Über Marx hinaus

 

Karl Marx hat uns geholfen, die Funktionsweise des Kapitalismus zu verstehen. Der Kapitalismus ist ein selbstmörderisches Unterfangen. In ihm hat sich die abstrakte Arbeit, das Geld, verselbstständigt. Er wollte dieses Problem dadurch lösen, dass er sie wieder zurückführt auf die konkrete Arbeit: Produktion und Distribution nur noch kollektiv zulassen, so dass Geld seinen individuellen Reiz verliert und die Menschen, von diesem Joch befreit, sich des Lebens erfreuen können: die Zwangs- und Erwerbsarbeit so weit optimieren, d.h. rationalisieren und auf alle verteilen, dass sie zur Nebensache wird. Die Zwangsarbeit mit der Zwangsarbeit besiegen, den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen.

 

Das konnte nicht gut gehen. Man lässt sich vom Feind nicht seine Waffen vorschreiben. Man lässt sich vom Feind nicht seine Vorstellungswelt und seine Kreativität beschränken. Karl Marx konnte sich für unsere heutige Zeit keine Gesellschaft vorstellen, in der es den Begriff Arbeit überhaupt nicht gibt. Andere menschliche Kulturen eignen sich die Natur an, d.h. sorgen für ihren Lebensunterhalt, ohne dies als Mühe oder Zwang zu empfinden. Indianer in Südamerika z.B. bauen sich gegenseitig ihre Hütten und wenn sie keine Lust mehr haben, machen sie ein Fest und setzen danach den Bau fort.

 

Karl Marx konnte sich nicht vorstellen, dass es in unserer Gesellschaft auch heute noch einen weiten Bereich von Nicht-Arbeit gibt und Menschen hauptsächlich daraus ihre Lebensmotivation  beziehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Arbeitslose glücklich sein können. Wenn Menschen primär nur das tun, worauf sie Lust haben, wird der Kapitalismus nicht gefährdet, hätte er gesagt. Auch nachdem er hätte mit angesehen, wie sein Lösungsvorschlag den Kapitalismus nur verstärkt hat?

 

Jedenfalls gibt es heute – mitten im Kapitalismus – Gruppen, die sich in ihrem Bedürfnis nach Lust am Leben nicht auf den Feierabend oder die Rente vertrösten lassen. Hippies in den USA haben sich mit dieser Zielsetzung zusammengetan und brauchen pro Jahr und Kopf nur 700 US$, Kooperativen in Deutschland brauchen immerhin noch 400 € pro Monat und Kopf. Aber beidemale würde der Kapitalismus zusammenbrechen, wenn alle so wenig Geld ausgäben.

 

In der Praxis sind wir also schon viel weiter über Marx hinaus als in der Theorie. Die menschliche Geschichte wird von Menschen gemacht, nicht von Theorien und Programmen. Es hat deshalb keinen Sinn, Menschen mit beschränkter Vorstellungskraft um weltverbessernde Programme zu scharen, sondern die Motivation für eine Abkehr vom Kapitalismus kann nur von Menschen ausgehen, die noch gar nicht eingestiegen sind oder ganz klar wieder ausgestiegen sind. Menschen werden sich also zusammentun, die nicht unter dem Joch des Kapitalismus leiden, sondern ganz klar anders leben: „Der Kapitalismus macht mir keinen Spaß, Zwangsarbeit macht mir keinen Spaß, es geht auch anders. Ich will nur gut leben, ich will gar nicht reich werden.“

 

Also den Kapitalismus nicht mit seinen eigenen Waffen bekämpfen. Ein gutes Leben lässt sich nun mal nicht auf (Abgaben auf) Arbeit bauen, die immer weniger wird, sondern auf Lust am Leben, die ohne (Zwangs)Arbeit aufbaut.

 

 

Linke Katharsis

 

Dies allein bleibt ohne Wirkung

Dies enthält schon die linke Spalte

Widerstand leisten

Eine Alternative leben

Partieller Widerstand (z.B.: „Saatgut frei aussäen“)

Der Widerstand ist Teil eines anderen Lebensstils (z.B.: „Saatgut frei aussäen und patriarchalisch weiterleben“ ändert das herrschende System nicht)

Herabschauen auf andere, die nach dem herrschenden Lebensstil leben

Es ist legitim, Distanz zu halten von Leuten mit dem herrschenden Lebensstil. Es ist nicht legitim, auf andere herabzuschauen.

Spirituell eine Alternative gefunden haben

Eine Identität gefunden haben: Was will ich mit meinem Leben anfangen? Wo mache ich mit? Wo mache ich nicht mit?

„Wir alle sind potentielle Teufel und Engel.“

„Der Mensch ist von Natur aus gut.“

Der Mensch ist ein Sünder.

Ein Mensch darf Fehler machen.

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.

Der Mensch ist ein vergleichsweise armes Geschöpf.

Unsere gesellschaftlichen Probleme werden durch Spiritualität gelöst.

Unsere gesellschaftlichen Probleme werden in der Realität gelöst.

Es geht nicht ohne Geld, Erwerbsarbeit und Wirtschaftswachstum.

Die Alternative braucht kein Geld, Erwerbsarbeit und Wirtschaftswachstum. Wer von den Alternativen davon was über hat, soll es zur Stärkung und Propagierung der Alternative abgeben.

Von den Methoden unserer Gegner lernen

Nicht die Methoden unserer Gegner anwenden, aber auch nicht genau die gegenteiligen Methoden

Weltgesetz, Weltregierung

Das Problem ist global, aber es muss dezentral von diversen Kulturen gelöst werden.

Wir müssen den Feind nicht verstehen.

Wir müssen den Feind verstehen, um uns von ihm in uns selbst zu befreien.

Alternativen, die sich rechnen

Solange Lebensqualität nicht als ökonomische Größe anerkannt ist, ist eine Alternative, die Profil bringt, keine Alternative.

 

 

Die sozialistische Bewegung setzt sich aus Menschen zusammen, die für sich und ihre Umgebung eine Strategie der Deeskalation verfolgen: runter vom Krieg, rein in die friedliche Austragung von Konflikten, runter vom Tausch, rein ins Teilen, runter vom Anspruch auf Suprematie, rein in die Natur, runter von der Fremdbestimmung/den Süchten, rein in die Selbstbestimmung, runter vom ökonomischen Wettbewerb, rein ins gemeinsame Wirtschaften, runter von der Urbanisierung, rein in die Muße. Die Deeskalation kann sich  in verschiedenen Formen vollziehen, aber die Richtung ist klar.

 

 

 

Das kollektive Subjekt

einer Veränderung hin zu einer Alternative

 

ist weder die Hausgemeinschaft noch die Gemeinschaft am Arbeitsplatz, da sie nach kapitalistischen Kriterien zusammengestellt worden sind, sondern die Gemeinschaft derer, die die Schnauze voll haben vom Kapitalismus, den sie in sich entdeckt haben, weil sie noch eine andere Kraft in sich spüren, mit der das Leben Spaß macht; diese Gemeinschaft ist aber nicht zu verwechseln mit der Spaßgesellschaft. Vielmehr geht es um Lebensfreude aus der Erfahrung, dass mensch nicht viel braucht, um glücklich zu sein, und dass es dazu keines Patriarchats, keiner Tauschverhältnisse usw. bedarf. Solche Gemeinschaften finden sich vornehmlich lokal und in derselben Sprache, weil sie nur durch tägliche gemeinsame Erfahrungen wachsen können; dazu ist ein überschaubarer Bereich notwendig. Wachsen ist notwendig für eine innere Festigung; es geht hier um das Wachsen eines Menschen, nicht um Wirtschaftswachstum. Im Kapitalismus können Menschen nicht wachsen, Kultur stirbt ab.