Das Kapital 2

 

Keine Gesellschaft ist so gewalttätig wie eine kapitalistische Gesellschaft (die bei einer Tauschgesellschaft anfängt). Wenn immer gerade ein Messer bereitläge, wenn immer die nötigen Fähigkeiten vorhanden wären, gäbe es noch viel mehr Gewalt in einer kapitalistischen Gesellschaft. Die Menschen wehren sich gegen eine Fremdbestimmung ihres Lebens, wie sie bei keinem anderen Lebewesen vorkommt: Ein Mensch darf sich nicht jederzeit hinlegen, wenn er müde ist. Er darf nicht alles essen oder trinken, was er in der Natur vorfindet. Er muss auf engem Raum mit Artgenossen zusammenleben, die er gar nicht mag. Er darf sich nicht entsprechend seinen Bedürfnissen entwickeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitalistischen Unternehmen geht es nicht darum, Nahrungsmittel zu produzieren oder Treibstoff oder Dienstleistungen. Sie wollen lediglich Profite erzielen und ihr Geld vermehren. Um etwas anderes geht es ihnen nicht. Jahrzehntelang hat das Großkapital daran gearbeitet, diesen schönen Planeten in eine Müllkippe zu verwandeln. Jetzt hat es plötzlich den Klimawandel entdeckt und bietet als Lösung Pflanzentreibstoff an. Auch hier geht es nur um Profit. Denn das ist keine Lösung, weil dadurch Menschen ihre Nahrungsmittel entzogen werden.

 

 

                                                                                                                                

 

Krankhafter Reflex: Wenn mehr Geld da ist, geben wir gern mehr Geld aus.

 

Gesunder Reflex: Wir verbrauchen das, was unser Körper zum Leben braucht.

 

 

Die freie Marktwirtschaft ist eine Lüge. Kapitalismus ist kein Wirtschaftssystem, sondern eine Krankheit: Gier. Sie braucht keine Imageberatung, sondern eine Therapie. Keine Kranken an die Schalthebel der Macht!

 

 

 

 

Stille, Ruhe, Entspannung, Sättigung, existenziell notwendige Daseinsformen, fehlen dem Kapitalismus.

 

 

 

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn -
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge -
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.
Was ihr macht, ist Marxismus.
Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …
Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
»Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.«

 

Kurt Tucholsky

 

 

 

 

 

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