschirmsprung. So entfremden sie sich von ihren weniger behinderten Mitmenschen, fühlen sich allein als soziale Lebewesen (weil die Begüterten sowieso allein sind) und ertränken diesen Schmerz in Drogen (Konsum) oder Destruktion (Kriegen) und entfremden sich dadurch noch mehr. Aus diesem Teufelskreis kann nur ausbrechen, wer sich seine von Geburt an mitgegebene Identität bewahrt oder wiederherstellt und sich seine Ruhe/Zeit/Bescheidenheit nimmt, d.h. aus dem Kapitalismus aussteigt.

Ein soziales Lebewesen wie der Mensch lebt gewöhnlich in einer Gruppe. Zum Paaren sondert er/sie sich ab.Aber wehe dem, der mehr als das Paaren im Sinn hat, der damit auch die Funktionen einer Gruppe einfordert, z.B. weil es eine solche in der Vereinzelung einer kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr gibt. Der wird scheitern. Wie es die zunehmende Zahl der Singles und der Trennungen andeutet. Wer unterschwellig von dem paarweisen Leben mehr erwartet, als es seiner Natur nach leisten kann, versucht, seineN PartnerIn zu vergewaltigen, an sich zu binden, zu kaufen, zum Objekt zu machen. Dadurch macht er/sie sich noch einzelner. Aus diesem Teufelskreis kann nur ausbrechen, wer sich mit Menschen aus freiem Willen (zu mehr als Sex) zusammentut, nicht mit Menschen, die über oder unter ihm/ihr stehen wollen: freie Assoziation freier Individuen. D.h.: aus dem Kapitalismus aussteigen.

Es gibt Menschen, die müssen genau rechnen, wenn sie etwas aus dem Regal im Supermarkt nehmen, damit sie nicht anderen zur Last fallen. Es gibt Menschen, die fallen anderen zur Last mit der Art, wie sie etwas unbekümmert aus dem Regal nehmen. Entweder müssen sie dazu ihre Mitmenschen vorher ausbeuten oder anschließend um Hilfe bitten. Es gibt Menschen, die holen aus dem Regal, was ihnen ein Bedürfnis ist, und stellen anschließend fest, daß sie nicht zu viel und nicht zu wenig genommen haben. Jedenfalls ist es weniger als der Durchschnitt. Diese letzteren wollen wir die psychisch Gesunden nennen. Die, die aus dem Kapitalismus ausgestiegen sind. Dahin soll die Therapie gehen. Alles Gebrochene, Verklemmte, Gejagte, Verkrampfte, Widersprüchliche, Unaufrichtige, Heimliche, Ausbeuterische soll therapiert werden. Unbekümmert das Richtige tun. Leicht leben und niemand schaden. Das ist Sozialismus.

Das Kapital auf der Suche nach neuen Profitraten beraubt die Menschen immer mehr ihrer natürlichen Rechte auf Teilhabe an dieser Erde, privatisiert die Menschen immer mehr. Sie müssen sich um immer mehr streiten, um immer mehr kümmern, was ihnen früher ohne Anstrengung von dieser Erde überlassen wurde: Boden, Nahrung, Wohnung, Gesundheit, solidarische Mitmenschen ... Sie wollen endlich mal zur Ruhe kommen und werden so offen für totalitären Zugriff: einen Menschen, eine Idee, eine Religion, die ihnen diese Mühen wieder abnimmt und sie in die ursprünglichen "paradiesischen" Zustände zurückversetzt. Die Alternative wäre: Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand, sie sichern sich ein minimales Leben durch Selbstversorgung und Selbstorganisation, sind bereit zu sterben, wenn dieses minimale Leben nicht mehr garantiert ist, und werden so frei und entspannt und immun gegen einen totalitären Zugriff.

Die Leichtigkeit der Gesunden scheint so unendlich weit weg von der Verkrampfung der Kranken. Die Verkrampfung der Kranken scheint nur durch Außenstehende gelöst werden zu können. Durch Aufklärung, wenn jemand die Ursache seiner Verunsicherung nicht kennt. Durch Mutmachen, wenn jemand der Verursacher seiner Verunsicherung zu übermächtig ist. Durch Verweis auf sich selbst, wenn die Übermacht nur eingebildet. Besinn dich auf deine eigenen Kräfte, statt einen Sündenbock für deine Verunsicherung zu suchen! Nimm deine Rezepte nicht von andern, sondern aus dir selbst! Es ist ein Unterschied, ob du diese Rezepte der Zeitschrift "Psychologie heute" entnimmst oder deiner eigenen Identität, deinen eigenen Bedürfnissen:

Wer kein Selbstbewußtsein hat, dem kann auch "Psychologie heute" nicht helfen. Einfaches Befolgen dieser Rezepte endet in einer Verkrampfung. Nachhaltiger Wandel kommt aus dem Subjekt, nicht aus dem Objekt (einer Zeitschrift). Ein Gesunder kennt seine Kräfte und bewegt sich im Rahmen seiner Kräfte. Leichtigkeit kommt also aus der Kraft, aus dem Bewußtsein der eigenen Kraft, aus dem Selbstbewußtsein. Hier kann sich jeder selbst helfen; er ist nicht auf Außenstehende angewiesen, zumindest nicht am Anfang. Beginnen mit der individuellen Revolution kann jeder selbst, wenn es ihm ein Bedürfnis ist. Ob daraus eine gesellschaftliche Revolution wird, liegt an der Zeit.

Die Menschen hierzulande haben kein Vertrauen mehr in das System. Das Kapital verliert seinen Wert. Noch haben nicht genügend viele Vertrauen in sich selbst. Dieses Selbstvertrauen, angelegt in einem jeden neugeborenen Menschen, gilt es zu erhalten und zu stärken. Dann wird auch dem Kapitalismus der Boden entzogen.

Bislang gilt für den psychischen Bereich meistens: Kranke heilen Kranke. Psychologen/Psychotherapeuten ergreifen in der Regel ihren Beruf, weil sie selbst psychische Probleme haben. Aus dieser Haltung heraus fühlen sie sich als Spezialisten und meinen, das jeweilige Problem im Griff zu haben, den jeweiligen Kranken im Griff zu haben, ihn als Objekt behandeln zu müssen. Dieser Selbstüberschätzung werden sie sich allmählich bewußt. Ein Indiz dafür ist das Motto des internationalen Kongresses für soziale Psychiatrie 1994 in Hamburg: "Das Ende von Babylon." Der Patient wird allmählich vom Objekt zum Subjekt.

Es ist aber noch ein langer Weg bis zur Erkenntnis der angeblichen Spezialisten: Wir können nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Wir können nur Selbstheilungskräfte wecken. Patienten müssen sich im wesentlichen selbst heilen. In der Medizin ist dies selbstverständlich. In der Psychiatrie bedarf es dazu weniger Medikamente und Techniken als gesellschaftlicher Schutzzonen: Befreiung von fremdbestimmter Arbeit, Kommunikation mit vertrauten Menschen, Entspannung, Bewegung. Doch was in einer Gesellschaft, die auf fremdbestimmte Arbeit, den Kampf eines jeden gegen jeden, Vereinzelung und einseitige Bewegung angelegt ist, als Schutzzone erscheint, ist die natürliche Umgebung eines sozialen Lebewesens wie des Menschen. Die Gesellschaft ist also krank, der Mensch in der abendländischen Gesellschaft nimmt sein Recht auf die Wiederherstellung seiner Natur wahr, wenn es ihm ein Bedürfnis ist. Nachdem er sich auf seine Kräfte besonnen hat, verschafft er ihnen Geltung, tut sich mit Gleichgesinnten zusammen, dehnt so den natürlichen Lebensraum sozialer Lebewesen wieder aus und verändert so die ihn krankmachende Gesellschaft. Eine fingierte Schutzzone, wenn Menschen von Berufs wegen Vertrauen und Kommunikation ausüben (wenn z.B. eine Pflegerin den Körper eines Patienten berührt) oder wenn Patienten zusammen wohnen oder diskutieren, also die soziale Psychiatrie reicht nicht aus: Es muß schon eine reale Schutzzone sein: solidarische Menschen, praktische Politik, Sozialismus. Ärzte können dem Menschen durch die Errichtung sogenannter Schutzzonen assistieren; in Wirklichkeit sind es Politiker, die eine Gesellschaft nachhaltig therapieren, indem der einzelne als Subjekt wieder ernst genommen wird, über sein Leben selbst bestimmen kann.

Versuche in dieser Richtung sind in der abendländischen Kultur immer mal wieder unternommen worden (Nationalsozialismus, Scientology ...). Sie mußten scheitern, weil sie irrational waren, weil sie in dem Menschen mehr sahen als ein Tier, weil sie das Individuum nicht zur Geltung kommen ließen. Nur Demokratie, nur Selbstbestimmung gesunder Sinne ist eine Alternative zum Kapitalismus.

Kapitalismus entsteht aus dem Gefühl einer Mehrheit von Menschen, die Erde würde zu ihrem Lebenserhalt nicht genügend bieten, die Zahl der Lebensmittel für Menschen müsse künstlich/mit Eingriffen in die Natur erhöht werden, deren Verteilung dann am besten über den Handel/die Warenform geregelt werden. Auch wenn diese panische Angst vielleicht gerechtfertigt war, ändert sich doch nichts daran, daß auch das scheinbar künstlich Produzierte Bestandteil der Erde ist und es immer noch darum geht, das von der Erde Gebotene zu verteilen. So wie unsere Artgenossen, die Affen, ihre Reviere und ihre Lebensmittel aufteilen, hätten die Menschen auch mit der Aufteilung ihrer scheinbar künstlich produzierten Lebensmittel fortfahren können. Sie mußten nicht eine Warenform annehmen. Handel/Produzieren und Konsumieren sind nicht notwendige Formen menschlichen Lebenserhalts. Nachdem dies in Vergessenheit geraten ist, nachdem in Deutschland der letzte Fürst und der letzte unternehmerische Patriarch mit einem sozialen Engagement für seine Untergebenen gestorben war, konnte der Kapitalismus sich ausbreiten.

Im Prinzip ungehindert. Denn auch die, die darunter zu leiden hatten, zweifelten nicht an der Notwendigkeit der Warenform. Ihre Streiks konnten die Ausbreitung des Kapitalismus nur verlangsamen, weil sie das kapitalistische Prinzip, immer weniger Menschen an der Produktion des Lebensunterhalts der Menschen zu beteiligen, nicht mehr in Frage stellten. Vorher waren - wie bei anderen Lebewesen auch - noch alle Artgenossen an der Suche nach und der Verteilung von Lebensmitteln beteiligt. Wer also den Kapitalismus aufheben will, muß zurück zu dem Prinzip Selbstversorgen und Teilen. Das schließt nicht aus, daß marginal und in Zeiten des Übergangs der Markt noch eine Rolle spielt.

Produziert wird im Kapitalismus nicht nach dem (volkswirtschaftlichen) Bedarf (eines Gemeinwesens), sondern nach dem (betriebswirtschaftlichen) Profit (einzelner) mittels einer Ideologie (kulturellen Hegemonie), die das verschleiert. Verschleiert wird ein krankhaftes Verhalten, denn welche Gemeinde wird schon Autos produzieren, wenn sie sich bei ihr haufenweise stapeln? Verschleiert wird die Krankheit auf mehrfache Weise: 1. Dem einzelnen wird eingeredet, er sei unfähig, sich alle seine Fragen im Kreise von Menschen seines Vertrauens zu beantworten, er müsse sich an den Meinungsführer halten. 2. Nicht er sei krank, sondern all die "Faulen", die kein Recht auf fremdbestimmte Arbeit, kein Recht auf Zwangsarbeit wollten. All die, die meinten, auch ohne Kommerz gut leben zu können. 3. Für die nicht zu unterdrückenden Schmerzen und Leiden im Kapitalismus gibt es Priester, Philosophen, Publizisten, Wissenschaftler, Politiker, Künstler, die die Leidenden in einer Traumwelt scheinbar all das tun lassen, was sie an menschlichen Bedürfnissen und Befriedigungen im real existierenden Kapitalismus unterdrücken müssen. Für akute Notfälle gibt es die unmittelbaren Drogen. - Wer also den Kapitalismus aufheben will, muß die kulturelle Hegemonie weniger aufheben, indem er die einzelnen ermuntert, sich selbst, ihre persönlichen Bedürfnisse und Befriedigungen, zum Maßstab ihres Handelns zu machen, Kultur wieder als Alltagsverhalten des einzelnen. Demokratie.

Doch bis es so weit ist, wird das Verhältnis Arzt/Patient, Politiker/Bürger immer wieder Belastungen ausgesetzt sein. Krankhaftes Verhalten muß als solches erkannt und darf nicht repressiv behandelt werden.

Ein Wort an den Arzt/Politiker

Wie gehe ich mit psychisch Kranken/Untertanen um? Bestimmt, aber sanft. Niedrig hängen. Sich nicht gehen lassen. Jedes Wort, jeder Handgriff muß sitzen. Keine Schwäche zeigen. Gegborgenheit bieten. Reibefläche bieten. Leuchtturm bieten. Kein Mitleid; aber wer neben mir fällt, dem helfe ich auf. Mitwirken sollen nicht Menschen aus Mitleid, weil auf sie kein Verlaß ist; sie ziehen sich nach einer bestimmten Zeit wieder zurück. Mitwirken müssen gesunde Menschen, weil Kranke nicht Kranke heilen können.

Denk daran, daß psychisch Kranke/Untertanen Andersartige nicht ertragen können Daß sie lügen (auch wenn sie sich dessen nicht bewußt sind), weil sie eine gespaltene Persönlichkeit haben. Denk daran, daß sie dies nicht aus Bösartigkeit tun, sondern weil sie krank sind. Denk daran, daß sie dich als krank bezeichnen.

Ziel der Therapie ist es, die Patienten aus ihrer paarweisen Verklammerung zu lösen und sie eine Gruppe annehmen zu lassen. Sie sich auf ihre eigenen Kräfte besinnen zu lassen. Spezialisten aus der Gruppe stehen ihnen für Fachfragen zur Verfügung und vermitteln ihnen die Gewißheit, daß ihnen die Gruppe nicht verlorengeht. Das Verhältnis von Gesunden zu Kranken muß stimmen, Arbeitshypothese 4:1.

Die Bereitschaft, sich aus der paarweisen Umklammerung zu lösen, wächst mit dem Maße, mit dem Muße zu Verfügung gestellt wird: Raum und Zeit und Ruhe und Solidarität.

Das Bedürfnis der Menschen nach Freiraum, Muße ("Faulenzen"), Entspannung, einfachem Leben, Selbstbestimmung, Demokratie nicht diskriminieren. Das ist Sozialismus. Wo allerdings dieses Bedürfnis nicht mehr da ist, kann es auch keinen Sozialismus, keine Emanzipation vom Kapitalismus, keine Therapie geben. Andererseits zu zeigen, daß dieses Bedürfnis hier und heute (und nicht in einer fernen Zukunft, wie es die christliche Religion glauben machen will) befriedigt werden kann, immer mehr befriedigt werden kann, das ist Sozialismus.

Nach dem, was wir als krank bezeichnet haben, gilt es also folgende Typen von großen politischen Entscheidungen fernzuhalten: Menschen, die andere Menschen über sich oder unter sich brauchen. Menschen, die unter Verfolgungswahn leiden. Menschen, die ihre Machtpositionen nicht aufgeben wollen. Insbesondere Intellektuelle lassen häufig eine entsprechende Bescheidenheit vermissen: Sie meinen, die Probleme ihrer Zeit am fortgeschrittensten erfaßt zu haben, ihre Probleme seien die Probleme ihrer Gesellschaft, während vor der Geschichte ihre Meinung nur eine von Millionen ist. Ihre Position können sie allerdings nur so lange aufrechterhalten, wie es relativ viele Menschen gibt, die tatsächlich glauben, Intellektuelle hätten die Probleme ihrer Gesellschaft am fortgeschrittensten erfaßt.

Ein Wort an den Patienten/Bürger

Der erste Schritt zur Therapie ist die Einsicht, daß ich krank bin, und das Bedürfnis, sich zu heilen. Die Initiative muß von mir ausgehen. Der zweite Schritt zur Therapie ist die Einsicht, daß es ein scharfer Schnitt sein muß, ein Eingriff, der das Übel an der Wurzel packt, ein radikaler Eingriff, ein harter Eingriff, kompromißlos. Manch lieb gewordene Gewohnheit, mancher Mensch wird aufgegeben - für ein besseres Gefühl. Der dritte Schritt zur Therapie ist die Einsicht, daß der Eingriff im Denken erfolgen muß, in dem, was mein Handeln bestimmt. Meine Haltungen, die Angelpunkte meines Lebens müssen sich ändern. Jetzt sind mir andere Dinge wichtig.

Der sozialistische Mensch hat sich therapiert oder ist gesund geblieben. Er ist sich bewußt, daß der Kapitalismus Krieg gegen ihn führt, und nimmt diese Kriegserklärung an. Wiewohl selbst gesund, befindet er sich noch in einer kranken Umgebung.

Ein Wort an die Frauen

Die weibliche Sprachform wurde in den letzten Abschnitten nicht verwendet, weil in dieser Männergesellschaft nichts läuft, wenn sich die Männer nicht verändern. Es geht hier im wesentlichen um Probleme der Männer, Frauen müssen sich den Schuh nicht anziehen. Leichtfüßig können sie über die Probleme der Männer hinweggehen, weil das nicht ihre Welt ist. So haben es die meisten bisher gehalten, und so wird es auch in Zukunft sein.

In Zeiten des Übergangs

Jede Revolution im Bewußtsein eines Individuums beginnt mit der Frage: Was ist noch da von der Kraft, die du mitgebracht hast in diese Welt? Wie weit hast du dich zum Objekt machen lassen?

Die Ursache für dein Versagen liegt nicht bei dir; aber du entscheidest, ob noch ein Funken Leben in dir steckt. Sich versenken in sich selbst, bis man/frau auf eigene Ressourcen stößt, auf eigene Energiequellen. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, muß ich mit Änderungen bei mir beginnen. Therapie ist nur dann erfolgreich, wenn ich mich selbst heile.

Hast du dich gegen Destruktion, für das Leben entschieden, wird es dir nicht gleich gelingen, es zu treffen. Dein Pendel wird zunächst ins Gegenteil ausschlagen: Suche nach Glück, Erfolg, Urlaub, "Leben", Selbstverwirklichung; Leben ist aber in der Regel Zufriedenheit, Konformität, Bescheidenheit, nichts Herausragendes. Diesen Punkt zu finden fällt dir leichter, nachdem du dich in dich versenkt, auf deine Ressourcen besonnen hast.

Dann wirst du auf Menschen treffen, die eine ähnliche Sehnsucht in sich tragen wie du. Die Würde eines jeden Menschen zu achten. Das Fremde zu verstehen, statt ein Feindbild zu schlagen. Nicht jedeR gegen jedeN. Freiraum für Kinder, Freiraum für Selbstbestimmung, Freiraum zum Fehlermachen. Offen, ehrlich, sensibel, gemeinsam. Das Leben beginnt jenseits von Konsum. Kleines erfreut. Muße.

Auch Menschen aus einem Sozialismusversuch wirst du treffen. Sie flohen nicht, weil es dort nichts zu essen gab, weil es dort keinen Gemeinsinn gab. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von der Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben, nach Respektierung des Ichs. Der Glanz des Westens schien eine solche Sehnsucht zu erfüllen; aber es war eine Täuschung, es ist ein menschenunwürdiges Leben - wie es schon in den sozialistischen Lehrbüchern stand. So brennt die Flamme der Blochschen Hoffnung, die nichts mit dem bürgerlichen Begriff Hoffnung zu tun hat, bis Menschen entdecken, daß das Land ihrer Sehnsucht nur in ihnen selbst liegen kann.

Die Menschen hierzulande haben das Bedürfnis, ihren Lebensunterhalt nicht im Schweiße ihres Angesichts zu finden. Deshalb sind sie geneigt zu Glücksspiel, Geldspekulation, Ausbeutung anderer Menschen. Das hat uns in die Selbstzerstörung des Kapitalismus geführt und wird uns weiter dahin führen mit weltweiter Kriminalität, Kriegen, Währungszusammenbrüchen.

Die Menschen hierzulande haben ein Bedürfnis nach Demokratie. Daß wir keine haben, zeigt sich u.a. daran, daß die Parteien jetzt plebiszitäre Elemente einführen. Solange aber nicht wirklich der Wille des Volkes sich von unten nach oben bildet, wird sich immer wieder einer finden, der das frustrierte Volk verführt.

Die Menschen hierzulande haben ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Sie wollen nicht vertreten werden, sie wollen keinen Schaukampf der Vertreter haben, sie wollen ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Deshalb die um sich greifende Parteienverdrossenheit, die leider bislang immer in den Faschismus führte.

Die Frage ist also, ob diese Bedürfnisse gerechtfertigt sind und ob sie notwendigerweise in den Faschismus führen. Es sind Bedürfnisse, die jedes Lebewesen hat, und insofern sind sie gerechtfertigt. Aber nur insofern. Wollen die Menschen mehr (oder weniger) sein als Lebewesen, gleiten sie unweigerlich und oft auch unbemerkt in den Faschismus ab. Verstehen wir das Bedürfnis, mehr (oder weniger) sein zu wollen als ein Lebewesen, als ein krankhaftes Bedürfnis, dann läßt sich dieses heilen und der Faschismus und der Untergang der Menschheit verhindern. Vielleicht. Wenn es nicht schon zu spät ist. Aber ein Versuch sollte es uns allemal wert sein. Einfach weil es so mehr Spaß macht zu leben. Die intellektuellen und technologischen Instrumente zu dieser Therapie sind jedenfalls vorhanden.

Die Revolution im Bewußtsein eines Individuums kann nicht fehlschlagen, der Funke Leben ist entfacht, wenn sich die in der Natur des Menschen angelegte Haltung breitmacht:

Sich auf die Menschen als Teil der Natur besinnen, sich auf die Natur der Menschen besinnen, das führt sicher zwischen Resignation und Faschismus hindurch, das befähigt zum demokratischen Eingreifen. Auf den/die einzelneN kommt es an, weil das Volk die Richtung der Geschichte bestimmt.

In dieser Gesellschaft muß man ständig aufpassen, was man ißt, was man trinkt, wo man atmet, welchen Strahlen man sich aussetzt usw. Auch bei Fachleuten wie Ärzten, Anwälten, Architekten muß man ständig mitdenken. Um seinen Lebensunterhalt und um seine Wohnung muß man ständig kämpfen. Vom einzelnen wird also eine große intellektuelle und physische Anstrengung erfordert. Kein Wunder, wenn er sich dieser entledigen will, indem er einer Gemeinschaft beitritt, in der diese Fragen alle schon geklärt sind. So erklärt sich die Hochkonjunktur der Sekten und Ideologien.

Er kann aber auch für Selbstbestimmung votieren, indem er sich entspannt und sich auf seine wesentlichen Bedürfnisse besinnt und auf ihre Befriedigung konzentriert: Wasser und Brot, ein Dach über dem Kopf und vertraute Menschen um sich. Er kauft sich diese Befriedigung nicht, sondern er nimmt sie sich, weil die Erde allen Lebewesen gehört und es für alle reicht.

Dieser Gesellschaft geht die Arbeit aus, die bezahlte Arbeit, die bezahlbare Arbeit. Die wenigen, die sie noch haben, sagen zur Masse: Ihr müßt schön dankbar dafür sein, daß wir euch ernähren und aushalten; wenn erforderlich, müßt ihr auch zu Sklavenarbeit bereit sein.

Die Arbeitslosen können sich aber auch darauf besinnen, daß man ohne Arbeit (Müh' und Plag, Fremdbestimmung) leben kann, indem man sich nicht verkauft, sondern teilt, was man hat.

Parteien zerfallen und verlieren Mitglieder. Dies kann man bedauern und bejammern und mit modernen Managementmethoden aufhalten wollen. Oder man sagt: Ich kenne keine Parteien mehr; ich kenne nur noch Deutsche.

Man kann aber auch sagen: Wir sind jetzt mündig genug; wir brauchen jetzt keine Parteien mehr, auch keine Nation. Wir organisieren uns über Runde Tische, Nachbarschafts-, Stadtteil-, Stadt-, Landes- und Bundesräte.

In der Europäischen Union werden die nationalen Kompetenzen immer mehr aufgehoben. Nationalstaaten werden obsolet. Diese Tatsache kann man den Menschen so lang wie möglich vorenthalten, damit sie besser zu manipulieren sind.

Man kann aber auch sagen: Wir haben gar nicht das Bedürfnis nach einem Nationalstaat. Wir definieren und organisieren uns über Regionen. So soll auch die Europäische Union strukturiert sein: Freistaat Sachsen, Freistaat Bayern, Schottland, Baskenland, Breizah, Katalonien, Galizien, Wales, Norditalien, Luxemburg usw.

Die USA und Preußen waren weltanschaulich neutral, nicht weil sie sich um Aufklärung bemühten, sondern weil sie die Kolonisatoren brauchten.

Die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt, nicht weil Kindern der soziale Aufstieg ermöglicht werden oder die Volksbildung gehoben werden sollte, sondern weil dadurch die Kinder von der Straße weg waren.

Die Kinderarbeit wurde verboten, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil der Herrscher gesunde Rekruten für sein Heer brauchte.

Das soziale Engagement des Staates und die Scheindemokratie wurden eingeführt, nicht weil die Herrschenden Menschenwürde entdeckt haben, sondern weil sie einer Revolution zuvorkommen wollen.

Deshalb ist fortgeschrittener Kapitalismus nicht schon der Anfang vom Sozialismus, sondern SozialistInnen greifen diese kapitalistischen Zweige auf, nutzen diesen Spielraum aus und bauen ihre ganz andere Welt auf. Ein klare Trennungslinie ist unvermeidlich, weil der Kapitalismus seine scheinbar fortschrittlichen Instrumente nur für seine menschenverachtenden Ziele einsetzt.

Mit 30 Jahren erst als Fachkraft anerkannt? Früher starben die Menschen in der Regel mit 30 Jahren oder waren zumindest auf der Höhe ihres Lebens. Das gilt heute noch für LeistungssportlerInnen. Warum sollte es nicht auch weiterhin für die anderen Menschen gelten?

Wenn man/frau bedenkt, wieviel nutzloses Zeug nach welcher ineffizienten Methode im Laufe einer Berufsausbildung vermittelt wird, dann läßt sich eine fachliche Ausbildung auch schon mit 20 Jahren abschließen. Dazu müssen die Studierenden selbst bestimmen können, was sie wann wo bei wem und wie lernen wollen. In der Regel müßte Projektunterricht statt Pauken nachder Methode des Nürnberger Trichters angeboten werden. Mit 16 Jahren könnte dann die Schule abgeschlossen sein, mit 20 Jahren die Berufsausbildung. Der Beruf stünde jedoch nicht im Mittelpunkt eines Menschenlebens, sondern die Ausbildung bedeutete nur eine Förderung der speziellen Fähigkeiten eines Menschen, der sich hauptsächlich mit allen seinen Fähigkeiten am Leben seiner Mitmenschen beteiligt.

Frauen über 30 Jahren zählen zu den Spätgebärenden. In dieser Gesellschaft fangen sie aber in der herrschenden Schicht des Bürgertums in der Regel erst in diesem Alter an, Kinder in die Welt zu setzen. Weil sie vorher Singles sind, auf sich allein gestellt, ohne den Schutz einer Gemeinschaft. Würde das kollektive, selbstbestimmte Wohnen gefördert, könnten Frauen in der Regel schwanger sein zu einer Zeit, die die Natur dafür vorgesehen hat. Paarunsfähig mit 16Jahren, könnten Menschen in diesem Alter Familien bilden. Ausbildung und Schwangerschaft können verträglich nebeneinander herlaufen.

Lebewesen sind nicht die ganze Zeit sexuell aktiv, nur zu bestimmten Zeiten im Jahr, manche auch nur in bestimmten Jahren ihres Lebens. Nur bei den Menschen der abendländischen Kultur steht die sexuelle Betätigung im Mittelpunkt ihres Lebens. Für sie ist das ganze Jahr über Brunftzeit, für sie macht sexuelle Befriedigung den Sinn ihres Lebens aus. Das paarweise Zusammenleben in der abendländischen Kultur ist nur als permanente Brunft zu erklären, Brunft aus Angst, in einer Zeit der zerbrochenen tradierten Formen von Gemeinschaft allein dazustehen. Das ist verständlich bei einem sozialen Lebewesen, aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Diese Fixierung auf Sexualität ist nicht typisch für ein soziales Lebewesen. Sie ist vielmehr die Kehrseite eines sozialen Lebewesens: Wenn es einem solchen Lebewesen an Sozialität mangelt, fixiert es sich auf Sexualität als dem scheinbar letzten Rettungsanker in einem Meer der Einsamkeit. Fixierung auf Sexualität als Gegenteil der Sozialität, als Indiz, daß es einem sozialen Lebewesen an Substantiellem mangelt, Fixierung auf Sexualität ist ein Krankheitssymptom. Vor diesem Hintergrund erscheint, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wird, als Krankheitssymptom, als Indiz dafür, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit mehrerer Menschen verlorengegangen ist.

Eine unverkrampfte Sexualität eines sozialen Lebewesens setzt deshalb eine natürliche Gemeinschaft voraus. Wo eine tradierte Gemeinschaft brüchig geworden ist, müssen ihre Glieder die Möglichkeit haben, sofort selbstbestimmt eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Ein solches Bestreben muß im Mittelpunkt eines menschlichen Lebens stehen können; fremdbestimmte Arbeit (Zwangsarbeit) und frembestimmter Konsum (Konsumzwang) und Fixierung auf Sexualität, wie sie für den Kapitalismus charakteristisch sind, richten sich gegen die Bedürfnisse eines sozialen Lebewesens. In diesem Sinne dient die Selbstbestimmung in einer öffentlichen Diskussion dem Aufbau neuer Gemeinschaften. Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen können sich zusammentun. Manchen Menschen ist diese Selbstbestimmung schon im Kapitalismus möglich, manche können sich ihm noch rechtzeitig entziehen. Die zunehmende Zahl von AussteigerInnen in ihren verschiedenen Ausformungen deutet jedenfalls auf einen großen Bedarf an Sozialismus.

Hat das überhaupt noch Sinn, sich in der sozialistischen Richtung zu engagieren? Wo ein Bedürfnis da ist, ist auch der Sinn da. Wenn man/frau sich in dieser Gesellschaft nicht mehr wohl fühlt, muß man/frau handeln. Ob als ÄrztIn oder als PatientIn, entscheidet jedeR selbst. Anlaß zu einem unguten Gefühl gibt vor allem der Umstand, daß diese Gesellschaft sich nicht als krank erkennen will und die offensichtliche Krankheit sich dadurch immer rasender ausbreitet. Sie ist sich vielleicht gerade noch einig darin, keine Drogengesellschaft sein zu wollen (und behandelt deshalb Drogensüchtige repressiv). Alkoholismus ist schon mehr ein Kavaliersdelikt und wird nicht als gesellschaftliche Krankheit betrachtet. Neurosen sind schon überhaupt kein Regelverstoß und Zeichen einer gesellschaftlichen Krankheit; mit ihnen kokettiert man/frau sogar noch. So breitet sich die Krankheit immer weiter aus und schafft ein ungutes Gefühl.

Ein Bedürfnis, dagegen etwas zu unternehmen, ist da. Aber welche Aussichten auf Erfolg hat dieses Unternehmen? Auch wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen.

Wir sind doch alle mehr oder weniger psychisch krank, jedenfalls die Mehrheit. Wie soll ddas denn funktionieren, wenn Kranke nicht Kranke heilen können? So sehr psychisch krank einzelne Menschen und Gruppen auch sein mögen, die Tatsache, daß sie (noch) leben, deutet darauf hin, daß sie partiell noch gesund sind, partiell noch gesunde Reaktionsweisen und Lebensformen haben, in verschiedener Quantität und Qualität. Entsprechend verschieden werden sie andere, denen es noch schlechter geht, verkraften können. Es geht nicht darum, daß sie andere therapieren, sondern daß sie, wenn ihre Gesellschaft sich entschließt, Menschen sich frei zu Gruppen zusammenschließen zu lassen, in solchen Gruppen Menschen, denen es noch schlechter geht, verkraften können.

Nach demokratischen/sozialistischen Vorstellungen werden Kranke also nicht ausgeschlossen. So kann sich eine kranke Gesellschaft selbst heilen, muß zu ihrer Genesung nicht andere Gesellschaften zerstören. Die Rückstände menschlichen Lebens werden revitalisiert, indem die Menschen zu sich selbst kommen. Mehr Möglichkeiten für Muße und Selbstbestimmung. Das ist das Positive an diesem Therapieansatz.

Negativ ist zu berücksichtigen, wer immer in ein krankes System hineingeboren wird, wird von ihm affiziert und in ihm sozialisiert, also noch während des gesellschaftlichen Heilungsvorgangs individuell infiziert. Ist sich die Gesellschaft dessen bewußt, kann sie allerdings auf vielerlei Weisen Rückschlägen und Implosionen vorbeugen: Sie kann die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten zuvörderst den nachwachsenden Generationen zugute kommen lassen, weniger den Älteren und Kinderlosen. Sie kann bis zu einer gewissen Gesundung ihrer Lebensgruppen auf Nachwuchs verzichten. Sie kann ihren Nachwuchs freigeben zur Adoption für Gesellschaften, die nicht (so stark) vom Kapitalismus infiziert sind. Zumal ja sowieso durch den Heilungsprozeß anfallende materielle Überschüsse an solche Gesellschaften abgegeben werden.

Negativ ist ferner zu berücksichtigen, daß die Ermöglichung von Muße und Selbstbestimmung nicht mit der Schaffung eines Sanatoriums, eines Versorgungsstaats verwechselt werden darf. Die demokratische Gesellschaft stellt nur Lebensräume, keine Schutzräume zur Verfügung. Aufrappeln muß sich jedeR selbst.

Da Gesundes und Ungesundes bei Menschen in diesen Breitengraden meistens gleichzeitig vorkommen, muß eine Therapie differenziert vorgehen. Ein Untertan, der politisch keine eigene Meinung hat, sich immer nur an seinen Altvorderen und über ihm Stehenden orientiert, mag durchaus noch aus unverseuchten Quellen schöpfen. Z.B. wenn er seiner ursprünglichen Sprache, seinem Dialekt, am meisten vertraut, wenn er in Zweifelsfällen immer darauf rekuriert, dann mögen durchaus demokratische Ansichten zutage treten. Oder wenn er z.B. in vielfältigen Anreizen (Ringen, Archäologie, Schiffsmodellbau, Abneigung gegen Alkohol) aufgewachsen ist. Die Therapie setzt dort an, wo Rückstände menschenwürdigen Lebens revitalisiert werden können.

In Zeiten der Gefährdung einer Gesellschaft sozialer Lebewesen, also wenn in ihr die Zahl der Kranken überwiegt und die Frage ansteht, ob sie sich auflöst oder erholt, müssen sich die Gesunden anders verhalten, als sie es gewohnt sind. Sie müssen für längere Zeit allein sein können. Sie ziehen sich zurück, kriechen in ihr Schneckenhaus, verlassen es vorsichtig, operieren draußen mit heruntergelassenem Visier, verhalten sich kritisch zu ihren Mitmenschen und ihrer Umgebung. Gleichzeitig sind sie ganz entspannt. Sie greifen an, indem sie ausweichen und die Feinde über ihre eigenen Füße stolpern lassen. Sie akzeptieren ihren Tod in jedem Augenblick.

Spaß am Leben

Unser Körper, unsere sinnliche Erfahrung sagt uns: So geht es nicht weiter, so macht das Leben keinen Spaß mehr: haben, haben haben, im Rausch leben, über das existentiell Notwendige hinaus denken. Der Gang der Geschichte sagt uns: So geht es nicht weiter, der Kapitalismus ist am Ende, seine globale Autorität zerfällt (USA, EU, Japan), die Volkspartei und der Nationalstaat sind am Ende und damit das Bürgertum, die Volkskirche ist am Ende und damit das Patriarchat. Wir brauchen ein anderes System. Wir müssen anders miteinander umgehen. Wir müssen anders leben. Wir kündigen diesem System innerlich. Wir fangen in unserem persönlichen Bereich an: nicht so viel Aufhebens machen vom Sex, vom Essen (Konsumieren und Produzieren), von sich selbst. Das Selbstverständliche nicht vergessen: die eigene Gattung am Leben erhalten, Spaß am Leben haben, anderen nützlich sein. Ich bin so frei und experimentiere mit meinem eigenen Wissen und nehme mein Leben selbst in die Hand. Die Freiheit kommt von unten und von innen. Das ist Demokratie.

Menschen sind soziale Lebewesen; sie leben in Gruppen zusammen. Paarweises Zusammenleben entspricht nicht ihrer Natur, vergewaltigt ihre Natur. Diese Gewalt kommt praktisch nur in der abendländischen Kultur vor. Die abendländische Kultur hat es dazu gebracht, Gewalt in zivilen Formen austragen zu lassen: Handeln und Verhandeln. Jemand unterwirft sich und erkauft sich dadurch ein Überleben; jemand unterdrückt einen andern, ohne dafür belangt zu werden, weil er ihm das Überleben garantiert. Eine kranke Logik, eine kapitalistsche Logik: das zum Leben notwendige Salz am Strand, das zunächst allen zur Verfügung steht, gelangt gewaltsam in den Besitz von wenigen, die es gegen Unterwerfung der übrigen an diese wieder herausgeben. Unter der Hand verwandelt sich für beide Seiten, Unterdrücker wie Unterdrückte, Leben in Überleben, nicht lebenswertes Leben für ein soziales Lebewesen, weil es den Unterdrücker vereinzelt und die Identität des Unterdrückten auslöscht.

Zu einem Handel gehören immer zwei; es gibt hier nicht Opfer und Täter. Handeln ist kein unausweichliches Verhalten. Gegen eine Übermacht kann ein Lebewesen auch seinen Tod vorziehen; der Unterdrücker verliert die Lust an einer Leiche.

Gewalt kennzeichnet die abendländische Kultur nach wie vor, individuell im paarweisen Zusammenleben, gesellschaftlich im Klassenkampf. Dessen muß sich bewußt sein, wer in dieser Umgebung, in dieser Umwelt leben, Lebewesen sein will. Wer menschenwürdig leben will, muß wissen, daß um ihn herum und in seiner Sozialisation ein Krieg tobt. Er nimmt ihn besser an, als daß er ihn verdrängt. Er läßt sich jedoch besser nicht seine Strategie vom Feind diktieren, unterwirft sich (innerlich und privat und geistig) besser nicht, gibt sich besser nicht mit einem Überleben zufrieden, spricht besser innerlich eine Kündigung aus, lebt (zunächst) in seinem persönlichen Bereich besser anders, als seine Gesellschaft es von ihm erwartet. Nämlich aus eigener Kraft, selbstbestimmt. So kann er vielleicht siegen, indem er den Bereich seiner Menschenwürde auch für andere attraktiv macht und auf diese Weise die Demokratie ständig ausdehnt. Anders hat er schon von Anfang an verloren und macht das Leben von Anfang an keinen Spaß.

Er wird also zunächst ziemlich allein dastehen. Die Vereinzelung durch Vereinzelung überwinden? Diese für das abendländische lineare Denken scheinbare Widerspruch löst sich für das sinnliche, dialektische Denken auf: Was bleibt dir anderes übrig, als dein Leben zu leben? Nicht mehr und nicht weniger. In dich hineinhorchen, was deine Bedürfnisse sind, aus dir herausgehen, soweit deine Fähigkeiten es zulassen. Dein Leben gestalten und erweitern für andere. Das tut ein soziales Lebewesen. So entsteht Demokratie. Das ist Sozialismus.

Menschen als soziale Lebewesen haben ihre Wurzeln, ihre Heimat in einer Gemeinschaft vertrauter Menschen. Wenn ihnen diese genommen ist, wenn sie entwurzelt sind, klammern sie sich an Grundbesitz, Landschaft, Organisation (Verein, Gewerkschaft, Partei), Ideologie. So kommt es zum Kapitalismus. Der Kapitalismus ist also die Perversion des natürlichen Bedürfnisses eines Menschen, für andere tätig zu sein - wenn keine anderen mehr da sind. Nicht pervers ist die Haltung, seine Vereinzelung, seine verletzte Seele zu erkennen, dazu zu stehen, sich auf die eigenen minimalen Lebensbedürfnisse zu konzentrieren, in seinem Körper zu Hause zu sein, so wieder Kräfte zu gewinnen und sich zu heilen.

Die kapitalistische Logik kann jedoch nicht durch eine individuelle Heilung, durch den Rückzug in eine Idylle gebrochen werden. Dazu bedarf es schon eines organisierten und abgeklärten theoretischen und praktischen Widerstands, wie ihn Marx angedacht hat, aber mit emanzipierten Menschen und freiwillig, also nicht mit Menschen, die psychisch nicht gesund oder noch nicht geheilt sind.

Sozialismus ist der schmale Grat zwischen Zerstörung und Korruption. Fremdbestimmte Arbeit, Zwangsarbeit macht Identitäten kaputt; wohl dem, der zunächst in seinem persönlichen Bereich einer solchen Prägung widerstehen kann. Wer selbstbestimmt arbeiten kann, unterliegt der Gefahr, die unmenschlichen Strukturen dieser Gesellschaft zu verdrängen, korrumpiert zu werden; wohl dem, der zunächst in seinem persönlichen Bereich einer solchen Verdrängung widerstehen kann. Beide Fälle, Zerstörung und Korruption, können nur durch eine Unmenge von Drogen im weitesten Sinne ertragen werden; wohl dem, der zunächst in seinem persönlichen Bereich ohne Drogen leben kann. Auf keine Fall können zerstörte oder korrumpierte Identitäten Träger einer neuen, menschenwürdigen Gesellschaft sein. Auf dem schmalen Grat bewegt sich also, wer in seiner Identität verletzt, aber nicht zerstört ist, wer selbstbestimmt lebt, aber nicht idyllisch.

Aus der Sicht des Menschen, der auf diesem schmalen Grat wandert, löst der Kapitalismus nicht ein, was er verspricht: Menschenwürde, Freiheit, Markt, Honorierung von Leistung ... Wer sich auf den kapitalistischen Markt einläßt, der kann nicht mehr aufhören. Für den kommen Karriere und Beruf vor Menschsein, für den ist Betrug das normale Verhalten, und der behandelt seine Mitmenschen als Objekte. Wessen Sinne aber noch funktionieren, für den ist das Handeln nur ein Spiel, weil sein Lebensunterhalt eh' schon gesichert ist und er nicht größer und reicher sein will als seine Mitmenschen. Wer seiner Sinne noch mächtig ist und statt dessen nicht Macht über seine Mitmenschen ausüben will, der ist intelligent. Ein freier Markt braucht intelligente Bürger. Demokratie braucht Menschen. Der Kapitalismus erlaubt weder einen freien Markt noch Demokratie.

Wenn Menschen aufhören können, loslassen können, nur dem Augenblick leben können, in ihrem Körper zu Hause sein können, muß nichts modernisiert werden. Alles wird nur an der Menschenwürde gemessen, und die bleibt immer gleich. An der Modernisierung wird deutlich, daß die Kategorie Zeit nur die Funktion hat, dem Kapitalismus die Profitrate zu erhöhen; sie ist entbehrlich, sie ist Fiktion.

Die einen verkrampfen sich wegen ihrer Haltlosigkeit immer mehr in Besitztümer, die anderen verlieren ihren Halt, ihre Identität immer mehr, weil sie sich scheinbar verkaufen müssen, weil sie sich der Gewalt der anderen unterwerfen, in deren Besitz übergehen. Die Profitrate in den Metropolen verfällt dabei immer mehr, so daß die Kapitalisten sich immer wieder neue Produkte einfallen lassen müssen. High-tech-Produkte versprechen den größten Profit. Zur Produktion von High-tech-Produkten braucht man jedoch Produzenten, die nicht arbeiten, weil äußere Gewalt auf sie ausgeübt wird, sondern weil sie "selbstbestimmt" arbeiten dürfen. Diese Sorte von Produzenten scheint einerseits intelligenter als Arbeiter zu sein, auf der anderen Seite dümmer, weil sie nicht merkt, wie (innere) Gewalt ausgeübt wird. Den High-tech-Produzenten wird eingeredet, Könige zu sein, selbstbestimmt zu arbeiten, über denen zu stehen, die nicht das Bedürfnis nach selbstbestimmter Arbeit haben, die dafür zu dumm sind, die Untermenschen sind. So ist der Rassismus (oder die hierarchischen Ideologien schlechthin) eine wichtige Produktivkraft im Spätkapitalismus. Er erhebt die Produzenten in den Metropolen scheinbar auf die Ebene ihrer Beherrscher. Der Kapitalist glaubt an die Ideologie, mit deren Hilfe er von anderen Menschen Besitz ergreift, weil sie in seiner Vereinzelung der einzige Halt für ihn ist. Der Unterdrückte braucht diese Ideologie ebenfalls als Droge, um die Zerstörung oder Korruption seiner Identität auszuhalten. Unterdrücker wie Unterdrückte sind sich darin einig, eine Drogengesellschaft zu wollen. Die Komplizenschaft der Unterdrückten in den Metropolen mit ihren Unterdrückern und der sich auflösende Widerstand in den Metropolen sind zwei immer stärker werdende Tendenzen in der abendländischen Gesellschaft, in der kapitalistischen Gesellschaft. Quantitativ führen sie dazu, daß die Unterdrückten in der Peripherie die Festungen der Metropolen stürmen und diese Festungen ihre Brücken hochziehen.

Wiewohl quantitativ das Deaster vorprogrammiert zu sein scheint, zeigen sich daneben auch qualitative Tendenzen in eine andere Richtung. Einige Unterdrückte in der Peripherie gewinnen an Selbstbewußtsein, weil ihr Sättigungsindikator noch funktioniert, sie nicht unendlich viel anhäufen müssen. Wenn sie genügend Menschen ihres Vertrauens um sich haben, genügend zu trinken, zu essen, zu schlafen, sich zu schützen und zu wärmen, dann legen sie sich "auf die faule Haut" und sind für den Kapitalismus nicht mehr zu gebrauchen, weder als Unterdrücker noch als Unterdrückte. Das macht Schule bei einigen in den Metropolen, denen Familie und Gemeinschaft wichtiger sind als Karriere. Dazu zählen selbstbewußte Arbeitslose, Aussteiger, Arbeitende mit innerer Kündigung. Die "Faulen" sind deshalb so attraktiv, weil sie sich eine elementares menschliches Bedürfnis erfüllen können, was die Komplizen des Kapitalismus sich bei Strafe des eigenen Untergangs nicht erlauben dürfen: selbstbestimmt gemeinsam leben und arbeiten. Diese Tendenz in der Peripherie und die in den Metropolen sind quantitativ ohne Belang, nehmen aber qualitativ zu, d.h. führen zu einer Polarisierung von Kapitalismus und Sozialismus. Nur wenn jene beiden qualitativ wichtigen Tendenzen ins Bewußtsein der breiten Masse gehoben werden können, besteht noch die Chance für eine globale Realität des Sozialismus. Aber auch eine begrenzte Realität macht schon Spaß.

Von den Herrschenden wie den Beherrschten wurde bislang etwas anderes ins Bewußtsein der breiten Masse gehoben. "Es muß sich was ändern; aber es darf sich nichts ändern." Das ist die praktische Politik von SPD und CDU. Rechts- und Links"radikale" wissen nur, wogegen sie sind, aber nicht wofür. Der Gegensatz von Establishment und "Radikalen" ist nur scheinbar. Beide Seiten, gleichermaßen krank, schaukeln sich gegenseitig hoch, aber ändern tut sich nichts. Auch nach ihren Entwürfen und Programmen sollen dieser Lebensstandard und diese Infrastruktur erhalten bleiben. Sie spüren jedoch, daß sie krank sind. In ihrer Musik, in ihrem Theater ringen und jammern sie um ihre gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen. Entsprechend nehmen Gesundheit und Kultur eine hervorragende Stellung in ihrem Alltagsverhalten ein.

Sozialismus im Kapitalismus

Der Sozialismus hebt zwei Axiome, an die bislang auch SozialistInnen geglaubt haben, auf: Fortschritt und Verstädterung.

Die Arbeitsteilung der Gesellschaft zwischen Hand und Kopf, ArbeiterInnen und Intellektuellen war in ihrer Verabsolutierung falsch. Einen Fortschritt im Sinne von immer mehr Macht eines Lebewesens über seine Umwelt gibt es in der Natur nicht. Fortschritt ist zu begreifen als ein Mittel, einer Notsituation Herr zu werden. Insofern legitimiert sich die Arbeit von WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen, KünstlerInnen nur zeitlich begrenzt; wer von ihnen nicht primär ein Mensch ist und wer seinen Beruf zum Inhalt seines Lebens machen will, ist krank.

Im Zuge der Verstädterung wuchs die Abhängigkeit von Menschen vom (kapitalistischen) Arbeitsmarkt. Auch diese Tendenz macht nur Sinn als vorübergehende Lösung einer Notsituation. Verabsolutiert entmündigt sie Menschen und macht sie zu Objekten. Eine Determination eines Lebewesens zu Arbeit (permanenter Mühsal) und damit zu fremdbestimmter, zentraler Organisation seines Lebens gibt es in der Natur nicht. Leben erhält sich durch ökologisches Gleichgewicht, das nur über eine dezentrale Organisation zu erreichen ist. Dezentral läßt sich mit Energie am nachhaltigsten wirtschaften. Dezentral engagieren sich Menschen am meisten für öffentliche Angelegenheiten. Dezentral wird am wenigsten fremdbestimmte Arbeit benötigt. Dezentral sind Selbstversorgung und Selbstbestimmung am besten zu realisieren. Dezentral klappt die soziale Sicherung am besten. Dezentral ist die Fleisch- und Pflanzenproduktion am gesündesten.

Vergessen wir die Herrschenden und Beherrschten für eine Weile, und machen wir uns auf die Suche nach Strömungen und Bewegungen dazwischen. Verlassen wir aber diese Bewegungen, sobald sie krankhafte Züge anzunehmen drohen. Das Neue wächst zwischen den Steinen. Radikal in unserem Sinne heißt: Dauernd zu sich selbst stehen. Nicht: Dauernd an sich selbst denken. Radikal in unserem Sinne heißt auch: Sich dauernd im ruhigen, aber unerbittlichen (gesetzlichen) Rhythmus der Natur bewegen. Nicht: Sich über die Natur erheben.

Jeder Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt als ein auf den Erhalt seines Lebens bedachtes Naturwesen einen Widerstand gegen das lebensfeindliche System des Kapitalismus, bewußt oder unterbewußt. Unterbewußt, indem er sich Zonen in seinem Alltagsleben freihält, wo er "Mensch ist", nach seinem Bauch lebt, nach seinen sinnlichen Bedürfnissen: mit Kindern herumtollen, schlafen, gehen, liegen ... Oder, schon etwas entfremdeter, auf (industriell/unnötig) "hohem Niveau": motorradfahren, segelfliegen ... Völlig entfremdet, mit schlechtem Gewissen, mit Hilfe der Unterhaltungsindustrie, schizophren: "Man amüsiert sich unter seinem Niveau", "Man erholt sich auf Mallorca", "Man hält sich (an) eine Frau/einen Hund". Je stärker gefangen im Karrieredenken und Habenwollen des Kapitalismus, desto eher krank, schizophren, "wachstumsfördernd", ungefährlich (für das System) der Widerstand. Gefährlich sind die, die nach der Befriedigung ihrer sinnlichen Bedürfnisse im System nicht mehr mitmachen, die weder Herrscher noch Beherrschte sein wollen, denen es wichtiger ist, den Zug der Wolken zu beobachten und sich an Freunde zu schmiegen, als der Größte zu sein und für ihr Alter vorzusorgen. Diesen Widerstand müssen SozialistInnen fördern, wenn sie ein menschenwürdiges Leben für sich und ihre Mitmenschen praktizieren wollen. Ihren sinnlichen Bedürfnissen entfremdete Menschen, am "Wirtschaftswachstum" hängende Menschen sind dafür keine verläßlichen BündnispartnerInnen. Der Widerstand ist also da, zwischen den Steinen, man muß ihn nur aufgreifen. Er spielt sich im Individuum ab, der Kapitalismus widert es an, es empfindet ihn "revolting". Schleichend schwillt er an: Die Kinder tragen nur noch ihren Körper in die Schule und träumen dort vor sich hin. Die Erwachsenen haben dem System die innere Kündigung ausgesprochen. Und plötzlich ist dem System der Boden entzogen, der Rückhalt in der Bevölkerung. Widerstand kommt nicht von einer Avantgarde, nicht von Steinen, er wächst aus den Steinen. Wirksamer Widerstand gegen Übermächtige vollzieht sich im Stillen. Wirksamer Widerstand lebt nicht von Hoffnung, sondern in der Gegenwart: er ist da, er ist Heimat, er hat sich nur noch nicht genügend ausgebreitet.

Die Mehrheit des linken politischen Widerstands speiste sich bislang aus anderen Quellen (und deshalb hat es auch nicht geklappt): Den eigenen Körper verleugnend, für Unterdrückte weit weg (in Vietnam oder Chiapas) sich einsetzend, ohne Verbindung zwischen den eigenen sinnlichen Bedürfnissen und der politischen Tat, schizophren. Nach dem Helfersyndrom, hierarchisch, patriarchalisch.

Randgruppen merken schneller, wenn das Zentrum krank ist, und entwickeln schneller eine Alternative als das Zentrum selbst. So haben z.B. Behinderte schon lange erkannt: Wir kommen nur weiter, wenn wir die Andersartigkeit der andern anerkennen. Mittelamerikanische Indianer: Nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand. Frauenbewegung: Theorie, Praxis und Organisation müssen eine Einheit bilden. Unterschicht: Liebe ist nur ein Wort, Solidarität ist eine Tat. Politiker aus der zweiten Reihe: Der Staat darf nicht zum Reparaturbetrieb des Kapitalismus werden. Wenn der Kannibalismus der Wirtschaft so weitergeht, suchen sich die Menschen ein neues System. Die Schule darf nicht zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft werden. Nochmals die Behinderten: Diese Gesellschaft ist krank. Nochmals die Frauenbewegung: Das Private ist das Öffentliche. Die Sterbebegleitung: Gemeinsam, gleichrangig und im Konsens handeln. Juden: Sich nicht als Verfolgte, sondern positiv definieren, die Heimat in sich tragen.

Von den Randgruppen lernen. So fängt Sozialismus an. Aufgreifen, was viele Namenlose schon lange tun:

Für einen Therapiewilligen geht es nicht darum, bei solchen Gruppen oder Individuen therapeutische Zuflucht zu suchen, sondern sich auf seine Kräfte zu besinnen, Anregungen zu erhalten und entsprechend sich selbst, sein Alltagsverhalten und seinen Umkreis zu verändern. Jedenfalls weiß man/frau sich schon in einer großen, selbst gewählten Gemeinschaft außerhalb des Kapitalismus. Rückfälle bei Gruppen oder Individuen sind nicht zu vermeiden. Da wir uns aber nicht an konkreten Personen oder Organisationen orientieren, sondern an uns selbst, wirken sich diese Rückfälle anderer nicht auf uns aus.

Da wir aber auch keine Idylle wollen, die berechtigte Frage: Wie ist die kranke Gesellschaft, z.B. in Deutschland, zu ändern? Mehrheiten sind zu gewinnen. Es bedarf nur einiger mutiger PolitikerInnen, die auch mal verlieren können - um dann im zweiten Anlauf zu gewinnen. Die Mehrheit der Deutschen ist der Parteien überdrüssig. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen Rüstungsproduktion. Die Mehrheit der Westdeutschen ist gegen die Einigung Deutschlands. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen diese Art von Einigung Europas. Die Mehrheit der Deutschen ist für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen Subventionen. Die Mehrheit der Deutschen ist für eine effektive Umweltpolitik. Die Mehrheit der Deutschen ist für eine Umverteilungspolitik von oben nach unten. Die Mehrheit der Deutschen ist für einen fairen Handel mit der Dritten Welt. JedeR zweite Deutsche hält die Ehe in ihrer heutigen Form für überholt. Immer mehr Eltern melden ihre Kinder an Privatschulen an. Die Mehrheit der Deutschen ist für eine Beschränkung des Autoverkehrs.

Mit einem politischen Programm mit folgenden Kernpunkten ließe sich also mittelfristig eine systemsprengende Mehrheit in Deutschland finden:

Ist ein solches Programm nicht auch für Kapitalisten interessant? Der soziale Friede und das Vertrauen in das System und damit die Sicherheit des Systems wären nicht mehr gefährdet durch Massenarbeitslosigkeit und Zusammenbruch der sozialen Sicherungen. Die Menschen würden wieder innovativ sein und mehr leisten, weil sie selbstbestimmt arbeiten und unter Freunden leben dürfen.

Von den Vertretern des Kapitals wurde die sozialistische Bewegung bisher als Krankheit bekämpft. Wäre es nicht an der Zeit, den Spieß umzudrehen und darauf hinzuweisen, wer wirklich krank ist? Wer hat hier der Mehrheit seiner Mitmenschen ohne Not den Krieg erklärt? Wer hat der Erde den Krieg erklärt aus persönlicher Raffgier? Zur Steigerung der Profitrate werden Lebensraum und geschaffene Werte durch unökologische Produktion und Kriege vernichtet, und diese Aktivitäten bzw. die Heilung ihrer Folgen werden dem Bruttosozialprodukt noch als Plus angerechnet. So kann nur ein psychisch Kranker seine eigene Leistung bewerten.

Aufgeklärte Kapitalisten haben diesen Wahnsinn eingesehen und sagen: Entweder die Menschheit lernt, sich in Stolz und Würde auf eine relative Armut einzustellen, oder die Rückkopplungseffekte der ökologischen Systeme werden uns durch Katastrophen signalisieren, daß die Natur sich nicht beherrschen läßt. Aufgeklärte Kapitalisten haben auch eingesehen, daß eine Trennung von Arbeitskraft und Kapital Wahnsinn ist: Marx hatte recht - Lohnsklave anderer zu sein ist falsch. Ein Mensch wird sich fremd, gedemütigt und der eigenen Freiheit beraubt; entweder bringt er das System zum Explodieren oder Implodieren (läßt es an Kreativität und Innovation fehlen).

Die Kapitalisten nehmen dem Mittelstand das Eigentum weg, nicht die Proletarier. Die Kapitalisten haben im Mittelstand die Familie zerstört, nicht die Proletarier. Die Kapitalisten haben dem Mittelstand das Vaterland zerstört, nicht die Proletarier. Die Proletarier hatten so was nie besessen und nie das Bedürfnis danach. Was steckt hinter diesem Bedürfnis, und wie kann man solchen kranken Menschen helfen?

Eigentum häuft an, wer befürchtet, daß ihm seine Lebensgrundlage entzogen wird. Wer keinen Halt mehr in sich selbst hat, sucht einen Halt außerhalb. Wer sich seiner nicht mehr sicher ist, häuft einen Wall (Eigentum) an und schottet sich ab.

An eine Familie klammert sich, wer innerlich keinen Halt hat, wer nie erwachsen, nie selbständig geworden ist. Ein Untertan braucht eine Familie.

An eine Nation klammert sich, wer sich selbst für nichts wert hält. Ein Untertan braucht eine Nation.

Diese drei Angstreaktionen sind willkommene Triebfedern für den Kapitalismus: Eigentum, Kleinfamilie, Nation. Im Streben nach diesen Schimären lassen sich entwurzelte Menschen gut ausbeuten und als Quelle einer steigenden Profitrate benutzen.

Psychisch gesunde Menschen sagen: Wir brauchen diese Schimären nicht. Nicht das Eigentum, sondern der Gebrauch der Dinge befriedigt. Ein freier Mensch braucht keine Familie, die ihn stützt, sondern freie Menschen, die zu ihm stehen. Ein freier Mensch ist in seiner Region zu Hause und unter Menschen seines Vertrauens, er braucht keine Nation.

Noch aber denkt die Mehrheit in dieser Gesellschaft nicht so. Vielmehr sind die Proletarier von den Angstreaktionen des Mittelstandes angesteckt worden und lassen sich so besser ausbeuten; ursprünglich mußten sie zur Arbeit geprügelt werden. Doch auch die Polarisierung (Explosion/Implosion) nimmt ständig zu, so daß es das Interesse des Kapitals sein müßte, das Bruttosozialprodukt nicht zu verschwenden, sondern damit das Proletariat zu besänftigen.

Dem Kapital fehlen die Abnehmer seiner Produktion. Ohne Erhöhung der Lohnkosten könnten gegenwärtig mindestens 30 % mehr Waren produziert werden. Zur Produktion des materiellen Bedarfs der Menschheit werden nur noch ganz wenige Menschen benötigt. Die Produktions-/Konsumsphäre wird - bei ausreichender Bedarfsdeckung - zu einem Randbereich menschlicher Tätigkeit. Das Kapital verliert das Interesse an der Produktions-/Konsumsphäre, flüchtet sich in Spekulationsgeschäfte und vergißt, daß Aktien nur einen Wert haben, wenn für sie gearbeitet wird. Stellen sie sich als Seifenblasen heraus, droht auch eine Polarisierung von dieser Seite.

Diese Gesellschaft hat schon einige Explosionen und Implosionen erlebt, in deren Folge die Produktion und Konsumtion des materiellen Bedarfs der Menschen wieder etwas mehr in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeiten rückten. Doch aufgeklärte Kapitalisten schöpfen daraus keine Hoffnung mehr, weil langfristig der kommerzialisierbare Bereich peripher wird. Nicht nur aus dem genannten ökonomischen Grund, sondern auch weil schon lange vorher Menschen sich durch Selbstversorgung, Selbstorganisation und ehrenamtliche Arbeit aus dem kommerzialisierbaren Bereich verabschiedet haben. Und der Kapitalist steht mit seinen wertlosen Papieren dann einfach dumm da.

Am Scheideweg

SozialistInnen verhalten sich im Alltag anders als kranke Menschen; sie haben eine andere Kultur. Sie teilen alles, was sie haben, mit ihren FreundInnen. Ihr Leben wird nicht vom Handel (unter FreundInnen) bestimmt, etwa dieser Art: Leistest du mir Gesellschaft, leiste ich dir Gesellschaft in dieser Gesellschaft der Vereinzelten. Nur wessen unabänderliche Natur es ist, alles, was er/sie hat, mit seinen/ihren Nächsten zu teilen (und somit Handel unnötig zu machen), kann dem Kapitalismus widerstehen, kann in Opposition zu ihm bestehen, kann wirklich eine Alternative anbieten. SozialistInnen praktizieren einen ausgeglichenen Stoffwechsel mit der Natur; sie bringen die Natur nicht aus dem Gleichgewicht; sie hören auf zu essen, wenn sie satt sind. Sie sind PartnerInnen ihrer Mitmenschen und der Natur. Sie leben im Augenblick. Sie wissen sicher, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen; sie sind sich nicht nur sicher darin, jeden Tag gewaschen und adrett erscheinen zu müssen. Der Schein macht nicht ihre Kultur aus, sondern das Sein. Kultur zeichnet sich für sie nicht dadurch aus, daß der Alltag verdrängt wird; Alltag ist für sie Kultur. Nicht Lüge soll einen menschenunwürdigen Alltag vergessen machen, sondern ein menschenwürdiger Alltag braucht nicht den Überbau einer "Kultur".

Die andere Kultur ist von Menschen, die das Leben heißer lieben als die Kunst. Sie brauchen nicht Elfriede Jellinek oder Edgar Allen Poe, weil sie ganz dem Augenblick leben und keine Angst vor dem Tod haben. Sie brauchen nicht Edward Munch, Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger, Horst Janssen oder Vincent van Gogh, Säufer und Neurotiker vor dem Herrn, weil es ihnen reicht, nüchtern und gesund zu sein. Sie brauchen nicht den gesellschaftlichen Erfolg wie Hans-Joachim Friedrichs als Kompensation für das Fehlen einer solidarischen Gemeinschaft. Schließlich können sie zuhören, weil sie mit sich im reinen sind und nicht mehr sein wollen als Lebewesen.

Die meisten in dieser Gesellschaft wachsen unterbewußt im Widerstand gegen fremdbestimmende und menschenfeindliche Strukturen auf. Nur wenige haben die psychische Kraft, sich ihrer Herkunft und Bedürfnisse als Quelle dieses Widerstands bewußt zu sein und danach selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten. Diese wenigen Pivilegierten nennen wir SozialistInnen. Sie bieten den unterbewußt Widerstrebenden eine konkrete Alternative, so daß diese wieder mit sich eins sein können. Ihr Dasein hilft den Widerstrebenden, die Scheidewege in ihrem Leben besser zu erkennen und die Wegweiser lesen zu können.

"Normalerweise" steigt im Kapitalismus die Profitrate durch Fusion - wenn die VerbraucherInnen sich gegenüber der produzierten Ware indifferent verhalten. Befürchten sie jedoch eine Veränderung der Ware zu ihrem Nachteil, ist auf sie kein Verlaß mehr; sie kündigen Abos, wie z.B. bei der geplanten Fusion der Zeitungen "Freies Wort" und "Südthüringer Zeitung".

"Normalerweise" steigt im Kapitalismus die Profitrate durch Ausnutzung des Lohngefälles, durch um sich greifende Liberalisierung des Arbeitsmarktes. In der Touristik-Branche hat man allerdings festgestellt, daß, wenn nicht ein gewisser Sicherheitsstandard eingehalten wird, die Profitrate fällt. Auch beipielsweise Südkorea kann nicht ewig mit Dumping-Preisen konkurrieren, sondern entwickelt zur Sicherung der eigenen Profitrate Sozialstandards. So hat auch Bismarck schon eingesehen, daß der Kapitalismus nicht floriert ohne einen Sozialstaat.

"Normalerweise" steigt im Kapitalismus die Profitrate durch Ausweitung der Rüstungsproduktion und Verkauf ohn' Ansehn der Person. Feindbilder müssen dafür zuerst aufgebaut werden, z.B. die PLO, zu deren Bekämpfung Hamas-Terroristen durch die Israelis finanziert wurden, oder die Kommunisten in Afghanistan, zu deren Bekämpfung die islamischen Fundamentalisten vom Westen finanziert wurde. Man entdeckte jedoch, daß man sich mit der Strategie Ausweitung der Rüstungsproduktion/militärische Lösung politischer Konflikte ins eigene Fleisch schnitt.

So gerät die kapitalistische Logik allmählich in eine Sackgasse. Daraus zu schließen, daß deshalb der Sozialismus automatisch komme, ist falsch. Denn wenn nicht genügend SozialistInnen/DemokratInnen bereitstehen, wird der Kapitalismus aus einem Kladderadatsch/einer Apolkalypse/einem Faschismus neu erstehen wie ein Phönix aus der Asche; die Geschichte hat es gezeigt. Ohne DemokratInnen ist keine Demokratie zu machen. Also müssen DemokratInnen sich zusammentun, um die Gelegenheit zu nutzen, daß die kapitalistische Logik sich natürlicherweise als irrational offenbaren muß.

Sozialistische Gesellschaft

Es gibt Menschen, die sind mit der Welt, wie sie sich hier darstellt, nicht zufrieden, weil sie in einer anderen Welt leben. Die sind zu Hause in der Natur, wo die Sonne scheint, wo sie nicht von ihren Mitmenschen gegängelt werden, wo alle Menschen gleich sind: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit ..." Sie fühlen sich als Teil der Natur, weder über ihr noch unter ihr. Sie brauchen nicht viel, nur Brot und Wasser, ein Dach über dem Kopf und Menschen ihres Vertrauens um sich. Will es das Schicksal, daß sie in einer Zeit leben, deren technologische Potenz sehr viel mehr hergibt, stellen sie den Überfluß ihren Schwachen, z.B. der Dritten Welt, zur Verfügung.

Am Anfang einer sozialistischen Gesellschaft steht die Erkenntnis, daß die Erde und ihre Früchte allen Menschen gehören, es also aufs Teilen ankommt und nicht aufs Handeln. Menschen bauen an, was ihnen ein Bedürfnis ist, und verteilen, was sie nicht brauchen. Wer Drogen braucht, wer manisch konsumiert, bekommt seine Mittel, sofern er sich einer Therapie unterzieht. Wer dies nicht tut, muß für seine Mittel teuer bezahlen; nur zu diesem Zweck kommt in der Regel Kommerz ins Spiel.

Am Anfang einer sozialistischen Gesellschaft steht die Erkenntnis, daß ich nicht bin, wenn ich mich nicht als soziales Lebewesen verstehe, mich nicht selbstverständlich in öffentliche Angelegenheiten einmische. Freie Kommunikation zeichnet deshalb eine sozialistische Gesellschaft aus. Kommunikation ist ihr ein zu kostbares Gut, als daß sie es privatem Profitstreben überläßt. Freier Ausdruck der eigenen Gefühle und Bedürfnisse führt zur freien individuellen politischen Betätigung, freie Assoziation von Individuen führt zur Versammlungsfreiheit. Da das Assoziationsvermögen eines/einer einzelnen sich auf eine überschaubare Gruppe von Menschen seines/ihres Vertrauens beschränkt, organisiert sich eine sozialistische Gesellschaft dezentral, regional. Tendenziell wird die Staatsmacht aufgelöst, weil die Menschen ihre öffentlichen Angelegenheiten zunehmend selber regeln.

Am Anfang einer sozialistischen Gesellschaft steht die Erkenntnis, daß ich mich in meinem/meiner Gegenüber wiedererkenne. Ich sehe nicht die Unbekannte, nicht den Feind, sondern eineN ArtgenossIn. Unser gemeinsames Bedürfnis ist es, uns, d.h. unsere Art und unsere Umwelt, am Leben zu erhalten. Ich erkenne die Andersartigkeit des/der andern an, weil ich dahinter unser gemeinsames Menschsein erkenne. Daraus entsteht eine Synergie und nicht eine Energieverschwendung wie beim Kampf eines jeden gegen jeden. Voraussetzung einer friedlichen Gesellschaft ist es, daß ich mich in meinem/meiner Gegenüber wiedererkenne.

Frieden mit sich selbst. Nicht gegen den eigenen Bauch handeln. Nichts entgegen den eigenen sinnlichen Bedürfnissen unternehmen. Sich nicht mit Gewalt zu einer Arbeit treiben. Sich nicht mit Gewalt wecken. Die eigenen Gedärme nicht einknicken. Die Ausflüsse und Ausbrüche nicht zurückhalten. Sich hinlegen, wenn man/frau müde ist. Sich anschmiegen, wenn man/frau Wärme braucht. Nur essen, wenn man/frau Hunger hat. Trinken, was den Durst stillt. Gehen, wenn's in den Beinen kribbelt. Regungen zulassen. Andere Meinungen zulassen. Frieden mit seinem Volk. Andere Kulturen zulassen. Frieden mit der Welt.

Gesunde Menschen auf der Erde haben immer etwas überschüssige Energie. Auch wenn sie noch so arm sind, teilen sie ihr letztes Brot mit einem Gast, ohne einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten. Man hilft seinem Nachbarn, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Unter solchen Menschen entsteht kein Erwartungsdruck, weil jeder so frei ist, nur das zu geben, was er will, was er an überschüssiger Energie hat. Die Freiheit eines jeden, seine Autonomie, seine Identität wird respektiert. Keiner hat das Bedürfnis, den andern an sich zu binden oder beherrschen: eine freie Gesellschaft, Demokratie, Sozialismus. Unter dem Strich erhält in einer solchen Gesellschaft jeder mehr als in einer kranken Gesellschaft. Keine Nähe ohne Freiheit! Keine Freiheit ohne Nähe. Solidarität, Hilfe zur Selbsthilfe ist die Alternative zu Mitleid und Kapitalismus: Sozialismus als die freie Assoziation freier Individuen.

Sozialistische Moral

Auf die eigenen Sinne achten. Lust. Faul, heiter, spontan, intiativ. Was sind meine Bedürfnisse? Brauche ich das wirklich? Keine Moral des Verzichts, alles muß freiwillig geschehen, kein moralischer oder ideologischer Druck. Macht es mir Spaß, fühle ich mich besser ohne Auto, ohne Fleisch, ohne Drogen usw.? Macht es mir Spaß, meine überschüssige Energie für meine Mitmenschen einzusetzen? Oder leide ich darunter, daß ich mich nicht so frei fühle? Will ich mich von diesem Leid therapieren? Die Ursachen für mein Unwohlsein liegen in mir, nicht außer mir.

Jeder beantwortet sich seine/ihre Fragen selbst. Praktische Fragen im Hinblick auf das eigene Leben werden zuerst beantwortet, metaphysische Fragen später.

Was man/frau zum Leben braucht, nimmt man/frau sich. Man/frau läßt es sich nicht verkaufen. Man/frau läßt sich nicht verkaufen, was einem/einer als Teil der Natur zusteht. Man/frau läßt sich das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Leben nicht geben, sondern man/frau nimmt sich diese Rechte.

Verstehen, nicht verurteilen. JedeR meldet sich erst öffentlich zu Wort, wenn er/sie mit sich im reinen ist, d.h. bereit, Andersartiges aufzunehmen, bereit zu verstehen, bereit zu lernen. Das ist dann der Fall, wenn er/sie weiß, wo seine/ihre Wurzeln sind, seine/ihre Heimat ist und ihn/sie eine grundsätzliche Solidarität mit allen Menschen verbindet.

Primär Mensch sein. Nur der ist ein guter Wissenschaftler, Politiker, Künstler, der primär ein Mensch ist. Er handelt immer aus eigener Erfahrung und Erkenntnis, nicht nach "dem Vorbild" von Autoritäten oder "der günstigen Gelegenheit". Jeder soll aber auch Wissenschaftler, Politiker, Künstler sein. Wohl fühle ich mich nur, wenn ich ein allseits entwickelter Mensch bin.

Solidarität und Freundschaft bestimmen das Leben. Liebe ist nur ein Wort. In einer sozialistischen Gesellschaft suchen Jugendliche sich FreundInnen, Menschen ihres Vertrauens. Sie gründen eine Gruppe, in der sie glücklich leben können. EineN sexuelleN PartnerIn zu finden ergibt sich dabei am Rande; es können auch zwei oder drei sein.

Sozialistische Tugenden:

Sozialistische Untugenden:

- Gelassenheit

- Gewalt

- Selbstbewußtsein

- Macht

- aufrechter Gang

- Harmonie

- Zivilcourage

- Unterwerfung

- Offenheit

- Glaube, Liebe, Hoffnung, Ehe, Staat, Nation

- Gleichheit

- Masochismus und Märtyrertum

- Hören auf die Sinne

- Einzelkämpfertum

- Hören auf den eigenen Körper

- Schuldige suchen

- Hören auf die Mitmenschen

- Kaufen

- Müßiggang

- Missionieren

- Gerechtigkeit

- Ungeduld

- Verständnis

- Überheblichkeit

- rationale Lösung von Konflikten

- Abschweifen vom Augenblick

- Abwarten einer Notwendigkeit

- freies Geben

- bei schönem Wetter sich nicht in der Natur

bewegen

- Desertieren

 

Sozialistische Politik

Wer die Gesellschaft verändert, fängt bei sich selbst an. Jeder revolutioniert sich selbst, dann ist der Rest nur noch ein Kinderspiel; so hebt sich der Widerspruch zwischen Revolution und Reform auf. Es gibt jedoch keinen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Nicht in Vietnam linke Politik machen wollen und zu Hause alles beim alten lassen. Der Dritten Welt können wir dadurch am besten helfen, daß wir vor unserer eigenen Tür kehren, den Kapitalismus bei uns zu Hause abschaffen: uns hinwenden zur (eigenen) Natur und den Norden entmachten. JedeR einzelne muß sich erst einmal vom Kapitalismus in sich befreien.

Kapitalismus ist eine Krankheit. Wollen wir uns davon emanzipieren, therapieren, müssen wir in einer Gemeinschaft leben, deren Kern gesund ist. Kranke können nicht Kranke heilen. Die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung verschiedener Individuen kann nur durch kollektives Leben ausgeglichen werden, aber Leben, nicht Kranksein.

Die Welt ist genügend interpretiert worden, wir müssen jetzt handeln. Aber nicht missionieren. Nicht (über)reden, nicht (über)zeugen. Die das gleiche tun wollen aufgrund ihrer gesunden/gesicherten psychologischen und materiellen Situation, tun sich zusammen. Der Impuls zum Handeln muß von innen kommen, aus dem Individuum. Demokratie (das Bedürfnis, partnerschaftlich mit seinen Mitmenschen umzugehen) muß von innen kommen, aus dem Individuum. Selbstbestimmung - in öffentlicher Rechenschaft. Demokratische Kommunikationsformen sind: Identität von privatem und öffentlichem Leben, Vorbild, kollektives Handeln. Keine Reden und Schreiben.

Konflikte werden rational gelöst. Interessenkonflikte werden öffentlich und argumentativ ausgetragen, also nicht militärisch.

Die Sozialisten sind im wesentlichen schuld am Faschismus, weil sie bislang keine attraktive Alternative bereitgestellt haben. Arbeiter sind nicht Träger der neuen Gesellschaft. Untertanen sind nicht Träger der neuen Gesellschaft. Psychisch kranke Menschen sind nicht Träger der neuen Gesellschaft, sondern psychisch gesunde Menschen. So entsteht der Sozialismus im Schoße des Kapitalismus. Verhindert ist er bisher worden durch eindimensionales Denken von Untertanen: "Den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen." "Wo gibt es das schon auf der Welt: Demokratie, Sozialismus?" Das sind falsche Herangehensweisen.

Neue Mehrheiten

Bislang scheiterte der Übergang zum Sozialismus/zur Demokratie daran, daß in der sozialistischen Bewegung nicht unterschieden wurde zwischen (psychisch) Gesunden und Kranken und die Kranken (auch in der sozialistischen Bewegung) an der Macht waren. Aufgrund ihrer Fremdbestimmung konnten diese sich das Neue nicht anders vorstellen als das Alte. Oder meinten das vermeintlich Neue mit Rücksicht auf die Mehrzahl der "Zurückgebliebenen" mit alten Mitteln durchsetzen zu müssen und kompromittierten und korrumpierten sich auf diese Weise. Das wirklich Neue liegt in den wenigen gesunden Menschen in dieser kranken Gesellschaft. Was passiert da im einzelnen, wenn ein gesunder Mensch in diese kranke Gesellschaft fällt?

Ein Gesunder in einer kranken Gesellschaft ...

... schafft neue Mehrheiten, ...

... die sich auf den Rest der Welt auswirken.

Er setzt keine Kinder in diese Welt.

Insofern sind die gesund, die sagen: Kinderlos aus Verant-wortung.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er kann jederzeit sein Leben beenden.

Insofern sind die gesund, die das Ende ihres Lebens selbst bestimmen.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er tut sich mit den wenigen Gesunden zusammen.

Insofern sind die gesund, die sich von Kranken trennen.

Die Dritte Welt ist der starke gesunde Bündnispartner.

Er hat kein Helfer-Syndrom, kein Mitleid, steht Schwachen in konkreten Situationen selbstverständlich bei.

Insofern sind Menschen, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten wollen, gesund.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er ißt und trinkt und konsu-miert nicht mehr, als er zum Erhalt seines Lebens braucht. Genauso wichtig hält er einen Kreis von Menschen, auf den er sich verlassen kann.

Insofern sind die selbstverwal-teten Kooperativen gesund.

Die überschüssige Produktion kommt der Dritten Welt zugute.

Er lebt selbstbestimmt.

Insofern sind die gesund, die für selbstverwaltetes Wohnen und freie Schulen eintreten.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er sieht, daß man mit den vor-handenen Instrumenten (Indu-striegesellschaft, Demokratie) auch auf engem Raum zusammenleben kann.

Insofern sind die gesund, die in Andersartigen keine Bedrohung, sondern Partner sehen.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er ist nicht bereit, ausschließ-lich allein zu leben, mit jemand, der wesentlich größer oder kleiner, älter oder jünger ist als er.

Insofern sind die gesund, die partnerschaftlich in Gemeinschaft leben.

So wird die Dritte Welt zum Vorbild.

Er lebt von Lebensmitteln, die möglichst naturbelassen sind.

Insofern sind die gesund, die von nichtprozessierten Stoffen leben.

Das kommt der Dritten Welt zugute.

Er tut nur was, wenn die Not ihn drängt. Ansonsten läßt er sich viel Zeit.

Insofern sind die scheinbaren Faulenzer und Tagträumer gesund.

So wird die Dritte Welt zum Vorbild.

Er bewegt sich im Pulsschlag der Natur. Er muß nicht Leistungssport treiben oder treiben lassen. Er muß sich nicht einen Kick geben für Freudensprünge oder andere springen lassen.

Insofern sind die gesund, die im natürlichen Rhythmus von Systole/Diastole leben.

So wird die Dritte Welt zum Vorbild.

Er muß nicht regelmäßig aus-büchsen/reisen weg von dem Ort, an dem er lebt, in ein an-deres Land, auf einen anderen Kontinent, zum Mond.

Insofern sind die gesund, die den Ort, an dem sie leben, nicht ohne Not verlassen.

So wird die Dritte Welt zum Vorbild.

Er lebt nicht mit Kranken zusammen, insbesondere dann nicht, wenn sie sich seiner be-dienen oder ihn an sich binden wollen. 

Insofern sind die gesund, die sich von Kranken trennen und niemand an sich binden.

So wird die Dritte Welt zum Partner.

 


Freude und Naivität

Alle fallen zunächst gesund in diese kranke Gesellschaft, aber nur wenige fallen neben die kapitalistischen Mahlsteine, und diese wenigen tun sich in der Regel nicht zuerst untereinander zusammen, sondern (aus mangelnder Analyse und instinktiver Solidarität) mit den Zermahlenen und werden dann von den Zermahlenen majorisiert. Also müssen Strategie und Taktik der sozialistischen Bewegung geändert werden.

Die Gesunden in der sozialistischen Bewegung suchen ihre BündnispartnerInnen unter denen, die aus eigener Kraft ähnliche Vorstellungen entwickelt haben, wobei es nicht darauf ankommt, daß die Vorstellungen exakt ähnlich oder professionell daherkommen, sondern darauf, daß sie aus eigener Kraft/Erfahrung entwickelt worden sind. Exakt nachplappern kann jeder hohle Mensch. Solche gaben bislang den Ton an in der sozialistischen Bewegung.

Die Gesunden in der sozialistischen Bewegung suchen ihre BündnispartnerInnen unter denen, die chaotisch erscheinen, weil das Neue aus eigener Kraft unter einem Berg von Müll sich zuerst befreien muß. Wie es besonders bei der Jugend der Fall ist. Also die Gesunden suchen sich ihre BündnispartnerInnen primär unter der Jugend.

Die Realität für das Handeln von Menschen wird durch einen gemeinsamen Diskurs geschaffen. Sind auf diese Weise von eigenständigen Menschen gemeinsame Vorstellungen und Begriffe geschaffen worden, läßt sich handeln. So werden in einer Demokratie Mehrheiten und Welt immer wieder neu hergestellt.

In der kapitalistischen Gesellschaft werden "eine eigene Position einnehmen" und "die richtigen (für einen selbst hilfreichen) Fragen stellen" nicht nur nicht gelehrt, sondern von Geburt an regelrecht abgewöhnt. Für eine sozialistische Gesellschaft muß deshalb als erstes das Ich gestärkt werden: Die freie Entwicklung eines jeden als die Bedingung für die freie Entwicklung aller. Das Ich ist am ehesten sinnlich faßbar. Wenn die sinnlichen Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, wirkt dies stärker auf die psychische Struktur eines Menschen als ein Parteiprogramm oder ein Urlaub. In einer sozialistischen Gesellschaft hat deshalb jedeR eine Wohnung sicher, ein Brot sicher und Menschen seines Vertrauens sicher in seiner Umgebung. D.h., Erstwohnungen und Güter zur Befriedigung von Grundbedürfnissen kommen nicht aus dem Warenverkehr, sondern werden aus dem Volkseinkommen zugeteilt, werden auch außerhalb des Warenverkehrs produziert, mit den aus Spareinlagen bezahlten Genossenschaftsanteilen an automatisierten Fabriken. D.h. auch, zwischenmenschliche Beziehungen entstehen nicht aus Handelsbeziehungen und sind keine Handelsbeziehungen: jedeR bestimmt selbst, mit wem und wie er/sie zusammen wohnen will. Solche kollektiven Wohnprojekte werden gefördert und aus dem Volkseinkommen bezahlt. Das sind nur einige Beispiele zur garantierten Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse.

In der kapitalistischen Gesellschaft werden Alte entsorgt (Man steckt sie in ein Altersheim oder übergibt sie einem Betreuungsdienst), Junge entsorgt (Man steckt sie in ein Internat oder schenkt ihnen einen Hund; Müll wird entsorgt; gesellschaftliche Probleme werden von Beauftragten in Parlament, Medien, Wirtschaft und Verwaltung entsorgt. D.h., Probleme werden nicht als solche erkannt, sondern man glaubt, sie durch Geld, den Kauf und Verkauf von Waren, beseitigen, verdrängen zu können. Das kapitalistische System lebt von ungelösten Problemen und davon, daß gesellschaftliche Probleme nicht öffentlich diskutiert werden. Es tut aber so, als ob alle Probleme gelöst werden könnten und alle Probleme öffentlich diskutiert würden. Das führt zu so grotesken Ergebnissen: Obwohl man weiß, daß die Klimaveränderung (z.B. Erwärmung in den Alpen) zu einem großen Teil durch den Autoverkehr verursacht wird, kurbelt man ihn weiter an und baut Staudämme für eine Zeit, in der die Gletscher in den Alpen nicht mehr als natürliche Wasserreservoirs und Wasserregulatoren dienen. "Unser Lebensstil ist kein Problem. Der Folgen werden wir schon Herr." In einer sozialistischen Gesellschaft steht deshalb die öffentliche Diskussion im Mittelpunkt, der Warenverkehr am Rande.

Mit den Konzepten von den Bündnisgrünen bis zu den Sozialdemokraten ist bislang nicht die Kälte zwischen den Menschen beseitigt worden. Auch nicht die Unmoral in dieser Gesellschaft, wenn z.B. Spitzensportler und Fernsehidole ihren Wohnsitz in Steueroasen nehmen oder Landwirtschaft, Bergbau, Werften und Atomindustrie mit Milliarden subventioniert werden, aber kein Geld da ist für die Zukunft der Kinder und die Würde der (armen) Menschen. Das Geld ist aber da. Wäre diese Gesellschaft in ihrer Mehrheit schon vor Jahrzehnten für einen Ausstieg aus der Atomenergie gewesen, wie sie es heute ist, hätte sie Billionen für die Zukunft ihrer Kinder und die Würde ihrer (armen) Menschen zur Verfügung gehabt. Irgendjemand muß damals diesen Erkenntnis- und Willensbildungsprozeß verhindert haben. Sozialistische Politik ist deshalb in erster Linie Aufklärung und freier, öffentlicher Austausch und Wettbewerb von Meinungen und Ideen. Diese Position ist schon in dieser Gesellschaft mehrheitsfähig, wenn auch nicht in ihren Parlamenten.

Im Vordergrund steht nicht mehr so sehr die Unterschrift unter Resolutionen, Parteiprogramme usw., sondern das Leben nach sozialistischen Prinzipien, soweit möglich. Im Vordergrund steht nicht mehr so sehr die direkte Entmachtung der kapitalistischen Wirtschaft, sondern ihre indirekte Entmachtung, indem man ihr den Nährboden entzieht. Im Vordergrund stehen nicht mehr so sehr Aufopferung, Entbehrung, Märtyrertum, sondern Freude am Leben. Aber natürlich zusammenschließen, entmachten, kämpfen, wo Erfolg in Aussicht.

Ein Antidiskriminierungsgesetz schafft noch nicht die Diskriminierung ab. Der US-Bundesstaat Mississippi hat eben erst der Abschaffung der Sklaverei von 1865 zugestimmt. Die Zeit muß reif sein für ein Gesetz; sonst wirkt es nicht. Auch wenn es ein Antidiskriminierungsgesetz gibt, kann einem Türken noch aus rassistischen Gründen eine Wohnung verwehrt werden, solange diese Gründe nicht ausgesprochen werden. Erst wenn es in einer Gesellschaft unschicklich ist, jemand zu diskriminieren, kann diese Moral wirksam durch ein Gesetz festgeschrieben werden.

Politik kann immer nur so gut sein wie ihre BürgerInnen in ihrem persönlichen Umgang mit ihren Mitmenschen. Zuerst muß die Mehrheit der Menschen einer Gesellschaft das persönliche Bedürfnis nach Demokratie, nach partnerschaftlichem Umgang mit den Nächsten, nach Selbstbestimmung in öffentlicher Diskussion haben und befriedigen können, dann erst ist es Zeit zur Einführung der Demokratie (was gleichbedeutend ist mit Sozialismus). Das ist ein Grund, warum es bislang nicht geklappt hat mit dem Sozialismus hierzulande. Warum die Revolution 1918 nicht geklappt hat. Die Untertanen waren noch in der Mehrheit. Überhaupt hat eine demokratische Partei materialistisch betrachtet erst eine Berechtigung, wenn sie aufbauen kann auf einer demokratischen Bürgerbewegung. Autoritäre Strukturen müssen unschicklich sein in einer Gesellschaft, dann ist sie reif für die Demokratie. Es reicht nicht, daß Demokratie nur schick ist wie bei den 68ern.

Der unbändige Drang nach Freiheit von Menschen über sich und unter sich hat viele Menschen aus Europa im 18. und 19. Jahrhundert bewogen, nach Nordamerika auszuwandern. Von daher der relative Fortschritt zur Demokratie in den USA. Aber auf Kosten der Menschen in der Dritten Welt, hier der IndianerInnen und AfrikanerInnen. Die Dritte Welt wehrte sich, militärische Strukturen mußten aufgebaut werden. Angesichts des Überflusses der Rohstoffe aus der Dritten Welt und einer psychischen Störung wollten manche Menschen sich nicht nur von Menschen über sich und unter sich befreien, sondern von Menschen überhaupt; durch materielle Anhäufung meinten manche, sich von Menschen überhaupt unabhängig machen zu können. Sie ordneten sich dem Zwang zum Profit unter. So kam es selbst bei einem Aufbruch zur Demokratie wieder zu autoritären Strukturen. Viele glauben noch, Kapitalismus sei eine Ausformung von Freiheit (von Menschen über sich und unter sich). Das ist der zweite Grund, warum es bislang nicht geklappt hat mit dem Sozialismus hierzulande.

Also erst wenn die verrückte Vorstellung, der Mensch sei mehr (oder weniger) als ein soziales Lebewesen, keine Mehrheit mehr findet und eine Zivilgesellschaft auf diese Weise innerlich zur Ruhe gekommen ist, keine Sündenböcke mehr braucht, ist die Zeit reif für Demokratie. Demokratische Gesetze und demokratische Organisation haben die Funktion, einen Rückfall zu verhindern. Sie sind jedoch ungeeignet, Demokratie einzuführen, geschweige denn sie in die Herzen und Köpfe der Menschen zu bringen. Demokratie muß von innen kommen.

Die persönliche und gesellschaftliche Aufgeregtheit ablassen, nachlassen, ausatmen, ein ganz normales Lebewesen sein wie alle anderen auch, dieses Gefühl ist Voraussetzung für Sozialismus. Die ersten IndianerInnen, die Kolumbus trafen, betrachteten ihn nicht als Feind. Die ersten Sherpas, die ein Flugzeug landen sahen, wollten den großen Vogel mit Bündeln von Heu füttern. Sozialismus heißt aber nicht zurück in die Steinzeit, auch nicht zurück in die Kindheit. Vielmehr kommen alle Menschen mit dem Bedürfnis nach Freiheit (von Menschen über sich und unter sich) und Selbstbestimmung (in öffentlicher Diskussion) auf die Welt. Dieses Bedürfnis wird ihnen im Laufe der Sozialisierung durch die Männergesellschaft und den Kapitalismus meistens ausgetrieben. In einer sozialistischen Gesellschaft wird diese "Naivität" bewahrt und gefördert.

Ein Demokratie wird also getragen von Menschen, die ihre Welt, die sie mitgebracht haben auf diese Erde, verteidigen gegen andere, die man ihnen aufdrängen will. Von Menschen, die in ihrem Körper zu Hause sind. Von Menschen, die ganz sich selbst sind, ganz sinnliches Bedürfnis und Befriedigung, sensibel.

Kranke meinen etwas anderes, als sie sagen. Die Rechtsradikalen wollen doch nicht Hitler propagieren; sie kennen ihn fast kaum. "Der Verbraucher will jetzt und in Zukunft Geborgenheit in überschaubaren Lebensverhältnissen unter Wahrung seiner geschichtlichen und kulturellen Tradition" (Dr. Christoph Keil, Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler, EU-magazin 7/94, S. 7). Hitler hat die Menschen angelogen, ihnen so etwas bieten zu können. Auch Kohl belügt die Menschen auf diese Weise. Der Sozialismus gibt den Menschen die Möglichkeit, ihr Leben selbst so zu organisieren. Sie müssen es jedoch schon selber tun und es sich nicht bieten lassen.

Die Macht geht über an das Volk. Die Menschen organisieren sich selbst. Da der Mensch nicht mehr des Menschen Feind ist, sondern im Sozialismus man partnerschaftlich miteinander umgeht, braucht man keine aufgezwungene dritte Instanz (Gewaltenteilung) in Konfliktfällen, sondern von beiden Seiten frei gewählte Schlichtungsgremien.

Eine Schule wird nur für die staatlich vorgehalten, die es noch nicht geschafft haben, ihre Entwicklung zur Selbstbestimmung zu organisieren. Ansonsten wird diese Entwicklung über eine Umverteilung des Bruttosozialprodukts nach Entscheidung des Rätesystems finanziert. Die kapitalistische Schule will dir demonstrieren, daß du nichts kannst. Die sozialistische "Schule" ermuntert dich, eine allseits entwickelte Persönlichkeit zu werden, gibt dir Freiraum dafür. Die "LehrerInnen" dort respektieren deine Selbstbestimmung, wollen dich zu nichts erziehen, nur Vorbild sein. "Lernziele": Die eigene Meinung erläutern können. Von anderen lernen können. Die eigene Meinung gegen äußeren Druck behaupten können.

Die einen werden links aus Verletzungen, die anderen werden links aus Mitleid. Links wird man aber nicht (aus Ressentiment), man ist es , weil man lebt. Das einfache, pulsierende Leben ist Sozialismus. Erst wenige im Abendland leben heute (bewußt) so. Aber immer mehr werden (unterbewußt) so leben.

Die einen werden links, weil sie materiell so abgesichert sind, daß sie (gelassen neben sich stehen) denken können. Die anderen werden links, weil sie (materiell nichts zu verlieren) Mut haben. Links wird man aber nicht (aus diesen extremen Verhältnissen), man ist es, weil einfache Verhältnisse einen materiell absichern und einem nicht weggenommen werden können. Nicht das Salz, nicht die Luft, nicht das Wasser, nicht die Menschen neben mir. Das so entstandene mutige Denken ist Sozialismus. Erst wenige im Abendland leben heute (bewußt) in einfachen Verhältnissen. Aber immer mehr werden (unterbewußt) so leben.

Die Schwierigkeit liegt darin, daß das, was sich heute links nennt, meistens ein Reagieren ist, aus Ressentiments kommt, sich nicht selbst trägt, aber theoretisch schon einiges Richtiges vorgearbeitet hat. Die Schwierigkeit liegt darin, daß alle anderen Kulturen eher etwas mit Sozialismus zu tun haben als die abendländische, aber nur die abendländische die Instrumente liefert, mit denen sich die Menschheit aus der mißlichen Lage befreien kann, in die sie die abendländische Kultur gebracht hat.

Links sein heißt heute: auf einem schmalen Grat unbeschwert, sicher, sensibel und klar gehen können. Sei erschütterbar, doch widersteh.

Daraus ergeben sich neue Verhaltensweisen Linker:

Doppelstrategie

Mit der Theorie des Sozialismus muß wohl was nicht gestimmt haben - im Osten wie im Westen. Zu einer politischen Kultur gehört es, wenn sich deshalb die Wortführer von gestern zurückhalten, sofern sie nicht mit radikal neuen Betrachtungsweisen aufwarten können.

Die gegenwärtige Situation: Die Lämmer haben sich ihren Schlächtern zu Füßen geworfen; das verdutzte einen Moment sogar die Schlächter. Aber jetzt schlagen sie zu. Der ungehemmte Kapitalismus bricht aus hierzulande. Darüber soll sich niemand hinwegtäuschen. Welche Chancen haben da noch Sozialisten? Der Sozialismus entwickelt sich im Schoße des Kapitalismus. Er hat ständig eine Utopie vor Augen und kämpft doch um ein besseres Leben jetzt. Diese Doppelstrategie ist dialektisch zu verstehen. Indem wir die demokratischen Versprechungen der bürgerlichen Gesellschaft zu hundert Prozent einfordern, wird immer mehr Menschen bewußt, daß es leere Versprechungen sind, und immer mehr Menschen sind dadurch zum Widerstand bereit; außerdem soll das Widerstandspotential natürlich nicht wegsterben. Aber klar ist: Was von Sozialisten an Menschenwürde in einer bürgerlichen Gesellschaft erreicht wird, ist nur eine Ahnung dessen, was Menschenwürde in einer sozialistischen Gesellschaft bedeutet. Ein Sozialist in einer bürgerlichen Gesellschaft kann sich damit nicht zufriedengeben. In jeder seiner Handlungen muß die Utopie aufleuchten. So erwartet es das Volk. Und es hat ein Recht darauf.

Der Kapitalismus zerstört die Identität einer Person und treibt sie in die Vereinzelung. Der Kapitalismus zerstört damit Kultur. In einer solchen Gesellschaft mit vielen Menschen, die keinen Halt in sich selbst finden, sondern einen Halt außer sich suchen, haben es Rattenfänger leicht, heißen sie nun Hitler, Bagwan oder Hubbard. Selbstbestimmung der Menschen heißt Sozialismus. Wo sich die Selbstbestimmung noch nicht durchgesetzt hat, wird eine Gesellschaft immer Gefahr laufen, in den Faschismus abzugleiten. Es gibt keinen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Der Kapitalismus zerstört aber auch Völker, indem er sie wirtschaftlich ausbeutet, so daß sie ihre Nahrungsmittel, die sie vorher selbst anbauen konnten, importieren müssen. Für eine Selbstbestimmung der Völker, Bewahrung ihrer Kultur und wirtschaftlichen Unabhängigkeit tritt der Sozialismus international ein. Das muß in jeder internationalen Politik von Sozialisten durchscheinen. Wenn sich der Sozialismus international noch nicht durchgesetzt hat, werden die unterdrückten Völker immer Gefahr laufen, auf einen Rattenfänger wie Saddam Hussein hereinzufallen.

Deshalb gilt es, nicht nur auf den Kapitalismus zu schimpfen, ihn zu brandmarken und seine schlimmsten Auswüchse aktuell zu bekämpfen, sondern gleichzeitig die sozialistische Alternative, nämlich die Demokratie, daneben aufzubauen.

Diese Strategie empfiehlt sich auch aus einer therapeutischen Betrachtungsweise. Noch streitet der Kranke seine Krankheit ab. Noch segregiert sich der Kranke von anderen Lebewesen, scheut einen Vergleich mit ihnen. Wenn effektive Heilung letzten Endes Selbsterkenntnis, Selbstheilung, Assoziation ist, müssen dem Kranken schon im Kapitalismus von den Gesunden Räume bereitgestellt werden, die so etwas ermöglichen. Insofern wollen auch Linke im Kapitalismus den Sozialstaat. Allerdings mußten Linke in Ost und West erfahren, daß damit Selbsterkenntnis, Selbstheilung, Assoziation noch nicht gefördert werden, hinzukommen müssen die Freiräume, "ich" zu sagen, und der freie und öffentliche Austausch dieser Ichs. Garantierter Lebensunterhalt und freie Auswahl der Menschen, mit denen man/frau zusammenleben will. Das ermöglicht Selbstheilung. Damit ist jedoch der Sozialismus nicht erreicht, sondern er fängt erst an. Jetzt kann jedeR schon im Kapitalismus sein/ihr Leben selbst in die Hand nehmen und im Kapitalismus mit Demokratie anfangen: sich regelmäßig und selbstbestimmt entspannen und anstrengen, sich erkennen im andern, von sich absehen, sich einmischen in öffentliche Angelegenheiten, teilen, Widersprüche sich aufheben lassen, Selbstorganisation, Runde Tische, Räterepublik. Nicht mitmachen bei fremdbestimmter Arbeit, militärischen Lösungen, Zerstreuungen, den im Kapitalismus üblichen Ernährungs-, Wohn- und Partnerschaftsformen, Wahlen, Schulen, Leben. Dieser Prozeß vollzieht sich in mehreren Generationen immer wieder neu, bis eine kritische Masse erreicht ist, die dem Kapitalismus den Boden entzieht.

In einer sozialistischen Gesellschaft werden Kranke nicht weggeschlossen, sondern geschützt, sofern sie sich von der Krankheit befreien wollen, oder teuer zur Kasse gebeten, wenn sie bei ihrer Krankheit bleiben wollen. Geschützt heißt hier: überdurchschnittliche Grundsicherung, Räume für das Ich und den freien Austausch, Reservate zum Abgewöhnen, z.B. Autobahnreservate für solche, die bisher einen Geschwindigkeitsrausch brauchten. Teuer heißt hier: Komfort-, Luxuswaren und -dienstleistungen werden hoch besteuert, ebenso Vermögen und Erbschaften; ökologisch schädliche Infrastruktur, wie z.B. Straßen, Flughäfen, Atomkraftwerke, wird reduziert bzw. ganz beseitigt. Das alles nur nach mehrheitlichem Volkswillen und nach breiter, öffentlicher Diskussion.

Sozialismus im Wandel

Wir können jetzt deutlicher trennen: Tun, was dein Körper dir sagt: Sozialismus. Tun, was die Werber dir sagen: Kapitalismus. Dazwischen gibt es keine Kompromisse; immer wird eine Seite die Überhand gewinnen. Sozialismus heißt also: im Regelfall, im Alltagsfall weg von den Menschen, die dich beeinflussen wollen, weg von der Sprache, weg von Projektionen und Plänen. Für den Krisenfall allerdings bleiben Begriffe und Visionen und öffentliche Diskussion unerläßlich. Die Menschheit befindet sich im Abendland in einer Krise.

In dieser Gesellschaft wird unsere Aufmerksamkeit durch die Werber abgelenkt von dem, worauf es existentiell ankommt, zu Nebensächlichkeiten:
von der Gemeinschaft zur Zweisamkeit
vom Leben im Augenblick zur Hoffnung auf die Zukunft
von der Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse zum Genuß/Kick ohne Not
vom Teilen der Habe zum Horten ohne Not

Die Aufmerksamkeit gilt es wieder auf die natürlichen Werte zu lenken.

Der Kapitalismus reißt Gemeinschaften, Großfamilien, Kleinfamilien, Paare, Identitäten auseinander durch den Zwang, seine Arbeitskraft an einem von einem selbst nicht zu bestimmenden Ort und zu einer von einem selbst nicht zu bestimmenden Zeit zu verkaufen. Der Kapitalismus befriedigt die existentiellen Bedürfnisse der Menschen nicht, weil er die Befriedigung von Luxusbedürfnissen als wichtiger darstellt. Die existentiellen Bedürfnisse nach Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit, nach gemeinsamem Beginn und sinnlicher Orientierung werden nicht befriedigt. Die Individuen versuchen es immer wieder mit neuen FreundInnen und neuen Orten, erleben sich jedoch in der entfremdeten Umwelt laufend als VersagerInnen. Sie erkennen die Scheinwelt des Kapitalismus meistens als Irrtum, finden jedoch nicht mehr zurück zu ihren sinnlichen Bedürfnissen.

Ein Sozialismus, eine Demokratie, die was taugt, beseitigt diese entscheidenden Defizite des Kapitalismus.

Der neue (und alte) Sozialismus wird Demokratie sein. Kein Messias wird mit einer Heilslehre voranschreiten. Wer nicht Demokratie in sich trägt, wem es nicht ein Bedürfnis ist, im Alltagsfall partnerschaftlich mit seinen Mitmenschen umzugehen, wird nie SozialistIn sein. Wer an das nahe Ende des Kapitalismus glaubt, wird für immer religiös bleiben. SozialistInnen handeln im Krisenfall nach einer wissenschaftlichen Analyse ihrer Situation.

Sozialismus war bislang eine Sache der Bürgerlichen und Untertanen und Intellektuellen, er wird eine Sache der Unterdrückten und der psychisch Gesunden eines Volkes. Bei manchen SozialistInnen konnte man/frau den Eindruck haben, sie interessierten sich nur für Sozialismus, weil sie sexuelle Probleme haben oder psychisch gestört sind oder ihre sinnlichen Bedürfnisse nicht befriedigen konnten. War dies nicht mehr der Fall oder versprach der Sozialismus nicht mehr eine Lösung ihrer Probleme, interessierten sie sich nicht mehr für Sozialismus. Die wirklichen SozialistInnen werden aktiv, weil sie ihre sinnlichen Bedürfnisse befriedigen können, weil sie psychisch gesund sind und weil sie keine sexuellen Probleme haben - in einer Gesellschaft, in der das alles fehlt.

Die waren keine SozialistInnen, die den Sozialismus (außer sich oder in der Zukunft) suchten, sondern die, die Demokratie in sich trugen und (im Rahmen des Möglichen) praktizierten. Die waren keine SozialistInnen, die sich fragten "Wo gibt es Sozialismus?", "Was wird uns geboten?", "Was zieht uns an?" oder "Was wollen wir gemeinsam tun?", sondern die, die sich fragten: "Was können wir gemeinsam tun als Alternative zu diesem System?" Trotzdem gehören die, die keine SozialistInnen waren, zur sozialistischen Bewegung insofern, als sie vom Kapitalismus weg wollten, aber nicht konnten (weil sie krank waren). JedeR hat das Recht auf Irrtum oder Schwäche oder Krankheit. Sozialdemokratie und Stalinismus sind also Irrwege der sozialistischen Bewegung, auch Sektierertum wie die RAF. Zur sozialistischen Bewegung gehören auch die vielen Deutschen, die Hitler unterstützt oder geduldet haben in der Erwartung, er würde den Kapitalismus abschaffen. Ein Irrweg, sicher, aber vor allem weil die sozialistische Bewegung keine plausible Alternative anzubieten hatte. Weil sie hohl geworden war. Nur auf Macht aus, ohne Charisma, nur Image zu bieten hatte, keine Inhalte: die parteihörigen Kommunisten, die Realos bei den Bündnisgrünen und die Modernisierer bei der SPD.

Auch die waren keine SozialistInnen, die sich den Sozialismus nicht erkämpfen mußten, die nicht zuerst einmal den Kapitalismus aus ihrer Brust entfernen mußten, die den Sozialismus geschenkt bekamen: SED-Mitglieder im Osten, die K-Gruppen- Mitglieder im Westen. Sie sagten: Wir sind dafür, daß die Verhältnisse in Vietnam, in Chiapas oder sonstwo sich ändern, Hauptsache, wir müssen uns selbst nicht ändern. Wir sind dafür, daß das Denken bei den Bürgerlichen, bei den Kapitalisten oder sonstwem sich ändert, Hauptsache, es bleibt in unserer Umgebung gleich, wir müssen uns nicht einer Auseinandersetzung unter Freunden stellen. Oder die Neulehrer in DDR und die Linksliberalen im Westen: Sie pflegten die "tiefe Liebe" zum Kind und die "tiefe Liebe" zu den Ureinwohnern (z.B. in Vietnam), ohne zu bemerken, daß sie damit eine Hierarchie aufbauten, was unvereinbar ist mit Sozialismus.

Wie aus dem Kapitalismus also erfolgreich, therapierend aussteigen? Wie anders leben? Es reicht nicht, fünf vor zwölf alle Telefonleitungen nach Frankreich zu blockieren, um gegen dessen Atomtests zu protestieren. Gar noch über die Vorwahl 0130, damit es kein Geld kostet. Es reicht nicht die Reise in die Südsee auf einer Yacht. Es reicht nicht, gleichzeitig den Bau von privaten Autos und den Bau von öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu subventionieren. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß" reicht nicht. Es reicht auch nicht, ins Kloster zu gehen, sich einer Autorität unterzuordnen. Es reicht nicht, eine andere Gesellschaft zu wollen, der Mensch muß es auch können; sonst verfällt er wieder in die Fehler der alten Gesellschaft.

Es muß schon der ganze Mensch sein, der das Bedürfnis hat, sich loszusagen vom Kapitalismus. Er muß sagen können: "Das ist nicht meine Welt. Ich bin nicht die Krone der Schöpfung." Dazu muß er eine Identität haben. Er darf sich nicht zu Menschen gesellen, bevor er eine Identität hat. Er muß bereit sein, sich von Menschen zu trennen, wenn er sie als der andern Welt zugehörig erkannt hat. Keine Angst vor dem anderen haben, keine Erwartungen an das andere. Auf eigenen Füßen stehend. Wie jedes andere Lebewesen auch.

Der Sozialismusbegriff muß also enger gefaßt werden. Nicht der oder die ist schon SozialistIn, der/die eine andere Gesellschaft will, sondern der/die sie schon in sich trägt und in seiner/ihrer Biographie praktiziert. Nicht aus einem moralischen oder intellektuellen Druck, sondern aus dem sinnlichen Bedürfnis, partnerschaftlich mit seinen/ihren Mitmenschen umzugehen und seine/ihre Umwelt nicht auszubeuten (nicht mehr zu konsumieren, als er/sie braucht, und möglichst so, wie die Natur es bietet). Dieser sozialistische Freiraum steht schon in dieser kapitalistischen Gesellschaft jedem/jeder zur Verfügung. Dieser sozialistische Freiraum ist jedoch nicht schon dem/der gegeben, der/die sich eine Idylle in dieser Gesellschaft geschaffen hat. Auch nicht dem/der LehrerIn, der/die sich in diesem System behauptet, indem er/sie regelmäßig blau macht. Auch nicht dem/der RevolutionärIn, der/die gleichzeitig BeamteR sein will. Die Identität darf nicht gebrochen sein. Ein sozialistischer Freiraum besteht aus Menschen, die sich ihre Fähigkeiten und ihr Selbstbewußtsein, die sie mitgebracht haben auf diese Erde, nicht haben brechen bzw. ausreden lassen, entsprechend leben, den Kapitalismus rechts liegen lassen, immer auf der Hut, nicht von ihm gefressen zu werden, immer den menschenwürdigen Freiraum erweiternd. Auf jeden Fall hier und heute in dieser kapitalistischen Gesellschaft beginnend. JedeR kann sich den notwendigen Raum zur Besinnung auf seine/ihre Kräfte verschaffen. Das ist noch nicht verboten.

Der präzisierte Sozialismusbegriff räumt auf mit historischen Irrtümern der sozialistischen Bewegung.

An die traditionellen SozialistInnen: Ihr wolltet eine Revolution machen und hattet Angst vor Revolutionärem. Außerhalb des Kapitalismus geht es schon heute für eure Verhältnisse revolutionär zu: Man/frau teilt, was man/frau in der Natur findet. Niemand hat etwas. Es gibt kein Eigentum, auch kein kollektives, schon gar nicht an Menschen. Man/frau lebt ohne Arbeit. Leben macht Spaß. Man/frau tut, wozu man/frau Lust hat. Das Geschlecht spielt keine Rolle. Niemand sagt einem, was man/frau tun muß. Man/frau beantwortet sich seine Fragen selbst. Man/frau ist aktiv und initiativ. Man/frau freut sich an dem, was die Natur bietet. Das Natürliche schmeckt am besten. Man/frau hat kein Bedürfnis nach Drogen, Kunst, Politik, Wissenschaft, Kultur, Fortschritt, Zivilisation. Die eigenen Bedürfnisse sind bald befriedigt. Dann legt man/frau sich zur Ruh oder wendet sich den ArtgenossInnen zu. Die Muße kehrt ein. Nicht viel passiert. Alles scheint langsam zu gehen, sich zu wiederholen, im Kreis zu drehen.

Trotz richtiger Einsicht schrecken traditionelle SozialistInnen zurück vor:

So kam es zu den sieben Todsünden traditioneller SozialistInnen:

      1. Eine dezidiert andere Meinung unter seines(ihres)gleichen wird als Bedrohung empfunden.
      2. Man/frau drückt sich vor Selbstaufklärung dadurch, daß man/frau auf andere verweist, denen es noch schlechter geht und denen man/frau deshalb helfen muß, und dadurch, daß man/frau auf den Blödsinn anderer verweist.
      3. Wissenschaft und Kunst und Politik werden als Show praktiziert, und mit dem Herzen hängt man/frau weiterhin am Kitsch.
      4. Die Nation zusammenhalten. Die Kultur hochhalten. Die Öffentlichkeit vom Privaten fernhalten.
      5. Selbst ist der Mann. Selbst ist die Frau. Mißtrauen gegen das kollektive Leben und gegen das Volk.
      6. Das Outfit unter seines(ihres)gleichen muß stimmen. Unter seines(ihres)gleichen nicht so laut lachen und nicht so laut weinen. Nicht auffallen.
      7. Das Alte soll nur etwas gelüftet werden. Freie Liebe, freies Reisen, freier Konsum, individueller Konsum, Modernisierung des Kapitalismus, Zivilisierung des Kapitalismus, Zähmung des Kapitalismus, Einrichten von Nischen im Kapitalismus. Wohlstand ist alles. Wohlstand für alle.

Auch die traditionellen SozialistInnen waren so entfremdet, daß sie nicht mehr aufheulten vor Schmerz,

SozialistInnen als spießige BürgerInnen und Stützen des kapitalistischen Systems. Ohne Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte der sozialistischen Bewegung kommen wir nicht weiter.

Wo sich Jürgen Kuczynski und Norbert Walter (Chefökonom der Deutschen Bank) leider einig sind: Das einzige, was uns Menschen reicher machen kann, ist das Ausbeuten des technischen Fortschritts. - Aber es gibt noch Menschen, die sagen: Ich will nicht reicher werden. Mir reicht's. Ich mache das Beste aus meinen Fähigkeiten und meiner Umwelt zur Befriedigung meiner Bedürfnisse, mehr nicht. Ich will keine Beute machen. Ich kann keine Beute machen. Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, der Natur etwas wegnehmen zu können. Denn ich bin selbst Natur. Tue ich der Natur Gewalt an, tu ich mir selbst Gewalt an.

Wo sich Joschka Fischer und Norbert Walter (Chefökonom der Deutschen Bank) leider einig sind: Es wird nicht für alle reichen; einige werden über Bord gehen müssen. - Aber die Erde hält genügend Ressourcen bereit und die Geschichte der Menschheit genügend Instrumente, um alle Menschen zu ernähren. Die Urangst der Menschen, keinen Lebensraum zu haben, ist nicht berechtigt. Vor 10 000 Jahren hatten die Menschen Angst, 2 Millionen Menschen seien zuviel. Heute ernährt die Erde 6 Milliarden Menschen.

Leute, die was können, sind bescheiden. Starke Menschen schlagen nicht, sind friedlich. Wer auf seine Sinne hört, ist selbstbewußt. Wer in Ruhe gelassen wird, handelt kollektiv. - Damit sind einmal sozialistische Menschen beschrieben. Darin zeigt sich aber auch die Dialektik einer gesunden menschlichen Entwicklung. Daran wird außerdem deutlich, daß die TrägerInnen einer neuen Gesellschaft nicht aus einem bestimmten Stand kommen, sondern aus einer bestimmten individuellen und sozialen psychischen Struktur.

Du, traditioneller Sozialist, du, traditionelle Sozialistin, der Sozialismus ist es nicht, was dir am Herzen liegt, sondern das Ende, die Angst vor dem Ende, die bürgerliche Angst vor dem Ende eines leeren Lebens. Angst und Fremdbestimmung sind aber schlechte Ratgeber für Menschen, die selbstbestimmt leben wollen, die SozialistInnen sein wollen.

Du, Sozialist der Zukunft, du, Sozialistin der Zukunft, du mußt dir den Sozialismus nicht erst zu eigen machen. Weil er deine Natur ist, weil du so lebst, weil dein ursprüngliches Leben, deine Seele durch den Kapitalismus nicht zerstört worden ist, weil du innerlich nicht in dieser Gesellschaft lebst, weil du dich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehst, weil du ein normales Lebewesen geblieben bist. Weil du dich hinlegst, wenn du müde bist, wenn dein Leben sich erfüllt hat.

Menschen mit Fortschritts-/Technikgläubigkeit, mit dem Glauben, der Mensch könne herrschen, über sich selbst, über andere, über die Natur, können und wollen Menschen beherrschen; es gelingt ihnen aber nur bei denen, die sich ihnen ausliefern, bei Menschen mit müdem Blut, die Sensationen besonderer Art brauchen, weil sie keine Gefühle mehr haben, sich für das einfache Leben nicht mehr begeistern können. Deshalb ist SozialistIn heute, wer Fortschrittsgläubigkeit als Religion entlarvt, zufrieden ist mit der Befriedigung seiner sinnlichen Bedürfnisse und zu den andern sagt: Das ist nicht meine Welt. Da mache ich nicht mit. Sozialismus ist also auf der einen Seite Einhalt gebieten den Verrückten, die an Fortschritt, Macht, Geld glauben, auf der andern Seite die Verrückten rechts liegen lassen und in der eigenen Welt leben.

In der Natur vermehrt sich das Tüchtige. Daß das beim Menschenaffen nicht so gewesen sei, erklärte Darwin damit, daß die Natur in diesem Fall den sozialen Instinkt für das Tüchtigste beim Menschen hielt. So fraß er seine Schwachen und Behinderten nicht auf oder ließ sie nicht verkommen. Das hatte nach Darwin eine Degenerierung seines Geschlechts zur Folge, die der Mensch durch eine künstliche Selektion, d.h. Erziehung, stoppen mußte.

Marx sah das, was den Menschen ausmacht, schon nicht mehr so positiv. Erziehung, Arbeitsteilung, Industrialisierung, Kapitalismus waren für die Entwicklung der Menschheit notwendige, aber zu überwindende Übel.

Für den Sozialismus gibt es kein Ziel, auf die hin die Menschheit sich entwickelte. Die Menschheit, soweit sie sich auf der Schiene Erziehung, Arbeitsteilung, Industrialisierung, Kapitalismus befindet, ist ein Übel. Verängstigte, gestörte Menschen haben die Oberhand gewonnen und ihre Wahnvorstellungen (Kriminalität, Kapitalismus, Wissenschaft, Politik, Kunst) zur Wirklichkeit erklärt. Wer Natur, geistig gesund geblieben ist, wer so sensibel ist, daß er unter diesen Wahnvorstellungen leidet, wird im Kapitalismus zum Kranken, Behinderten, Unwerten erklärt und entsprechend selektiert. Die Kranken erklären die Gesunden für krank. Dieser Wahnwitz des Kapitalismus wird abgeschafft, die Gesunden übernehmen im Sozialismus die Führung und therapieren die Kranken ihres Geschlechts. Niemand wird mehr erzogen, jeder wächst nach seinen eigenen Bedürfnissen heran. Mit dem Übel werden aber nicht alle von den kranken Menschen entwickelten Instrumente über Bord geworfen. Da es zu einer wahnsinnigen Populationsdichte geführt hat, werden die dafür entwickelten Instrumente (Demokratie, Toleranz, automatisierte Produktion, Wissenschaft, Kunst, Politik ...) eingesetzt; sie sind jedoch kein Selbstzweck, der Spaß am Leben liegt woanders, im Bauch, in den Sinnen, im Herzen, in der Berührung der Menschen. Der Sozialismus führt die Menschen wieder zu ihrer Natur zurück.

Ursprünglich schworen SozialistInnen nicht mit Herz und Hand zur bestehenden Gesellschaftsordnung. Ursprünglich waren SozialistInnen selbstbewußt, engagiert und offensiv. Ursprünglich wurde ihre Lust auf ihren Körper, ihre Kraft gefürchtet von ihren Herrschern. Ursprünglich pflegten sie ein ganz andere Kultur als ihre Herrscher.

Die für die Zukunft der sozialistischen Bewegung entscheidende Frage ist: Wer und wie viele der Vereinzelten, die der Kapitalismus nun mal hervorbringt, können auf eigenen Füßen stehen, damit daraus eine freie Assoziation freier Individuen entsteht?

Rechte und Linke in Deutschland

Nur ein Fremder kann es sich leisten, kriminell zu werden. Weder ich als Kunde noch der Händler als Verkäufer könnten sich auf meinem Wochenmarkt sonst je wieder sehen lassen. Wer also die Kriminalität in einer Gesellschaft beseitigen will, muß dafür sorgen, daß keineR sich als FremdeR fühlt; keiner darf ausgegrenzt, diskriminiert werden.

Nur zu Gleichrangigen ist man/frau offen. Wer also eine offene Gesellschaft, muß Hierarchien abschaffen. JedeR muß sich als GleichrangigeR behandelt fühlen.

Nun sind in dieser Gesellschaft (auch unter "Linken") die in der Überzahl, die sagen: Eine Gesellschaft ganz ohne Kriminalität gibt es nicht/ist nicht möglich. Eine Gesellschaft ganz ohne Rangunterschiede gibt es nicht/ist nicht möglich. Dann müßten sie aber auch ehrlicherweise sagen: Eine Demokratie ist nicht möglich. Das erste wie das zweite ist jedoch sachlich falsch, ist nur zu erklären durch die subjektive Unfähigkeit derer, die das sagen, durch ihr mangelndes Selbstbewußtsein, durch ihre gestörte Identität. Ihre subjektive Befindlichkeit erheben sie zu einem objektiven Faktum. Ihren psychischen Zustand geben sie als Beschreibung jedes Gliedes einer menschlichen Gesellschaft und als wissenschaftliche Erkenntnis aus.

Eine demokratische Gesellschaft wird also auf der einen Seite durch demokratiefeindliche Kräfte, durch Kapitalismus verhindert, auf der anderen Seite aber durch Kräfte, die so etwas zulassen, indem sie sagen: Demokratie schlechthin ist unmöglich. Wir müssen froh sein, wenn wir ein bißchen Demokratie haben, und uns strebend immer bemühen nach mehr Demokratie. Sowohl ..., als auch ... Ganz ohne Kriminalität, Rangunterschiede, Drogen, Pivateigentum, Privatautos ... wird es nie gehen. - Es gibt aber nicht ein bißchen Demokratie, genausowenig wie es ein bißchen Schwangerschaft gibt. Wer nicht partnerschaftlich mit Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts, jeder Herkunft, jeden Temperaments umgehen kann, ist keinE DemokratIn. Entweder hat man/frau das Bedürfnis nach partnerschaftlichem Umgang, oder man/frau hat es nicht. Wer ein bißchen Demokratie für möglich hält, vertritt die Position des aufgeklärten Bürgertums in dieser Gesellschaft: Wir haben eingesehen, daß wir nicht so brutal sein dürfen. Gebt uns Zeit, bis wir das auf die Reihe kriegen. Werdet nicht ungeduldig. Wir wollen humaner werden. Wehe aber denen, die ungeduldig und gewalttätig werden. Gegen die werden wir gnadenlos vorgehen. - So wird die herrschende Gewalt des Bürgertums aufrechterhalten. Und "Linke" beteiligen sich daran, weil sie nicht aus einem Selbstbewußtsein zur Demokratie streben, sondern aus einer gestörten Identität.

Linke schaffen Hierarchien und Kriminalität ab.

Die Herrschenden unter den Linken haben sich bislang hervorgetan durch Kriminalität (Betrug) einerseits und Ideologie (Sprechblasen) andererseits. Als zweite Haut, als zeitweilige Rolle in einem stattfindenden Krieg gegen den Kapitalismus wäre dagegen nichts zu sagen. Wenn darunter jedoch keine authentische, d.h. natürliche, Identität zu finden ist, wenn es bei Kriminalität und Ideologie ("Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?") bleibt, ist das nichts anderes als kapitalistisches Verhalten. So überrascht es nicht, daß "Linke" sich als Rechte entpuppten. Von denen keine andere Taten zu berichten sind als Stehlen, Zerstören, Lügen. Sie erschlichen sich Sozialwohnungen, Frührenten, Beamtenstellen. Sie waren als Spitzel tätig. Sie haben Mitmenschen ungerecht behandelt. Sie haben Mitmenschen umgebracht.

Linke mit einer authentischen Identität leben bei allem täglichen Kampf gegen dieses System nicht in diesem System. Sie sagen "Das ist nicht meine Welt!", leben ihr Leben, tragen die Demokratie in sich und praktizieren sie, soweit die Grenzen dieses Systems es zulassen. Sie sind in sich zu Hause, malen ihre Heimat vor ihren LeidensgenossInnen aus, sind ihren Mitmenschen eine leuchtende Fackel im dunkeln Gang kapitalistischer Geschichte.

Wer allerdings keine Vision hat, braucht ein Feindbild. Indem er sich in sein Feindbild verkrallt, lenkt er davon ab, daß er selbst keine Identität hat. Bei den "Linken" hieß das Feindbild Kapitalist. Dies führte zu der falschen und in sich widersprüchlichen Konsequenz, Unternehmer wie radikale Kapitalismusgegner (nämlich solche, die auch gegen Staatskapitalismus waren) gleichermaßen zu verdammen. Auch auf diese Weise entpuppten sich wieder "Linke" als Rechte. Als Kranke, denn (kleiner und mittelständischer) Unternehmer (ohne selbständiges Management) kann man nur sein, wenn man nicht psychisch krank ist, Manager dagegen sehr wohl. Die Fixierung auf das Feindbild Kapitalist ließ "Linke" potentielle Bündnispartner bei Unternehmern nicht erkennen und GenossInnen umbringen.

In Deutschland kann man als psychisch kranker Mensch in Machtpositionen gelangen. Man kann seine Krankheit als Berufung verstehen. Man kann seine Krankheit zum Beruf machen. Mit sich selbst verworfen, sollen ihm nun auch die Seinen folgen. Deutschen kommt dabei ein für sie unangenehmer Name in Erinnerung: Adolf Hitler. Wir denken vielmehr an Menschen der Gegenwart im Management, in den Medien und in der Politik. Wir denken an den latenten Mainstream-Faschismus, der dem üblichen Antifaschismus verborgen bleibt.

Eine andere Art, in diesen Kreisen mit seiner Krankheit fertig zu werden, ist der Alkoholismus. Oder die allgemeine Unsitte, sich unter seinem Niveau zu amüsieren, wozu man sich dann schon mal auch Menschen kauft. Was nur eine Fortsetzung der beruflichen Unsitte dieser Männergesellschaft ist, Menschen als Objekte zu behandeln: Was nützen sie mir? Wie kann ich sie von mir abhängig machen? So diskutieren sie, so wählen sie ihre Argumente aus, so fällen sie Entscheidungen von weitreichender gesellschaftlicher Bedeutung: irrational. Wirkt der Gegenüber unsicher oder verängstigt, hat er schon von vornherein unrecht; Argumente gegen ihn lassen sich dann schon finden.

Ob nun die eine oder die andere Art, eine Gesellschaft mit solchen vorherrschenden Entscheidungsstrukturen ist dem Untergang geweiht. Die Frage ist: Wollen wir Linken das?

Die scheinbare Demokratie des Kapitalismus in Form seiner sozialen und ökologischen Facetten erweist sich als Täuschung, weil sie nur so weit zugelassen werden, wie Geld da ist. Die demokratisch zustande gekommene Entscheidung, die Regierung solle zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Berlin umziehen, wird abgetan mit der Bemerkung, es sei kein Geld dafür da. Das in der Verfassung verankerte Sozialstaatsprinzip wird abgetan mit der Bemerkung, es sei kein Geld dafür da. Da der Kapitalismus zunehmend in Schwierigkeiten gerät, ist kein Geld mehr für den "Luxus" Demokratie übrig. Die Leute müssen jetzt mit etwas bei der Stange, d.h. beim Kapitalismus, gehalten werden, was kein Geld kostet: Nationalismus, Verteidigung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Hier machen leider auch "Linke" mit.

Aus der "Tatsache", daß kein Geld mehr übrig ist, ziehen "Linke" auch den Schluß, Einkommen und Grundeigentum müßten gerechter verteilt werden. Aber die Neigung der Habenden ist nicht danach: Sie wollen freiwillig nichts hergeben, weil ihr Besitz ihnen die letzte Sicherheit zu bieten scheint in einer Kultur (Abendland), die völlig aus den Fugen geraten ist. Die Mehrzahl ist nicht bereit zu teilen. Die Habenden sind in der Mehrheit. Auch unter "Linken".

Psychisch kranke Menschen in der Mehrheit und damit an der Macht. Auch unter "Linken". Wie kommen wir Linken da raus?

Politische Programme hängen von der psychischen Verfassung ihrer Autoren ab. Wer in sich ruht, das Schwergewicht auf seine eigene sinnliche Erfahrung legt, dem ist es egal, ob er viel mit anderen Personen, mit anderen Programmen gemein hat. Er trägt sein "Programm" in seinem Herzen. Wer nicht in diesem Sinne in sich ruht, macht immer gedankliche Anleihen bei anderen, ohne davon ganz überzeugt zu sein, d.h. ohne dafür mit seinem Leben einzutreten. Er trägt sein "Programm" auf einem Papier. Entsprechend unzuverlässig ist er dann auch bei der Umsetzung des Programms.

Solche Menschen müssen nicht unbedingt Renegaten sein. Sie können nicht nur labil, sondern auch verkrampft, d.h. dogmatisch, sein und eine einmal gefaßte Theorie ohne Rücksicht auf die reale Situation vor Ort durchsetzen wollen. Für Dogmatiker sind die Sinne und die Praxis nicht gleichwertig mit dem Intellekt. Für Labile und Dogmatiker sind Theorie und Praxis, Sinne und Intellekt nicht eins.

Wenn einer den andern nicht mehr riechen kann, sei das nun politisch oder in einer privaten Beziehung, dann hat sich nicht plötzlich der Geruch des andern geändert, sondern er wird nicht mehr als der eigenen Sphäre zugehörig empfunden; das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität ist weg. Wenn man sich von jemand bedroht fühlt, wird er aus der eigenen Identität ausgeschieden, ausgegrenzt; die sinnlichen Signale werden anders gewertet. D.h., real unbegründete, aber biographisch, existentiell, identitätsmäßig begründete Angst führt zu dem Eindruck, die sinnliche Erfahrung, die Realität habe sich geändert. Die Juden, die Zigeuner, die Ausländer seien plötzlich eine Bedrohung.

Wo kaputte Menschen, gestörte Identitäten in der Mehrheit sind, wird es also nie zur Einsicht von Fehlern und zu neuen politischen Entwürfen kommen und wird die Realität immer verkannt werden; Papiere und Programme haben dagegen Hochkonjunktur. Neue politische Entwürfe kommen von AutorInnen, die von ihrem Werk sagen: Geh deinen Weg, und kümmere dich nicht um das Geschwätz der Leute (Karl Marx). Wenn dich niemand begleiten will, geh deinen Weg allein (Rabindranath Tagore). Menschen, die notfalls allein sein können. Menschen, die in sich ruhen.

Nach dem, was hier als krank beschrieben worden ist, haben die zur Zeit unter "Linken" Herrschenden also keine Perspektive, weil sie krank sind. Ganz normale Menschen, die sich bisher nicht als links bezeichnet haben, werden sich als links herausstellen. Demokratie wird nicht von Avantgardisten, Protagonisten, Großkopfeten kommen und getragen werden, sondern von einfachen Menschen, vom Volk. In Deutschland eher von dem östlichen Volk, weil die Menschen dort weniger streitsüchtig sind, mehr Gemeinsinn haben und bescheidener sind als die im Westen.

In der Sozialarbeit hat sich das Zusammenleben von vier bis sechs Menschen als günstig herausgestellt. Hier ist noch jedeR für Lebensunterhalt und zwischenmenschliches Klima verantwortlich. Bei zehn, zwanzig, dreißig Personen muß schon eine eigene Verwaltung und Versorgung eingerichtet werden; der/die einzelne fühlt sich nicht mehr für alles in der Pflicht.

Die Haltung, für alles verantwortlich zu sein, charakteristisch für eineN freieN BürgerIn, haben sich Menschen in einem Versorgungsstaat, wie es die DDR war, abgewöhnt. Sie ließen sich bevormunden und mischten sich nicht mehr in alles ein. Die Chance, die Untertanenmentalität abzustreifen und mit Sozialismus zu beginnen, war wieder einmal vertan. Diese Chance hatten nach dem letzten Weltkrieg alle Deutschen. In der BRD wurde sie ausgeschlagen durch den Köder des Sozialstaats, also durch die Verbreitung einer Versorgungsmentalität. Viel Geld konnte der florierende Kapitalismus z.B. in die Förderung von Eigenheimen und Sozialwohnungen abgeben. Dort lebten jedoch nicht vier bis sechs Erwachsene freiwillig zusammen, sondern kleine Hierarchien, in denen in der Regel einer das Sagen hatte, also Vereinzelung, aber keine Selbstverantwortung einer Gruppe, kein selbstverwaltetes, kollektives Wohnen.

Die materiellen Voraussetzungen für Demokratie in Ost- und Westdeutschland sind so lange nicht gegeben, wie sich nicht Gruppen von vier bis sechs Menschen zusammentun und sagen: Wir stehen auf eigenen Füßen, wir lassen uns nicht bevormunden. In dieser Umgebung fordert das Mut. Mut haben nur psychisch gesunde Menschen. Vereinzelung und Bevormundung machen psychisch krank.

Jetzt, da die DDR pleite gegangen ist und die BRD pleite gehen wird, stehen die Kinder allein und verlassen da, haben nicht gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen, nicht gelernt zu kämpfen: Es hat ihnen nichts geholfen, sich im Schoß einer Partei, einer Gewerkschaft, eines Sozialstaats zu verkriechen; die Mutter ist tot. Besser wäre es gewesen, das ursprüngliche Bedürfnis, sein Leben selbst in die Hände zu nehmen, nicht zu unterdrücken: ein Vermächtnis an die folgende Generation.

Geschichte und Gesellschaft

Die Geschichte der der Natur widerstrebenden, d.h. kranker, Lebewesen entfaltet sich in Widersprüchen, die sich aufheben und neue hervorbringen, bis entschieden ist, ob sich diese Lebewesen den ihnen von der Natur gegebenen Gesetzen fügen oder auflösen. Dem alttestamentarischen "Auge um Auge, Zahn um Zahn" wurde das christliche "Schlägt er dich auf die linke Wange, halte ihm die rechte hin" entgegengesetzt. Ein Überlebenswille bringt angesichts des engen Lebensraums eine neue Moral hervor: "Beschäme deinen Feind" ist die Losung, wenn ein nicht mehr zu kontrollierendes Gemetzel einen selbst in den Abgrund zu reißen droht. Dieser idealistischen Betrachtungsweis widersprach die materialistische: "Zuerst das Fressen und dann die Moral." Die sinnlichen Bedürfnisse als Grundlage materialistischen Denkens. Die sinnlichen Bedürfnisse müssen und können befriedigt werden. Das moralische Prinzip "JedeR soll sich für den/die andereN aufopfern" dient nicht der Erhaltung der Gattung und ist unmoralisch. Wenn die Frage "Wieviel Erde braucht der Mensch?" beantwortet ist, kommt auch die Moral wieder zum Zuge: Es ist unmoralisch/krank, mehr fressen zu wollen, als in den Magen hineingeht. Und es ist, bei Ruhe betrachtet, genug für alle da.

Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Ausgrenzung: Ein Schutzwall wurde gebaut gegen Elend und Krankheiten um einen herum. Z.B. die ledigen Handlungsgehilfen des Kramer-Amts in Hamburg taten sich 1826 zusammen zu einer Krankenversicherung. 1862 mußten auch Angestellte mit Familien zugelassen werden, wenn der Handel nicht zusammenbrechen sollte. Gemeindeversicherungen kamen auf, als Kommunen sich im Wettbewerb der Städte untereinander schützen mußten. Bismarck führte eine umfassende nationale Sozialversicherung ein, um sich im kapitalistischen Wettbewerb der Nationen behaupten zu können. Europa tut sich nach dem letzten Weltkrieg zusammen, um im internationalen Wettbewerb mit den USA und Japan bestehen zu können und den aus Asien und Afrika einströmenden Armen Einhalt zu gebieten. Die Kapitalisten haben denen, die sie zur Erwirtschaftung ihres Profits brauchten, angeordnet, einen Schutzwall zu bauen und in diesem Sinne sich selbst zu helfen. An den Kosten der Selbsthilfe ihrer Abhängigen wollten sie sich zunächst überhaupt nicht beteiligen, wahrten dann jedoch den Schein, indem sie ihnen mit der rechten Hand gaben, was sie ihnen heimlich mit der linken Hand aus der Tasche gestohlen hatten, und nannten es Sozialstaat. Oder die Kapitalisten gaben ihren direkt Abhängigen doch ein klein wenig ab, korrumpierten sie so, machten sie zu Kumpanen in der Abwehr der Ausgegrenzten.

Ein Teil der sozialistischen Bewegung hat diese Ausgrenzung mitgemacht und unterstützt. Der andere Teil hat sich darauf besonnen, grundsätzlich mit allen Menschen solidarisch zu sein, dem tödlichen Wettbewerb Einhalt zu gebieten, das Verhältnis der Menschen untereinander grundsätzlich nicht vom Handel und vom Kapital bestimmen zu lassen, sondern vom Teilen. Nach der sozialistischen Utopie teilen die Völker die industrielle Produktion untereinander auf und machen sich nicht durch tödlichen Wettbewerb kaputt. Also z.B. produzieren die Japaner Computer, die Koreaner Autos, die Chinesen Spielzeug, die Inder Stahl, die Deutschen Maschinen, die US-Amerikaner Flugzeuge, die Franzosen Schnellzüge und vertrauen darauf, das, was sie nicht produzieren, von den andern geliefert zu bekommen, freiwillig. Das Handwerk organisiert sich entsprechend auf regionaler Basis, Dienstleistungen auf kommunaler Basis, Agrarprodukte werden größtenteils auf genossenschaftlicher Basis produziert.

Solange die sozialistische Utopie sich noch keinen Durchbruch verschafft hat, praktizieren Sozialistinnen internationale Solidarität innerhalb der vorhandenen Schutzwälle durch ein Einwanderungsgesetz, das jährliche Quoten für EinwanderInnen festlegt, durch ein Entwicklungshilfegesetz, nach dem die terms of trade für ausgewählte Länder der Dritten Welt gestützt werden, und durch ein Entsendegesetz, das innerhalb der Europäischen Union eine Spirale der Sozialstandards nach oben in Gang setzt. Der unkorrumpierte Teil der sozialistischen Bewegung verfolgt also eine Doppelstrategie: eine Mehrheit für eine sozialistische Utopie gewinnen und die Schutzwälle durchlöchern.

Das Kapital in der Europäischen Union mit Kohl als Erfüllungsgehilfen befindet sich in einem Zwiespalt: Eigentlich reicht ihm die Freihandelsunion (es wäre schön, wenn die Währungsunion noch hinzukäme). Aber zur Wahrung der Profite, die immer noch zum größten Teil innerhalb der Europäischen Union erwirtschaftet werden, muß dort der soziale Frieden erhalten werden: Schutzwälle gegen das eindringende Elend von außen, soziale Absicherung innen. Hier sagen SozialistInnen: Sozialer Frieden ist nicht ohne Demokratie möglich, wie die Geschichte der Sozialversicherung gezeigt hat; also fordern wir Demokratie in der Europäischen Union und gleiche Sozialstandards. Die Nationalstaaten in der Europäischen Union wären damit endgültig überflüssig, die Situation wäre entspannter, die sozialistische Utopie könnte in Ruhe diskutiert werden.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber man/frau kann sehr wohl in einer Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Oder haben unsere Missionare in Afrika ihre abendländischen Werte aufgegeben? Unsere Touristen auf Mallorca spanische Sitten angenommen?

Juden und Jüdinnen pflegten vor den letzten Weltkriegen ihre Kultur in Deutschland. Solange sie sagten, ich lebe hier, aber das um mich herum ist nicht meine Welt, vergaßen sie nie ihre grundsätzliche Gegnerschaft zu ihrer Umwelt; sie waren nicht überrascht, wenn sie diskriminiert wurden. Erst als sie meinten, die besseren Deutschen sein zu müssen, für den Kaiser sterben und die Zigeuner hassen zu müssen, erst als sie meinten, ein richtiges Leben im falschen führen zu können, wurden sie blind gegenüber dem Holocaust.

Nimmt man/frau die kapitalistische Gesellschaft weg von einem Menschen, ist der neue Mensch nicht da. Das hat sich jetzt auch historisch erwiesen. Im real existierenden Sozialismus lebte und im real existierenden Kapitalismus lebt die Mehrheit weiter in der Untertanenmentalität des Kapitalismus.

Die Fähigkeit von Menschen, andere, die nicht zu ihrer Gesellschaft gehören, in deren Art anzuerkennen und leben zu lassen, macht es einer Minderheit möglich, in dieser Gesellschaft zu leben und frei von ihr zu sein. Wer nicht die Andersartigkeit des andern anerkennen kann, kann sich nicht vorstellen, in einer Gesellschaft zu leben und frei von ihr zu sein. Angehörigen einer intoleranten Gesellschaft ist die Idee der Toleranz fremd; insofern gibt es kein richtiges Leben im falschen. Das ist aber noch kein Beweis dafür, ein tolerante Gesellschaft sei schlechthin unmöglich.

Soll sich aus der kapitalistischen Gesellschaft heraus etwas verändern, helfen also Zerstörung oder Umsturz (von Strukturen) nicht weiter, weil die Menschen die alten bleiben. Das neue Leben kann nur von nachwachsenden Menschen und von Menschen kommen, die nicht von den Sitten und Werten der kapitalistischen Gesellschaf fasziniert sind, die ein erfülltes Leben ohne diese Sitten und Werte führen. Weil sich ihnen das Menschsein nicht beschränkt auf abendländische Vorstellungen, sondern historisch und anthropologisch tiefer liegt, bis zu der Vorstellung: Der Mensch ist ein Tier, ein defizientes Tier. Aber dieser Mangel ist nicht durch Suprematie- und Kulturvorstellungen zu beseitigen, sondern nur zu akzeptieren. Kommen wir zur Ruhe: Sehen wir ein, daß wir Tiere sind, bekommen wir wieder Boden unter den Füßen und Bewegungsfreiheit, erlangen wir wieder Selbstbewußtsein. Menschen kommen in der Regel mit Selbstbewußtsein auf die Welt, sind aber gerade in den ersten Jahren noch sehr verletzlich, so daß den meisten im Kapitalismus das Selbstbewußtsein in diesen Jahren ausgetrieben wird. Soll sich trotzdem aus der kapitalistischen Gesellschaft heraus etwas verändern, kann der neue Mensch nur der alte sein, nämlich der, der einer Verletzung in den ersten Lebensjahren entronnen ist und die abendländische Kultur nicht attraktiv findet. Er ist ein Mensch, der Demokratie in sich trägt, sie nicht außer sich sucht. Freiheit muß von innen kommen. Er wird gewahr, daß die Mehrzahl der Menschen außerhalb der abendländischen Kultur noch von seiner Art sind, und sich mit ihnen zusammentun.

Wenn wir (SozialistInnen) hier weiterkommen wollen, müssen wir uns also von der geistigen Selbstblockade durch das Dogma befreien, man/frau könne nicht in einer Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Wir akzeptieren uns als Tiere, sind nicht mehr von den Werten der abendländischen Gesellschaft abhängig und beginnen mit dem Sozialismus im Schoße des Kapitalismus.

Wie muß man/frau sich das konkret vorstellen? Wie leben (sozialistische) Menschen in einer (kapitalistischen) Gesellschaft und sind doch frei von ihr? Sie werden nicht verunsichert und unruhig, wenn sie arbeitslos werden, weil (fremdbestimmte) Arbeit nicht ihr Leben ausmacht, dort nur eine Randerscheinung ist. Oder sie verzichten auf Karriere, weil ihnen ihre Familie wichtiger ist. Oder sie leben vegetarisch, weil ihnen der Sinn nicht nach Blut steht. Oder sie brauchen keinen Besitz, weil es ihnen auf den Gebrauch ankommt. Oder sie geben sich weg und mischen sich ein, ohne etwas dafür zu erwarten. Oder sie behandeln Menschen anderen Alters oder Lebewesen anderer Art von gleich zu gleich. Oder sie kommen ohne Urlaub, Lebenspläne, Nostalgien und Versicherungen aus, weil sie sich die Umstände im Augenblick so bereitet haben, daß ihre sinnlichen Bedürfnisse voll befriedigt sind. Oder sie leben bescheiden, weil es ihnen ein Bedürfnis ist. Alles Verhaltensweisen, die auch in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht verboten sind.

Geschichte aus der hier zugrunde gelegten sozialistischen Sicht stellt sich also folgendermaßen dar: Ein Affenart lebte zunächst friedlich in Sippen. Sie vermehrte sich derart, daß manche Platzangst kriegten und den Rest mit ihren Wahnvorstellungen terrorisierten. Sie sahen Feinde, wo keine waren. Aus dieser Neurose heraus entwickelten sie ein zwanghaftes Bedürfnis nach Polygamie, nach Stärkebeweis, nach Machtausübung. So kann es nicht weitergehen, sagte z.B. das Christentum, liebe deinen Feind, begehre nicht eines andern Weib.

Sinnliche, wenn auch teilweise zwanghafte Bedürfnisse wurden unterdrückt zugunsten eines aufgesetzten Moralkodex. Die Doppelmoral kehrte ein bei den Menschen. So entstanden die verschiedenen "Kulturen". Die sinnlichen Bedürfnisse lassen sich aber nicht unterdrücken, sagten sich die kranken Herrschenden, also müssen wir das Ventil der Vergebung schaffen. Die Herrschenden (der Klerus) waren ganz mit Diktatur und Vergebung beschäftigt, so daß sie angeblich nicht mehr für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen konnten. So entstanden Schmarotzer in den Sippen, so kam es zu widernatürlichen Hierarchien.

Doch eine kritische Masse der Menschen entdeckte sehr bald die doppelte Moral, und die Herrschenden mußten sich eine neue Legitimation einfallen lassen. Der Protestantismus z.B. sagte: "Wir können die Menschen nicht weiter so autoritär behandeln; sie glauben nicht mehr an eine überirdische Autorität. Wir müssen die Autorität in sie hineinverlegen: Jeder kann nur in eigener Zwiesprache Gott erfahren. Woran kann man den erfolgreichen Kontakt mit Gott erkennen? An dem wirtschaftlichen Erfolg, an Arbeit und Fleiß und Demut vor der weltlichen Autorität." So wurde in der abendländischen Sippe eine neue Gruppe zu Schmarotzern: das Bürgertum.

Auch hier merkte eine kritische Masse der Menschen wieder sehr schnell die doppelte Moral: Die häufen nicht Besitztümer an, weil auf ihnen der Segen Gottes liegt, sondern weil sie nicht mehr an die Sicherheit durch einen Gott glauben, sondern sich die Sicherheit durch eine unendliche Anhäufung von Gütern verschaffen zu müssen glauben. Eine kritische Masse sagte: "Es gibt keinen Gott. Die angebliche Notwendigkeit fremdbestimmter Arbeit war nur die Ideologie einiger Neurotiker zur Ausbeutung der Sippe. Wir brauchen diesen Überbau nicht. Es gibt keine Rangunterschiede, es gibt keine Hierarchie. Zu fressen und Raum zu leben ist genug da, die sinnlichen Bedürfnisse müssen nicht unterdrückt werden." Das ist die Geburtsstunde des Sozialismus. Die Macht geht wieder an das Volk zurück.

Der doppelten Moral der herrschenden Parteien in einer gespaltenen Gesellschaft entspricht auch ihr schlechtes Gewissen. Die SPD z.B. hat ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht mehr den Kapitalismus abschaffen will, weil ihre WählerInnen ökologisch unverantwortlich leben, weil sie soziale Privilegien nicht abschafft, weil sie die Männerherrschaft nicht abschafft. Davon hebt sich der Sozialismus ab, der nur eine Moral kennt, geradeheraus, offen, frei, ohne Neurosen.

Im Augenblick drängen die Mehrheiten noch in eine selbstzerstörerische Richtung, seien dies nun die Hutus in Ruanda oder die Deutschen in der Weimarer Republik; die Mehrheit der SPD in der Weimarer Republik ist mitschuldig am Untergang dieser Republik. Sozialismus hebt sich davon ab, indem er auf authentische Mehrheiten und nicht auf verführte Mehrheiten setzt. Fremdbestimmte, kranke Menschen sind für den Sozialismus unmoralisch und unzuverlässig.

Derzeit leben wir in der historischen Phase, in der die wenigen Gesunden im Abendland und die vielen im Rest der Welt sich überlegen, wie die in das Volk hineingetragene Neurose am besten zu therapieren ist, wie aus der kritischen Masse eine wirkliche Mehrheit zu machen ist. Den psychisch kranken Menschen müssen vielfältige Gelegenheiten geboten werden, sich zu therapieren, damit sie ihre Krankheit nicht verdrängen und kompensieren durch Machtstreben und "Kultur". Für Deutschland heißt das:

Solche Forderungen zu vertreten bedarf es Mut in der abendländischen Gesellschaft. Bislang kommt das nur von der Minderheit der psychisch Gesunden dort; sie kann sich jedoch auf die Mehrheit der psychisch Gesunden außerhalb der abendländischen Kultur berufen. Seit der Entdeckung der Menschen im Abendland, daß es außerhalb ihrer Kultur auch noch Menschen gibt, daß sie nicht den Mittelpunkt der Welt bilden, daß die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, verläuft die abendländische Geschichte zweigeteilt, gibt es einen dauernden Kampf zwischen einer psychisch gesunden und einer psychisch kranken Strömung, zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Seit dem 14. Jahrhundert hat die Entwicklung in Europa sich brutalisiert. Aus der indifferenten Partizipation am Wissen der Menschheit (man importierte neue Produkte und Technologien aus der Dritten Welt, ohne daraus eine Statusfrage zu machen) wurde ein (krankhaftes) Bedürfnis nach Hierarchisierung des Wissens der Menschheit und der Menschheit schlechthin. Nur das eigene, im Abendland herrschende Wissen war richtig und wertvoll, der Rest der Menschheit lag viele Stufen darunter. Hierarchisierung heißt Brutalisierung. Ihr stellte sich seit dem 14. Jahrhundert ein Minderheit entgegen, die die Welt anders betrachtete: Die Menschen sind untereinander gleichviel wert, frei von Bevormundung durch andere und auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen (traditionell benannt mit Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit). Die Minderheit entstand aus individuellen Anstrengungen, einzelne wehrten sich gegen die herrschende Hierarchisierung, aber die Ziele waren kollektiv, Wiederherstellung des natürlichen Kollektivs sozialer Lebewesen.

Die Mehrheit im Abendland verstand Technologie und Effizienz nicht mehr als Teilhabe an dem gemeinsamen Wissen der Menschheit, sondern als Nachweis der eigenen Überlegenheit gegenüber dem Rest der Menschheit und gegenüber der Natur. Da dies jedoch nichts mit der Realität zu tun hatte, konnte es nur funktionieren über Betrug und Gewalt, Betrug und Gewalt als konstitutive Bestandteile des Kapitalismus. So nahmen Technologie und Effizienz im Abendland eine einseitige Entwicklung. Sie dienten nicht mehr dem Erhalt der eigenen Gattung, sondern einer Hierarchisierung der Gattung mit den abendländischen Herrschenden an der Spitze. Das Schießpulver wurde nicht mehr für Feuerwerke produziert, sondern zur Vernichtung der ArtgenossInnen ohne Not. Lebensmittel wurden nicht mehr zur Existenzsicherung der eigenen Gattung über den Winter gehortet, sondern zum Nachweis der Überlegenheit (Gottgefälligkeit) über andere ArtgenossInnen ohne Not. Dieses "ohne Not" über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg soll deutlich machen, daß es sich hier um krankhafte Verhaltensweisen handelt.

Demgegenüber Sozialismus als Geschichte der Wiederherstellung des aus den Fugen geratenen menschlichen Kollektivs, in ständiger Auseinandersetzung mit Gewalt und Betrug und Vereinzelung. Sozialismus als ein Herausarbeiten dessen, was der Mensch seiner Natur nach, nicht seiner krankhaften Deformierung nach ist. Geschichte des Sozialismus als eine Bewegung von innen, aus den Herzen, aus den Individuen, aus den natürlichen Bedürfnissen. Im Leiden sich auf seine Bedürfnisse und seine Fähigkeiten besinnen, statt sich an andere (Versorgungsstaat) und anderes (Eigentum) zu klammern. Besinnung, Vernunft, Friede, Entspannung, Verstehen als treibende Kräfte sozialistischer Geschichte. Immer wieder scheiternd, solange die sie tragenden Individuen sich selbst noch nicht ganz vom Kapitalismus befreit haben, von Gewalt und Betrug und Vereinzelung. Solange die sie tragenden Individuen sich nicht revoltiert haben, nicht den Kapitalismus vor Ekel ganz ausgespuckt haben, sich nicht frei und erleichtert fühlen. Solange sie keine Tiere - aus einem bösen Traum erwacht.

Die Bilanz geschichtlicher und gesellschaftlicher Entwicklung also bislang: Der Kapitalismus ist am Ende. Er wird die Menschheit mit sich in den Abgrund reißen, wenn eine Mehrheit sich nicht einsetzt für: Gesundung, Demokratie, Sozialismus, "Recht auf Faulheit", "Mensch, sei Mensch, und veredle dir zum Tier".

Nach der konservativen Sicht der Geschichte (höher, weiter, mehr - Wachstum) gibt es sehr wohl eine Polarisierung zwischen Kapital und Arbeit, sie lasse sich jedoch überwinden, "versöhnen" im Laufe der historischen Dynamik unserer Gesellschaft: Landwirtschaft, Industrielle Revolution, Informationsgesellschaft. Nach John Naisbitt wird die Massenproduktion von Autos abgelöst durch die Massenproduktion von Information. Macht liege dann nicht mehr in der Hand weniger Kapitalisten, sondern in den Händen der Massen, die Information besitzen. Die US-Amerikaner haben nicht die Erfahrung der Deutschen im Dritten Reich, als die wenigen Kapitalisten sich ihre Macht sicherten, indem sie einem Volk das Gefühl gaben, rundum informiert zu sein.

Die von Karl Marx beschriebene Bewegung und Macht des Kapitals gilt nach wie vor. Die Tragfähigkeit dieser Theorie über die Gegenwart hinaus wird noch deutlicher, wenn sie ihre Kinderkrankheiten ablegt. Anfangs setzte sie fälschlicherweise auch auf den konservativen Glauben an Fortschritt und Urbanisierung, auf den Glauben, die Erde, die Menschheit wäre zentral zu steuern, auf den Glauben, ein menschenwürdiges Leben bestünde aus der individuellen Anhäufung von Reichtum, aus Komfort, Konsum, Kultur. Geschichte wird aber nicht gelenkt, sondern geschieht, wie der Aufbau und Zerfall eines Minerals, und du, kleiner Mensch, kannst, wenn du willst, begreifen, oder, in deiner Sprache: dich entscheiden, auf welcher Seite du stehst. Von seinem theoretischen Ansatz her steht der Sozialismus auf der Seite des Erhalts und des Aufbaus der menschlichen Gattung: ökologisches Gleichgewicht (Friede mit der Natur), Subsistenz (Objekt wird zum Subjekt), Freiheit (Aristoteles: Nicht im Eigentum liegt der Nutzen der Dinge, sondern in ihrem Gebrauch), Bescheidenheit (Mehr als die Befriedigung unserer sinnlichen Bedürfnisse brauchen wir nicht). Der entscheidende Anfangsfehler war der Glaube, man können den neuen Menschen machen, durch Schulung, Erziehung oder was auch immer. In Wirklichkeit kann man/frau Demokratie (die Alternative zum Kapitalismus) nur mit DemokratInnen machen. Erst muß der neue Mensch da sein, dann kann daraus die neue Gesellschaft entstehen. Mit Untertanen kann man keine Demokratie machen. Die Menschen kommen aber auch nicht als Untertanen auf die Welt. Deshalb ist es das vorrangige Ziel der sozialistischen Bewegung, daß sich die zusammentun, die durch das kapitalistische System noch nicht zu UntertanInnen deformiert worden sind oder sich therapeutisch emanzipiert haben. Außerdem ist es das vorrangige Ziel der sozialistischen Bewegung, Verhältnisse in Erziehung und Schule zu schaffen, die psychisch gesunde Menschen nicht kaputt machen. Die von Karl Marx beschriebenen zerstörerischen Kräfte wirken nach wie vor und geben, solange DemokratInnen keine Mehrheit auf der Erde erlangt haben, kein Anlaß zu einem optimistischen Blick in die Zukunft, wie John Naisbitt sie hat.

Dem konservativen Glauben an eine "versöhnende" Informationsgesellschaft entspricht andererseits keine Realität, weil zur souveränen Nutzung ihrer technischen Möglichkeiten DemokratInnen gehören, das kapitalistische System aber immer mehr UntertanInnen produziert.

Das Recht auf Selbstbestimmung in öffentlicher Diskussion als Ziel der sozialistischen Bewegung verkam im Laufe der Jahre zum Recht auf soziale Güter und Dienstleistungen. So wurde aus einer sozialistischen Partei eine SPD. Das Recht auf Wahlfreiheit aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde dagegen nicht verdinglicht. Der Respekt vor dem Andersdenkenden und damit vor dem Recht, sein Leben frei zu gestalten, bestimmt die politische Kultur in Großbritannien und wurde auch nicht verdinglicht. Deshalb konnte der Faschismus unter Briten und US-Amerikanern nicht so gut Fuß fassen wie unter Deutschen. In den skandinavischen Ländern dagegen hat sich eine Versorgungs- und SPD-Mentalität breitgemacht mit entsprechender Anfälligkeit für den Faschismus.

Von der US-amerikanischen und britischen Haltung unterscheidet sich das Ziel der sozialistischen Bewegung insofern, als nicht jede Wahl und jede Lebensgestaltung als legitim gilt, sondern nur solange sie argumentativ in öffentlicher Diskussion bestehen kann. Kranke Lebenskonzeptionen haben also keine Chance, sondern nur: genügsame, kollektive, selbstbewußte, vernünftige.

Der Kapitalismus entsteht aus dem manischen Zwang, Güter anzuhäufen, weil man sich unendlich Bösem gegenübersieht. Er gibt vor, den Wohlstand aller zu fördern; in Wirklichkeit fördert er nur das physische und psychische Wohlbefinden weniger. Mit wachsender Produktivität gelingt diese Vortäuschung nicht mehr; die Masse muß das Gefühl bekommen, am Wohlbefinden und an den wirtschaftlichen Entscheidungen teilzuhaben. Also gewährt man ihnen den Konsumrausch und die Mitbestimmung. Ohne daß die Masse merkt, daß sie sich dadurch zu Komplizen der Ausbeutung der Dritten Welt macht. Im Gegenteil: Sie meint vorübergehend, Demokratie erlangt zu haben, weil sie teilhat. Als sie den Trug entdeckt, setzt sie auf Kommunikationstechnologie: Niemand könne jetzt mehr von der Teilhabe an allem Wissen und an allen Entscheidungen ausgeschlossen werden; das Zeitalter der Kommunikationstechnologie, das 21. Jahrhundert würde die Demokratie bringen.

So sind die der kapitalistischen Logik auf den Leim gegangen, die kein Leben außerhalb des Kapitalismus führen und es deshalb auch nicht für möglich halten, die keine andere Gesellschaft wollen, die den Kapitalismus nur zähmen wollen, die ohne persönliches Risiko die Gesellschaft verändern wollen, ohne sich selbst zu ändern, ohne sich selbst als krank zu erkennen: Menschen mit sozialdemokratischer Gesinnung. Die sozialdemokratische und die sozialistische Politik sehen sich äußerlich ähnlich, entspringen jedoch ganz verschiedenen Quellen. Menschen sozialistischen Ursprungs leben in einer anderen Welt als der kapitalistischen. Sie sind psychisch gesund auf die Welt gekommen und aufgewachsen und haben von daher nicht das Bedürfnis, über oder unter anderen Mitmenschen zu stehen. Ihre Bedürfnisse als soziale Lebewesen sind nur: trinken und essen, ein Dach über dem Kopf und vertraute Menschen um sich. Das läßt viel Raum für andere Menschen, für eines Selbstbestimmung jedes Menschen, für Teilen, für Demokratie. Sozialismus kommt weitgehend ohne Kommerz und Produktivitätszuwachs aus. Kapitalismus läßt keinen Raum für andere Menschen. Sozialismus praktiziert Selbstbestimmung in öffentlicher Diskussion: wirkliches Wohlbefinden. Kapitalismus täuscht Wohlstand für alle vor: scheinbares Wohlbefinden.

Daraus folgt: Auch wenn in Deutschland die Sozialdemokraten regierten, wäre der Kapitalismus gesichert, noch stärker als unter den Unionisten. Dies mag noch einleuchten. Daraus folgt aber auch: Auch in China herrscht Kapitalismus. Die Sozialdemokratie ist der Reparaturbetrieb des Kapitalismus, der Sozialismus dagegen legt ihn trocken.

Oberflächlich betrachtet, mag das ähnlich aussehen. Sozialdemokraten und Sozialisten sind für die Schaffung öffentlicher Arbeitsplätze, Sozialisten jedoch nur in der Form, daß dadurch der Kommerz abgeschafft wird. Z.B. wie mit den öffentlichen, kostenlosen Fahrrädern in Kopenhagen, den Selbstversorgerbetrieben in Deutschland. Sozialdemokraten und Sozialisten sind für eine soziale Grundsicherung, Sozialisten jedoch nur in der Form einer wirklichen Befreiung von Fremdbestimmung, nach der ein menschenwürdiges Leben möglich ist (2500 DM netto monatlich in Deutschland für jeden, egal ob er "arbeitet" oder nicht), nach der die Menschen sich nicht mehr verkaufen müssen, sondern immer mehr ehrenamtlich arbeiten und nicht - wie bei den Sozialdemokraten - gerade noch so dahinvegetieren können. Sozialdemokraten und Sozialisten wollen ran an Kapital- und Grundvermögen, Sozialisten jedoch nur in der Form, daß diese Vermögen dem Kommerz entzogen werden: Kapitalanlagen nur noch für Stiftungen; spekulative Gewinne so hoch besteuern, daß sie unattraktiv werden; wer eine halbe Million Mark Vermögen hat, darf nur noch ehrenamtlich arbeiten. Was also bei Sozialdemokraten und Sozialisten ähnlich aussieht, unterscheidet sich wesentlich dadurch, daß bei Sozialisten alles auf eine Abschöpfung des Kommerzes hinausläuft.

An der Formulierung wird deutlich: Bis heute wird die sozialistische Bewegung meistens von Männern getragen. Ohne Abschaffung der Männergesellschaft, der tiefsten Diskriminierung in der abendländischen Gesellschaft, gibt es jedoch keine Demokratie, keine Gleichberechtigung. Glaubwürdig ist deshalb die Umsetzung sozialistischer Politik nur uner Anwendung fraulicher Prinzipien: 1. Das Private ist das Öffentliche. 2. Leben aus dem Bauch, Probleme lösen aus dem Kopf. 3. Die Theorie muß sich in der Praxis bewähren.

Nicht die Liebe ist in anderen Kulturen und war in unserer bis ins 19. Jahrhundert Grundlage für das Zusammenleben, sondern die Arbeitsgemeinschaft und die Zuteilung des vorhandenen Bodens. Das kollektive Arbeiten und die Verteilung des Vorhandenen, also die Herausnahme von Produktion und Konsumtion aus dem Kommerz, ein Bedingung des Sozialismus, wurde von den ersten SozialistInnen im Ansatz verwirklicht; aber in der Folge schlichen sich wieder Hierarchien ein. Vor allem wurde nicht von der Fiktion der Liebe gelassen, die Pflege der Zusammengehörigkeit wäre besser gewesen als die sexuelle Obsession (Inbesitznahme von Menschen). Die sozialistische Bewegung ging noch einmal in der bürgerlichen Bewegung unter (bevor sie dann im 21. Jahrhundert Oberwasser gewann). Sie konnte noch nicht eine Alternative zur Kleinfamilie entwickeln.

Differenz und Indifferenz

Kollektivität entsteht aus Individualität: Demokratie in Wissenschaft (Jeder kann Philosoph sein), Politik (Jeder mischt sich in öffentliche Angelegenheiten ein), Kunst (Jeder kann Künstler sein). Eine solche Kollektivität schafft Realität. Denn Realität wird diskursiv konstruiert durch die Abstimmung der Positionen einzelner Individuen zur Lösung eines gemeinsamen konkreten Problems (Realität außerhalb eines konkreten Handlungsbedarfs gibt es nicht). Aber nach der Lösung dieses Problems ist es aus mit Wissenschaft, Politik, Kunst. JedeR kehrt zu seinem/ihrem Tagewerk zurück.

Menschen in dieser kranken Gesellschaft haben dagegen nichts zu sagen, sie sind auf der Suche nach ihrer Identität in Kunst, Politik, Wissenschaft. Sie haben in Kunst, Wissenschaft und Politik nichts Realität Schaffendes zu sagen, sondern machen ihre subjektive Suche zum angeblich objektiven Inhalt. Sie machen ihre Krankheit zum Beruf. Sie machen aus Kunst, Politik, Wissenschaft ihren Beruf.

Menschen außerhalb dieser Gesellschaft haben noch etwas zu sagen in Kunst, Politik, Wissenschaft, weil sie eine Identität haben, primär Mensch sind und von Kunst, Politik, Wissenschaft lassen können, d.h. sich indifferent gegenüber Kunst, Politik, Wissenschaft verhalten können.

Wer sich seinem Mitmenschen nützlich machen will, muß sich indifferent zu ihm verhalten können. Wer sich einem nützlich machen will, muß ihn erst einmal verstehen. Verstehen kann man jemand nur, wenn man ein indifferentes Verhältnis zu ihm hat. Sich also weder (durch ein Helfersyndrom, sprich: Liebe) von ihm angezogen, noch (durch eine Unfähigkeit, Andersartiges gelten lassen zu können, sprich: Angst) von ihm abgestoßen fühlt.

Nur wer sich seiner sicher ist, zu sich selbst steht, zunächst an sich denkt und deshalb gegenüber anderen indifferent ist, kann andere gelten lassen, verstehen. Aber wer über den Tag hinaus an sich denkt, wer nicht von sich lassen kann, wer sein eigenes Interesse berechnend verfolgt, verliert Freunde, verliert seine Gemeinschaft. Wer selbstlos handelt, überschüssige Energie hat, keinen Dank erwartet, offen ist, sich öffentlich einmischt, ohne Berechnung handelt, handelt als soziales Lebewesen, schafft Gemeinschaft. Der scheinbare Widerspruch auf der anderen Seite: Wo Menschen nicht auf eigenen Füßen stehen können, bleibt Hilfe unwirksam. Nur wer seiner selbst sicher ist, kann Hilfe annehmen, ohne abhängig zu werden, ohne einen Handel eingehen zu müssen.

Aufklärung nützt nichts bei verschlossenen, verkrampften Seelen. Nur eine entspannte, heile, sich selbst sichere Seele kann Neues aufnehmen und Neues tun. So hängen Psychotherapie und Aufklärung zusammen.

Gekauftes Leben ist verfehltes Leben. Das wird z.B. deutlich an einem Walker, einem gesellschaftlichen Begleiter für eine Frau: Sowohl bei dem Mann wie bei der Frau wird dadurch die Kontinuität einer Biographie unterbrochen. Ein Individuum kauft sich nicht sein Leben, sondern nimmt sich sein Leben. Dieser Akt schafft Identität. Ein Lebewesen läßt sich nicht das Salz, das Brot, das Wasser, das die Erde ihm bietet, verkaufen.

Auf unsere Gesellschaft übertragen, heißt das: Ein Individuum hält in dieser Gesellschaft still, solange es die Sozialhilfe oder das soziale Netz als menschenwürdig empfindet. Oder es verlegt den ihm (durch den Kapitalismus) erklärten Krieg wegen militärischer/finanzieller Unterlegenheit auf den Partisanenkampf, Guerillakrieg, Betrug, die innere Kündigung, das Aussteigen; in den weniger entwickelten Ländern mehr das erstere, in den mehr entwickelten Ländern mehr das letztere. Im Grunde praktizieren die meisten Betrug oder innere Kündigung, ohne es sich eingestehen zu wollen, sei es, daß sie einen Filzstift klauen, sei es, daß sie zu allem ja sagen und sich das Ihre denken. Also viele leisten Widerstand, ohne es zu wissen. Die Rote Armee Fraktion unterlage dem Irrtum, je näher der gesellschaftliche Umschwung sei, desto martialischer müsse es zugehen. Das Gegenteil ist der Fall. Je größer die Zahl derer, die nicht mehr hinter dem System stehen, desto lautloser vollzieht sich der Umschwung, siehe DDR. Ein politisches System steht und fällt mit seiner (Mehr)Zahl von individuellen BürgerInnen, die hinter ihm stehen.

Im Leben eines jeden Menschen stellt sich das Problem der Identität - auf zwei Ebenen:

      1. Sinnlich. Kann ich meine sinnlichen Bedürfnisse befriedigen? Mit meinen Fähigkeiten? Habe ich Nestwärme erfahren? Durfte ich meine Fähigkeiten erproben? Kann ich mir autonom Zufriedenheit verschaffen? Kann ich mich autonom entspannen?
      2. Gesellschaftlich. Mache ich mich meinen Mitmenschen nützlich? Werde ich von ihnen gebraucht? Zollen Sie meiner Person Anerkennung?

In der kapitalistischen Gesellschaft, in der die familiären Bindungen weitgehend zerstört werden, können Kinder immer weniger eine sinnliche Identität erlangen. Auch eine gesellschaftliche Identität ist in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der jeder gegen jeden kämpft, immer schwieriger zu erlangen. Ein Mensch kann aber ohne Identität nicht leben; er wird sonst krank. In dieser Krankheit schafft er sich eine künstliche Identität. Er bekennt sich zu und identifiziert sich mit einer Fahne, einem Slogan, einem Brauchtum, einer Hautfarbe oder einem anderen Zeichen, unterscheidet sich von Menschen mit einem anderen Zeichen, grenzt diese aus und erhebt sich über sie. In diesem Sinne ist Nationalismus/Rassismus hierarchisches Denken und als Krankheit zu erkennen. Menschen ohne eine natürliche Identität sind unfähig, andersartige Menschen als gleichwertig anzuerkennen. Sie sind unfähig zur Auseinandersetzung, zum Wettstreit der Ideen.

So durch den Kapitalismus geschädigte Menschen können den Kapitalismus nicht überwinden. Dies können nur solche, die durch seine Maschen gefallen sind oder die sich von ihm emanzipiert/therapiert haben. Der Weg zu einer menschenwürdigen Gesellschaft ist also nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein psychologisches Problem, weil man dazu nicht nur eine neue Gesellschaftsstruktur, sondern auch neue Menschen braucht.

Der Kern einer demokratischen Bewegung muß aus psychisch gesunden Menschen bestehen, Menschen, die keinen autoritären Gesellschaftscharakter haben, auch keinen autoritären Individualcharakter. Sie sind auf dem schmalen Grat zu finden zwischen Menschen, die nicht ausgetragen wurden (keine Nestwärme hatten, zu früh verstoßen wurden), und Menschen, deren Eltern sie nicht losließen.

Ein solches gesundes Selbstbewußtsein, ein solcher aufrechter Gang ist in der Regel nicht in der abendländischen Gesellschaft zu finden. Sie ist in dem hier beschriebenen Sinne weitgehend krank. Was bislang als selbstverständlicher Alltag, selbstverständliche Umgangsformen, selbstverständliche Wertmaßstäbe angesehen worden ist, gilt jetzt als krank. Das ist ein Schock, der erst einmal verdaut werden will. Er ist aber notwendig, um keinen Rückfall und keine Frustration zu erleiden.

Es ist ein Unterschied, ob jemand aus eigener Erfahrung die Unmenschlichkeit einer kapitalistischen Gesellschaft erkennt und anders lebt oder ob er sie nur nach der Lektüre von Karl Marx ablehnt. Für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft kann man nur den ersten Typ gebrauchen. Außerdem braucht man dazu Menschen, die nicht nur eine demokratische Gesellschaft aufbauen wollen, sondern dies auch können.

Wirksames gesellschaftliches Engagement für eine demokratische Gesellschaft kommt also von Menschen, die sich ihrer Identität bewußt geworden sind, nicht mehr darin zu erschüttern sind und sich somit indifferent gegenüber der weiteren Entwicklung der Menschheit und gegenüber ihren Mitmenschen verhalten können, weil sie darin "keine Aktien haben", keine Erwartungen. Solche indifferenten Menschen tun am meisten für die Menschheit, sind die TrägerInnen einer neuen, einer demokratischen Gesellschaft. Wer dagegen sich gesellschaftlich engagiert aus schlechtem Gewissen, weil es ihm besser geht als dem Durchschnitt der Gesellschaft, zur eigenen Therapie, zur Selbstbestätigung oder zum Trost darüber, daß es anderen noch schlechter geht, bei dem ist Skepsis angebracht.

SozialistInnen sind Menschen mit eigener Identität, mit eigenem Leben. Sind die nicht arm dran, die erst kurz vor ihrem Tod entdecken, daß es ein Leben gibt, wie z.B. Gustav Gründgens? Daß man/frau nicht gejagt, gehetzt, entfremdet, von Drogen abhängig sein muß. Sind die nicht die Ärmsten, die nicht wissen: Es gibt ein Leben außerhalb des Kapitalismus. (Wie z.B. Wolf Biermann.)

Wer nicht SozialistIn ist, weiß nicht,

SozialistInnen unterscheiden sich von Bürgerlichen, Gesunde von Kranken dadurch, daß erstere ein indifferentes Verhältnis zu ihren Produkten und zu ihrem gesellschaftlichem Engagenment haben. Sie erwarten keine Gegenleistung, keinen Dank, kein Geld, ihr Leben steckt nicht darin, es ist überschüssige Energie, denn sie brauchen ja nicht viel, und von der Sonne haben sie's, im Überfluß, geschenkt bekommen.
 
 

Leider mussten wir auf Bitten des Betreibers diese Seite kürzen. Die Naturgesetze für Menschen, auch für Abendländer finden Sie jetzt dort. Hinweisen möchten wir Sie auch auf die Fortsetzung des Schwäbischen Boten, auf die neuen Volksweisheiten, auf den Sozialismus, die Wiederaneignung und den Widerstand. Über Lügen in der Politik haben wir eine besonders interessante Seite.